Julius Dickmann – Die spätkapitalistische Aera (Die Wende, 1927)

Die scharfen Meinungsgegensätze, welche die gegenwärtige Spaltung in der europäischen Arbeiterbewegung hervorgerufen haben, lassen sich in ihrem Kernpunkt auf eine große, alles beherrschende Streitfrage zurückführen: Hat der Kapitalismus noch einen weiteren Daseinsgrund, der ihn trotz aller Umwälzungen und schweren Erschütterungen der letzten Jahre innerlich aufrechterhält oder ist seine Rolle schon ausgespielt, seine geschichtliche Aufgabe zu Ende geführt, so daß sein Fortbestand nur noch durch äußere Machtmittel gesichert, für die weitere ökonomische Entwicklung ein Hindernis bildet und allein durch den Umstand erklärbar wäre, daß die Arbeiterklasse noch nicht die Entschlußkraft aufgebrannt hat, ihn zu überwinden und aufzuheben?

Je nach der Antwort, die man auf diese Grundfrage zu geben vermag, gelangt man konsequenterweise zu verschiedenen Einstellungen in bezug auf alle Probleme des täglichen Kampfes der Arbeiterklasse. Betrachtet man den Kapitalismus als eine überlebte Wirtschaftsordnung, die ihre ökonomische Aufgabe schon vollbracht hat und sich jetzt nur noch künstlich aufrechterhält, so wird man naturgemäß zu der Schlußfolgerung gelangen, daß es nur auf eine Willensanstrengung der Arbeiterklasse ankäme, um diese Ordnung zu beseitigen. Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der letzten Jahre erscheint dann als bloßer Zersetzungsprozeß einer Gesellschaftsform, der es nur durch zufällige Umstände gelungen ist, die Erschütterungen der Nachkriegszeit zu überdauern. Und weil man innerlich überzeugt ist, daß es nur eines scharfen Anpralles bedürfe, um diese scheinbar ganz entwurzelte, altersschwache Ordnung umzustürzen, wird man in allen Tagesfragen für die radikalsten Lösungen eintreten, mögen ihre Resultate an sich noch so zweckwidrig sein, wenn nur dabei eine Zuspitzung der Gegensätze erzielt wird, von der man sich einbildet, daß sie der alten Gesellschaft den Rest geben werde.

Hält man dagegen den Fortbestand des Kapitalismus für innerlich begründet, erwartet man von ihm noch die Vollbringung irgendwelcher ökonomischer Fortschritte, so wird man leicht geneigt sein, die kapitalistische Zerrüttung seit 1914 als ein zufälliges, von außenher in das Wirtschaftsleben hineingetragenes Störungsmoment zu betrachten, nach dessen Beseitigung die „normale“ Entwicklung des Kapitals wieder vor sich gehen könnte, als ob nichts dazwischengekommen wäre. Von diesem Standpunkt aus wird man dahin wirken, daß die Wiederkehr des „normalen“ Zustandes möglichst beschleunigt wird und daß die Arbeiterschaft, so lange die Zerrüttung andauert, auf die „kranke“, „verarmte“ Wirtschaft möglichste Rücksicht nimmt, ihre Ansprüche vorläufig auf das Notwendigste herabsetzt, weil sonst die Rückkehr zur Normalität hinausgezögert, oder gar verhindert wäre.

Diese zwei Auffassungen stehen einander schroff gegenüber (1) und beide berufen sich auf Karl Marx. Es war die große Ruhmestat dieses Mannes, daß er die Arbeiterklasse gelehrt hat, den Kapitalismus nicht als böse Erfindung selbstsüchtiger Menschen zur Ausbeutung ihrer Nebenmenschen zu betrachten, sondern als eine vorübergehend notwendige Wirtschaftsform, die zwar auf Ausbeutung und Unterdrückung beruht, aber gleichzeitig die Produktivmittel der Gesellschaft entfaltet, ihre wirtschaftlichen Kräfte zusammenfaßt und vervielfacht und erst nach Erfüllung ihrer geschichtlichen Aufgaben überwunden werden kann. Diese Erkenntnis bewahrte die Arbeiterklasse vor unzeitigen Versuchen, den Kapitalismus „abzuschaffen“, verwies sie vorläufig auf den bloßen Kampf um die Selbstbehauptung innerhalb der bürgerlichen Ordnung, gab ihr aber auch zugleich die feste Zuversicht, diese Ordnung schließlich aufzuheben, sobald das Werk des Kapitals vollbracht wird. Doch darüber, wann dieser Zeitpunkt erreicht, woran die Vollendung der historischen Aufgabe des Kapitalismus erkennbar sein wird, hat Marx nichts Bestimmtes erklärt. Es hätte auch dem Geist seiner sozialen Entwicklungstheorie völlig widersprochen, irgendwelche mechanischen Erkennungszeichen für die „Reife“ des Kapitalismus zu bestimmen, zumal er überzeugt war, daß, wenn die Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist, sie dadurch befähigt wird, zwar nicht ihre naturgemäßen Entwicklungsphasen zu überspringen, aber den Übergang zu höheren Formen abzukürzen. Nun ist Marx zweifellos dem Bewegungsgesetz der kapitalistischen Gesellschaft seiner Zeit auf die Spur gekommen, aber daß diese Gesellschaft noch welche weiteren „naturgemäßen Entwicklungsphasen“ durchzumachen hatte, bevor die Zeit für die „Geburtswehen“ kam, daran hat er niemals ernstlich gedacht. Und da sein unbändiger Wille, die soziale Entwicklung „abzukürzen“ noch stärker war, als selbst sein Drang, ihre Gesetze restlos zu erforschen, durfte er gar nicht an weitere Entwicklungsphasen des Kapitalismus denken, mußte er die kapitalistische Stufe seiner Zeit als die höchste, ihren Zustand als die klassische, vollkommene kapitalistische Ordnung betrachten. Darüber hinaus konnte es für ihn nur einen Verfall des Kapitalismus überhaupt und den Übergang zum Sozialismus geben.

