Julius Dickmann – Das Problem der Akkumulation (Die Wende, 1927)

Unter den Fragen, deren Erörterung zur jetzigen Scheidung der Geister innerhalb des Marxismus geführt hatte, nimmt das von Rosa Luxemburg in ihrem 1913 erschienenen Buche über „die Akkumulation des Kapitals“ aufgerollte Problem, eine ganz besondere Stellung ein. Schon deshalb, weil es die erste große theoretische Frage gewesen ist, an der sich die Unfähigkeit des alten Marxismus offenbarte, wissenschaftlich einwandfreie, alle Anhänger befriedigende und überzeugende Lösungen zu bieten. Dies ist um so auffälliger, als die erste Diskussion dieser Frage noch vor Ausbruch des Weltkrieges stattgefunden hatte, als die Gemüter zwar schon in große Spannung versetzt, aber noch durchaus frei waren, von der erst im Kriege entstandenen Spaltungs- und Fraktionspsychose. Ja mehr noch! Die Erörterung der Akkumulationsfrage hat, obwohl sie schon ein halbes Menschenalter resultatlos andauert, bis heute nicht fraktionsbildend in der sozialistischen Praxis gewirkt. Wir sehen, wie innerhalb der kommunistischen Bewegung die Anhänger wie die Gegner der Akkumulationstheorie Rosa Luxemburgs zusammengehen und gegenüber dem Imperialismus durchaus die gleiche Politik vertreten, obwohl die beiden Gruppen über die Ursachen des Imperialismus theoretisch verschiedener Meinung sind und sich darüber bis heute nicht einigen können.

Dies ist wohl der beste Beweis dafür, daß der alte Marxismus mit den Problemen der Gegenwart nicht fertig werden kann, wenn er selbst dort, wo die Praxis des Kampfes zwei Gruppen zum gemeinsamen Vorgehen genötigt hat, sich unfähig erweist, die Vereinigten auch geistig zu verschmelzen und ihre Ideologie in einer einheitlichen theoretischen Auffassung zu verankern.

Man pflegt sich über den langdauernden Schulstreit damit zu trösten, der Krieg habe die Welt so sehr verändert, so viele neue Tatsachen geschaffen, daß eine eindeutige theoretische Stellungnahme dazu vorderhand nicht möglich sei und erst in jahrelanger Auseinandersetzung erarbeitet werden müsse. Das mag richtig sein, aber wie soll der Marxismus die Fähigkeit aufbringen, diese neuen Tatsachen jemals zu erfassen, wenn er an einer altbekannten Frage von grundlegender Bedeutung, wie das Akkumulationsproblem, seine Impotenz so offenkundig bewiesen hat? Die schönsten Theorien über die „Ökonomik der Transformationsperiode“ oder über die Entwicklung zur „Wirtschaftsdemokratie“ werden diese Impotenz nicht verhüllen und deshalb muß jeder ernsthafte Versuch, den Marxismus zu erneuern, seine Lehre fortzuentwickeln, bei der Akkumulationsfrage einsetzen, um vor allem mit diesem Problem fertig zu werden.

Zuvor ist es aber nötig, eine Reihe von Mißverständnissen und Irrtümern zu beseitigen, die bei der bisherigen Behandlung dieser Frage zutage traten, wobei eine Abrechnung mit denjenigen Theoretikern, die eine Problematik der Akkumulationserscheinungen überhaupt leugnen, nicht vermieden werden kann.

I.
Der industrielle Kapitalist schießt einen bestimmten Geldbetrag — sein Geldkapital — zum Ankauf von Maschinen, Rohstoffen und Arbeitskräften vor, läßt die Arbeiter eine gewisse Warenmenge erzeugen und erhält nach deren Verkauf einen größeren Geldbetrag als er vorgeschossen hatte: sein Geldkapital ist um den erzielten Mehrwert gewachsen – Woher stammt das zusätzliche Geldquantum, worin sich sein Mehrwert darstellt? Er hat es der Zirkulation entzogen, wie ja sein ursprüngliches Geldkapital durch allmähliche Entziehung von Geldbeträgen aus der Zirkulation, ihre Aufschatzung, entstanden ist. Wie kann er aber dauernd aus der Zirkulation mehr Geld herausziehen, als er in sie hineinwirft? Wie können es sämtliche Kapitalisten Jahr für Jahr tun (1)? Wohl bildet das gesellschaftliche Geldkapital, das heißt derjenige Teil der Geldmasse, welcher in einem bestimmten Moment der Zirkulation entzogen ist, eine viel geringere Größe, als die Summe der Geldkapitale sämtlicher Einzelkapitalisten. Die einzelnen Kapitalisten schießen ja nicht alle gleichzeitig ihr Geldkapital vor; die Umschläge ihrer Kapitale fallen zeitlich auseinander, dasselbe Geldkapital kann somit zur Finanzierung verschiedener Umschläge dienen, und so läßt sich, zumal bei entwickelter Kreditorganisation, das zur Aufrechterhaltung des Produktionsganges gesellschaftlich erforderliche Geldkapital stark reduzieren. Aber diese Reduktion einmal gegeben, muß das Geldkapital der Gesellschaft naturgemäß mit dem Umfang der Produktion wachsen. Es stellt einen Teil der Geldmasse dar, der vom allgemeinen Zirkulationsfluß sozusagen in einen besonderen Kanal abgeleitet wurde; seine einzelnen Bestandteile wechseln ununterbrochen, sie fließen unaufhörlich dem großen Strom der Zirkulation zu, werden aber ebenso unaufhörlich durch Zufluß anderer Gelder aus der Zirkulationssphäre ersetzt. Das Geldkapital existiert also trotz des beständigen Wechsels seiner Moleküle als eine von der Geldzirkulationssphäre abgetrennte, selbständige Geldmasse, die zwar mit der Zirkulation innig verbunden bleibt, aber in ihr als Ganzes niemals aufgehen kann. Diese abgesonderte Geldmasse muß mit der Ausdehnung der Produktion ständig zunehmen, sie kann aber nur auf Kosten des im Zirkulationsfluß befindlichen Geldes anwachsen und wenn wir den Geldbedarf der Zirkulation bei gegebener Umlaufsgeschwindigkeit und einem bestimmten Zustand der Geldersparungsmittel als gegeben voraussetzen, so entsteht die Frage: Wie kann der Zirkulation eine ständig zunehmende Geldmasse zur Bildung von Geldkapital entzogen werden, ohne eine Störung der Zirkulation und schließliche Erschöpfung ihrer Umlaufsmittel herbeizuführen?

