Julius Dickmann – Der Marxismus am Scheideweg (1917)

I

Die Trennung zwischen der »Mehrheit« und der Opposition in der deutschen Sozialdemokratie ist bereits vollzogen, und diese letztere wird jetzt nolens volens ihren eigenen Weg suchen müssen. Ehe sie jedoch daran geht, ihr neues Haus zu bestellen, muß sie über sich selbst endgültig klar werden.

Denn bekanntlich ist die Minderheit durchaus nicht eine einheitliche Gruppe, und sogar im Kampfe gegen den Parteivorstand haben ihre Fraktionen zwar vereint geschlagen, sind aber getrennt marschiert. So tritt jetzt, nachdem der Kampf gegen die Mehrheit ausgefochten ist, die Notwendigkeit auf, die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Opposition selbst zu untersuchen, und es scheint mir, daß von ihrer Austragung nicht nur die Zukunft der deutschen Opposition abhängt, sondern überhaupt die Zukunft der deutschen Arbeiterbewegung.

Denn wenn der Kampf gegen die »Mehrheit« ein Kampf des Prinzips gegen die Romantik treffend genannt wurde, so handelt es sich in den Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Opposition um die Entwicklung des Marxschen Prinzips selbst, durch wissenschaftliche Erfassung der neuesten Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens.

So ist es nur zu begrüßen, daß Kautsky einen Artikel über den »imperialistischen Krieg« veröffentlicht (Nr. 19 und 20 des vorigen Bandes), worin er den Versuch unternimmt, seinen Standpunkt auch nach links hin zu präzisieren. Und es ist nur zu wünschen, daß die Fragen, welche er dort behandelt, durch eine gründliche Diskussion nach allen Seiten hin endlich klargestellt werden. Ich selbst fühle mich nicht fähig, neue Gesichtspunkte in diesen Fragen zu eröffnen. Aber ich betrachte es auch als überflüssig. Denn der Standpunkt, den Kautsky jetzt vertritt, bedeutet einen Rückfall in längst überwundene — von ihm selbst überwundene Auffassungen, und es ist erstaunlich, wie er in seiner Untersuchung die ganze theoretische Entwicklung des letzten Jahrzehnts, welche er selbst aktiv mitmachte, vollständig ignoriert.
Ich will es daher versuchen, ihn daran zu erinnern, selbst auf die Gefahr hin, daß die Form meiner Ausführungen, welche einfach eine Rekapitulation der zahlreichen Arbeiten von Hilferding, Renner, Bauer und Kautsky selbst aus früheren Jahren bilden, dem Leser unbeholfen erscheinen wird. Besser schlecht, als gar nicht.

Kautsky beginnt mit einem treffenden Vergleich, der das Problem mit einem Griff ins richtige Licht stellt. Der Gegensatz zwischen dem sogenannten »marxistischen Zentrum« und dem »Linksradikalismus« datiert eben nicht erst seit dem Kriegsausbruch, wie etwa der Gegensatz zu den Umlernern (Cunow Gruppe), vielmehr wurzelt er in der Meinungsverschiedenheit über die Aktion des Proletariats schon vor dem Kriege und wird durch den Krieg nur verschärft. In der Tat ist die Theorie vom »imperialistischen Krieg« nur eine Übersetzung des Schlagworts von der »reaktionären Masse« in die Sprache der auswärtigen Politik, und nur die Analyse dieses Schlagworts kann uns den Schlüssel zur Betrachtung des »imperialistischen Krieges« liefern.