Heute wissen wir, wie unrichtig Marx und Engels den Höhegrad der kapitalistischen Entwicklung um die Mitte des vorigen Jahrhunderts eingeschätzt haben. Was ihnen als Verfallszeichen des Kapitalismus erschienen ist, dem die entwickelten Produktivkräfte angeblich schon über den Kopf gewachsen waren und der daher, scheinbar aus Verlegenheit, von der Konkurrenz zum Monopol, vom Freihandel zum Hochschutzzoll, von der durch Einzelunternehmer geleiteten Fabrik, zur Aktiengesellschaft mit bloßen „Kuponabschneidern“ übergehen mußte, das erweist sich heute, für die rückschauende Betrachtung, als eine Aufwärtsentwicklung zum Hochkapitalismus, zu derjenigen Wirtschaftsform, welche die produktiven Errungenschaften des Kapitals über den ganzen Erdball verallgemeinert, aus dem Nebeneinander von nationalen Volkswirtschaften eine wirkliche, eng verflochtene Weltwirtschaft geschaffen und dadurch erst eine breite, tragfähige Basis für den Sozialismus erlangt hat. Ohne die Expansionskraft der hochkapitalistischen Entwicklungsphase wäre Europa gegenüber den zurückgebliebenen Völkern der anderen Weltteile in ähnlicher Stellung, wie einst Hellas inmitten der Barbarenwelt. Ein Sieg des Sozialismus auf jener niederen Stufe des Kapitalismus, welche Marx und Engels schon für ihre höchste hielten, hätte Europa zu einem Kontinent von Phäaken gemacht, dessen Völker in selbstzufriedener Beschränktheit alle ihre Aufmerksamkeit der Ausgestaltung der heimischen Produktivkräfte gewidmet hätten, ohne den geringsten Anreiz zu empfinden, die Reichtümer der übrigen Erde zu erschließen, die Aufwärtsentwicklung zurückgebliebener Völker in fernen Gebieten, die sich aus eigener Kraft nicht emporheben konnten, zu fördern; bis die Kultur eines derartigen bornierten europäischen Sozialismus ebenso verdorrt wäre, wie einst die antike Kultur. — Vor solchem Ausgang hat uns der hochkapitalistische Imperialismus bewahrt. Indem er die Kolonialvölker zum Objekt seiner Ausbeutung machte, hat er zugleich ihr Schicksal untrennbar mit dem Schicksal der europäischen Nationen verknüpft. Durch, den Bau von Eisenbahnen und die Erschließung der Bodenschätze aller Weltteile hat er die Grundlagen für die jetzige rasche Industrialisierung des Orients, Afrikas und Südamerikas geschaffen. Und ist auch dieser Entwicklungsgang durch die Blutströme des Weltkrieges, durch die Massen-Verelendung des wirtschaftlich entthronten Europa gekennzeichnet, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß der Sozialismus, der sich auf dieser Grundlage erheben wird, eine ungleich höhere, lebenskräftigere Form darstellen wird, als wenn er auf jener tieferen, freihändlerischen Stufe des Kapitalismus errungen worden wäre.

Doch jetzt, nachdem die Aufgabe des Hochkapitalismus vollbracht ist, nachdem er seinen Siegeszug über den Erdball zu Ende geführt, die zurückgebliebenen Völker aufgerüttelt, die Bodenschätze aller Kontinente erschlossen hat, ist da nicht seine Laufbahn vollendet? Und da er nach Erfüllung seiner positiven Leistung immer stärker seine entwicklungshemmenden, zerstörenden Tendenzen hervorkehrt, da er sich außerstande erweist, die aus den Fugen geratene Welt wieder einzurenken, ist es da nicht schon höchste Zeit, die kapitalistische Ordnung zu überwinden, ihre Klassengegensätze aufzuheben und den Sozialismus auf weltwirtschaftlicher Grundlage aufzurichten?

In der Tat, vom Standpunkt der alten Marxschen Lehre kann man gar nicht anders, als diese Frage bejahen und selbst jene „realpolitische“ Richtung des Marxismus, welche von ihrem Anpassungsinstinkt geleitet, an die baldige Überwindungsmöglichkeit des Kapitalismus nicht glauben will, kann gar nichts Stichhaltiges zur Begründung ihrer Vorbehalte vorbringen. Im Grunde genommen, gehen alle marxistischen Richtungen von der Anschauung aus, daß die Aufhebung des Kapitalismus „objektiv“ möglich ist und sie schreiben seine jetzige Fortdauer nur Ursachen subjektiver Natur zu. Die einen erklären dies durch den mangelnden revolutionären Willen der Arbeiterschaft und werfen deshalb jenen Verrat vor, welche die Arbeiter von „entschlossenen“ Taten abhalten wollen. Eine andere Gruppe sieht das Hindernis in der fehlenden wirtschaftlichen Schulung der Arbeiterschaft und so hofft sie, durch Betriebswirtschaftskurse und genossenschaftlich Praxis den Untergang der alten Ordnung zu beschleunigen… Eine dritte Gruppe schließlich sieht das Hindernis in der äußeren Machtstellung der Bourgeoisie; da sie aber nicht erklären kann, wie eine zu bloßen Kuponabschneidern herabgesunkene, ökonomisch angeblich schon ganz überflüssige Klasse, die Macht haben kann, die Arbeiterklasse zu beherrschen und niederzuhalten, sucht sie die Ursache im Walten der Tradition, in der Volksverdummung durch den Klerikalismus und in der geistigen Beeinflussung der Volksmassen durch die bürgerliche Presse.