Dies ist das eigentliche Problem der Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter, welches Marx im Schlußabschnitt des zweiten Bandes seines „Kapital“ behandelt und dessen volle Darstellung ihm bekanntlich nicht mehr vergönnt war. Man beachte wohl die ursprüngliche Fassung dieses Problems. Es handelt sich nicht um die Frage, wo das Mehrprodukt „abgesetzt“ wird, auch nicht von wem der Mehrwert „realisiert“ werden soll. Dies sind erst später entstandene Formulierungen Rosa Luxemburgs, welche eine Konkretisierung des Problems, aber auch eine viel engere Fassung desselben darstellen. Denn Marx hätte in der Beantwortung der Frage nach der Realisierung des Mehrwerts noch keine volle Lösung seines Reproduktionsproblems gesehen, was aus einem Satz des „Kapital“ hervorgeht, welcher merkwürdigerweise sowohl Rosa Luxemburg als auch ihren Widersachern entgangen war und dessen Übersehen wohl die Hauptursache der Unfruchtbarkeit der bisherigen Diskussion gewesen ist. Ich meine den kleinen, eingeklammerten Satz auf Seite 467 des zweiten Bandes, eine kurze Bemerkung, mit welcher Marx bloß das Resultat der weiter geplanten Ausführungen vorwegnahm, zu deren Niederschrift er jedoch nicht mehr gelangte. Er lautet: „(Wir werden später sehen, daß neues Geldkapital auch auf anderem Weg, als durch allmähliche Vergoldung von Mehrwert entspringen kann.)“(2)

Hätte Rosa Luxemburg diesen Satz beachtet, so würde sie zweifellos eingesehen haben, daß ihre Lösung des Akkumulationsproblems jedenfalls unvollständig war. Denn ihre ganze Untersuchung ist auf die Frage der „Vergoldung von Mehrwert“ zugespitzt, mit deren Beantwortung jedoch das Marxsche Problem noch lange nicht erschöpft ist. Hätten aber die Kritiker Rosa Luxemburgs das Marxsche Problem voll und ganz erfaßt, so würden sie nicht darin ihre Aufgabe sehen, an den einzelnen Ausführungen Rosas herumzumäkeln, sondern sie müßten gerade auf diesen eingeklammerten Satz von Marx pochen und erklären, daß die Antwort auf die Absatzfrage gar nicht genügt! Freilich wäre dann für die Kritiker selbst die Aufgabe gestellt, zu zeigen, wie denn das zuschüssige Geldkapital „auch auf anderem Wege“ als durch Mehrwertrealisierung „entspringen kann“. Statt dessen leugneten sie überhaupt, daß ein Problem der Akkumulation des Geldkapitals bestehe und so verlief sich die ganze Auseinandersetzung in scholastische Spitzfindigkeiten über nebensächliche Fragen, ohne zu einem positiven Ergebnis zu führen.

Es bleibt eine geistesgeschichtliche Tat von Rosa Luxemburg, daß sie das Problem der Akkumulation, welches von allen anderen Marx-Schülern jahrzehntelang ignoriert wurde, in seiner großen Bedeutung zuerst erkannte und es mit dem ganzen Einsatz ihrer Persönlichkeit zur Diskussion stellte. Aber wie das bei Pionieren eines ideellen Fortschritts oft zugeht, werden meist aus neuentdeckten Tatsachen voreilige Schlüsse gezogen, die nur Mißverständnis und Widerspruch hervorrufen und wenn dann die Kritiker das Gebäude der Schlußfolgerungen zerstören, so bleibt unter den Trümmern auch die neue Entdeckung begraben. Ähnlich ist es auch Rosa ergangen. Sie hatte die richtige Ahnung, daß die Akkumulation des Kapitals mit dem Imperialismus irgendwie zusammenhängt, da sie aber diese Akkumulation nur in der engen Form der Mehrwertrealisierung erfaßte, die nur in der Erweiterung der Absatzgebiete eine Lösung findet, so ergab sich daraus eine grobmechanische Verquickung des Problems mit den Erscheinungen des Imperialismus, was der Kritik für ihre Attacken Tür und Tor öffnete und es ihr erleichterte, sich an der Frage der Akkumulation selbst, stillschweigend vorbeizudrücken. Aber Rosa Luxemburg hat noch einen größeren Fehler begangen. Sie hat während der Diskussion eine der größten Errungenschaften der Marxschen Ökonomie preisgegeben: seine schematische Darstellung der kapitalistischen Reproduktion. Marx hatte bekanntlich die Quesnaysche Idee eines Tableau économique, welches die Umsätze zwischen den einzelnen Produktionsgruppen in großen Zügen darstellte, weiter ausgebildet und es ist ihm gelungen, den Gang der kapitalistischen Reproduktion in mathematischen Gleichungen auszudrücken, wodurch erst die Basis für die Analysierung dieses Prozesses geschaffen war. Dabei unterstellte Marx, um das Schema zunächst nicht zu komplizieren, daß der Kapitalismus die allein herrschende Wirtschaftsform auf der Erde sei, daher sämtliche Umsätze nur zwischen den zwei großen Abteilungen der kapitalistischen Wirtschaft, der Produktionsmittelabteilung und der Konsumtionsmittelabteilung vor sich gehen. Diese Fiktion im ersten Stadium seiner Untersuchung war deshalb erlaubt, weil die Frage für Marx zunächst nicht lautete: „wo wird das Mehrprodukt abgesetzt“, oder „wie erfolgt die Realisierung des Mehrwerts?“, vielmehr interessierte ihn zuerst die Frage: Wie werden die einzelnen Bestandteile des Kapitals bei Erweiterung der Reproduktion auf die verschiedenen Sphären aufgeteilt, unter Voraussetzung, daß der Mehrwert innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft realisiert wird. Marx mußte diese Unterstellung machen, um zunächst den Aufteilungsvorgang der Elemente des Kapitals während der Reproduktion frei verfolgen zu können. Seine Fiktion war wissenschaftlich auch dann zulässig, wenn man ihre Möglichkeit in der wirklichen Welt für ausgeschlossen hält und die Irrealität seiner Voraussetzung macht dem Wert seiner schematischen Darstellung des Reproduktionsganges nicht den geringsten Abbruch. Nur muß man sich dessen bewußt bleiben, unter welchen Bedingungen dieses Schema zustandegekommen ist und wenn man ein volles Bild der Wirklichkeit haben will, muß man dann dieses Schema, entsprechend ergänzen und ausbauen. Ein Beispiel aus der theoretischen Physik möge dies verdeutlichen: Um die Schwingungsgesetze eines Pendels zu ermitteln, unterstellt man in der Physik zunächst ein mathematisches Pendel, das aus einem bloßen Punkt ohne Masse und Gewicht besteht — also gewiß eine ganz irreale Voraussetzung — und erst nachdem die Schwingungsgesetze eines solchen nirgends existierenden Pendels in einer Formel ausgedrückt sind, fügt man in sie nachträglich die Elemente ein, von denen man früher abstrahierte, um so zu den Schwingungsgesetzen eines wirklichen physischen Pendels zu gelangen.