Nun ist es ja hinlänglich bekannt, welche entschieden ablehnende Stellung Marx und Engels zur Theorie von der »einen reaktionären Masse«, die in der Lassalleschen Agitation eine wichtige Rolle spielte, eingenommen haben. Kautsky identifiziert sich auch jetzt noch mit ihrem Standpunkt, und er ist in der Lage, einen interessanten Brief von Engels zu veröffentlichen, der uns zeigt, wie dieser noch im Jahre 1891 über die Frage urteilte. Doch haben uns gerade Kautsky und seine Schüler so oft gelehrt, die Resultate Marxscher Forschung nicht kritiklos hinzunehmen, vielmehr die Voraussetzungen zu prüfen, von denen die beiden Altmeister ausgingen, und wenn diese letzteren nicht mehr zutreffen, auch die Schlußfolgerungen entsprechend zu revidieren. Und diesen Weg haben auch die Marxschen Schüler beschritten, und zahlreiche größere Abhandlungen wie kleinere zerstreute Aufsätze legten Zeugnis ab von der Fruchtbarkeit der Marxschen Methode, die die kompliziertesten Erscheinungen der kapitalistischen Welt zu erklären vermochte und gerade durch Preisgabe der einzelnen Resultate, zu denen Marx gekommen ist, sein großes Erbe unversehrt erhielt. Es genügt, bloß Hilferdings »Finanzkapital« zu erwähnen. Wie soll man sich demnach erklären, daß für Kautsky heute diese Literatur gar nicht existiert, daß für ihn heute noch

»jede dieser Klassen und Schichten (der bürgerlichen Gesellschaft) ihre besonderen Interessen, ihre besonderen Überlieferungen, ihre besonderen Machtmittel (hat)… Ihre ökonomischen und politischen Konflikte und die Kombinationen, in denen sie sich zu deren Auskämpfung gruppieren, bilden den Inhalt der Geschichte. Der Klassenkampf des Proletariats tritt dabei immer mehr in den Vordergrund, aber er ist weder der einzige Kampf, der sich in der Gesellschaft abspielt, noch gilt er immer dem gleichen Gegner… Dem Proletariat kann es nicht gleichgültig sein, mit welchen Gegnern es zu tun hat oder wie die Kämpfe ausgehen, die die anderen Klassen untereinander ausfechten. Es muß ihre Gegensätze studieren und bewusst und wohlüberlegt in sie eingreifen…. Das ist so naheliegend und selbstverständlich, daß es kaum von irgend jemanden geleugnet würde usw. « (Nr. 19, S.453.)

Sehen wir uns nun die Sache näher an.

II

Marx und Engels kennen noch nicht den kapitalistischen Imperialismus. Sie beobachten die kapitalistische Produktionsweise in England in ihrer klassischen Form. Sie sehen den Sieg der maschinellen Großindustrie über den Kleinbetrieb des Handwerkers. Das verelendete Kleinbürgertum vertritt zwar die wirtschaftliche Reaktion, politisch ist es aber, zumal in Frankreich, Träger der Revolution und steht auch in England Schulter an Schulter mit dem Proletariat gegen das industrielle Kapital. Gleichzeitig findet das Proletariat einen wohlwollenden Beschützer und Mitkämpfer in den Vertretern der Grundrente, der Aristokratie, welche mit dem Kapital um den Anteil am Mehrwert streitet. Aber auch innerhalb der Kapitalistenklasse selbst bestehen tiefwurzelnde Interessengegensätze. Abgesehen vom allgemeinen Konkurrenzkampf, wo ein Kapitalist viele totschlägt, hat jeder Industriezweig seine besonderen Interessen, deren Gegensatz oft sogar in der auswärtigen Politik Ausdruck findet, wie zum Beispiel der von Kautsky erwähnte Gegensatz zwischen der Textilindustrie und der Eisenindustrie.

So entsteht für das Proletariat die Aufgabe, »diese Gegensätze zu studieren und bewußt und wohlüberlegt in sie einzugreifen«, um sie für seinen Fortschritt auszunutzen. Es unterstützt das Bürgertum gegen den Adel im Kampf um die Wahlrechtserweiterung und Abschaffung der Zölle, was ihm so auch teilweise zugute kommt. Es erringt andererseits für die dem Adel gewährte Wahlhilfe mit dessen Unterstützung Arbeiterschutzgesetze usw. Auch auf dem Kontinent läßt sich diese Entwicklung verfolgen. Wie wenig Lassalle seine Politik nach dem Gesichtspunkt der »reaktionären Masse« festlegte, beweist sein Versuch, durch Ausnutzung des Kampfes zwischen Bismarck und der Bourgeoisie das allgemeine Wahlrecht zu erlangen. Und noch zur Zeit, da Engels den Brief an Kautsky schrieb, waren die Konflikte unter den besitzenden Klassen von ausschlaggebender geschichtlicher Bedeutung.

