Pjotr Kropotkin – Der Nihilismus (1899)

Inzwischen entwickelte sich unter der gebildeten russischen Jugend eine gewaltige Bewegung. Die Leibeigenschaft war aufgehoben. Es blieb aber als Folge dieser zweihundertfünfzig Jahre bestehenden Institution im häuslichen Leben in mehrfacher Beziehung ein gut Teil von Sklaverei zurück. Diese bekundete sich vornehmlich in der despotischen Mißachtung jeglicher menschlichen Individualität seitens der Väter und in der heuchlerischen Unterwürfigkeit der übrigen Familienglieder, der Frauen, Söhne und Töchter. Am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts herrschte in Europa, wie man aus Thackerays und Dickens’ Romanen zur Genüge ersehen kann, überall in bedeutendem Maße ein häuslicher Despotismus, aber nirgends sonst hatte sich diese Tyrannei so üppig entfaltet wie in Rußland. Hiervon legt das ganze russische Leben in der Familie, in den Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, zwischen Offizieren und Soldaten, zwischen Arbeitgebern und Angestellten Zeugnis ab. Eine ganze Welt von Unsitten und falschen Anschauungen, von Vorurteilen und moralischer Feigheit, von Gewohnheiten, wie sie ein träges Leben erzeugt, hatte sich allmählich herausgebildet, und selbst die Besten dieser Zeit zahlten jenen Produkten der Periode der Sklavenzeit einen reichen Tribut.
Das Gesetz war hier ohnmächtig. Nur eine, das Uebel an der Wurzel angreifende, kräftige soziale Bewegung konnte eine Reform in den Gewohnheiten und Sitten des täglichen Lebens hervorbringen, und diese Bewegung — diese Empörung des Individuums — gewann in Rußland einen weit kraftvolleren und in ihrer Kritik des Bestehenden weit entschiedeneren und radikaleren Charakter als sonst wo in Westeuropa oder Amerika. „Nihilismus“ nannte sie Turgenjew in seinem epochemachenden Roman „Väter und Söhne.“
Diese Bewegung wurde in Westeuropa falsch verstanden. So wird der Nihilismus in der Presse nicht vom Terrorismus unterschieden. Die revolutionären Unruhen, die gegen das Ende der Regierungszeit Alexanders II. ausbrachen und schließlich zu dem tragischen Tode des Zaren führten, werden regelmäßig als nihilistisch bezeichnet. Das ist jedoch ein Irrtum. Den Nihilismus mit dem Terrorismus zusammenzuwerfen ist ebenso verkehrt als eine philosophische Bewegung wie den Stoicismus oder den Positivismus mit einer politischen Bewegung, z. B. dem Republikanismus, zu identifizieren. Der Terrorismus wurde zu einem gegebenen historischen Zeitpunkte durch bestimmte besondere Momente des politischen Kampfes ins Leben gerufen. Er hat bestanden und hat sein Ende gefunden. Er kann wieder aufleben und wieder verschwinden. Aber der Nihilismus hat dem ganzen Leben der gebildeten Klassen Rußlands ein eigenes Gepräge aufgedrückt, und dieses Gepräge wird noch eine gute Reihe von Jahren vorhalten. Seiner herberen, bei einer jungen Bewegung der Art unvermeidlichen Züge meist entkleidet, verleiht er noch jetzt vielfach dem Leben der gebildeten Klassen Russlands einen gewissen, besonderen Charakter, dessen Nichtvorhandensein im westeuropäischen Leben uns Russen bedauerlich erscheint. Eine Erscheinungsform des Nihilismus ist es auch, wenn vielen von unsern Schriftstellern jene beachtenswerte Aufrichtigkeit, jene Gewohnheit, „laut zu denken“, eigen ist, die westeuropäischen Lesern so erstaunlich erscheint.
Zuvörderst erklärte der Nihilist den Krieg gegen alles, was man „die konventionellen Lügen der zivilisierten Gesellschaft“ nennen kann. Unbedingte Aufrichtigkeit war für ihn charakteristisch, und um dieser Aufrichtigkeit willen gab er jeden Wahn, jedes Vorurteil, jede Angewohnheit und Sitte auf, die sich vor dem Richterstuhl ihrer eigenen Vernunft nicht rechtfertigen ließen, und forderte von andern das gleiche Verhalten. Vor keiner Autorität außer der Vernunft wollte er sich beugen; er unterzog alle sozialen Einrichtungen oder Sitten einer kritischen Prüfung und empörte sich dabei gegen jede Art von mehr oder minder verhülltem Sophismus.