Ob Marx in seiner Darstellung der Reproduktion diesen Weg konsequent gehen wollte, wissen wir nicht. Er legte bloß das abstrakte Schema mit der fiktiven Voraussetzung dar und kam gar nicht dazu, seine Untersuchung abzuschließen. Aber jedenfalls war damit für seine Schüler der weitere Weg klar vorgezeichnet und sie hätten sich das Vorgehen der Physiker zum Muster nehmen müssen. Statt dessen geschah Folgendes: Während Marx die Realisierung des Mehrwerts .voraussetzte, um zu sehen, wie dieser Mehrwert daraufhin auf die einzelnen Sphären der Reproduktion für die neue Umschlagsperiode proportionell aufgeteilt wird, während Rosa Luxemburg dann die Frage stellte, ob die Marxsche Voraussetzung in der Wirklichkeit zutreffe, argumentierten die Kritiker Rosas umgekehrt: Da nach dem Marxschen Schema eine proportionelle Aufteilung des Mehrwertes auf die verschiedenen Sphären, wie Figura zeigt, durchführbar ist, so folgt daraus, daß der Realisierung des Mehrwertes innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft nichts im Wege stehe, sonst würde ja die Aufteilung nicht stattfinden! Das hieß die Sache auf den Kopf stellen, Rosa Luxemburg geriet aber bei dieser Argumentation in Verlegenheit. Ihre ganze Logik sträubte sich gegen diese Auffassung, ihr Scharfsinn ermöglichte es ihr, den wahren Sachverhalt, die Beziehungen des Kapitals zu seinem nichtkapitalistischen Milieu über den Rahmen des abstrakten Marxschen Schemas hinaus, richtig zu erkennen, aber statt nun diesen Rahmen zu erweitern, die Umsätze mit der nichtkapitalistischen Sphäre in das Schema einzuflechten und auf dieser Grundlage das volle Bild der wirklichen Reproduktion zu zeichnen, erklärte Rosa ihren Kritikern gegenüber, daß die Schemata überhaupt nichts zu besagen haben, Marx habe sie nur als Illustration für seine Ausführungen benützt und man könne auch ohne diese Zahlenbilder die Vorgänge der Reproduktion gedanklich erfassen (3). Das ist genau so, wie wenn ein Physiker erklären würde: Da die Schwingungsgesetze des mathematischen Pendels der Wirklichkeit nicht entsprechen, haben die algebraischen Formeln in der Physik überhaupt nichts zu besagen, sie dienen lediglich als Illustration und die Schwingungsgesetze des wirklichen physischen Pendels können wir nur auf empirischem Wege ermitteln. — Gewiß, die Physik kann in bestimmten Grenzen ohne Algebra auskommen, aber das war ja der große Fortschritt zur höheren Physik, daß sie es verstanden hat, die Mathematik in ihren Dienst zu stellen, um mit deren Hilfe zu weit umfassenderen und sichereren Schlüssen und Erkenntnissen zu gelangen, als die bloße Experimentalphysik. Deshalb war die von Marx versuchte Anwendung von mathematischen Gleichungen auf ökonomischem Gebiete eine bahnbrechende Tat, hier um so bedeutungsvoller, als im Bereich der Sozialwissenschaften die induktive Methode, der Weg der Experimente nur selten gangbar ist, die deduktive Methode aber nur mit Hilfe von Vergleichen und bildlichen Argumenten zu sehr unsicheren Schlüssen führt. Bekanntlich hinkt ein jeder Vergleich, Mißverständnisse sind dabei schwer zu vermeiden und wenn man gar einen Denker bekriteln will, so ist nichts leichter, als ihn durch seine eigenen Vergleiche, Metaphern und Bilder ad absurdum zu führen. Nur die mathematische Deduktion schließt solche Mißverständnisse und Zweideutigkeiten aus, nur sie schafft eine Basis, um Meinungsdifferenzen in exakter Weise klarzustellen und da Rosa Luxemburg diesen von Marx betretenen Weg verließ, da sie in ihrer Antikritik die Schemata einfach beiseiteschob und im Vertrauen auf ihre bilderreiche Sprache, die Gegner durch Gleichnisse zu besiegen hoffte, hat sie die Kritik nur ermutigt, ihr willkommene Zielscheiben geliefert, aber die eigenen Anhänger verwirrt und ihre Position nicht im geringsten verbessert.

II.
Immerhin war durch dieses Beiseiteschieben der Schemata eine neue Lage für die Kritiker geschaffen. Sie konnten die Frage, woher das zuschüssige Geldkapital im Prozeß der erweiterten Reproduktion entspringt, nicht länger umgehen; sie mußten sich entschließen, ihr offen zu begegnen und kost‘ es, was es wolle auch den eigenen theoretischen Ruf, „beweisen“, daß hier kein Problem, sondern nur ein Hirngespinst Rosa Luxemburgs vorliegt. Einen Versuch in dieser Richtung hat Bucharin gewagt. In einer Abhandlung über den „Imperialismus und die Akkumulation des Kapitals“, veröffentlicht in der Zeitschrift „Unter dem Banner des Marxismus“, unternahm er es, die Theorie Rosa Luxemburgs zu „vernichten“. Was er als seine positive Auffassung des Imperialismus entwickelt, interessiert uns hier nicht, wir wollen nur wissen, was er gegen Rosa theoretisch einzuwenden hat. Nachdem er mit wenig Witz und großem Behagen einige Darstellungsfehler und schiefe Ausdrücke Rosas bekritelt hat, wendet er sich dem entscheidenden Punkt, dem Wachstum des Geldkapitals zu und da vernehmen wir folgendes:

„Genossin. Luxemburg hat eine geradezu ungeheuerliche Vorstellung von der kapitalistischen Akkumulation. Sie identifiziert nämlich die Akkumulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals, mit der Akkumulation des Geldkapitals! … Im Gelde als Selbstzweck verkörpert sich, ihrer Meinung nach, das Ziel des Kapitalisten… Gemach — werden die Anhänger der Genossin Luxemburg erwidern — die Verfasserin der „Akkumulation“ verwechselt ja gar nicht die Akkumulation des Geldschatzes mit der Akkumulation des Kapitals. Nun eins von beiden. Entweder sind wir der Ansicht, daß beim Akkumulationsprozeß das Hinzufügen zusätzlichen Kapitals zum früheren Kapital in Geldform lediglich erfolgt, um diese Form unverzüglich (!) durch die Form des produktiven Kapitals zu ersetzen, oder aber wir leugnen das allem gesunden Menschenverstand zum Trotz (4).“

Bucharin ahnt gar nicht, daß er mit dem letzten Satz keinem geringeren als Karl Marx den gesunden Menschenverstand abspricht. Der Verfasser des „Kapital“ hat nämlich die Ansicht Bucharins, „daß beim Akkumulationsprozeß das Hinzufügen zusätzlichen Kapitals in Geldform lediglich erfolgt, um diese Form unverzüglich durch die Form des produktiven Kapitals zu ersetzen“, ganz ausdrücklich an mehreren Stellen des zweiten Bandes geleugnet! Dort lesen wir:

„… das aus dem Warenverkauf gelöste Geld, soweit es den Warenwertteil vergoldet, der gleich ist dem Verschleiß des fixen Kapitals, (wird) nicht wieder rückverwandelt in den Bestandteil des produktiven Kapitals, dessen Wertverlust es ersetzt. Es schlägt nieder neben dem produktiven Kapital und verharrt in seiner Geldform… Diese Schatzbildung ist also selbst ein Element des kapitalistischen Reproduktionsprozesses, Reproduktion und Aufspeicherung — in Geldform — des Werts des fixen Kapitals… bis zu der Zeit, wo das fixe Kapital ausgelebt und nun in natura ersetzt werden muß.“ (S. 426/427.)

