Julius Dickmann – Der tote Marxismus und der lebende Marx (Die Wende, 1927)

Seit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifestes sind jetzt achtzig Jahre verflossen. Ein Zeitalter voll grundstürzender Umwälzungen ist dahingegangen, in dessen Verlauf das Antlitz der Erde völlig verändert wurde. Unter dem Einfluß der im Manifest entwickelten Gedanken hat die Arbeiterklasse einen Aufstieg vollbracht, der sie dauernd oder vorübergehend ans Ruder großer Reiche führte und zum entscheidenden Faktor der Geschichte machte. Aber wenn zum Geburtstag des Marxismus die sozialistische Presse aller Länder die Bedeutung seiner Grundschrift feiern und einen Triumphgesang darüber anstimmen wird, wie herrlich weit wir es seither gebracht haben, sollte dieser Tag für die denkenden Arbeiter zum Anlaß selbstkritischer Einkehr werden, deren Ergebnis freilich kein Hochgefühl des Triumphes, vielmehr ein Gefühl tiefster Beschämung wäre: Der achtzigste Jahrestag des Kommunistischen Manifestes findet die Arbeiterklasse in feindliche Lager gespalten und die Marxsche Schule in voller Auflösung!

Zerstört, in Stücke gerissen ist das alte Band der proletarischen Einheit! Die Macht, die einst ausgezogen ist, die Gegensätze zu überwinden, welche die bürgerliche Gesellschaft zerreißen, ist heute selbst von inneren Gegensätzen durchklüftet. Die Klasse, welche berufen ist, in allen Staaten die Herrschaft anzutreten, kann nicht der widerstreitenden Kräfte Herr werden, die in ihrem eigenen Schoße wühlen. Der äußerlich so imponierende, ins Riesenhafte angewachsene Körper windet sich in seiner schwersten Krise…

Spaltungen in der Arbeiterbewegung sind gewiß nichts Ungewöhnliches. Sie waren bis zum Auftreten des Marxismus sogar ein allgemeine, für die Anfänge der Arbeiterbewegung charakteristische Erscheinung und die geschichtliche Leistung der neuen Lehre bestand vorerst darin, diese Spaltungen zu überwinden. Das Beschämende und Demütigende an der gegenwärtigen Spaltung ist aber der Umstand, daß sie im Namen des Marxismus, erfolgte, derjenigen Lehre, die mit dem Anspruch hervortrat, alle Probleme, welche die Arbeiterklasse scheiden, durch wissenschaftliche Untersuchung einheitlich lösen zu können; das Schmerzliche und Erniedrigende ist die Tatsache, daß der Fraktionskampf allseits im Zeichen des Kommunistischen Manifestes geführt wird, jenes Dokumentes, welches in dem flammenden Aufruf zur Vereinigung aller Arbeiter ausklingt!

Der Marxismus war früher den Arbeitern ein mächtiges Erlebnis, das auf ihren Charakter und Lebensrichtung einen dauernden Einfluß übte. Was an dieser Lehre am meisten bewundert wurde, war die ungeheuere Sammlungskraft, die ihr einst innewohnte. Denn es gibt keinen höheren Maßstab für den Wert einer sozialen Theorie, als den Grad ihrer Fähigkeit, Massen zu vereinigen und sie zu gleichgerichtetem Handeln anzuleiten. In dieser Hinsicht zeigte der Marxismus eine gewaltige Überlegenheit allen anderen sozialen Theorien gegenüber und darin sah man, abgesehen von der Überzeugungskraft seiner einzelnen Lehren, den sichersten Prüfstein für seine geschichtliche Bedeutung. Während die anderen Systeme des Sozialismus es kaum zur Bildung kleiner zerstreuter Sekten und Gemeinden gebracht haben, sammelte der Marxismus fast in allen industriellen Ländern eine ständig zunehmende, einheitlich kämpfende, Masse um sich, die von seiner Gedankenwelt unwiderstehlich angezogen wurde, weil er ihr dasjenige klar zum Bewußtsein brachte, was ihr inneres Leben am tiefsten bewegte.

Um so schmerzlicher war daher die Enttäuschung, als diese massenverbindende Kraft gerade in dem Augenblicke versagte, da sie auf die entscheidende Probe gestellt wurde und es auf ihr Wirken am meisten ankam. Der Krieg hat das mühselige Werk der Massensammlung, welches der Marxismus in Jahrzehnten vollbracht hatte, an einem einzigen Tage vernichtet. Er hat nicht nur die Arbeiter der verschiedenen Länder einander entfremdet, was wenigstens in der ersten Zeit noch massenpsychologisch begreiflich war; er hat überdies in jedem einzelnen Lande zur Bildung gegensätzlicher Richtungen innerhalb des Marxismus geführt, die einander im Namen einer und derselben Lehre immer heftiger bekämpfen. Die Begriffe und Lehrsätze des Marxismus, welche das Denken der Massen so lange in einheitliche Bahnen gerichtet haben, wurden jetzt umgekehrt zum zerstörenden Sprengpulver, dessen Wirkung die ganze Arbeiterbewegung in feindliche Gruppen zerriß. Die theoretische Auseinandersetzung zwischen den Richtungen führte aber nicht etwa zu einer zunehmenden Klärung und allmählichen Verständigung über gemeinsame Grundsätze, sondern im Gegenteil zu einer wachsenden Verschärfung der Gegensätze zwischen den Gruppen, die sich immer mehr von einander entfernten und dieser gehässige Meinungskampf, ausgetragen meist zwischen Personen, die vor nicht zu langer Zeit noch einträchtig miteinander zusammenwirkten, läßt Vieles am Marxismus gänzlich verzweifeln…