Bei diesen „Erklärungen“ der Fortdauer des kapitalistischen Systems brauchen wir uns nicht weiter aufzuhalten. Wollen wir an die Frage in kritisch-wissenschaftlicher Weise herantreten, so müssen wir uns zunächst darauf besinnen, woher der Marxismus seine Überzeugung von der objektiven Überwindungsmöglichkeit des Kapitalismus schöpfte. Womit begründeten Marx und Engels ihre Ansicht, daß die sachlichen Vorbedingungen für eine „klassenlose“ sozialistische Gesellschaftsordnung schon vorhanden sind?

Die beste und vollkommenste Begründung dieser Ansicht finden wir in Engels’ Streitschrift gegen Dühring. Es heißt dort:
„Die Besitzergreifung der sämtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft hat, seit dem geschichtlichen Auftreten der kapitalistischen Produktionsweise, einzelnen wie ganzen Sekten öfters mehr oder weniger unklar als Ideal vorgeschwebt. Aber sie konnte erst möglich, erst geschichtliche Notwendigkeit werden, als die materiellen Bedingungen ihrer Durchführung vorhanden waren. Sie, wie jeder andere gesellschaftliche Fortschritt wird durchführbar nicht… durch den bloßen Willen die Klassen abzuschaffen, sondern durch gewisse neue ökonomische Bedingungen. Die Spaltung der Gesellschaft in eine ausbeutende und eine ausgebeutete, eine herrschende und eine unterdrückte Klasse war die notwendige Folge der früheren geringen Entwicklung der Produktion. So lange die gesellschaftliche Gesamtarbeit nur einen Ertrag liefert, der das zur notdürftigen Existenz aller Erforderliche nur wenig übersteigt, so lange also die Arbeit alle Zeit der großen Mehrheit der Gesellschaftsglieder in Anspruch nimmt, so lange teilt sich die Gesellschaft notwendig in Klassen. Neben dieser ausschließlich der Arbeit frönenden großen Mehrheit bildet sich eine von direkt-produktiver Arbeit befreite Klasse, die die gemeinsamen Angelegenheiten der Gesellschaft besorgt: Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte usw.… Aber wenn hiernach die Einteilung in Klassen eine gewisse geschichtliche Berechtigung hat, so hat sie eine solche doch nur für einen gegebenen Zeitraum, für gegebene gesellschaftliche Bedingungen. Sie gründete sich auf die Unzulänglichkeit der Produktion. Sie wird weggefegt werden durch die volle Entfaltung der modernen Produktivkräfte. Und in der Tat hat die Abschaffung der gesellschaftlichen Klassen zur Voraussetzung einen geschichtlichen Entwicklungsgrad, auf dem das Bestehen… einer herrschenden Klasse, also des Klassenunterschiedes selbst, ein Anachronismus geworden, veraltet ist. Sie hat also zur Voraussetzung einen Höhegrad der Entwicklung der Produktion, auf dem Aneignung der Produktionsmittel und Produkte… durch eine besondere Gesellschaftsklasse nicht nur überflüssig, sondern auch ökonomisch… ein Hindernis der Entwicklung geworden ist. Dieser Punkt ist jetzt erreicht… Die Expansionskraft der Produktionsmittel sprengt die Bande, die ihr die kapitalistische Produktionsweise angelegt. Ihre Befreiung aus diesen Banden ist die einzige Vorbedingung einer ununterbrochenen, stets rascher fortschreitenden Entwicklung der Produktivkräfte und damit einer praktisch schrankenlosen Steigerung der Produktion selbst… Die Möglichkeit, vermittelst der gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine Existenz zu sichern, die nicht nur materiell vollkommen ausreichend ist und von Tag zu Tag reicher wird, sondern die ihnen auch die vollständig freie Ausbildung und Betätigung ihrer körperlichen und geistigen Anlagen garantiert, diese Möglichkeit ist jetzt zum erstenmal da, aber sie ist da.“ (Ausgabe Dietz 1914, S. 303ff.)

Es ist also der Glaube an die schrankenlose Entfaltung der Produktivkräfte, auf dem die Marx-Engelssche Überzeugung von der Überwindungsmöglichkeit, ja Überwindungsnotwendigkeit des Kapitalismus beruhte. Während diese Entfaltung unter der heutigen Ordnung gehemmt wird, erhält sie erst durch deren Aufhebung einen freien Spielraum und kann bald einen Grad erreichen, der es ermöglichen würde, der ganzen Volksmasse eine materiell von Tag zu Tag reichere Existenz zu sichern. Technisch betrachtet stünde einer Entfaltung der Produktivkräfte „ins Unendliche“, wie sich der junge Engels in den „Grundsätzen des Kommunismus“ immer wieder ausdrückt, nichts im Wege. Nur das kapitalistische Eigentum an den Produktionsmitteln bildet ein Hindernis für diese Entwicklung-, also scheinbar eine rein soziale Schranke! In der Tat, was sollte uns davon abhalten, diese Schranke zu beseitigen?

Die Anschauung von der unbegrenzten Steigerungsmöglichkeit der menschlichen Produktivkräfte auf Basis der heutigen Technik bildet somit den Grundstein der Marxschen Theorie von der Überwindlichkeit des Kapitalismus und der Notwendigkeit seines Unterganges. Ohne diese Vorbedingung kann nach Marx eine vollkommene, klassenlose sozialistische Ordnung nicht verwirklicht werden. Das hat erschon 1846 in der Urschrift des Marxismus; der „Deutschen Ideologie“, klar ausgesprochen: „… diese Entwicklung der Produktivkraft ist auch deshalb eine absolut notwendige praktische Voraussetzung (des Kommunismus), weil ohne sie nur der Mangel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen und die ganze alte Sch… (wieder) herstellen müsste.“ (Marx-Engels-Archiv I., S. 252.)

