Johann Most – Die Eigenthumsbestie (1887)

Der Mensch ist unter den Raubthieren das schlimmste. Das ist ein Ausspruch, den heutzutage viele thun, der aber nur bedingungsweise richtig ist. Nicht der Mensch als solcher ist ein Raubthier, sondern nur der Mensch in Verbindung mit Reichthum. Je reicher der Mensch ist desto stärker ist seine Gier nach weiterem Vermögen. Solch ein Unthier, welches man Eigenthumsbestie nennen kann, und das gegenwärtig die Welt beherrscht, die Menschheit unglücklich macht und mit dem Fortschreiten der sogenannten »Zivilisation« an Grausamkeit und Schlingkraft gewinnt, soll im Nachstehenden gekennzeichnet und der Ausrottung empfohlen werden.

Blickt Euch um! In jedem sogenannten »Kultur«-Lande giebt es unter je hundert Menschen etwa 95 mehr oder minder vollendete Habenichtse und ungefähr fünf Geldprotzen.

Es ist nicht nötig, alle Schleichwege aufzusuchen, auf denen die Letzteren ihr Vermögen erworben haben. Der Umstand, dass sie Alles besitzen, während die Uebrigen lediglich existieren, resp. vegetiren, lässt allein schon keinen Zweifel darüber aufkommen, dass die Wenigen auf Kosten der Vielen reich geworden sind.

Bald durch das direkte brutale Faustrecht, bald durch List, bald durch Betrug hat sich diese Rotte des Grund und Bodens und aller darauf befindlichen Güter bemächtigt. Vererbung und vielfacher Händewechsel haben diesem Raub einen »altehrwürdigen« Anstrich verliehen und dessen wahres Wesen verwischt; deshalb wird die Eigenthumsbestie noch immer nicht als solche erkannt; sondern sogar mit heiliger Scheu respektirt.

Und doch sind Alle, welche nicht zu dieser Art gehören, deren Opfer. Jeder Sprössling eines Nichteigentümers (Armen) findet bei seinem Eintritt in die Welt jedes Fleckchen Erde besetzt. Es giebt keine Güter, die nicht einen »Herren« hätten. Ohne Arbeit entsteht aber nichts und um heutzutage arbeiten zu können, sind nicht nur Fähigkeit und Wille erforderlich, sondern auch Werkzeuge, Rohstoffe und Lebensmittel. Der Arme wendet sich daher notgedrungen an Jene, die alle diese Dinge in Hülle und Fülle besitzen. Und siehe da, es wird ihm seitens der Reichen die Erlaubniss ertheilt, weiter zu existiren. Dafür hat er sich aber sozusagen seiner Kraft und Geschicklichkeit zu entäussern. Diese verwenden fortan seine vermeintlichen Lebensretter für sich. Denn Letztere spannen ihn einfach ins Joch der Arbeit; sie zwingen ihn, bis zur äussersten Grenze körperlicher und geistiger Anstrengung neue Schätze zu erzeugen, nach denen er aber nicht seine Hände auszustrecken berechtigt ist. Würde er sich lange besinnen wollen, solch‘ einen ungleichen Handel abzuschliessen, so belehrte ihn doch bald sein knurrender Magen, dass der Arme hierzu keine Zeit hat.

Und da viele Millionen ganz in der nämlichen Lage sich befinden, wie er, so setzt er sich obendrein der Gefahr aus, dass sich, während er sich besinnt, hundert Andere um seine Stelle bewerben, so dass er neuerdings in der Luft hängt. Furchtbar schwingt seine Peitsche der Hunger über dem Kopfe des Armen. Um zu leben, muss er sein eigenes Ich täglich und stündlich freiwillig verkaufen.

Es waren entsetzliche Zeiten, als die herrschenden Klassen auf die Sklavenjagd gezogen waren und Jene, die in ihre Hände fielen, in Ketten schlugen und mit Gewalt zur Arbeit zwangen. Ungeheuerlich sah es aus in der Welt, als die christlich-germanischen Räuber ganze Länder stahlen, den Boden den Völkern unter ihren Füssen hinweg zogen und sie zum Frondienst pressten. Den Gipfel der Schmach aber hat erst die heutige »Ordnung« erzeugt: denn sie hat mehr als neun Zehntel der Menschheit um ihre Existenzbedingungen betrogen, in Abhängigkeit einer winzigen Minderheit versetzt und zur Selbsthingabe verdammt, gleichzeitig jedoch dieses Verhältniss dermassen durch allerlei Formeln verhüllt, dass die Hörigen der Neuzeit — die Lohnsklaven ihre Rechtlosigkeit und Knechtschaft nur zum Theil erkennen und geneigt sind, sie dem Glücks-, resp. Unglücksfalle zuzuschreiben.