Also nicht einmal für das „frühere Kapital“ gilt die Bucharinsche Behauptung, daß es im Verlauf der Reproduktion die Geldform nur annimmt, um sie „unverzüglich“ wieder abzustreifen und sich in produktives Kapital vollständig zu verwandeln. Noch weniger gilt aber diese Ansicht für den neu erzeugten Mehrwert:

„Wenn Kapitalist A. zum Beispiel während eines Jahres oder einer größeren Anzahl von Jahren die sukzessive von ihm produzierten Mengen von Warenprodukt verkauft, so verwandelt er damit den Teil des Warenprodukts, der Träger des Mehrwerts ist, also den von ihm in Warenform produzierten Mehrwert selbst sukzessive in Geld, speichert dies nach und nach auf und bildet sich so potentielles neues Geldkapital…“ (S. 466.)

Es wird also — nach Marx! — sowohl der fixe Teil des ursprünglichen Kapitals, als auch der neu erzeugte Mehrwert, nachdem er „vergoldet“ wurde, „nicht wieder rückverwandelt“ in Bestandteile des produktiven Kapitals, sondern jedes dieser Elemente des realisierten Warenwertes „verharrt in Geldform“ entgegen dem Bucharinschen gesunden Menschenverstand (5). Allerdings unterscheidet sich diese Aufspeicherung und Schatzbildung grundsätzlich von der vorkapitalistischen. Denn während diese für den Besitzer Selbstzweck war, ist der Schatz des Industriellen potentielles Geldkapital, „potentiell wegen seiner Fähigkeit und Bestimmung, in Elemente von produktivem Kapital umgesetzt zu werden.“ (S. 466.) Aber, so fügt Marx hinzu, „tatsächlich vollzieht er (der industrielle Kapitalist) nur einfache Schatzbildung, die kein Element der Reproduktion ist“, denn natürlich kann der Umstand, daß der industrielle Kapitalist bestimmte reproduktive Absichten bei seiner Schatzbildung verfolgt, nichts an der Tatsache ändern, daß er sich vorläufig bis zur Erfüllung seiner Absichten, Jahre hindurch, wie ein gewöhnlicher Schatzbildner verhält. „Seine Tätigkeit besteht dabei zunächst nur im sukzessiven Entziehen von zirkulierendem Geld aus der Zirkulation.“ (Ebenda.)

Da haben wir also die „ungeheuerliche Vorstellung“ Rosa Luxemburgs von der Akkumulation des Kapitals! Und man meine nicht, daß es sich bei Bucharin um ein zufälliges Übersehen irgendeiner Stelle des „Kapital“ handle. Vielmehr negiert er überhaupt das Bestehen des Geldkapitals als eines selbständigen ökonomischen Faktors! In der Tat, wenn er behauptet, daß der erzielte Mehrwert in Geld realisiert wird, um dann unverzüglich die Geldform abzustreifen und sich in Elemente to produktiven Kapitals zu verwandeln, wo ist da noch Raum für eine selbständige Existenz des Geldkapitals als einer von der Geldzirkulation des Warenmärkten abgesonderten (wenn auch mit ihr eng verbundenen und im ununterbrochenen Stoffwechsel mit ihr stehenden), funktionell durchaus verschiedenen Geldmasse? (6)

Das Geldkapital würde ja danach nur ideell in den Büchern der Einzelkapitalisten, als das von ihnen ursprünglich angelegte und um den „Reingewinn“ der jährlichen Bilanzen rechnerisch vergrößerte Geldquantum existieren; gesellschaftlich dagegen würde nach der Bucharinschen Auffassung sein Bestehen und Wachsen gar nicht zum Ausdruck kommen, denn da die Geldform des realisierten Warenwertes unverzüglich abgestreift wird, tritt das Geld, das zur Realisierung diente, überhaupt nie aus der Zirkulation heraus, es kommt niemals dazu, sich abzusondern. Folglich löst sich bei Bucharin die Bewegung des Geldkapitals unterschiedslos in der allgemeinen Zirkulation des den Warenaustausch vermittelnden Geldes auf, folglich verwechselt er die Marx-Luxemburgsche Frage, wie das zur Erweiterung der Reproduktion notwendige zuschüssige Geld kapital der Zirkulation ständig entzogen werden kann, mit der einfältigen Frage, woher das ,,zuschüssige Geld“ stammt, das für den steigenden Zirkulationsbedarf nötig ist (7) und folglich kann er dann die bisher anscheinend noch unbekannte Tatsache enthüllen, daß zur Deckung des wachsenden Zirkulationsbedarfes, soweit derselbe nicht durch verschiedene geldersparende Mittel herabgesetzt werden kann, einfach die Goldproduktion dient (8) — womit er die ganze Sache „endgültig“ erledigt zu haben glaubt…

Aber da hat er die Rechnung ohne Marx gemacht! Dieser hat seinen Bucharin offenbar vorausgeahnt und so skizzenhaft und unvollständig er seine Darstellung des kapitalistischen Zirkulationsprozesses zurückließ, er sorgte doch mit einigen unzweideutigen Sätzen dafür, daß man die bedeutsamste Frage dieses Prozesses nicht in blauen Dunst auflöst. Schon im II. Abschnitt des zweiten Bandes des „Kapital“ schrieb er:

„Die einfachste Form, worin sich dies zuschüssige latente Geldkapital darstellen kann, ist die des Schatzes. Es ist mög1ich, daß dieser Schatz zuschüssiges Gold oder Silber ist, erhalten direkt oder indirekt im Austausch mit den edle Metalle produzierenden Ländern…. Es ist anderseits möglich — und dies ist die Mehrzahl der Fälle — daß dieser Schatz nichts anderes ist, als der inländischen Zirkulation entzogenes Geld.“ (S. 294.)
Und dann heißt es im III. Abschnitt, S. 474:
„Diese Schatzbildung — ausgenommen den Fall, wo der Goldproduzent der Käufer — unterstellt in keiner Weise zusätzlichen Edelmetall-Reichtum, sondern nur veränderte Funktion von bisher umlaufendem Geld. Eben fungierte es als Zirkulationsmittel jetzt fungiert es als Schatz, als sich bildendes virtuell neues Geldkapital. Bildung von zusätzlichem Geldkapital und Masse des in einem Lande befindlichen edlen Metalls stehen also in keiner ursächlichen Verbindung miteinander.“