Die Furcht vor der Sozialdemokratie hat sie zwar zum größten Teil beim Erlaß des Sozialistengesetzes zu einer »reaktionären Masse« vereinigt, aber die Furcht allein genügt nicht, um wirklich bestehende ökonomische Gegensätze zu überbrücken. Wie tief aber diese noch wurzelten, das bewies die Uneinigkeit selbst innerhalb einzelner Parteien, so der Nationalliberalen und sogar der Konservativen, welche bekanntlich Bismarcks Sturz herbeiführte, das bewies noch schlagender die Ära Caprivi, als die Erneuerung der Handelsverträge die heftigsten Konflikte einzelner Schichten der besitzenden Klassen heraufbeschwor. In einer solchen Zeit das Proletariat von einem Eingreifen abzuhalten, es durch ein Phantom der »reaktionären Masse« irrezuleiten, wäre ein politischer Fehler gewesen, der die Arbeiterklasse schwer geschädigt hätte.

Doch die kapitalistische Entwicklung steht nicht still, und in den zweieinhalb Jahrzehnten seit dem zitierten Engelsschen Briefe hat die Struktur der Gesellschaft eine durchgreifende Änderung erfahren. Hätte Engels seinen Brief nur fünfzehn Jahre später geschrieben, er wäre sicher zu ganz anderen Schlüssen gelangt. Zunächst hat das Aktienwesen den Einzelunternehmer gerade in den wichtigsten Industrien ausgeschaltet. Seine Tätigkeit besteht heute lediglich im Ausschneiden der Aktienkupons, und in seinem Geldschrank ruhen in rührender Eintracht Aktien der verschiedensten Unternehmungen nebeneinander, sowohl von Betrieben derselben Branche, deren frühere Besitzer einander als Einzelunternehmer aufs heftigste bekämpften, als auch von Betrieben verschiedener Industriezweige, deren Interessen einander widersprechen. Doch während früher diese Interessengegensätze in der Öffentlichkeit, in den Parlamenten wie auf der Börse leidenschaftliche Kämpfe entfachten, werden sie jetzt im stillen Kontor auf dem Papier ausgetragen. Es genügt, die einzelnen Papierwerte einander gegenüberzustellen und abzuschätzen, und die Freihändlerpartei hat über die Schutzzöllner gesiegt, wenn nicht umgekehrt. Und wenn der Leser vielleicht finden wird, dass ich die Sache zu einfach nehme, so ist es jedenfalls klar, daß das Aktienwesen eine weitgehende Verflechtung der Beziehungen zwischen den einzelnen Kapitalistengruppen mit sich bringt und ihre Interessen auf kommensurable Größen reduziert. Diese Interessen sind jetzt nicht mehr Fragen der Macht, sondern der Kalkulation, ihre Austragung bildet nicht mehr den Inhalt der Geschichte, sondern die Tagesordnung von Verwaltungsratssitzungen der Banken, sie müssen sich nicht erst im Kampfe miteinander messen, um eine richtunggebende Resultante für die innere und äußere Politik zu erhalten, sondern die Richtung der Resultante läßt sich im voraus als Ergebnis eines Kompromisses abschätzen, wie etwa der Physiker im voraus berechnen kann, welche Richtung die Resultante zweier Kräfte eines Parallelogramms haben wird, ohne diese Kräfte erst aufeinander wirken zu lassen.

Doch die ökonomische Entwicklung hat es zustande gebracht, noch schärfere Gegensätze zu überbrücken. Sie hat auch eine Annäherung zwischen dem »mobilen« Kapital und den Vertretern der Grundrente herbeigeführt.