An dieser alten Marxschen Anschauung halten nun die heutigen Marxisten aller Richtungen fest. Die in der sozialistischen Gesellschaft angeblich mögliche Steigerung der Produktivkräfte „ins Unendliche“, ist für sie alle zum Glaubensartikel geworden, an den sich nicht die geringsten Zweifel heranwagen. Nur über den „Weg zum Sozialismus“ streiten sie miteinander und in der Hitze des Gefechtes kommen sie gar nicht dazu, die Grundthese, von der sie alle ausgehen, zu überprüfen. So erklärt es sich, warum bisher keiner von ihnen bemerken konnte, daß die Marx-Engelssche Rechnung in bezug auf die schrankenlose Steigerungsfähigkeit der modernen Produktivkräfte unter dem Sozialismus, leider, leider ein großes Loch aufweist…

Es ist unzweifelhaft wahr, daß, wenn die technischen Mittel, über welche die heutige Menschheit verfügt, zur allgemeinen Anwendung gelangen würden, die materielle und geistige Lebenshaltung der Volksmassen dadurch außerordentlich gehoben werden, könnte. Aber ist diese allgemeine Anwendung möglich? Steht ihr nur die kapitalistische Klassenherrschaft und Eigentumsordnung im Wege? Oder ist nicht vielmehr diese Eigentumsordnung nur der gesellschaftliche Ausdruck für eine natürliche Schranke, die uns auf Grundlage der heutigen Technik an der allgemeinen Anwendung unserer Produktivkräfte noch hindert?

Daß das letztere zweifellos der Fall ist, ergibt sich aus einer sehr einfachen Überlegung. Wenn wir die Produktivkräfte der heutigen Technik schrankenlos anwenden wollen, so müssen wir über eine praktisch unbegrenzte Masse von Produktivstoffen verfügen, um die zahllosen Maschinen und Apparate bauen und in Bewegung setzen zu können. Da die heutige Technik im wesentlichen auf der Verwendung von Eisen zum Maschinenbau und Kohle oder Erdöl als Betriebskraft beruht, so hängt die Anwendung ihrer Produktivkräfte von der verfügbaren Masse dieser drei Rohstoffe ab. Wie groß ist aber diese Masse?

Nach Reichwein (2) enthalten die bisher bekannten Eisenerzlager der ganzen Erde zusammen etwa 32.5 Milliarden Tonnen abbauwürdiger Erze. Die Weltförderung dieser Erze erreichte im Jahre 1913 160 Millionen Tonnen, eine Ziffer, die dann im und nach dem Weltkrieg bedeutend gesunken ist. Sie entsprach also dem Jahresbedarf der kapitalistischen Wirtschaft vor deren Zerrüttung und Verarmung. Würde der Jahresverbrauch an Eisen diese Ziffer nicht überschreiten, so könnte sein Weltvorrat bei der heutigen, kapitalistisch begrenzten Anwendung unserer Produktivkräfte, noch für 200 Jahre genügen. Wollten wir aber die Anwendung arbeitssparender Maschinen und Apparate bloß verzehnfachen, so wären wir schon in 20 Jahren mit dem ganzen bekannten Welteisenvorrat fertig. Was aber dann (3)?

Auch mit den Betriebsstoffen der heutigen Technik steht es nicht besser. Wie knapp der Weltvorrat an Erdöl ist, dürfte allgemein bekannt sein. Wenn auch die tendenziös übertriebenen Schätzungen amerikanischer Ölinteressenten, wonach die dortigen Vorräte schon in 10 Jahren erschöpft sein werden, nicht ernst zu nehmen sind, so bleibt die Sache bedenklich genug, auch wenn diese Vorräte noch für 50 Jahre reichen würden. Die Knappheit an Erdölvorräten bildet bekanntlich eine der stärksten Triebfedern des Nachkriegs-Imperialismus der Weltmächte. Nun bietet sich allerdings ein Ausweg aus der Klemme, durch die neuentdeckten Verfahren zur Verflüssigung der Kohle, aber auch die Vorräte an diesem Rohstoff sind nicht allzu groß. Man schätzt, daß auf Grundlage der Förderungsziffern in den letzten Friedensjahren, die Kohlenlager Englands, je nach der Gegend, in 100 bis 300 Jahren abgebaut sein werden. Europas größtes Kohlenvorkommen im Ruhrrevier dürfte noch für 500 Jahre ausreichen und selbst die riesigen Kohlenlager Nordamerikas würden bei der gegenwärtigen Jahresförderung in etwa 800 Jahren erschöpft sein. Bedenkt man aber, daß der Kohlenbedarf der kapitalistischen Wirtschaft nach Erschöpfung der großen Erdölquellen außerordentlich steigen muß, so wird der Verbrauch der Kohle noch viel rascher vor sich gehen. Man sieht, der Lebensraum der Menschheit auf Grundlage der jetzigen, vom Eisen- und Kohlenverbrauch abhängigen Technik ist gar nicht so besonders weit.

Allerdings, wenn es einmal gelingen wird, eine neue technische Grundlage zu gewinnen, welche der heutigen Eisentechnik ebenso überlegen wäre, wie etwa diese der mittelalterlichen Holztechnik überlegen ist, dann wird sich der Lebensraum der Menschheit sicherlich gewaltig ausdehnen. Aber wenn wir auch hoffen dürfen einmal so weit zu kommen, daß wir die Sonnenenergie direkt als Betriebskraft ausnützen und durch Anwendung winziger Apparate von minimalem Rohstoffverbrauch, unsere Lebensmittel erzeugen werden können, so wissen wir doch gar nicht, wie lange es bis dahin noch dauern wird und ob wir nicht noch durch Jahrhunderte auf Eisen und Kohle angewiesen bleiben. Wir müssen also damit möglichst sparen und am wenigsten würde es den Grundsätzen einer sozialistischen Gesellschaft entsprechen, in diesen lebenswichtigen Gütern drauflos zu wirtschaften, die Produktivkräfte der Gesellschaft zuerst „ins Unendliche“ auszuweiten, um dann nach raschem Verbrauch der größten Rohstoffvorkommen, die Produktion schließlich einschränken zu müssen und die künftigen Generationen ihrer unentbehrlichen Rohstoffbasis zu berauben.