Zum Verständnis dieser knappen Äußerungen sei folgendes bemerkt: Die zur Bewältigung sämtlicher Warenaustauschakte erforderliche Menge zirkulierenden Geldes hängt von der Masse der zum Austausch gelangenden Waren (ausgedrückt in der Summe ihrer Preise) und von der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes ab. Da jedes Geldstück nacheinander mehrere Austauschakte vermittelt, so genügt es natürlich, daß die zirkulierende Geldmenge einen kleinen Bruchteil der gesellschaftlichen Warenpreissumme ausmacht, und dieser Bruchteil wird noch sehr bedeutend verringert, wenn man verschiedene geldersparende Mittel anwendet, um die vielen einander kompensierenden Austauschakte im bloßen Verrechnungswege auszugleichen. Infolgedessen wächst der Zirkulationsbedarf an Geld mit dem Umfang der kapitalistischen Produktion nur ganz unverhältnismäßig wenig an, die Produktion der Geldmetalle bildet überhaupt nur einen geringfügigen Teil der gesamten kapitalistischen Produktion, überdies wird von diesen Metallen ein großer Teil gewerblich verarbeitet, ein Teil dient zum Ersatz des verschlissenen Geldes und so spielt der eigentliche Zuwachs an Währungsmetallen für Zirkulationszwecke eine recht Unbedeutende Rolle.

Etwas ganz verschiedenes vom Umlauf des zirkulierenden Geldes ist dagegen die Bewegung des Geldkapitals. Da kann ein Geldstück nicht mehrere Austauschakte in kurzer Zeit vollziehen. Im Augenblick, wo es ein Element des Geldkapitals bildet, fällt es aus der Zirkulation heraus und wird für längere Zeit unbeweglich. Es kann auch in dieser Funktion nicht durch geldersparende Mittel ersetzt werden, wie wir bei Behandlung des Kredites noch sehen werden. Es wird also die ganze sehr bedeutende Geldmasse, die als Geldkapital für die Reproduktion namentlich des fixen Kapitals bestimmt ist, in ihrer vollen Größe der Zirkulation entnommen und diese Masse wächst alljährlich um den nichtkonsumierten Teil des Mehrwertes, ferner aber noch dadurch an, daß bei steigender organischer Zusammensetzung des Kapitals, sein fixer Teil auch relativ zunimmt und folglich für seine Reproduktion ein immer größerer Teil des realisierten Warenwertes aufgeschatzt werden muß. Der hiezu erforderliche starke Geldabfluß wird aber dem Zirkulationsstrom seitens der Goldproduktion nur durch geringfügige Zuflüsse ersetzt, welche dem jährlichen Zuwachs an latentem Geldkapital bei weitem nicht entsprechen. Es ist also gewiß „möglich“, daß ein kleiner Teil des abgeschätzten Geldes aus dem Zufluß von der Goldproduktion gedeckt wird, aber für „die Mehrzahl der Fälle“ gilt das nicht, der größte Teil des Schatzes stammt aus dem Gelde, das früher zur Zirkulation diente, und wie diese auf die Dauer so große Abflüsse ertragen, wo sie, abgesehen von der Goldproduktion, ausreichenden Ersatz dafür finden kann, das ist eben die große Frage.

Welchen Sinn hat es also, wenn Bucharin auf die Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes und auf die Geldersparuhgsmittel da hinweist, wo Rosa Luxemburg von der Bewegung des Geldkapitals spricht, wenn er uns triumphierend die Quelle des „zuschüssigen Geldes“ aufdeckt, wo es sich um zuschüssiges Geldkapital handelt, für dessen Erfordernis jene Quelle absolut nicht genügen könnte? Er verrät damit nur, daß er den Unterschied zwischen Geldkapital und zirkulierendem Geld gar nicht begriffen, wahrscheinlich darüber zu wenig nachgedacht hatte und so kann man nur bedauern, daß er seine Kenntnisse in diesem Punkte nicht überprüft und vervollständigt hat, bevor ihn die Lust anwandelte, sich mit einer Rosa Luxemburg‘ auseinander zu setzen.

III.
Von der Leuchte des Leninismus wenden wir uns jetzt einer Sachverständigen des Austromarxismus zu. Die beiden Theoretikergruppen sind, wie man weiß, einander spinnefeind und so überrascht es, auf einmal zu sehen, wie sie in der Akkumulationsfrage trefflich übereinstimmen und in holder Eintracht das Bestehen eines solchen Problems bestreiten. Anknüpfend an Sternbergs Buch über den Imperialismus hat Helene Bauer im Wiener „Kampf“ zwei Aufsätze veröffentlicht, von denen besonders der zweite (9) durch den Versuch bemerkenswert ist, die Frage der Akkumulation im Wege des Kredits in ein Scheinproblem aufzulösen. Auch Bucharin schielte in seiner Polemik wiederholt nach dem Kredit als einem eventuellen Helfer in der Not, aber anscheinend war er mit seiner Aufdeckung der Goldproduktion als der Quelle zusätzlichen Geldkapitals so zufrieden, daß er es nicht mehr der Mühe wert fand, noch den Kredit dazu zu strapazieren. Dagegen ist die Austromarxistin anspruchsvoller und als eine moderne Frau, die sich in ihren geldtheoretischen Auffassungen von Albert Hahn beeinflussen lässt, verliert sie nicht einmal ein Wort über die Goldproduktion und läßt alles durch den großen Zauberer Kredit erledigen. Ihr fragt, wo das unverzehrte Mehrprodukt abgesetzt werde, wer dafür als Käufer in Betracht komme, wie das Geld zur „Versilberung“ des Mehrwerts erübrigt werden könne? Daran zeigt sich eben, daß eueren Vorstellungen „noch Denkgewohnheiten aus den Zeiten des Naturaltausches ankleben“ (10), ihr glaubt noch, daß „der einzelne nur dann über fremde Güter oder Leistungen verfügen kann, wenn er durch vorhergegangenen Verkauf eigener Güter oder Leistungen Kaufkraft erlangt“ (10), ihr wißt gar nichts davon, daß „der Kredit, den die modernen Kreditbanken der Industrie geben, wenn wir von den wirklichen Spareinlagen, die keine bedeutende Rolle spielen, absehen, eine Neuschöpfung von Kaufkraft“ (10) ist. Wie kann man noch unter diesen Umständen nach der Quelle des zuschüssigen Geldkapitals fragen? Über solche Schwierigkeiten primitiver Wirtschaft sind wir längst hinaus! Der Kreditnehmer bekommt einfach von der Bank „Bescheinigungen künftiger Leistungen“ (10), mit denen er soviel neue Produktionsmittel kaufen kann, als er braucht und er bezahlt schließlich nicht mit Geld, sondern mit dem „Endprodukt“, dessen Herstellung durch den Kredit vermittelt wurde. Wo ist da also noch eine Schwierigkeit für die Akkumulation? Vor solcher Offenbarung steht man zuerst in hilfloser Überraschung da, stutzt aber dann und erlaubt sich in aller Bescheidenheit zu fragen, warum denn Marx soviel Aufhebens vom zusätzlichen Geldkapital macht, obwohl ihm doch die Funktionen des Kredits ganz gut bekannt waren und er bei deren Berücksichtigung angeblich eine so bequeme Lösung seiner Schwierigkeiten finden konnte. Aber Helene Bauer kommt uns schon mit der Antwort zuvor. Gewiß hat Marx die Wirksamkeit des Kredits wohl gekannt, sie beruft sich ja selber auf mehrere Stellen des dritten Kapitalbandes, wo er davon handelt; wenn er dennoch im zweiten Bande bei der Darstellung der Reproduktion vom Kredit absah, so geschah es, weil „Marx hier nicht beabsichtigt hat, den Gesamtprozeß der kapitalistischen Entfaltung… in ein Zahlenbild zu bannen, sondern bloß die ineinandergreifenden Beziehungen, die sich aus der Zerrissenheit des gesellschaftlichen Wirtschaftskörpers in scheinbar unabhängige Produktionszweige ergeben, anschaulich machen und in ihrem Totalzusammenhang erfassen wollte“ (11).