Diesen grässlichen Zustand zu verewigen, das ist das einzige Streben der »vornehmen« Welt. Unter sich sind zwar die Reichen nicht immer einig; im Gegentheil sucht Einer den Anderen durch Handelskniffe, Spekulantenlist und Konkurrenzmaximen zu übervortheilen; allein dem Proletariate gegenüber stehen sie als eine geschlossene feindliche Masse da.

Ihr politisches Ideal ist daher — aller freisinnigen Redensarten ungeachtet — ein möglichst starker und ruppiger Büttelstaat.

Bettelt der Arme, der momentan ausser Stande ist, sich an einen Ausbeuter zu verkaufen, oder den die Eigenthumsbestie bereits zur Arbeitsunfähigkeit ausgeschunden hat, so sagt der satte Bourgeois, das sei Vagabundage, und er ruft nach Polizei; er verlangt Stockprügel und Zuchthäuser für den armen Teufel, der nicht zwischen Bergen von Lebensmitteln verhungern will.

Greift der Arbeitslose gar zur sonst so viel gepriesenen Selbsthilfe, tut er im Kleinen, was die Reichen täglich ungestraft im Grossen thun, d. h. stiehlt er etwa, um existiren zu können, so sammelt die Bourgeoisie glühende Kohlen »sittlicher« Entrüstung über seinem Haupte und überantwortet ihn mit strenger Miene dem Staatszwinger, um ihn dort desto entschiedener (wohlfeiler) auszubeuten.

Verbinden sich die Arbeitsleute, um gemeinsam höhere Löhne, kürzere Arbeitstage u. dgl. zu ertrotzen — sogleich zetert das Protzenthum, das sei Konspiration und müsse hintertrieben werden. Organisiren sich die Proletarier politisch, so ist das ein Verstoss gegen »göttliche Weltordnung«, der durch Ausnahmegesetzgebung zu Nichte gemacht werden muss.

Denkt schliesslich das Volk ans Rebelliren, so erschallt in der ganzen Welt ein Wutgeheul der Goldtiger ohne Ende. Sie lechzen nach Massakres und ihr Blutdurst ist unstillbar.

Das Leben des Armen gilt dem Reichen ohnehin für Nichts. Als Schiffseigner setzt er ganze Bemannungen aufs Spiel, wenn es darauf ankommt, hohe Versicherungsprämien für halbverfaulte Fahrzeuge zu ergaunern. Schlechte Ventilation, zu tiefer Bau, mangelhafte Stützung u. s. w. bringen jährlich vielen Tausenden von Bergleuten den Tod, erhöhen aber den Gewinn, daher es für die Grubenbesitzer dabei sein Bewenden hat. Nicht mehr kümmert sich ein Fabrikpascha darum, wie viele »seiner« Arbeiter von Maschinen zerrissen, durch Chemikalien vergiftet oder in Dunst und Schmutz langsam erstickt werden. Der Profit ist die Hauptsache.

Weiber sind billiger als Männer, daher saugt jeder kapitalistische Vampyr mit ganz besonderer Vorliebe Weiberblut. Obendrein liefert ihm die Frauenarbeit wohlfeile Maitressen. Kinderfleisch ist das billigste; was Wunder, dass die Kannibalen der modernen Gesellschaft ständig ihre Zähne fletschen nach jugendlichen Opfern. Was haben sie darnach zu fragen, dass die armen Kleinen auf solche Weise verwahrlost und verkrüppelt werden! Während Tausende davon im zarten Alter, ausgemergelt und elend in die Grube sinken, steigen die Aktien. Das genügt!

Da die Bourgeoisie vermöge ihres Kapitals alle neuen Erfindungen nur für sich allein in Anspruch nimmt, hat jede neue Maschine, statt Arbeitszeitverkürzung und Erhöhung des Lebensglücks für Alle, nur Entlassung aus dem Geschäft für die Einen, Lohnherabsetzung für Anderen, stärkere Verelendigung für das ganze Proletariat zur Folge. Wenn aber die Vermehrung der Produkte begleitet ist von einer zunehmenden Verarmung der Volksmassen, so muss die Konsumtion gleichzeitig abnehmen; es müssen Stockungen und Krisen eintreten. Eine Fülle von vorhandenen Schätzen in den Händen Weniger muss Hungertyphus unter der Masse erzeugen. Das Verkehrte, ja Wahnsinnige eines solchen Zustandes liegt auf der Hand. Die Protzen aber zucken mit den Achseln darüber. Das werden sie so lange treiben, bis über ihren Achseln ein wohlgeschlungener Strick alle Zuckungen endet.

