Georges Sorel – Apologie der Gewalt (1908)

Wer sich mit revolutionären Worten an das Volk wendet, muß seine Aufrichtigkeit einer genauen Probe unterziehen. Denn die Arbeiter verstehen diese Worte in dem Sinne, wie sie sich ihnen in ihrer Sprache darstellen, und geben sich nicht mit Deutungen ab. Als ich zuerst über proletarische Gewaltmaßnahmen schrieb, war ich mir vollständig klar darüber, welche schwere Verantwortlichkeit ich auf mich nahm, als ich versuchte, die historische Rolle der Gewaltakte zu schildern, welche unsere Sozialisten im Parlament so eifrig zu verhüllen bestrebt sind. Heute zögere ich nicht, zu erklären, daß der Sozialismus ohne eine Apologie der Gewalt nicht bestehen könne.
Das Proletariat verkündet seine Macht, seine Existenz, in den Streiks. Ich kann mich nicht entschließen, in einem Streik etwas Ähnliches zu erblicken, wie in dem zeitweiligen Abbruch der Handelsbeziehungen zwischen einem Krämer und seinem Lieferanten, weil die beiden sich nicht über die Preise verständigen können. Der Streik ist eine Erscheinung des Krieges, es ist deshalb eine große Unwahrheit, daß die Gewalt eine Erscheinung ist, die aus den Streiks verschwinden muß. Die soziale Revolution ist eine Ausdehnung dieses Krieges, dessen Episoden aus Streiks bestehen; deshalb sprechen die Syndikalisten von der Revolution in der Sprache der Streiks, der Sozialismus nimmt für sie den Gedanken der Erwartung und der Vorbereitung des Generalstreiks an, der ähnlich wie ein Sieg Napoleons ein zum Sterben reifes System vernichten wird.
Ein solcher Begriff verträgt sich mit keiner der feinsinnigen Auslegungen, in denen ein Jaurès Meister ist. Es handelt sich um einen Umsturz, in dessen Verlauf die Unternehmer und der Staat durch die organisierten Arbeiter verjagt werden. Unsere Intellektuellen, die von der Demokratie die ersten Plätze erhoffen, werden auf ihre Wissenschaft verwiesen, die Parlamentssozialisten, die in den durch die Bourgeoisie geschaffenen Organisationen die Mittel finden, eine gewisse Rolle zu spielen, werden überflüssig werden.
Die Beziehungen zwischen den gewaltsamen Streiks und dem Kriege sind sehr ausbaufähig. Niemand zweifelt, daß der Krieg den antiken Republiken die Ideen geliefert hat, die den Schmuck unserer modernen Kultur bildet. Der soziale Krieg, auf den das Proletariat sich in den Syndikaten unablässig vorbereitet, kann die Elemente einer neuen Zivilisation schaffen, die sich für ein Volk von Arbeitern und Erzeugern schickt. Ich werde nie müde, die Aufmerksamkeit meiner jungen Freunde auf die Probleme hinzulenken, welche der Sozialismus von dem Gesichtspunkte einer Zivilisation von Arbeitern bietet. Ich stelle fest, daß sich heute eine Philosophie entwickelt, die sich auf diesen Plan einstellt und an die man vor wenigen Jahren kaum gedacht hätte; diese Philosophie ist mit einer Apologie einer Gewalt eng verknüpft. Ich habe für den „schöpferischen Haß“ niemals die Bewunderung gehegt, die Jaurès ihm gewidmet hat. Ich empfinde für die Meister der Guillotine nicht die gleiche Nachsicht wie er. Ich verabscheue jede Maßregel, die den Besiegten unter dem Schein eines Urteilsspruchs erschlägt. Der am hellen lichten Tage geführte Krieg, der keine heuchlerische Milde angesichts der Leiche eines unversöhnlichen Feindes kennt, schließt alle Erniedrigungen aus, die die Bürger der Revolution des 18. Jahrhunderts entehrt hat. Die Apologie der Gewalt ist in diesem Fall besonders leicht.
Es würde wenig nützen, den Armen zu erklären, daß sie im Unrecht sind, gegen ihre Herren Eifersuchts- und Rachegefühle zu empfinden; diese Gefühle sind zu stark, als daß sie durch Ermahnungen unterdrückt werden können, und auf die Allgemeinheit dieser Empfindungen gründet vor allem die Demokratie ihre Gewalt. Der soziale Krieg kann, indem er an das Ehrgefühl appelliert, welches sich so natürlich in jeder organisierten Armee entwickelt, die häßlichen Empfindungen ausschalten, gegen die die Moral ohnmächtig geblieben wäre. Wenn es keinen anderen Grund, gäbe als diesen, um dem revolutionären Syndikalismus einen hohen zivilisatorischen Wert beizumessen, so würde dieser Grund mir ausreichend scheinen, um mich auf die Seite der Apologisten der Gewalt zu stellen.
Der Gedanke des Generalstreiks, der durch die Praxis der gewaltsamen Streiks erzeugt wird, enthält den Begriff eines nicht wieder abzuändernden Umsturzes. Darin liegt etwas Erschreckendes, — um so mehr als bis dahin die Gewalt einen großen Raum in den Geistern der Proletarier, eingenommen haben wird. Aber indem sie ein ernstes, furchtbares und erhabenes Werk unternehmen, erheben sich die Sozialisten über unsere leichtfertige Gesellschaft und werden würdig, der Welt neue Namen zu zeigen.
Man könnte die Parlamentssozialisten mit den Beamten vergleichen, aus denen Napoleon einen neuen Adel gebildet hatte und die sich muhten, den von dem „Ancien Régime“ überkommenen Staat zu kräftigen. Der revolutionäre Syndikalismus würde den napoleonischen Armeen entsprechen, deren Soldaten soviel Heldentaten verrichteten, obwohl sie wußten, daß sie arm bleiben würden. Was ist von dem Kaiserreich geblieben? Nichts als das Heldengedicht der Großen Armee! Was von der gegenwärtigen sozialistischen Bewegung bleiben wird, das wird die Epoche der Streiks sein.

Georges Sorel – Apologie de la violence (Le Matin, 18.05.1908)

(Werner Sombart, Grundlagen und Kritik des Sozialismus, Berlin, 1919, Bd. 2, S. 189-191)