Der Großgrundbesitzer ist zur Zeit, da Marx in England lebt, ein Grandseigneur, der seine Güter verpachtet und den Pachtschilling, den er als ewige wohlverdiente Rente bezieht, in Luxus verpraßt. Der kapitalistische Pächter steht in einem erbitterten Kampfe gegen ihn, da er ihm doch von dem durch Ausbeutung der Arbeiter erzielten Mehrwert einen Teil — oft einen Löwenanteil — überlassen muß. Hier fand Marx ein klassisches Schema für seine Theorie der Renten- und Profitbildung. Wie anders steht es aber heute damit, zumal in Österreich und Deutschland! Der Großgrundbesitzer ist wohl Grandseigneur geblieben, aber er hat mit der Zeit gelernt. Statt das Gut zu verpachten, unterhält er lieber einen Stab von Beamten, die seine Wirtschaft führen, und jetzt braucht er sich nicht erst den Kopf zu zerbrechen, welcher Teil des Mehrwerts den Profit, welcher die Rente bildet — er steckt sie beide ein. Er vertritt jetzt also in einer Person die Rente und den Profit. Zwei Seelen wohnen in seiner Brust, und so feindlich gesinnt sie früher einander waren, sie lernen sich schließlich vertragen. Jetzt bildet aber die Landwirtschaft nicht mehr einen besonderen Produktionszweig außerhalb der Industrie, sondern bloß einen unter den verschiedenen Industriezweigen. Der Großgrundbesitzer hat im Produktionsprozeß der Gesellschaft dieselbe Stellung wie der Fabrikant.

Noch mehr! Heute sehen wir zum Beispiel hier in Österreich in den Verwaltungsräten der großen Industriegesellschaften die Sprößlinge der böhmischen Granden sitzen. Hier tritt schon augenfällig der Bund des »mobilen« Kapitals mit der Rente zutage, und er wird schließlich besiegelt durch die gemeinsame Hochschutzzollpolitik. Es genügt, die Kämpfe in der Ära Caprivi mit den Scharmützeln des Jahres 1911 wegen der Handelsverträge zu vergleichen, um die Bedeutung dieser großen Wandlung zu ermessen, und wir in Österreich erleben eben jetzt eine lehrreiche Illustration dazu.
Die österreichische Regierung ist eben daran, mit der ungarischen einen wirtschaftlichen Ausgleichsvertrag zu schließen, der bekanntlich die Grundlage zu Handelsverträgen mit dem Ausland bilden soll. Die Wiener »Arbeiterzeitung« ringt natürlich die Hände darüber, daß die Ausgleichsvorlagen nicht vor das Parlament gelangten. Aber ich frage: Wozu noch diese Parade? Der Ministerpräsident Graf Clam-Martinitz war ja früher — wenn ich mich recht erinnere — Verwaltungsrat der Prager Eisen-I.-G. und betreibt heute noch auf seinen Gütern in Böhmen eine musterhafte Wirtschaft.
Stellen wir uns vor — was ja sehr möglich ist —, daß er noch Aktien von Textil- und anderen Industriewerken besitzt, dann verkörpert er allein in seiner Person die Interessen der wichtigsten Industrie- und Produktionszweige und kennt sie auch viel besser, als wenn er sie aus der längsten tschechischen Obstruktionsrede kennenlernen würde. Und darum regen sich auch die bürgerlichen Blätter gar nicht darüber auf. Sie wissen, daß Graf Clam seine Unterschrift nicht unter einen Vertrag setzen wird, der den Interessen der wichtigsten »Produzenten«-gruppen widerspricht. (1)

Und im Hochschutzzollager haben auch die zwei anderen Klassen der alten Gesellschaft endlich heimgefunden: die Bauern und die Kleingewerbetreibenden. Denn sie unterscheiden sich jetzt nur quantitativ, nicht qualitativ von den Großindustriellen und den Großgrundbesitzern. Sie bilden bloß den Anhang der letzteren und haben dieselben Interessen wie jene — sowohl auf dem Waren- als auch auf dem Arbeitsmarkt.

So sehen wir die Gegensätze, welche der junge Kapitalismus in der bürgerlichen Gesellschaft entfacht, durch den Strom der ökonomischen Entwicklung abgeschwemmt, abgetragen, verwischt. Sie hören auf, »den Inhalt der Geschichte« zu bilden, wie Kautsky behauptet. Und nur ein Gegensatz bleibt noch bestehen, der aber auch nur mit der bürgerlichen Gesellschaft verschwinden kann.