Haben wir aber einmal erkannt, wie eng begrenzt die Anwendungsmöglichkeit unserer wichtigsten Produktivkräfte tatsächlich ist, so gelangen wir damit von selbst zu einer völlig neuen Einstellung in der Frage der Gesellschaftsordnung. Denn jetzt stehen wir nicht mehr vor dem Scheinproblem der Beseitigung von sozialen Hemmnissen einer unbegrenzten Entfaltung der Produktivkräfte, vielmehr handelt es sich um eine möglichst zweckmäßige Verwaltung der beschränkten Rohstoffmasse, welche noch für viele Generationen hinreichen muß, wenn die künftige Menschheit vor einer Rückbildung ihres Wirtschaftslebens und dem Niedergang ihrer materiellen Kultur gesichert werden soll. Die große Schwierigkeit einer solchen zweckmäßigen Verwaltung besteht aber darin, daß wir im Verbrauch der entscheidenden Produktivstoffe möglichst sparsam sein müssen, um die kommenden Geschlechter in ihrer Lebensgrundlage nicht zu verkürzen, daß wir aber anderseits die Einschränkung des Gegenwartsverbrauches nicht so weit treiben dürfen, daß die Entwicklung der Wirtschaft schon jetzt zum Stillstand käme oder gar eine Rückbildung der Produktionsstufenleiter eintreten würde. Eine rationelle Verwaltung der Rohstoffvorräte muß somit den Ausgleich zwischen beiden Notwendigkeiten herbeiführen, wobei aber der Zukunftsbedarf an Rohstoffen eine ganz unbekannte Größe ist und auch der Gegenwartsbedarf eine sehr schwankende, mit den wechselnden Bedürfnissen der Weltwirtschaft veränderliche Größe bildet. Welche Wirtschaftsform ist nun, glaubt man, zur Rohstoffverwaltung unter diesen Umständen besser geeignet, die kapitalistische oder die sozialistische?

Der „zielbewusste“ Kommunist oder Sozialdemokrat wird natürlich mit der Antwort rasch fertig sein. Soll doch der Sozialismus nach den hausbackenen Begriffen unserer Altvorderen eine ausgesprochene Vorratswirtschaft sein, die alles hübsch „planmäßig“ einteilen wird und somit auch den Verbrauch der Rohstoffe am rationellsten regeln könnte. Aber wer so denkt, beweist nur, daß er die Weltwirtschaft vom Standpunkt einer braven Hausfrau beurteilt, die mit den Vorraten in der Speisekammer bis zum Monatsende auskommen muß und daher die Lebensmittel in genau bemessene Tagesrationen für alle Familienmitglieder einteilt. Dieses Vorbild ist leider für unseren Fall gar nicht verwendbar, denn abgesehen davon, daß wir gar nicht wissen können, wie lange es noch bis zum Monatsende dauern wird, nämlich bis zum Zeitpunkt, da sich unsere Kindeskinder in ihrer Technik vom Eisen- und Kohlenverbrauch unabhängig machen werden, läßt es sich auch gar nicht bestimmen, wie groß die notwendigen Rationen gegenwärtig sein müssen, damit sie dem jeweiligen Bedarf entsprechen. Die Weltwirtschaft ist eben kein Rechenexempel für Statistiker und wenn es bei Marx-Engels immer wieder heißt, daß die entwickelten modernen Produktivkräfte gegen die Schranken des kapitalistischen Eigentums rebellieren, die sie zu sprengen drohen, so würden sie noch ganz anders gegen die Zwangsjacke eines von engstirnigen Sozialbureaukraten ausgeheckten Weltwirtschaftsplanes rebellieren, dessen Sprengung überdies eine viel leichtere Sache wäre. Die Statistik in Ehren, sie ist ein sehr nützlicher Wissenszweig, so lange sie darauf beschränkt bleibt, Ergebnisse der Wirtschaft zu registrieren und zu vergleichen, aber es ist ein lächerliches Unterfangen, auf Grund statistischen Materials, das doch nur ein schattenhaftes Abbild vergangener Wirtschaftsereignisse darstellt, künftige Produktionsakte anordnen, und regeln zu wollen.