Doch hier gerade zeigt er sich von seiner stärksten Seite und das Einzigartige an dieser Lehre tritt leuchtend hervor: sie bietet uns selbst das Gegenmittel, das uns vor der Verzweiflung au ihr bewahren muß! Denn der Marxismus lehrte uns von Anfang an, sein System nicht als die zufällige Erfindung eines genialen Menschen zu betrachten, die, wenn sie ihren Zweck nicht mehr erfüllt, einfach beiseite geschoben und durch ein neu ersonnenes „besseres“ System ersetzt werden kann; er lehrte uns vielmehr, seinen Inhalt als das historisch Produkt einer jahrzehntelangen geistigen Entwicklung zu begreifen, die in seinen Denkergebnissen noch gar nicht zum Abschluß gekommen ist. An der Art, wie er selbst aus dem Auflösungsprozeß eines älteren Denksystems hervorgegangen ist, enthüllt er uns den tieferen Sinn seines eigenen Zerfalls und zugleich macht er uns an der Geschichte seiner Entstehung klar, auf welchem Wege jetzt wieder seine Lehre von einer anderen abgelöst werden kann. Als das Hegelsche System, vom Strom der Geschichte unterwühlt, zusammengebrochen war, da klammerten sich Marx und Engels nicht, wie die anderen Hegel-Schüler an die einzelnen Bestandteile des zerfallenden Lehrgebäudes, um diese gegeneinander ins Treffen zu führen; sie wandten sich aber auch nicht einfach ab von ihm, als ob es eine bloße Verirrung des Denkens gewesen wäre; sie retteten aus dem Zusammenbruch das Unvergängliche, Unversehrbare an Hegels Philosophie, seine dialektische Methode und setzten so Hegels Werk fort, obwohl sie sein zertrümmertes System aufgegeben hatten. Diese dialektische Methode haben die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus vervollkommnet und durch ihre Anwendung ein neues theoretisches System errichtet, welches durch Jahrzehnte als Richtschnur für die Arbeiterbewegung diente. Wenn nun jetzt auch das Marxsche System ins Wanken gekommen ist und seinen Zweck der Massensammlung nicht mehr erfüllen kann, so muß jener Vorgang von Marx und Engels gegenüber Hegels Philosophie, nunmehr an ihrer eigenen Lehre wiederholt werden: der Marxismus ist tot, es lebe der Marxismus!

Durch das Zurückgreifen vom System auf die Methode, von den verknöcherten Resultaten des Marxschen Denkens auf den Weg, durch den sie gewonnen wurden, erscheint der Richtungskampf innerhalb des Marxismus in einem ganz anderen Lichte. Wir sehen jetzt, daß dieser Streit nicht gelost werden kann, indem man einer bestimmten Richtung „recht“ gibt, oder sie allesamt als falsch erklärt, noch weniger, indem man ihre widersprechenden Ansichten eklektisch nebeneinander gelten läßt, sondern nur durch die dialektische Einheit des Widerspruchsvollen, welche durch das konsequente Zu-Ende-Denken des einen Satzes, die Notwendigkeit seines Gegensatzes hervorkehren muß. Die bis zur äußersten Schroffheit entwickelte Idee der Internationale, zeigt uns den Imperialismus als ihre unerläßliche Voraussetzung; der auf die Spitze getriebene Gedanke der Rätediktatur macht zum Schluß einen Purzelbaum und es erweist sich, daß unter ihr erst recht der Parlamentarismus notwendig bleibt. Aus jedem Satz folgt unausbleiblich sein Gegensatz und das Resultat der dialektischen Bewegung deckt sich weder mit den einzelnen Gruppentheorien, noch mit der Summe ihrer widersprechenden Ansichten, es entsteht etwas Unabhängiges, Neues!