Natürlich warf er den Aberglauben seiner Väter von sich und war seiner philosophischen Auffassung nach ein Positivist, ein Agnostiker, ein Evolutionist in Spencerschem Sinne, oder ein Anhänger des wissenschaftlichen Materialismus; und während er niemals den einfachen, aufrichtigen religiösen Glauben, der eine psychologisch begründete Forderung des Gefühls bildet, bekämpfte, wandte er sich heftig gegen die Heuchelei, welche die Leute antreibt, sich die Maske einer Religion anzulegen, die sie doch beständig als unnützen Ballast beiseite werfen.
Das „gesittete“Leben ist voll von kleinen konventionellen Lügen. Wenn sich Leute, die einander nicht leiden mögen, auf der Straße treffen, so lassen sie ihr Gesicht von einem glücklichen Lächeln erglänzen; der Nihilist blieb gleichgültig und lächelte nur denen zu, über deren Begegnung er sich wirklich freute. Alle nur dem Scheine dienenden äußeren Höflichkeitsformen waren ihm in gleicher Weise verhaßt, und er nahm sogar als einen Protest gegen die glatte Liebenswürdigkeit seiner Väter eine gewisse äußere Rauhheit an. Er bemerkte, wie jene sich in ihren Reden in ungehemmter idealer Sentimentalität ergingen und sich doch zur selben Zeit in ihren Handlungen als wirkliche Barbaren gegen ihre Frauen, Kinder und Leibeigenen zeigten; und er empörte sich gegen diese Art von Sentimentalität, die sich schließlich so gut mit den nichts weniger als idealen Zuständen des russischen Lebens abzufinden verstand. In der Kunst machte sich der kritisch verneinende Geist in ebenso durchgreifender Weise geltend. Das beständige Geschwätz von Schönheit, Ideal, Kunst um der Kunst willen, Aesthetik und dergleichen, in dem man sich so gern erging — während doch jeder Kunstgegenstand mit Geld bezahlt wurde, das man halbverhungerten Bauern und schlecht bezahlten Arbeitern entzogen hatte, und während der sogenannte Kultus des Schönen< nichts war als eine Maske für die gemeinste Zügellosigkeit — dieses Geschwätz widerte ihn an, und die Kritik der Kunst, die einer der größten Künstler des neunzehnten Jahrhunderts, Tolstoi jetzt so hinreißend formuliert hat, faßte der Nihilist der sechziger Jahre in der Versicherung zusammen: „Ein Paar Stiefel ist mehr wert als alle eure Madonnen und all euer spitzfindiges Geschwätz über Shakespeare.“
Ehe ohne Liebe und vertrauter Verkehr ohne Freundschaft wurde ebenfalls verworfen. Die Nihilistin, die ihre Eltern nötigten, eine Puppe in einem Puppenhause zu sein und sich zu einer Geldheirat herzugeben, ließ lieber ihr elterliches Haus und ihre seidenen Kleider im Stich; sie legte ein schwarzes Wollenkleid der einfachsten Art an, schnitt ihr Haar kurz und besuchte eine Hochschule, um sich selbständig ihr Brot verdienen zu können. Sah eine Frau, daß ihre Ehe keine Ehe mehr war, — daß weder Liebe noch Freundschaft mehr die verband, die vor dem Gesetz als Weib und Mann galten, so zerbrach sie lieber die Bande, die allen ihren Wert verloren hätten; oft genug schaute sie mit ihren Kindern der Armut ins Auge, zog aber Einsamkeit und Elend einem bequemen Leben vor, in dem sie ihr besseres Ich beständig verleugnen mußte.
Der Nihilist bethätigte seine Wahrheitsliebe sogar in den geringsten Angelegenheiten des täglichen Lebens. Ohne Rücksicht auf die konventionellen Formen gesellschaftlicher Unterhaltung gab er seinen Gedanken in einfacher, ungeschminkter Weise Ausdruck, ja, er suchte sich dabei wohl absichtlich den Anschein der Lauheit zu geben.