Unter den Produktivkräften unserer Zeit steht noch immer an erster Stelle die menschliche Arbeitskraft. Wollen wir mit der Verwendung unserer beschränkten Rohstoffvorräte sparen und trotzdem die Produktion weiter entwickeln, so müssen wir trachten, die Menge der menschlichen Arbeitsleistung zu vergrößern und ihre Ergiebigkeit durch rationelle Anwendung der Arbeitskraft zu steigern. Nun würde eine nach überlieferten Vorstellungen organisierte sozialistische Wirtschaft allerdings zur Arbeitsleistung alle Gesellschaftsglieder heranziehen, aber da diese ein unmittelbares Interesse an der Verkürzung der Produktionszeit, durch Anwendung arbeitssparender Maschinen hätten, so würde das unvermeidlich zu einem übermäßigen Verbrauch von Eisen und Kohle führen. Dagegen haben die Unternehmer in der kapitalistischen Gesellschaft kein direktes Interesse an der Anwendung arbeitssparender Maschinen; deren Einführung ist für sie erst dann rentabel, wenn sie dadurch eine entsprechend hohe Summe von Arbeitslöhnen ersparen. Da nun der Arbeitslohn ein viel geringeres Wertquantum darstellt, als das ganze Produkt der Tagesarbeit, die dafür geleistet wurde, muß eine neue Maschine schon ganz riesige Arbeitsmengen ersparen können, wenn es sich für den Unternehmer auszahlen soll, die billigen Arbeitskräfte durch sie zu ersetzen. Der Antrieb zum Rohstoffverbrauch ist hier somit viel geringer und er wird noch bis zum Äußersten durch den Umstand herabgesetzt, daß Eisen und Kohle in der kapitalistischen Gesellschaft monopolistisch bewirtschaftet werden, ihr Preis daher viel höher ist, als ihr Wert und die Rentabilität der hierdurch enorm verteuerten Maschinenanwendung im Vergleich zu der Arbeitslohnsumme, die sie ersparen würde, noch geringer wird. Die Folge ist, daß das Unternehmertum in der Einführung neuer Maschinen zurückhaltender geworden und dafür bemüht ist, eine zweckmäßige Ausnützung der Arbeitskraft durch Zergliederung der Arbeitsverrichtungen und eine planmäßige Betriebsorganisation zu erzielen (4). Die moderne Tendenz zur Rationalisierung und Intensivierung der Arbeit ist eine unmittelbare Konsequenz der monopolistischen Rohstoffwirtschaft und wie groß auch die Vorbehalte und Bedenken gegen die kapitalistische Ausnützung dieser Arbeitsmethoden sein müssen, so wird man doch zugeben, daß sie einer gesellschaftlichen Notwendigkeit entsprechen. Indem die heutige Generation ihren Lebensbedarf durch größere Anstrengung der lebendigen Arbeitskraft zu decken sucht, spart sie an den Rohstoffvorräten, die sie den kommenden Geschlechtern zu überliefern hat (5).

Der große ökonomische Vorteil der Monopolwirtschaft in Eisen und Kohle bestellt darin, daß sie allein befähigt ist, mit ziemlicher Genauigkeit die Grenze herauszufühlen, bis zu welcher die notwendige Einschränkung des Rohstoffverbrauches gehen darf, ohne eine Drosselung der Produktion und Rückbildung der wirtschaftlichen Stufenleiter herbeizuführen. Das wird uns verständlich, wenn wir die Monopolpreisbildung betrachten. Der Gewinn eines monopolistischen Unternehmens ist nicht dann am größten, wenn der Preis der Monopolware am höchsten ist, denn es kommt dabei noch ein zweiter Faktor in Betracht: die Absatzmenge. Ist die Marktlage derart, daß bei Steigerung des Preises um ein Fünftel, die Nachfrage nur um ein Zehntel sinkt, so wird im Endergebnis eine Steigerung des Monopolgewinnes erzielt. Aber von einem bestimmten — mit der jeweiligen Marktlage wechselnden — Punkte an, wenn die Preisschraube zu stark angezogen wurde, beginnt die Nachfrage stärker zu sinken, als der Preis steigt und so läßt sich der zu hohe Monopolpreis nicht aufrecht halten. Auf unser Problem angewendet, bedeutet dies: So lange der Gang der Produktion und ihre notwendige Ausdehnung durch die Rohstoffpreise noch nicht gehemmt ist, wird die Nachfrage in Eisen und Kohle durch die steigenden Preise gezügelt, auf das unerläßliche Maß herabgesetzt, aber sie sinkt langsamer, als die Preise steigen. Steigt aber der Monopolpreis so hoch, daß die Produktion ihn nicht ertragen kann und ihr Umfang eine Rückbildung erfährt, so beginnt die Nachfrage nach Rohstoffen rascher zu sinken, als deren Preise gestiegen sind, die Monopolgewinne verringern sich und so müssen die Preise bald unter den kritischen Grenzpunkt herabgesetzt werden, um den Gewinn nicht zu schmälern, zugleich aber auch die übermäßige Hemmung der Produktion zu lockern. Man sieht, die monopolistische Schranke des Rohstoffverbrauches ist sehr elastisch, sie paßt sich sehr rasch jeder Produktionslage an, während eine sozialistische „planmäßige“ Wirtschaft eines exakten Maßstabes für die Grenze der Einschränkungen überhaupt entbehren würde und mit ihren Maßnahmen, die erst nach statistischen Erhebungen getroffen werden könnten, dem Gang der Produktion stets nur mühselig nachhinken müßte.

Dazu kommt noch ein wichtiger Umstand. Die Weltvorräte an Eisen, Kohle und anderen lebenswichtigen Rohstoffen sind auf die Siedlungsgebiete verschiedener Nationen sehr ungleichmäßig verteilt. Viele Nationen verfügen überhaupt über keine Vorräte, bei einem Teile sind sie schon der Erschöpfung nahe, während bei den übrigen noch große Vorkommen für Jahrhunderte vorhanden sind. Wird nun die Wirtschaft in allen modernen Staaten im landläufigen Sinne des Wortes sozialisiert, so wird dies bei zunehmender Knappheit der Weltvorräte unvermeidlich dahin führen, daß die rohstoffbesitzenden Nationen in erster Linie an die Befriedigung des eigenen Bedarfes denken, die Ausfuhr immer stärker einschränken und schließlich überhaupt einstellen werden. Das ist keine bloß theoretische Annahme! Wir haben auf diesem Gebiete schon sehr peinliche Erfahrungen gemacht, als nach dem Kriege Mangel an Kohle und Eisen herrschte, die Rohstoffwirtschaft aber noch staatlich kontrolliert wurde. Damals handelte es sich nur um einen vorübergehenden Notstand und trotzdem trat sofort der nationale Egoismus in dieser Frage, nicht am wenigsten auch bei der Arbeiterklasse aller Länder, deutlich zutage. Wie wird das erst sein, sobald sich eine dauernde Knappheit infolge stark gelichteter Weltvorräte einstellen wird?

