Julius Dickmann – „Außerökonomische Reste“ bei Karl Marx. Brief an Karl Korsch (1932)

Anläßlich der neuen Auflage des „Kapitals“, über die wir im „Funken“ vom 1. Juni berichtet haben, hat Karl Korsch von Julius Dickmann, Wien, einen Brief erhalten, den er uns zur auszugsweisen Veröffentlichung überlassen hat. Die Redaktion.

Als wichtigste Stelle Ihrer Einleitung erscheinen mir die auf Seite 20 ausgeführten Bemerkungen über jene Teile des „Kapitals“, die den Rahmen der ökonomischen Theorie sprengen, vor allem der Hinweis auf den „außerökonomischen Rest“ in der Behandlung der Akkumulationsfrage. Sie sind meines Wissens der erste, der darauf aufmerksam macht, daß Marx selber die Frage der ursprünglichen Entstehung des Kapitals nicht ökonomisch, sondern nur geschichtlich beantwortet (also methodisch genau so verfehlt, wie seine klassischen Vorgänger, nur inhaltlich von ihnen verschieden), daß er dieses Problem „schließlich überhaupt nicht mehr theoretisch, sondern in Form einer aus der Geschichte abgeleiteten Entwicklungstendenz vielmehr praktisch zu lösen“ sucht. Diese klare Feststellung einer für das „Kapital“ äußerst bezeichnenden Tatsache ist sehr dankenswert; aber leider bleibt sie bei Ihnen eine bloße Feststeilung, die Sie gar nicht beunruhigt, an der Sie nichts auszusetzen haben. Ja, es scheint geradezu, daß Sie darin einen Vorzug des Werkes sehen, wohl in der Meinung, daß hier der Punkt ist, wo die Oekonomie aus der engen Einseitigkeit einer Fachdisziplin heraustritt und in die Totalität einer gesamtsozialen, auch andere „menschlichen“ Seiten berücksichtigenden Entwicklung einbezogen werden muß.
Aber dabei übersehen Sie zweierlei. Erstens ist ja bei Marx das „Oekonomische“ immer geschichtlich erfaßt, es wird, von ihm auch bei Darstellung des vollentwickelten, sich täglich reproduzierenden Kapitalismus in allgemein menschlichen Beziehungen aufgelöst. Das Oekonomische ist ja bei ihm stets nur der Ausdruck des Sozialen innerhalb der Produktionssphäre. Wenn er nun bei Darlegung der „ursprünglichen“ Akkumulation, des Ueberganges von der feudalen zur kapitalistischen Produktionsweise bloß geschichtlich verfährt, anstatt (wie er es sonst immer tut) die Oekonomie dieses Ueberganges auf ihren geschichtlichen Hintergrund zurückzuführen, so bedeutet diese Behandlung der Frage das Eingeständnis, daß er das Oekonomische, Produktiv-bestimmte an diesem geschichtlichen Vorgang gar nicht sah und daher den Ursprung des Kapitalismus durch außerökonomische „geschichtliche“ Akte oder rein herausgesagt Gewaltmaßnahmen erklären mußte, die nur scheinbar materiellen Charakter haben; denn die Expropriation ist ein juristischer, also ideologischer Akt!
Zweitens: Marx erklärt: „Es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen.“ Hat er diesen Eindruck erreicht? Durch Ihre klare Feststellung im Geleitwort haben Sie diese Frage mit Recht aber noch unbewußt verneint! Denn ein Bewegungsgesetz muß doch wohl Ursprung und Ende, nicht bloß den Verlauf einer Bewegung erklären können! Da Sie nun zugeben, daß bei Marx der Ursprung des Kapitalismus außerökonomisch erklärt wird, so ist sein „Gesetz“ nur Stückwerk geblieben. Und ferner: Ein „Gesetz“ ist doch die theoretische Erfassung eines notwendig verlaufenden Geschehens. Sie aber geben zu, daß Marx den Ursprung des Kapitalismus in Form einer praktisch vor sich gegangenen Entwicklung darlegte, deren Tatsachlichkeit wohl feststeht, aber damit noch nicht ihre innere Notwendigkeit. Marx hat wohl das „Geheimnis“ der kapitalistischen Praktiken in der „ursprünglichen“ Akkumulation enthüllt, nicht aber ihr bestimmendes „Gesetz“ das die objektiven Beweggründe dieser Praktiken zu „enthüllen“ hätte. Soll man sich dann wundern, daß Oppenheimer diese Schwäche der Marxschen Lehre ausnützt, den „außerökonomischen Rest“ in der Darlegung der ursprünglichen Akkumulation zum Mittelpunkt des ganzen Prozesses macht? Gewiß kann man Marx für diese stumpfsinnige Verballhornung seiner wirklichen Ansichten nicht verantwortlich machen, aber es ist schlimm genug, daß sie durch Ausnützung seiner Schwächen in diesem Punkt ermöglicht wurde.
Gehen wir zum Konkreten über. Das Hauptstück im „Geheimnis“ der ursprünglichen Akkumulation ist die Enteignung des Landvolkes in vielen Distrikten Englands, um den bis dahin angebauten Boden in Schaftriften zu verwandeln. Dies also die „außerökonomischen“ Tatsachen. Grund: Nach Marx ist es die Steigerung des Wollpreises durch den Bedarf der flandrischen Industrie. Nun ist diese Behauptung schon sachlich falsch. Denn im 16. Jahrhundert steht bereits die merkantilistisch gezüchtete englische Wollindustrie im Kampfe gegen die flandrische, der man aus Konkurrenzgründen die Zufuhr englischer Wolle entzieht. Aber stellen wir uns auf den Marx sehen Standpunkt, so ist es klar, daß die seit dem 14. Jahrhundert tat sächlich vorhandene Nachfrage nach englischer Wolle, ob nun von Flandern oder von England aus, nur dem raschen Wachstum der in Form des hausindustriellen Verlages entwickelten kapitalistischen Wollindustrie zuzuschreiben ist. Wodurch erklärt also Marx die „ursprüngliche“ Akkumulation in England? Durch das Wachstum einer bereits existierenden kapitalistischen Industrie in Flandern! Wie ist aber dann der Kapitalismus in Flandern entstanden, wo es doch bekanntlich keine Bauerexpropriation gab und keine Verwandlung von Getreideland, in Schafweide? Marx verschiebt also tatsächlich die Frage, statt sie zu beantworten! Und er verwechselt hier Ursache und Wirkung: Erst die rasche Ausdehnung des kapitalistischen Wollgewerbes machte den Uebergang von Getreideproduktion zur Schafwollzucht rentabel; der bereits bestehende Kapitalismus gab den Anstoß zur Expropriation des Landvolkes in England, zu jenen Akten der ,,ursprünglichen Akkumulation“, denen er angeblich seine Entstehung verdanken sollte.

Der Funke. Tageszeitung für Recht, Freiheit und Kultur (Berlin), 5. Juli 1932.


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