Wenn es daher einen politischen Fehler bedeutete, das Proletariat im ersten Stadium des Kapitalismus durch das Schlagwort von der reaktionären Masse zu verwirren und es im politischen Kampfe künstlich zu isolieren dort, wo noch die Möglichkeit positiver Erfolge bestand, so ist es eine verhängnisvolle Selbsttäuschung, da, wo die reaktionäre Masse aus einer geschichtlichen Tendenz — wie Engels sagt — zur vollendeten Tatsache wurde, von Situationen zu sprechen, in denen das Proletariat noch durch Eingreifen in die Kämpfe unter den besitzenden Klassen vorwärts kommen könnte.

Denn das Wachstum der sozialdemokratischen Wählerschaft hatte natürlich einen engen Zusammenschluß aller bürgerlichen Parteien im Parlament zur Folge. Dieser Zusammenschluß war für sie jetzt nicht nur nötig, sondern mit dem Verwischen der ökonomischen Antagonismen auch möglich. Hier blieb die Sozialdemokratie tatsächlich isoliert, und gerade je größer ihre äußere Macht, desto geringer die Resultate ihrer Politik. Wenn man sich heute jene Situation — schon gewissermaßen in geschichtlicher Perspektive — vergegenwärtigt, so liegt es an der Hand, daß es damals nur eine Alternative für das Proletariat gab: entweder seine Politik auf die Tagesordnung zu stellen — oder keine Politik mehr zu betreiben. In Jena 1913 fiel die Entscheidung. Sie ist bekannt ebenso wie ihre Folgen. Das Proletariat versank in eine politische Lethargie, indessen setzte aber die Bourgeoisie ihre Politik fleißig fort, und als die Sozialdemokratie am 4. August 1914 aus ihrem Schlaf erwachte, da war der Krieg »nun einmal da«. Vom politischen Nihilismus zur politischen Romantik genügte aber ein einziger Schritt.

III

Damit haben wir nun die Grundlage gewonnen, um die Differenzen innerhalb der deutschen Opposition zu beurteilen. Kautsky sieht bekanntlich im Imperialismus keine ökonomische Notwendigkeit der kapitalistischen Produktionsweise, sondern nur Machtbestrebungen einzelner Kapitalistengruppen, welche der Jagd nach Extraprofiten entspringen. Für ihn erscheint es daher zufällig, daß es dem Imperialismus gelungen ist, alle besitzenden Klassen vor seinen Wagen zu spannen, dagegen sehr wohl denkbar, daß das Proletariat in seinem Kampfe um Frieden in irgendeiner der besitzenden Klassen einen Bundesgenossen findet.

Dann nämlich, wenn sich eine besitzende Schichte dessen bewusst wird, dass ihr Heil nicht der Imperialismus ist und ihre Siegesbeute kleiner sein wird als die von ihr erbrachten Kriegsopfer. Allein selbst wenn Kautskys Theorie des Imperialismus ökonomisch richtig wäre, die politischen Schlußfolgerungen, die er daraus zieht, bleiben falsch. Denn wer gesehen hat, wie alle besitzenden Klassen schon im Frieden ökonomisch und politisch aufeinander angewiesen sind, wer sie als die »eine reaktionäre Masse« zu betrachten gelernt hat, deren Teile auf Gedeih und Verderb miteinander verwachsen sind, der kann sich darüber nicht täuschen, daß alle besitzenden Klassen am Imperialismus das gleiche Interesse haben, denn ihnen allen wird der Extraprofit, der dem Imperialismus zuwinkt, direkt oder indirekt zugute kommen.

Und wie sehr sie diese Gemeinsamkeit ihrer Interessen wahrgenommen haben, wie sehr sie sich als eine reaktionäre Masse selbst fühlten, das hat uns allen schlagend bewiesen der Burgfriede.