Dagegen ist die nationale Bedarfsdeckung für die kapitalistischen Monopole eine ganz gleichgültige Sache; sie liefern ihre Rohstoffe überall hin, wo man nur ihre Preise zahlt. Sie beuten fremde Nationen ebenso gerne aus, wie die eigene, aber unter ihrer Herrschaft ist eben deshalb die gleichmäßige Rohstoffverteilung in der Weltwirtschaft am sichersten gewährleistet. Gerade die jüngste Entwicklung der Monopolwirtschaft, die über den nationalen Rahmen hinauswächst, macht eine übersichtliche Verteilungsorganisation unter weltwirtschaftlichen Gesichtspunkten möglich und zugleich beseitigt sie, durch Ausschaltung der Konkurrenz zwischen nationalen Monopolen die letzte Triebfeder zu einer Rohstoffverschwendung in der Urproduktion.

Wir gelangen so zu dem überraschenden Ergebnis, daß der monopolistische Kapitalismus noch die zweckmäßigste Wirtschaftsform für eine gleichmäßige, sparsame und an die Schwankungen des unerläßlichen Bedarfes anpassungsfähige Verwaltung der Weltvorräte an Rohstoffen darstellt. Und diese seine Funktion ist auch der letzte Daseinsgrund des Kapitalismus, der sich durch keine Revolution beseitigen läßt, so lange wir uns nicht von der Eisentechnik unabhängig machen können. Denn eine revolutionäre Aufhebung der monopolistischen Rohstoffwirtschaft könnte an der Beschränktheit unserer Vorräte nichts ändern, die Anwendung der modernen Produktivkräfte auf die Dauer nicht wesentlich erhöhen. Ihre Folge wäre nur, wie es der junge Marx erklärte, daß „der Mängel verallgemeinert, also mit der Notdurft auch der Streit um das Notwendige wieder beginnen“ und so die alte Ordnung höchstens in äußerlich veränderten Formen sich wieder herstellen müßte.

Das ist nun der Sinn der spätkapitalistischen Aera: Der Kapitalismus hat seine Rolle, als Hebel des Ökonomischen Fortschritts ausgespielt, er bildet nur noch dessen Schränke, aber auch in dieser Rolle erfüllt er noch eine notwendige gesellschaftliche Aufgabe. Soweit seine Wirtschaftsorganisation diese letzten Endes natürliche Schranke zum gesellschaftlichen Ausdruck bringt, kann und darf sie nicht zerstört werden, wenn die Gesellschaft nicht in eine Sackgasse geraten soll. Auf einer höheren Stufe der Technik wird diese Schranke von selbst wegfallen, vorläufig ist jedoch der Spätkapitalismus eine „naturgemäße Entwicklungsphase“, die wir nicht überspringen können.

Aber freilich, daraus folgt nicht, daß wir untätig jene höhere Stufe der Technik abzuwarten hätten und uns inzwischen mit kleinen Reformen und Verbesserungen der proletarischen Klassenlage zu begnügen hätten! Im Gegenteil! Gerade weil wir den Kapitalismus, soweit er eine vorläufige technische Schranke ausdrückt, nicht überwinden können, müssen wir alles tun, um durch eine höhere soziale Organisation den Lebensraum der Menschheit innerhalb dieser Schranken zu vergrößern. Denn derselbe Kapitalismus der auf dem Gebiete der Rohstoffhervorbringung die zweckmäßigste und darum notwendige Wirtschaftsform darstellt, verursacht gleichzeitig durch die Anarchie und Zersplitterung seiner Produktionsweise eine heillose Verschwendung in der Verarbeitung und Ausnützung der uns so knapp zur Verfügung stehenden Rohstoffe. Indem er die Gesellschaft zwingt, zur Ersparung von Eisen und Kohle die menschliche Arbeit zu rationalisieren und besser auszunützen, treibt er zugleich Raubbau mit dieser weitaus wichtigsten Produktivkraft und bringt so die Gesellschaft in eine Gefahr, die nach größer ist, als diejenige, vor der er sie bewahrt. So paradox es klingen mag: Aus der Unvermeidlichkeit des Kapitalismus auf dem Gebiete der Rohstoffhervorbringung folgt die Notwendigkeit des revolutionären Kampfes um die rascheste Verwirklichung einer sozialistischen Wirtschaftsverfassung auf dem Gebiete der verarbeitenden Industrie, zum Zwecke einer sparsamen Verwendung der Rohstoffe und einer gesellschaftlich-rationellen Ausnutzung der Arbeitskraft.

Ein Sozialismus innerhalb monopolistischer Schranken?! Man wird ob dieser Formulierung, welche die Halbheiten des verwaschensten Reformismus zu übertrumpfen scheint, mitleidig die Köpfe schütteln. Aber damit wird man nur verraten, daß in diesen Köpfen kein Funken dialektischen Denkens glüht…

Was würde man von einem Flugtechniker sagen, der sich seine Aufgabe etwa derart vorstellen würde: Zuerst muß ich trachten, die Schwerkraft in meinem Umkreis aufzuheben, dann erst kann ich daran gehen, ein Luftschiff zu bauen, um mich in die Wolken zu erheben. Man würde mit Recht sagen, daß dieser Flugtechniker ein Tropf ist. Denn ganz abgesehen davon, daß die Aufhebung der Schwerkraft gar nicht denkbar ist, gerade wenn das Undenkbare gelingen könnte, wäre eine Luftschifffahrt erst recht unmöglich! Denn die Bewegung des Luftschiffes wird im wesentlichen durch die Spannung zwischen dem Luftgewicht und dem Ballongasgewicht hervorgerufen. Mit der Aufhebung des Schwergewichtes verschwändet natürlich auch diese Spannung. Überdies könnte jeder Lufthauch das schwerlose Schiff von seiner Bahn abdrängen, es wäre ohne den Halt des eigenen Schwergewichtes nur eine hilflose Beute der Winde. Es ist daher zwar ein Widerspruch, aber dennoch eine unzweifelhafte Wahrheit: Ohne den Druck der Schwerkraft, die auf uns lastet, könnten wir uns nicht in die Luft erheben. Das Problem der Luftschifffahrt besteht eben nicht darin, die Schwerkraft abzuschaffen, sondern trotz ihres Druckes zu fliegen.