Es wäre müßig darüber zu streiten, ob Marx in seiner Darstellung der Reproduktion „den Gesamtprozeß der kapitalistischen Entfaltung“ ausführen wollte oder nicht. Aus dem Torso, den er zurückließ und in welchem er den Gang der Reproduktion in allgemeinen Zügen entwarf, läßt sich weder dafür noch dagegen etwas Bestimmtes schließen. Aber eines hat er doch ohne Zweifel beabsichtigt: er wollte erklären, woher das zur Reproduktion auf erweiterter Stufenleiter, erforderliche neue Geldkapital — ob mit oder ohne Vergoldung des Mehrwerts — „entspringen kann“. Mit der Beantwortung dieser Frage müht er sich im größten Teil des Bruchstückes ab, aus welchem das 21. Kapitel des II. Bandes besteht, wobei er die verschiedensten Annahmen und Unterstellungen macht. Einmal geht er sogar so weit, eine Voraussetzung anzunehmen, die im schroffsten Widerspruch zu seinem ganzen System steht: daß nämlich die Arbeitskraft unter ihrem Wert bezahlt wird, weil er sehen wollte, ob nicht etwa dabei „ein Profitchen zu machen“ sei (S. 485), aus dem das zusätzliche Geldkapital „entspringen“ würde. Und da sollen wir glauben, daß er angesichts derartiger Schwierigkeiten gerade vom Kredit krampfhaft wegsah, obwohl sich durch diesen angeblich alles in Wohlgefallen auflösen läßt!

Wenn bei Untersuchung eines Problems von verschiedenen Umständen abstrahiert wird, um es möglichst zu vereinfachen, so versteht es sich, daß nur Umstände, die mit dem Problem nicht wesentlich zusammenhängen, die zu seiner Lösung an sich gar nichts beitragen könnten, von der Betrachtung ausgeschieden werden dürfen. Es wäre ja ein Unsinn, von einem Umstand des Problems abzusehen, der ein Element seiner Lösung bildet. Wenn daher ein so methodischer Denker, wie Marx, bei Untersuchung der Reproduktionsschwierigkeiten, vom Kredit bewußt abstrahierte, obwohl ihm dessen Funktionen bekannt waren, so hatte er zweifellos seine guten Gründe dafür, und diese sind auch nicht schwer herauszufinden.

Vor allem ist der Kredit auf einem großen Gebiete der Reproduktion gar nicht anwendbar. Es gibt nämlich eine für die kapitalistische Produktion äußerst wichtige Ware, die auf Kredit überhaupt nicht zu haben ist: das ist die Arbeitskraft. Marx hebt das sehr deutlich hervor und er weist darauf hin, daß der Geldbedarf für Lohnzahlungen „einen proportionell entscheidenden Anteil an der Gesamtzirkulation“ bildet (S. 390 d. II. Bds.), weil hier die vorgeschossene Geldmasse in unzählige kleine Beträge zersplittert wird .und es dann geraume Zeit dauert, bis diese Geldmenge auf dem Umweg über Krämer, Wirte, usw. in den Bankentresors wieder konzentriert und den Industriellen für neue Lohnzahlungen bereitgestellt werden kann. Dieser Geldbedarf läßt sich aber keineswegs durch „Bescheinigungen künftiger Leistungen“ decken, denn bis dahin würden ja die Arbeiter verhungern, sie nehmen nur bares Geld an und würde es etwa den Kapitalisten der Lebensmittelabteilung einfallen, der Produktionsmittelabteilung einen Warenkredit in Massenbedarfsartikeln für deren Arbeiter anzubieten und sich mit „Bescheinigungen künftiger Leistungen“ von Produktionsmitteln bezahlen zu lassen, so würden das wieder die Kapitalisten der Produktionsmittelabteilung dankend ablehnen; denn sie befassen sich nicht mit der Naturalverpflegung der Arbeiter. Selbst die Lebensmittelfabrikanten müssen ja den bei ihnen beschäftigten Arbeitern zuerst das nötige Geld vorschießen, um sich mit diesem das eigene Produkt abkaufen zu lassen. Nun kann natürlich ein Kapitalist dem anderen direkt oder im Bankwege Geldkapital für Lohnzahlungen leihen, aber das bedeutet gesellschaftlich keine „Neuschöpfung von Kaufkraft“ aus dem Nichts, sondern lediglich eine individuelle Übertragung derselben und diese Kaufkraft konnte nur entstehen, weil ihr ein Verkauf, also eine Realisierung in Geld schon vorausgegangen ist. Durch solche gegenseitige Aushilfen unter den Industriellen wird wohl der Geldbedarf der Gesellschaft für Lohnzahlungen in gewissen Grenzen ermäßigt, aber die Minimalsumme des gesamten für Lohnvorschüsse bestimmten Geldkapitals muß mit der Produktionserweiterung und der dadurch bedingten, Zunahme der Arbeiterzahl naturgemäß wachsen. Mit dem Zaubermittel Kredit kann man also in dieser Sphäre der Reproduktion nicht weit kommen und es ist bekannt, daß dem Unternehmer gerade in Zeiten bester Konjunktur nichts soviel Sorge bereitet, als die wöchentliche Bereitstellung der Löhne. Rohstoffe und Arbeitsmittel kann er sich meist unschwer auf Kredit beschaffen, um sie erst zu bezahlen, wenn sein Produkt bezahlt ist, aber die Arbeiter können ihm nicht so lange zuwarten, sie müssen schon vorher bezahlt werden und deshalb ist auch ihre Entlohnung die schwierigste Frage in der Finanzierung eines großen Unternehmens.