Warum gab es 1870 keinen Burgfrieden? Warum kannte selbst das revolutionäre Frankreich 1792 und später, wo es gegen eine Welt von Feinden ganz allein zu kämpfen hatte und die Sache der Revolution gegen den Feudalismus vertrat, keine Union sacrée? Die Antwort ist nicht schwer zu finden: In der Zeit der französischen Revolution stehen sich alle Klassen der Gesellschaft gleich feindlich gegenüber. Jede für sich ist aber eine Minderheit in der Nation, und selbst wenn sie ans Ruder gelangt, so kann sie trotzdem nicht die öffentliche Meinung beherrschen, sie muß den anderen Klassen doch etwas freien Spielraum überlassen, wie etwa die parlamentarische Majorität der jeweiligen Minorität.

Ganz anders 1914. Die besitzenden Klassen stehen einander sehr nahe. Ihre widerstreitenden Tendenzen kompensieren einander und schwächen sich dadurch ab. In dieser Annäherung erblicken sie aber die Tatsache, daß sie zusammen doch vermöge ihrer Qualität, wenn nicht der Quantität die Nation repräsentieren. Das Proletariat ist isoliert, und da es in sich nicht die Macht fühlt, aus dem Hintersassen der Nation zu ihrem Repräsentanten zu werden, hat es gar kein Recht auf eine selbständige Meinung. So war der Burgfriede, der uns allen so unbegreiflich erschien, nur der Ausdruck der tatsächlich bestehenden Verhältnisse.

Und doch, schien es nicht erst vor kurzem, daß dieser Burgfriede auf tönernen Füßen steht? Es ist ja noch nicht lange her seit dem Streit zwischen Bethmann und Tirpitz. Ich kenne nicht die Haltung Kautskys während dieser Zeit. Aber die Wiener »Arbeiterzeitung« konnte nur von seinem Standpunkt aus darüber jammern, daß die Opposition einen Bruderkampf gegen die »Mehrheit« führte, statt gemeinsam mit ihr in den Streit um das »unbeschränkte Torpedo« »wohlüberlegt einzugreifen«.

War denn dieser Streit nicht ein Beweis, daß die »reaktionäre Masse« noch heute ein bloßes Schlagwort ist? Doch kurz dauerte die Illusion. So kurz, daß das Proletariat nicht einmal dazu kam, diese Gegensätze nach Kautskys Rat gründlich »zu studieren«. Es genügte eine geänderte Einschätzung der militärischen Lage, und die streitenden Brüder haben sich gefunden. Und es war recht ergötzlich, zuzusehen, was für ein langes Gesicht die »Arbeiterzeitung« schnitt, nachdem sie so unerwartet ihren Bundesgenossen im Kampfe um den Frieden verlor. Doch sie faßte sich bald. Austerlitz erteilte Leuthner das Wort zu einem »fachmännischen« Artikel über den verschärften U-Bootkrieg, und das »wohlüberlegte Eingreifen« der Arbeiterschaft ist heute ganz vergessen.

So sehen wir, daß die Arbeiterklasse in ihrem Kampfe gegen den Imperialismus und für den Frieden ganz auf sich selbst angewiesen ist, und da sie ihren Willen nur gegen alle besitzenden Klassen zusammen durchsetzen könnte, so kann es auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung keinen dauernden Frieden mehr geben. Denn am Tage, da das Proletariat sich stark genug fühlen würde, gegen den gemeinsamen Willen aller Besitzenden dem Krieg ein Ziel zu setzen, müßte es auch schon in sich die Kraft finden, den Sozialismus zu verwirklichen.

IV

Und jetzt können wir uns leicht erklären, warum Kautsky die von ihm selbst, Hilferding und anderen vollzogene Revision der Marxschen Ansicht über die »reaktionäre Masse« ganz unbeachtet läßt.

Er kommt schon 1897 in dem Artikel über »Ältere und neuere Kolonialpolitik« (Neue Zeit, XVI, 1) zu seiner Theorie des Imperialismus, an der er bis heute festhält. Der Imperialismus erscheint damals auch tatsächlich nicht als ökonomische Notwendigkeit des Kapitalismus. Und da die besitzenden Klassen untereinander noch nicht einig sind, so sucht das Proletariat im Kampfe gegen ihn Bundesgenossen. Es kann sie auch unter bestimmten Voraussetzungen noch finden. So fürchtet zum Beispiel das katholische Zentrum, seinen Anhang unter den Kleinbürgern und Arbeitern zu verlieren, wenn es für die große Flottenvorlage stimmen sollte. Ähnlich die Freisinnige Volkspartei.