Genau so kann die sozialistische Ordnung nicht durch Abschaffung der kapitalistischen Schranke der Monopolwirtschaft errungen werden, vielmehr trotz dieser Schranke, soweit dieselbe die Erscheinungsform eines natürlichen Mangels auf der heutigen technischen Stufe bildet. Die Spannung des Gegensatzes beider Wirtschaftsformen wird die bewegende Triebkraft der sozialistischen Entwicklung bilden. Je stärker der Druck der Monopole auf der Gesellschaft lastet, desto größer muß der Ansporn werden, durch übersichtliche, sinnvolle, also sozialistische Organisation der verarbeitenden Industrie, die Kargheit der Produktivmittel wettzumachen, den engen Lebensraum am ergiebigsten auszunützen. Und derselbe Druck wird die Arbeiterklasse nötigen, den einen Weg zum Sozialismus zu suchen, der unter den festumschriebenen Gesetzen der Monopolwirtschaft überhaupt gangbar ist, statt sich durch Dutzende von willkürlich entworfenen Sozialisierungsprojekten mehr oder weniger geistreicher Theoretiker verwirren und zersplittern zu lassen.

Erst wenn in der Arbeiterklasse die Erkenntnis reift, daß die spätkapitalistische Aera kein Zufallsprodukt der Geschichte ist, sondern eine naturgemäße Entwicklungsstufe der Gesellschaft bildet, wird sie die zielführenden Mittel einer sozialistischen Umgestaltung der Wirtschaft suchen und finden können. Es gilt vor allem zu begreifen, daß man auch diese Phase nicht überspringen kann, wohl aber ihren Bewegungsgesetzen auf die Spur kommen muß, um den Übergang zum Sozialismus wissend und kämpfend durchzusetzen.

Fußnoten

(1) Allerdings werden sie nur selten so schroff ausgedrückt, wie ich es hier zur theoretischen Gegenüberstellung tue. In der praktischen Agitation pflegt man sich nicht so deutlich zu äußern. Auch gibt es noch eine Zwischenvariante, wonach der Kapitalismus zwar in Kuropa schon fallreif, aber wegen unserer Abhängigkeit von Amerika, wo er noch im Aufstieg ist, vorläufig nicht angetastet werden dürfe. Diese „vermittelnde“ Auffassung läßt sich aber je nach Herzensneigung auf eine von den zwei extremen zurückfuhren.

(2) „Die Rohstoffe der Erde im Bereich der Wirtschaft“, 2. Auflage, Jena 1924, Seite 80/81.

(3) Allerdings rechnet man noch mit dem wahrscheinlichen Dasein von noch unentdeckten Eisenerzlagern, deren Größe man sogar auf das Dreifache des bekannten Weltvorrates schätzt. Aber selbst wenn sich diese Schätzungen als richtig erweisen sollten, darf man nicht vergessen, daß es noch Völker mit vielen hundert Millionen Köpfen gibt, deren Industrialisierung erst kaum begonnen hat und deren künftiger Erzbedarf natürlich noch riesig anwachsen wird.

(4) Der naheliegende Einwand, daß die Rationalisierung zumeist eine gesteigerte Anwendung von Apparaten und Maschinen erfordert, beweist nichts gegen obige Ausrührungen, vielmehr liefert er die beste Illustration dazu. Denn man darf den grundsätzlichen Unterschied zwischen der jetzigen Rationalisierung und dem früheren technischen Fortschritt nicht übersehen. Früher wurden Maschinen meist eingeführt um die Arbeitskraft produktiver zu machen, jetzt handelt es sich hauptsächlich darum, sie durch das laufende Band und ähnliche Einrichtungen intensiver zu gestalten. Das heißt: Im ersteren Falle nahm der vom Arbeiter pro Stück Ware neu zugesetzte Wert ab, während der für Maschinenverschleiß und Kohlenverbrauch „übertragene“ Wert relativ zunahm. Im zweiten Falle dagegen bleibt der vom Arbeiter pro Quantum Ware neu zugesetzte Wert unverändert, er wird nur in einem kürzeren Zeitraum erzeugt, diese Zeitkürzung bewirkt aber einen verminderten Kohlenverbrauch und Maschinenverschleiß pro gegebenes Warenquantum.

(5) Selbstverständlich ist die Rohstoffersparung kein Motiv des Handelns für die Leiter der Monopole, aber sie ergibt sich als objektives Resultat ihres Strebens nach Extraprofiten, genau so, wie bisher die Entfaltung der Produktivkräfte durch das Streben der Unternehmer nach Erhöhung der relativen Mehrwertrate bewirkt wurde. — Wohl aber muß die Rohstoffersparung für die Arbeiterklasse beim Übergang zum Sozialismus zu einem bewußten Motiv ihres Verhaltens gegenüber den Monopolen werden, wenn sie sich vor einem fehlschlagen ihrer Aktion bewahren will.

(Die Wende, Heft 1, Oktober 1927, S. 4-13)


2 Antworten auf „Julius Dickmann – Die spätkapitalistische Aera (Die Wende, 1927)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 18. November 2010 um 13:07 Uhr
  2. 2 Julius Dickmann – La loi fondamentale de l’évolution des sociétés « Espace contre ciment Pingback am 22. Juni 2011 um 11:06 Uhr
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