Anders freilich gestaltet sich die Kreditausnützung in der Reproduktion des konstanten Kapitals. Hier übt der Kredit sehr bedeutende Wirkungen auf den Gang der Wirtschaft aus, aber grundsätzlich ändert er nicht das Geringste an den von Marx dargestellten Vorgängen der Reproduktion, deren Schwierigkeit er keineswegs aufhebt, vielmehr sie noch verschärft und ihr einen konzentrierten Ausdruck verleiht Betrachten wir den Gang der Reproduktion innerhalb eines „industriellen Zyklus“ von Prosperität, Hochkonjunktur, Krise und Depression bis zu einem neuen Aufschwung, so müssen wir bei Berücksichtigung der Kreditfunktionen zwischen dem fixen und zirkulierenden Teil des konstanten Kapitals genau unterscheiden. Bei der Reproduktion des zirkulierenden konstanten Kapitals werden dem Markte mit Hilfe des Kredits Warenwerte in Rohstoffen und Lebensmitteln auf einige Wochen und Monate entzogen, um dann nach Beendigung der kurzen Umschlagsperiode durch verschiedene Fabrikate ersetzt und damit bezahlt zu werden. Hier sind die Auswirkungen des Kredits nicht von Bedeutung. Bei Reproduktion und Erweiterung des fixen Kapitals dagegen werden dem Markte unter Ausnützung des Kredits für Jahre und Jahrzehnte Rohstoffe und Lebensmittel entzogen, ohne vorläufig; durch andere Waren oder Geld ersetzt zu werden. Die Unternehmer kaufen ohne zu verkaufen, dafür stellen sie langsichtige Wechsel, Obligationen oder Pfandbriefe aus. Es ist fiktives Kapital, das sich in Händen der Banken und Leihkapitalisten ansammelt; seine Größe entspricht dem zur Erweiterung der Produktion mit Hilfe des Kredits neu angelegten Kapital. Während also die Unternehmer ohne Kreditanwendung zuerst durch Jahre ihren realisierten und nicht konsumierten Mehrwert ansammeln müßten, um ihn schließlich bei genügender Höhe zur Neuanlage und Erweiterung der Betriebe zu verwenden, gibt ihnen der Bankkredit die Möglichkeit, zur Ausnützung der aufsteigenden Konjunktur sofort ihre Betriebe zu erweitern, obwohl die dazu erforderliche Mehrwertsumme noch gar nicht erzeugt, geschweige denn realisiert wurde. Es beginnt somit eine starke Nachfrage nach vorrätigen Rohstoffen, Arbeits- und Lebensmitteln, deren Menge, ebenso wie die Zahl der qualifizierten Arbeiter aus der industriellen Reservearmee begrenzt ist und da der Warenverbrauch nicht sofort im gleichen Ausmaß ersetzt wird, steigen die Preise, bald darauf die Löhne und schließlich auch der Zinsfuß. Erreichen diese Steigerungen eine Höhe, die eine weitere Produktionsausdehnung unprofitabel macht, so beginnt die Nachfrage zu stocken, die Rohstoffbetriebe, die eben erst ihre Anlagen vergrößert haben, um sich der starken Absatzmöglichkeit anzupassen, können auf einmal keine Käufer für ihre Produkte finden, die Krise bricht aus mit den oft beschriebenen Nebenerscheinungen und es folgt eine mehrjährige Depression der Wirtschaft.

Jetzt aber setzt in der Depressionsperiode der umgekehrte Prozeß ein. Die Unternehmer sind an die Banken tief verschuldet, sie verwenden einen großen Teil des Warenerlöses zur allmählichen Rückzahlung ihrer Schulden. Das heißt: während sie früher kauften ohne zu verkaufen, sind sie jetzt genötigt, Jahre hindurch zu verkaufen, ohne im gleichen Ausmaß zu kaufen. Auf diese Weise, sammeln sich bei den Banken aus den Schuldtilgungen und Zinsenzahlungen große Mengen von brachliegendem Kapital an, welches aber vorläufig nicht zu neuen Anlagen verwendet werden kann, da ja allgemeine Depression herrscht. Es findet jetzt also zentralisierte Schatzbildung im Nachhinein statt. Während nach der Marxschen Darstellung, ohne Berücksichtigung des Kredits, jeder Unternehmer zuerst einen Schatz ansammelte, um dann das fixe Kapital erneuern und erweitern zu können, wird hier umgekehrt das fixe Kapital mit Kredithilfe ausgedehnt, dafür aber nachträglich bei Banken das entsprechende Geldkapital aufgeschatzt, und zwar ein gemäß dem Umfang der Produktionsausdehnung vergrößertes Geldkapital. Bis zum Beginn eines neuen industriellen Zyklus kann dieses Geldkapital keine Anlagemöglichkeit finden, bis zur Entschuldung der Unternehmungen kann aber auch keine neue Konjunktur beginnen. Folglich muß sich der ganze, neuangelegte Teil des Gesamtkapitals in zusätzliches Geldkapital nachträglich verwandeln, bevor eine neue Konjunkturperiode, eine weitere Produktionsausdehnung einsetzen kann. Man sieht, wir sind mit dem Kredit nicht weiter gekommen als ohne ihn: woher stammt dieses zusätzliche Geldkapital?

Wenn die verschuldeten Unternehmer ihre Produkte jetzt verkaufen, so müssen sie im Preise dieser Waren neben dem Ersatz des vorgeschossenen Lohnes, der verbrauchten Roh- und Hilfsstoffe und neben dem Teil des Mehrwerts, den sie konsumieren, unbedingt auch noch einen Mehrwertteil realisieren, den sie schon im voraus mit Kredithilfe in der neuen erweiterten Betriebsanlage festgelegt haben. Der Produktionspreis ihrer Ware muß also ein entsprechendes Element für die Tilgung und Verzinsung ihrer Schuld enthalten. Soweit diese Unternehmer in ihrer Gesamtheit die anderen Elemente des Produktionspreises realisieren, sind sie füreinander Käufer, denn sie verkaufen diesen Teil des Produktes nur, um das erhaltene Geld sofort in neuen Lohnvorschüssen, Rohstoffen, persönlichen Bedarfsartikeln anzulegen. Soweit sie aber den Schuld- und Zinsenanteil am Produktionspreise realisieren, sind sie nicht füreinander Abnehmer, denn sie müssen ja das erhaltene Geld zur Bank tragen und diese kann es nicht weiter verleihen, weil dieses Geld nur zu einer, neuen Produktionsausdehnung dienen könnte, während die Industriellen infolge der Depression gar nicht in der Lage sind, ihre alten Anlagen voll auszunützen. Es ist also evident, daß eine Realisierung dieses Mehrwertteiles auf dem bisherigen Markte unmöglich ist, sie kann nur durch eine Erweiterung des Marktes, durch Einbeziehung eines neuen Absatzgebietes Zustandekommen. Und diese Notwendigkeit tritt unter dem Kreditsystem noch viel schärfer hervor, als bei der bisherigen Betrachtung ohne Kreditsystem.