Aber seitdem sind wir in die Ära des Finanzkapitals getreten, und wenn auch die Zusammenbruchstheorie R. Luxemburgs unrichtig sein sollte, es steht trotzdem fest, daß alle besitzenden Klassen am Imperialismus gleich interessiert sind. Kautsky bestreitet das, und da er die reaktionäre Masse hinter dem Imperialismus nicht entdeckt, muß er auch für die innere Politik ihre Existenz bestreiten, wenn er konsequent bleiben will. Er lernt also in diesem Punkte — ohne sich dessen bewußt zu werden — um und schreibt seinen jüngsten Artikel über die »reaktionäre Masse«.

Damit ist aber klar zutage getreten, welche Kluft den Verfasser des »Weg zur Macht« vom Autor des erwähnten Artikels trennt. Und wer noch bis jetzt gleich mir zwischen Kautsky und Radek schwankte, mußte einsehen, daß Kautsky sich ganz unmerklich und unbewußt vom alten Weg entfernte und an den Marxschen Resultaten zwar festhält, aber dessen Methode aufgibt.

Dennoch ist Kautskys Persönlichkeit zu sehr vom Marxschen Geiste durchtränkt. Auch Marx konnte irren, aber er hat dann seine Fehler einbekannt. Und ich bin davon überzeugt, wenn sich Kautsky gerade bei diesem so kraß zutage getretenen Widerspruch zu seiner eigenen Vergangenheit der unmerklichen Wandlung bewußt wird, die er seit 1909 durchgemacht, dann wird auch er seinen Fehler einbekennen.

Wir aber alle, denen er die Welt des Sozialismus erschlossen, die seiner sicheren Führung bisher mit Bewunderung dankbar folgten und sie auch weiterhin nicht im Labyrinth der kapitalistischen Gesellschaft entbehren möchten, wir alle müssen hier, wo sich die Wege des Marxismus sichtbar scheiden, dem alten Denker und Kämpfer zurufen: Zurück auf den »W eg zur Macht«!

(1) Man mißverstehe mich nur nicht! Ich will damit gar nicht bestreiten, daß der Parlamentarismus sowohl in Österreich als auch in anderen Staaten höchst nützlich, ja notwendig ist. Im Zeitalter des »Kriegssozialismus« recte »Staatskapitalismus« ist er eine unentbehrliche Institution, um die Bedürfnisse aller Bevölkerungsschichten widerzuspiegeln. Man denke nur an die Ernährungsfrage! Aber seine ursprüngliche Aufgabe, die er in seiner klassischen Periode erfüllte, die Gegensätze aller Gesellschaftsklassen zu reproduzieren und sie in Werten auszudrücken, die einander vergleichbar, aneinander messbar sind, hat er zugunsten anderer Institutionen abgetreten. Ein Parlament kann sich also jetzt nur etwa in der Rolle eines großen Gemeinderats für das ganze Reich fruchtbar erweisen.

Julius Dickmann (Wien)

Die Neue Zeit, 35. Jahr., Bd. 2, 1916/1917, S. 85-93.

N.B.

Karl Kautsky, „Der imperialistische Krieg“, Neue Zeit, 35. Jahr., Bd. 1, 1916/1917, S. 449-454 u. 475-487.

K. Kautsky, „Imperialismus und reaktionäre Masse“ [Antwort an J. Dickmann], Neue Zeit, 35. Jahr., Bd. 2, 1916/1917, S. 102-115.