Ein zweites Moment, das uns durch das Zurückgreifen auf die Marxsche Methode klar wird, ist die Erkenntnis, daß der Marxismus selbst in seinem ganzen Entwicklungsgang, den Gesetzen der Dialektik unterworfen ist, was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jeden Marxisten sein sollte, aber trotzdem bisher nirgends zum Ausdruck gebracht wurde. Wir erkennen jetzt, daß die frühere Blütezeit des Marxismus nur den ersten Anlauf darstellte, daß sein jetziger Zersetzungsprozeß bloß ein Zurückziehen auf sich selbst, die Vorbereitungsstufe zu einer Wiedergeburt bildet, aus der er in neuem Glanz, mit unendlich vertiefter Einsicht und vielfach gesteigerter Anziehungskraft schließlich hervorgehen wird. Dieser Optimismus in bezog auf seine weitere Entwicklung hat aber nichts gemein mit der Hoffnungsseligkeit derjenigen, die in der jetzigen Krise bloß „vorübergehende Meinungsverschiedenheiten“ sehen und sich damit trösten, daß jeder Streit mit einer Versöhnung endet. Eine Verständigung auf Grundlage der alten Lehre ist unmöglich, sie wird niemals erreicht werden und gerade darauf ist die optimistische Ansicht von der Zukunft des Marxismus fest begründet!

Aber noch ein dritter Umstand wird uns durch die Wiederbesinnung auf die Marxsche Dialektik zum Bewußtsein kommen. Der Marxismus hat seinen Einfluß auf die Arbeiterbewegung in langwierigem Kampfe gegen eine ganze Reihe von utopisch-rationalistischen Systemen des Sozialismus erobert, deren gemeinsamer Irrtum darin bestand, daß sie den Sozialismus wollten, aber ohne die geschichtliche Entwicklung, aus der allein er hervorgehen konnte. Der Marxismus hat diese Theorien überwunden, weil der realistische Gedanke des Klassenkampfes, den er verfocht, dem Bedürfnis der Arbeitermassen mehr Rechnung trug, als die utopischen Träumereien der verschiedenen Sekten. Dabei wurde jedoch das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und viele wertvolle Gedanken, welche in jenen Theorien enthalten waren, wurden gemeinsam mit dem Irrtum „vernichtet“. Jetzt, da der Marxismus in einer schweren Krise begriffen ist und die Unzulänglichkeit seiner alten Lehre offenkundig zutage trat, tauchen die totgesagten, scheinbar für immer überwundenen Ideen wieder in der Arbeiterbewegung auf. Aber ihr Sinn hat inzwischen in der gewaltig veränderten Umwelt eine neue Bedeutung gewonnen. Heute, da sich die Entwicklung zum Sozialismus ihrem Endpunkt nähert, stehen die Kerngedanken jener rationalistischen Systeme dem Klassenkampf nicht mehr im Wege, ihr konstruktiver Gehalt könnte ihn im Gegenteil befruchten und aus ihrer organischen Verschmelzung mit den marxistischen Grundgedanken auf kritisch-wissenschaftlicher Basis würde ein erneuerter, verjüngter Marxismus hervorgehen.

Auch dieser Vorgang wäre nur die Wiederholung eines Prozesses, der nach dem Untergang des Hegelschen Systems vollzogen wurde. Die deutsche idealistische Philosophie ist im Kampfe gegen den englischen Empirismus und französischen Materialismus groß geworden. Als aber Marx und Engels nach ihrer Auflösung die dialektische Methode Hegels übernommen hatten, dachten sie nicht daran, ein neues idealistisches System durch deren Anwendung zu schaffen — ein Ziel, welches bekanntlich Ferdinand Lassalle vorgeschwebt hatte — sondern sie verarbeiteten die Ergebnisse der fremden materialistischen Systeme unter Anwendung der dialektischen Methode und gelangten so zu ungeahnten Einblicken in die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Nicht anders wird sich die Fortentwicklung der Marxschen Lehre vollziehen können. Es gilt die tiefen, wenn auch in doktrinärer Form ausgedrückten Ideen des Owenismus, Proudhonismus, Syndikalismus usw. kritisch zu verarbeiten, sie dem Marxismus einzuverleiben und die Anwendung der dialektischen Methode kann uns dafür bürgen, daß der Grundgehalt der Marxschen Lehre dabei nicht verloren gehen wird.

Diese sozialwissenschaftliche Umwälzung kann selbstredend nicht als Leistung eines Einzelnen und am wenigsten im Rahmen der kleinen Studien vollzogen werden, mit deren Herausgabe ich hier beginne. Ihr Zweck ist nur, den ersten Anstoß dazu zu geben, die geistige Atmosphäre dafür zu schaffen, indem sie an einer Reihe von aktuellen Streitfragen zeigt, daß ein solches Werk möglich ist und wie es möglich ist.

Die Blätter gehen in die Welt nicht aus dem behaglichen Studierzimmer eines gelehrten Literaten, sondern aus der engen Stube eines einfachen Proletariers. Mögen sie vor allem den Weg zur Arbeiterklasse finden und zur Klärung ihrer Schicksalsprobleme recht wirksam beitragen.

(Die Wende, Heft 1, 1927, S. 1-4)