Aber nicht bloss als Produzent wird der Arbeiter in der mannigfaltigsten Weise geschröpft, sondern auch als Konsument. Sein kärgliches Einkommen suchen ihm zahlreiche Schmarotzer schleunigst wieder abzujagen.

Wenn die Waaren bereits durch allerlei Börsen und Grosistenlager gewandert sind und durch verschiedenartige Makler- und Jobberprofite, durch Zölle und Taxen Preisaufschläge erfahren haben, kommen sie endlich zum Krämer, dessen Kunden fast ausschliesslich Proletarier sind. Grosskapitalisten »machen« d. h. ergaunern vielleicht 10—20 Prozent Gewinn bei ihren Umsätzen; der Krämer will mindesten 100 Prozent haben. Er bedient sich zur Erzielung dieses Resultats verschiedenartiger Kniffe; insbesondere treibt er die schamloseste Waarenverfälschung. Verwandt mit diesen Betrügern sind die zahllosen Bierpantscher, Schnapsverderber und sonstigen Giftmischer, welche in alle grossen Städten und industriellen Distrikten jede Gasse unsicher machen. Ferner sinnen die Hauspaschas ohne Unterlass darüber nach, wie sie das Leben der Proletarier verbittern könnten. Die Wohnungen werden immer schlechter, die Mieten höher, die Kontrakte niederträchtiger. Mehr und mehr werden die Arbeiter zusammen gepfercht in Hintergebäuden, in Dachkammer und Kellerlöchern, die voll von Wanzen, feucht und moderig sind. Gefängniszellen sind häufig von zehnfach gesünderer Beschaffenheit.

Ist der Arbeiter beschäftigungslos, so lauert wiederum eine ganze Bande von Hungerspekulanten darauf, ihn vollends zu ruiniren. Pfandleiher und ähnliche Schufte borgen auf die letzten Habseligkeiten der Armen kleine Beträge zu hohen Zinsen. Deren Verträge sind gewöhnlich derart abgefasst, dass sie nicht leicht eingehalten werden können; das verpfändete Gut verfällt und der Proletarier sinkt abermals um eine Stufe tiefer. Jene Halsabschneider aber sammeln sich in kurzer Zeit grosse Vermögen an. Sogar den Bettler betrachten viele Parasiten als eine rentable Figur. Jede Kupfermünze, die er sich mühselig verschaffte, erregt das Verlangen von Inhabern schmutziger Herbergen und Spelunken. Ja, selbst Diebe entgehen der kapitalistischen Ausbeutung nicht. Sie sind die Sklaven von raffinirten Hehlern und Unterschlupfgebern, welche ihnen gestohlene Werthsachen für eine Bagatelle abnehmen. Und jene armen Mädchen, welche die heutige Schandwirthschaft in die Arme der Prostitution getrieben, werden durch Bordellwirthe und ähnliche Schmachgestalten ganz scheusslich geplündert.

So geht es dem Armen von der Wiege bis zum Grabe. Ob er produzirt, ob er konsumirt; ob er existirt oder vegetirt; er ist stets umlagert von einer Schar von heisshungrigen Vampyren, die nach jedem Tropfen seines Blutes lechzen. Auf der anderen Seite stellt der Reiche nie sein Ausbeutungshandwerk ein, wenn er auch noch so wenig in der Lage ist, einen Grund für seine Habgier anzugeben. Wer eine Million hat, will 10 Millionen haben; wer deren 100 besitzt, geizt nach einer Milliarde u. s. w. Zur Habgier gesellt sich Herrschsucht.

Das Besitzthum ist eben nicht nur ein Mittel zu immer weiterer Bereicherung, sondern auch eine politische Macht. Unter dem jetzigen Kapitals-System ist die Käuflichkeit fast ein allgemeines Laster. Es handelt sich gewöhnlich nur darum, den richtigen Preis anzusetzen, um Diejenigen zu kaufen, welche geeignet sein können, durch Sprechen oder Schweigen, durch Schrift oder Druck, durch Gewaltakte oder durch was immer der Eigenthumsbestie zu dienen. Sie ist vermöge ihrer goldenen Diktate die wahre allmächtige Gottheit.

