Alltags und Arbeiterwiderstand in Paris 1870 (Denis Poulot – Der Erhabene, 1869)

Denis Poulot hat im Jahre 1869 unter dem Titel „Der Erhabene“ [Le Sublime] ein kleines Büchlein über den Pariser Arbeiter gesehrieben, das für die Charakteristik dieser Klasse um so wertvoller ist, als der Verfasser selbst Arbeiter war und mitten in ihrer Welt gelebt hat. Zola hat dieses Schriftchen gekannt und in den Bildern benutzt, die er im „Totschläger“ und in anderen seiner Romane von dem Leben und Treiben der Arbeiter und dem moralischen Zuschnitt ihrer Anschauungen entwirft. Wir folgen in unserem kurzen Auszug den Angaben von Levasseur:

„Ein Prinzipal, der den Pariser Arbeiter, besonders den der Eisenindustrie, lange und in der Nähe beobachtet hat,“ so schreibt er, „hat seine Art zu leben dargestellt und sich besonders an die Schilderung eines Typus gehalten, den er den , Erhabenen‘ nennt und der in seiner Art klassisch geworden ist. Der ,Erhabene‘ ist der unzuverlässige Arbeiter, von dem, welcher nur unregelmäßig Beschäftigung sucht, bis zu dem, der gewissenlos drauflos lebt oder dem, der sich gegen die soziale Ordnung empört. Der Verfasser kennt da verschiedene Stufen. Der ,einfache Erhabene‘ arbeitet höchstens 200—225 Tage im Jahre und berauscht sich mindestens einmal in der Woche. Wenn er sein Geld verausgabt hat, um sich einen vergnügten Tag zu machen, so kommt er wieder in die Werkstätte, gibt zu, daß er ein Kamel ist und während der Ebbe in seiner Kasse frühstückt er mit einem Sou für Brot, Radieschen und Wasser. Es erscheint ihm als Pflicht, den Prinzipal aufsitzen zu lassen, außerdem bleibt er nie ein Jahr bei demselben; seine Miete zahlt er höchst ungern und wenn es möglich ist, so rückt er (d. h. er zieht ohne Geräusch ganz in der Stille aus). — Der ,wahre Erhabene‘ (zwischen ihn und den ‚einfachen Erhabenen‘ stellt der Verfasser den ‚gefallenen Erhabenen‘) arbeitet höchstens drei Tage in der Woche und befindet sich fast stets zwischen zwei Schnäpsen, schlecht gekleidet und unsauber ist er trotzdem Großsprecher. Ganz anders sind der ,Sohn Gottes‘ und der ‚Erhabene der Erhabenen‘. Sie halten sich ordentlich, sogar elegant; manchmal sind sie gute, aber immer sehr unregelmäßige Arbeiter, dafür aber Schönredner, die sich meistens zu sozialistischen Theorien bekennen. In der Werkstatt sind sie die Häupter der Opposition und eine Autorität für die Kameraden; als Don Juan behandeln sie die Frauen, an deren Schürzenband sie oft genug hängen. Dieses Bild ist nach der Natur gezeichnet. Der Verfasser nimmt an, daß dieser Typus in der Eisenindustrie mehr als die Hälfte der Arbeiterschaft ausmacht. Die regelmäßigen Arbeiter teilt er in drei Kategorien, den .wahren Arbeiter‘, den er ein wenig idealisiert, den ‚gewöhnlichen Arbeiter‘ und den ,gemischten Arbeiter‘. Der ‚gemischte Arbeiter‘ ist nach ihm eine gute Seele, aber schwach und geneigt, sich verführen zu lassen. Er ist unverheiratet und lebt als Mieter in möbliertem Zimmer; besitzt er eigene Möbel, die er in Raten bezahlt hat, so wird er sie wahrscheinlich beim nächsten Streik verkaufen. Ist er verheiratet, so wird er versuchen, seine Frau um den Wochenlohn zu behumpfen. Aber diese Frau, die er arg fürchtet, ist ein Gendarm trotz einem, bringt er kein Geld, so weiß sie, wie sie es zu fordern hat. Wohnt er in der Nähe der Werkstatt, so gibt ihm seine Frau ein paar Groschen für Schnaps und Tabak, wohnt er entfernt, so gibt sie ihm sein Essen mit und er kauft sich Brot und Wein dazu. Am Sonntag wird außerhalb der Stadt gegessen und der Mann geht aufs Land, um sich die Nase zu begießen.“

(Max Boehn, Vom Kaiserreich zur Republik. Eine Kulturgeschichte Frankreichs im 19. Jahrhundert, München, Hyperionverlag, 1921, 2. Auflage, S. 341-342.)

Version française: Emile Levasseur, Histoire des classes ouvrières etc.