Brief Engels an K. Kautsky, vom 14. Oktober 1891 (zitiert in: „Der imperialistische Krieg“, S. 451-452) :

Im Abdruck Deines Entwurfs im »Vorwärts« finde ich zu meiner großen Verwunderung plötzlich die »eine reaktionäre Masse« hineingeschneit. Ich schreibe Dir gleich darüber, obwohl ich fast fürchte, ich komme zu spät. Diese agitatorische Phrase verdirbt wie ein schriller Mißton den ganzen Akkord kurz und scharf gefaßter wissenschastlicher Sätze. Denn es ist eine agitatorische Phrase und von äußerster Einseitigkeit und daher in der apodiktisch absoluten Form, worin allein sie wirksam klingt, absolut falsch.
Falsch, denn sie spricht eine an sich richtige geschichtliche Tendenz als vollendete Tatsache aus. In dem Augenblick, wo die soziale Umwälzung eintritt, erscheinen alle anderen Parteien uns gegenüber als reaktionäre Masse. Möglicherweise sind sie es auch schon, haben alle Fähigkeit verloren zu irgendwelcher progressiven Aktion, obwohl das nicht notwendig. Aber in diesem Augenblick können wir das nicht sagen, nicht mit der Gewißheit, womit wir die anderen Programmsätze aussprechen. Es können selbst in Deutschland Verhältnisse eintreten, wo die Linksparteien trotz ihrer Erbärmlichkeit gezwungen werden, einen Teil des kolossalen antibürgerlichen bureaukratischen und feudalen Drecks aufzuräumen, der noch liegt. Und dann sind sie eben keine reaktionäre Masse.
Solange wir nicht stark genug sind, selbst das Ruder zu ergreisen und unsere Grundsätze zu verwirklichen, kann genau gesprochen von einer reaktionären Masse uns gegenüber nicht die Rede sein. Sonst würde sich die ganze Nation einteilen in eine Majorität von Reaktionären und eine Minorität von Ohnmächtigen.
Die Leute, die die Kleinstaaterei in Deutschland brachen, der Bourgeoisie Ellbogenraum für ihre industrielle Umwälzung gaben, Einheit der Verkehrsbedingungen — sachlicher wie persönlicher — einführten, uns selbst damit größere Bewegungsfreiheit geben mußten, taten sie das als reaktionäre Masse?
Die französischen Bourgeoisrepublikaner, die 1871 bis 1878 die Monarchie und die Klerusherrschaft definitiv besiegten, die Presse, Vereine, Versammlungen freigaben in einem Maße, wie dies in Frankreich in nichtrevolutionären Zeiten bisher unerhört, die den Schulzwang einführten und den Unterricht in einem Maße verallgemeinerten und hoben, woran wir in Deutschland lernen könnten, handelten sie als reaktionäre Masse?
Die Engländer beider offiziellen Parteien, die das Stimmrecht enorm erweitert, die Wählerzahl verfünffacht, die Wahlbezirke egalisiert, den Schulzwang und verbesserten Unterricht herbeigeführt, die noch in jeder Session nicht nur bürgerliche Reformen, sondern auch stets neue Konzessionen an die Arbeiter votieren — sie gehen langsam und schlafmützig voran, aber kein Mensch kann sie als »eine reaktionäre Masse« schlechthin verdonnern.
Kurz, wir haben kein Recht, eine allmählich sich verwirklichende Tendenz als schon vollendete Tatsache hinzustellen, um so mehr, als zum Beispiel in England diese Tendenz nie sich absolut zur Tatsache vollenden wird. Wenn hier der Umschwung kommt, so wird die Bourgeoisie noch immer bereit sein zu allerhand Detailreformen. Nur daß dann das Bestehen auf Detailreformen eines Systems, das gestürzt wird, allen Sinn verliert. Die Lassallesche Redensart hat in der Agitation unter Umständen ihre Berechtigung, obwohl bei uns kolossal viel Mißbrauch damit getrieben worden, zum Beispiel seit dem 1.Oktober 1890 im »Vorwärts«. Aber ins Programm gehört sie nicht, da ist sie absolut falsch und irreleitend. Da nimmt sie sich aus wie die Frau des Bankiers Bethmann auf dem Balkon, den man ihm ans Haus bauen wollte: »Bauen sie mir einen Balkon, so setzt sich drauf meine Frau und verschimpft mer die ganze Fassad! «


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