Wenn die Reproduktion ohne Kreditanwendung stattfindet und die Unternehmer mangels einer Möglichkeit der Mehrwertrealisierung keine Akkumulation, keine Ausdehnung der Produktion durchführen können, so mag ihnen das als Pech erscheinen, aber ihre Existenz wird dadurch noch nicht gefährdet. Soweit eine Markterweiterung stattfindet, beruht das auf der Gerissenheit und Unternehmungslust Einzelner und dann haben diese eben den Vorteil davon. Wenn dagegen unter dem Kreditsystem die Produktion ausgedehnt wird, indem die Banken aus den Depositen der Sparer und Leihkapitalisten den Unternehmern Gelder ausleihen und die Unternehmer dann diese Schulden aus dem Mehrwert zurückzuzahlen haben, so handelt es sich bei dessen Realisierung nicht mehr um geschäftliches Glück oder Pech, sondern um den Druck einer Notwendigkeit. Die Markterweiterung ist dann nicht eine Frage des „inneren Dranges“ einzelner Kapitalisten, sondern des äußeren Zwanges für das Gesamtkapital. Läßt sie sich nicht durchsetzen, dann können die Unternehmer ihren Verpflichtungen gegenüber den Banken nicht nachkommen, dann werden diese bankrott und die Sparer ruiniert. Man begreift daher, warum das Finanzkapital immer als die treibende Kraft bei allen Expansionsversuchen erscheint. Doch damit ist nur die erste Vorbedingung des modernen Imperialismus gegeben, die wichtigsten Züge, die ihn charakterisieren, sind damit noch keineswegs erklärt und es wird noch nötig sein, darauf näher einzugehen. — Vorläufig muß ich hier schließen. Was immer an meinen Ausführungen im einzelnen auszusetzen sein wird, eines hoffe ich doch mit genügender Klarheit dargetan zu haben: Die Frage der Akkumulation ist kein Scheinproblem! Daß sie offen steht und bisher nicht gelöst, auch von Rosa Luxemburg nicht gelöst wurde — das läßt sich nach den vorausgegangenen Ausführungen schwerlich leugnen. Die Darstellung der Reproduktion sollte der Schlußstein des ökonomischen Lehrgebäudes von Marx sein, eine Krönung, die ihm selbst nicht mehr vergönnt war; für die kapitalistische Ökonomie unserer Zeit ist aber der Reproduktionsprozeß die Basis, von der aus die wichtigsten Erscheinungen des gegenwärtigen Wirtschaftslebens allein erklärt werden können. So lange es den Schülern von Marx nicht gelingt, eine volle und einwandfreie Lösung des Akkumulationsproblems zu bieten, so lange wird ihnen der Schlüssel zum Mechanismus der heutigen kapitalistischen Wirtschaft fehlen. Aber die Sache steht dann noch schlimmer! Gelingt es nicht, eine einwandfreie Reproduktionstheorie zu entwickeln, die als Krönung des Marxschen Lehrgebäudes dienen soll, dann werden die Grundlagen des Baues selbst unsicher und seine Tragsäulen geraten ins Wanken. Denn an dieser Krönung sollte sich ja der ganze Bauplan bewähren! Mißlingt sie, so ist für die Welt zumindest der indirekte Beweis geliefert, daß der Plan überhaupt verfehlt war… Unter diesen Umständen wird das Akkumulationsproblem zu einer Lebensfrage des wissenschaftlichen Sozialismus. An ihrer Lösung muß er sich und der Welt beweisen, daß seine Theorie eine Wissenschaft war und bleibt. Mit der Aufrollung der Akkumulationsfrage ist der große Schulstreit im Marxismus eingeleitet worden, durch ihre Aufklärung muß der entscheidende Schritt getan werden, um diesen Streit wissenschaftlich zu erledigen. Und so wird die tiefgreifende innere Krise, die der Wandel der kapitalistischen Umwelt im Marxismus hervorgerufen hat, schließlich zu seinem Jungbrunnen werden!

Fußnoten

(1) Es handelt sich hier wohlgemerkt nicht um den Ursprung des Mehrwerts, sondern um die Quelle des Mehrgelds, in welches der erzeugte Mehrwert verwandelt werden muß.

(2) Ich zitiere nach der IV. Auflage, Hamburg 1910. Für Leser anderer Ausgaben sei bemerkt, daß sich diese Stelle im einleitenden Teil des 21. Kapitels findet.

(3) Vergleiche die Antikritik „Was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben“, Seite 28/29, Leipzig 1921.

(4) „Unter dem Banner des Marxismus“, I. Jahrgang (deutsche Ausgabe), Seite 44/45.

(5) Er wird vermutlich einwenden, daß dieses aufgeschatzte Geld im Wege des Kredits „unverzüglich“ in produktives Kapital für andere Unternehmungen verwandelt werden kann, Ich betone daher schon an dieser Stelle, daß der Kredit an der Sache im wesentlichen nichts ändert, daß er insbesondere die Anhäufung von latentem Geldkapital nicht überflüssig macht, was ich im Schlußabschnitt beweisen werde. Vorläufig betrachte ich jedoch die Koproduktion ohne Berücksichtigung des Kredits, wozu ich um so mehr berechtigt hin, als auch Bucharin auf den Fall des Kredits nicht näher eingeht und seine Behauptungen ohne entsprechenden Vorbehalt aufstellt.

(6) Bucharin kennt außer dem zirkulierenden Geld nur noch das „moneyed capital im englischen Sinne“, das heißt das zinstragende Leihkapital. Aber dieses bildet nur eine Unterabteilung des allgemeinen gesellschaftlichen Geldkapitals, deren Sonderdasein dadurch äußerlich hervortritt, daß sich diese Kapitalmasse im Besitze einer besonderen Schicht von Finanziers und Rentnern befindet. Sollte die Existenz des Geldkapitals der Unternehmer deshalb minder real sein, weil sie es aus eigener Kasse vorschießen und den Zins dafür (neben dem eigentlichen Profit) selbst einstreichen? Da Bucharin zugeben muß, daß die Bewegung des Gesamtkapitals vom Wachstum des Leihkapitals „begleitet“ wird (Seite 57), so wird er solche „Begleitung“ hoffentlich auch dem eigenen Geldkapital der Unternehmer nicht verwehren. Und mehr brauchen wir. Denn niemals hat Rosa den ihr von Bucharin unterschobenen Unsinn behauptet, daß die Akkumulation des Geldkapitals mit derjenigen des Gesamtkapitals „identisch“ sei, wohl aber, daß eine Akkumulation des Kapitals in Geldform vorausgehen muß, damit sein Wachstum in produktiver Form, die erweiterte Reproduktion stattfinden kann.

(7) Bucharin „Unter dem Banner . . .“, Seite 58.

(8) Ebenda.

(9) „Der Kampf“, Jahrgang XX, April 1927.

(10) Seite 175.

(11) Ebenda, Seite 176.

(Die Wende, Heft 1, Oktober 1927, S. 13-24)