Wir pflegten in Irkutsk einmal wöchentlich abends zusammenzukommen, wobei auch etwas getanzt wurde. Eine Zeit lang besuchte ich diese Gesellschaften regelmäßig, kam aber dann, weil ich zu arbeiten hatte, immer seltener. Als ich mehrere Wochen hintereinander weggeblieben war, fragte eines Abends eine von den Damen einen jungen Freund von mir, warum ich mich nicht mehr sehen ließe. „Er reitet jetzt, wenn er Bewegung braucht,“ lautete die nicht eben höfliche Erwiderung. „Er könnte aber doch auf ein paar Stunden in unsern Kreis kommen, ohne zu tanzen,“ wagte eine andere zu bemerken. „Was sollte er hier?“ versetzte mein nihilistischer Freund, „mit Ihnen über Mode und Putz reden? Er hat genug von dem Unsinn gehabt.“
„Aber er kommt doch hin und wieder mit Fräulein So und So zusammen,“ warf schüchtern eine dritte ein., „Ja, aber die ist ein geistig strebsames Mädchen,“ entgegnete er derb, „er hilft ihr beim Studium des Deutschen.“ Ich muß noch erwähnen, daß diese zweifellos grobe Zurückweisung zur Folge hatte, daß die meisten von den Irkutskerinnen in nächster Zeit meinen Bruder, meinen Freund und mich mit Fragen bestürmten, was sie nach unserm Rate lesen oder studieren sollten. Mit derselben Offenheit trat der Nihilist seinen Bekannten gegenüber und sagte ihnen, all ihr Gerede über „diese armen Leute“ sei bloße Heuchelei, solange sie von der schlecht bezahlten Arbeit dieser Leute lebten, die sie bei ihrer Unterhaltung in den Prunkzimmern gemächlich bedauerten. Und mit dem gleichen Freimut erklärte auch ein Nihilist einem hohen Beamten, er (der Beamte) frage gar nichts nach der Wohlfahrt seiner Untergebenen, sondern sei einfach ein Dieb!
Herb erschien gewiß auch der Nihilist, wenn er einer Dame unumwunden sagte, sie habe allein am Klatsch ihre Freude und sei nur auf ihre feinen Manieren und ausgesuchte Toilette stolz, oder wenn er einem jungen Mädchen ohne Umschweife erklärte: „Wie, Sie schämen sich nicht, solchen Unsinn zu schwatzen und einen Chignon von falschen Haaren zu tragen?“ In einem Weibe wollte er einen Kameraden, ein menschliches Wesen, aber keine Puppe und keinen Kleiderstock sehen und wies es mit Entschiedenheit von sich, die kleinlichen Höflichkeitsbeweise mitzumachen, mit denen die Männer den von ihnen mit Vorliebe als schwächeres Geschlecht angesehenen Frauen entgegenzutreten pflegen. Trat eine Dame ins Zimmer, so sprang ein Nihilist nicht von seinem Sitz auf und bot ihn ihr an, wenn sie nicht etwa offenbar müde war und sich kein anderer Sitz im Zimmer befand. Sein Verhalten gegen sie unterschied sich nicht von dem gegen einen Kameraden männlichen Geschlechts, Wenn aber eine Dame, die ihm vielleicht im übrigen völlig fremd war, etwas zu lernen wünschte, das er kannte und sie nicht, so kam es ihm nicht darauf an, jeden Abend bis in das entgegengesetzte Stadtende zu gehen, um ihr bei ihren Studien zu helfen. Der junge Mann, der keine Hand rührte, einer Dame eine Tasse Thee zu reichen, überließ einem Mädchen, das Studien halber nach Moskau oder Petersburg kam, seine einzige Privatstunde, die ihm seinen Lebensunterhalt verschaffte, mit den einfachen Worten:
„Ein Mann kann leichter Arbeit finden als eine Frau. In meinem Anerbieten soll nichts Ritterliches liegen, es entspringt nur dem Gefühle der Gleichheit.“ Zwei große russische Romandichter, Turgenjew und Gontscharow, haben diesen neuen Typus in ihren Werken darzustellen versucht. Gontscharow bot in seinem „Absturz“ eine Karikatur des Nihilismus, indem er wohl nach dem Leben zeichnete, aber ein dem Durchschnitt keineswegs entsprechendes Mitglied jener Richtung sich auswählte. Turgenjew war ein zu großer Künstler, war auch selbst zu sehr für den neuen Typus von Bewunderung erfüllt, um sich zur Zeichnung eines Zerrbildes verleiten zu lassen, aber auch sein Nihilist, Basarow, befriedigte uns nicht. Er war uns, besonders in seinen Beziehungen zu seinen alten Eltern, zu rauh, und vor allem warfen wir ihm seine anscheinende Vernachlässigung seiner Bürgerpflichten vor. Der russischen Jugend konnte die rein negative Haltung von Turgenjews Helden nimmermehr genügen. Der Nihilismus war mit seiner Betonung der Rechte jedes einzelnen und seiner Ablehnung aller Heuchelei nur der erste Schritt zu einem höheren Typus von Männern und Frauen, die, ebenso frei von Vorurteilen, in positiver Arbeit ihr Leben einer großen Sache weihen. In Tschernischewskys als Kunstwerk weit tiefer stehendem Roman „Was thun?“ fanden die Nihilisten bessere Abbilder ihrer selbst.
„Bitter ist das Brot, das Sklavenhand bereitet“, schrieb der russische Dichter Nekrasow. Das junge Geschlecht wollte thatsächlich dies Brot nicht essen noch den Reichtum genießen, der im väterlichen Hause durch Sklavenarbeit angehäuft war, mochten die Arbeiter wirkliche Leibeigene oder Lohnsklaven des bestehenden Wirtschaftssystems sein.
Mit Erstaunen erfuhr das ganze Rußland aus der Anklageschrift gegen Karakosow und seine Freunde, dass diese jungen Männer, die über ein beträchtliches Vermögen verfügten, zu dreien oder vieren in einem Zimmer wohnten, mit je zehn Rubeln monatlich ihren ganzen Unterhalt bestritten und dabei ihr Vermögen für kooperative Genossenschaften, kooperative Werkstätten, in denen sie selbst mitarbeiteten, und dergleichen hergaben. Fünf Jahre später thaten Tausende und aber Tausende, und zwar die Auserlesensten der russischen Jugend, das gleiche. Ihre Losung war: „W narod!“ (zum Volke; seid Volk!). Während der Jahre 1860 bis 1865 fand fast in jeder reichen Familie ein erbitterter Kampf statt zwischen den Vätern, die die alten Traditionen aufrecht erhalten wollten, und den Söhnen und Töchtern, die für das Recht stritten, ihr Leben nach ihren eigenen Idealen einrichten zu dürfen. Vom Dienst im Heer, vom Ladentisch, von der Werkstätte strömten die jungen Männer nach den Universitätsstädten. Mädchen aus den vornehmsten Häusern eilten ohne einen Pfennig nach Petersburg, Moskau und Kiew, voll eifrigen Verlangens, etwas zu erlernen, das sie vom häuslichen Joche und vielleicht auch von dem drohenden Ehejoche frei machen könnte. Nach hartem und erbittertem Kampfe errangen auch viele diese persönliche Freiheit. Nun wollten sie sie aber nützlich anwenden, nicht zu eigenem, persönlichem Gewinn, sondern um dem Volke das Wissen, das sie selbst frei gemacht hatte, zu übermitteln.
In jeder russischen Stadt, in jedem Viertel Petersburgs bildeten sich kleine Gruppen zum Zwecke der Selbstbildung und des Selbstunterrichts. Man las in diesen Kreisen mit großer Aufmerksamkeit philosophische und volkswirtschaftliche Werke wie die Forschungsergebnisse der jungrussischen historischen Schule, und an das Lesen schlossen sich endlose Besprechungen, deren Ziel die Lösung der großen ihnen immer vor Augen schwebenden Frage war: „Wie können wir uns der großen Masse nützlich erweisen?“ Allmählich kamen sie zu der Ueberzeugung, das einzige Mittel wäre, sich unter dem Volke niederzulassen und am Leben des Volkes unmittelbar teilzunehmen. Nun gingen junge Männer als Aerzte, Heilgehilfen, Lehrer, Dorfschreiber, selbst als landwirtschaftliche Arbeiter, Schmiede, Holzfäller u. s. w. in die Dörfer, um dort in inniger Berührung mit den Bauern zu leben. Die Mädchen bestanden die Lehrerinnenprüfung, bildeten sich als Hebammen oder Pflegerinnen aus und gingen zu Hunderten in die Dörfer, um sich gänzlich dem Dienste der Aermsten zu weihen.
Dabei schwebten ihnen damals noch keine Ideale sozialer Umwälzung oder irgendwelche Gedanken an Revolution vor; einzig und allein war es ihr Ziel, die Massen der Bauern lesen zu lehren, sie zu unterrichten, ihnen ärztlichen Beistand zu gewähren oder sonst bei ihrer Erhebung aus Nacht und Elend mitzuhelfen und zugleich von ihnen zu erfahren, welcher Art ihre Ideale von einem besseren sozialen Leben wären.
Bei meiner Rückkehr aus der Schweiz fand ich diese Bewegung in vollem Schwunge.

Pjotr A. Kropotkin, Memoiren eines Revolutionärs. Autorisierte Übersetzung von Max Pannwitz, Stuttgart, R. Lutz, 1900, Bd. 2, S. 102-111.


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