Da werden in Europa und Amerika mehr als 500 000 Pfaffen unterhalten, um, wie in der »Gottespest« (No. 3 der I. B.) nachgelesen werden kann, die Volksmassen ihres gesunden Menschenverstandes zu berauben. Daneben strolchen zahlreiche »Missionäre« von Haus zu Haus, um alberne Traktätchen zu vertheilen oder sonstigen »geistigen« Unfug zu treiben. In den Schulen wird Alles aufgeboten, um das wenige Gute, welches die Lese-, Schreib- und Rechnen-Dressur allenfalls mit sich bringen könnte, möglichst hinfällig zu machen. Eine blödsinnige Malträtirung der »Geschichte« erzeugt jenen aufgeblasenen Dünkel, der die Völker verunreinigt und sie nicht erkennen lässt, dass ihre Bedrücker gegen sie längst sich geeinigt haben, und dass Im Grunde genommen die ganze bisherige Politik nur den Zweck hatte, die Macht der Herrschenden zu befestigen und die Ausbeutung der Armen durch die Reichen zu sichern.

Den Hausirhandel mit dem Loyalitäts- und »Ordnungs«-Fusel besorgen des Weiteren insbesondere die Schmierfinken der Tagespresse, zahlreiche literarische Geschichtsfälscher, die politischen Klopffechter eines tausendfältig verzweigten Vereins- und Versammlungslebens, Parlaments-Quatschmichel mit dem ewig süsslächelnden Gesichte, den stetigen Versprechungen auf den Lippen und dem Verrat im Herzen, und hunderterlei andere Politiker von mehr oder weniger Lumpazi-Vagabundus Qualität.

Speziell zur Verdunkelung der sozialen Frage sind ebenfalls ganze Schwadronen von Strauchrittern tätig. Die Professoren der Nationalökonomie spielen z. B. so recht die Leibkosaken der Bourgeoisie, indem sie das goldene Kalb als die wahre Sonne des Lebens preisen und die Gerbereien von Arbeiterfellen »wissenschaftlich« in allgemeine Wohlthätigkeit an der Menschheit umlügen. Ein Theil dieser Schulpfaffen empfiehlt gleichwohl soziale Reformen, d. h. natürlich mit anderen Worten Prozeduren, bei denen der Pelz gewaschen aber nicht nass gemacht werden soll. Ausserdem foppen sie noch die Arbeiter durch Empfehlung von Spar- und Bildungsrezepten.

Während die kapitalistischen Raubholde solchermassen das Volk nasführen lassen, erweitern sie auf der anderen Seite ihren eigentlichen Gewaltmechanismus immer entschiedener. Es werden immer mehr Aemter errichtet. An die Spitze derselben stellen sich in Europa die Nachkömmlinge der ehemaligen Strassenräuber (die »Edelleute«), in Amerika die geschicktesten Stellenjäger und geriebensten Gauner, welche mit ihrem eigentlichen Zweck, der autoritätsmässigen Knebelung des Proletariats, auch noch die angenehme Beschäftigung von Kassendieben und Fälschern höheren Grades verbinden. Sie dirigiren ganze Armeen von Soldaten, Gendarmen, Polizisten, Spionen, Gefängniswärtern, Zollwächtern, Steuereinnehmern, Exekutoren usw. Die letzteren Gattungen des Büttelthums sind fast durchgängig dem nichtsbesitzenden Volke entnommen, auch werden sie selten besser als proletarisch entlohnt. Dennoch spielen dieselben mit grossem Eifer die Spähaugen, Schnüffelnasen und Lauschohren, die Klauen, die Zähne und die Saugrüssel des Staates, welch’ letzterer solchermassen augenscheinlich nichts weiter ist, als die politische Organisation einer Rotte von Betrügern und Ausbeutern, die ohne eine solche Macht- und Tyrannisirungs-Maschinerie nicht einen einzigen Tag vor dem gerechten Zorn und Unwillen des geschundenen und geplünderten Volkes sich zu halten vermöchten.

In den meisten älteren Ländern ist dieses System natürlich auch in der äusseren Form am schärfsten zugespitzt worden. Es konzentrirt sich der ganze staatliche Zuchtapparat in einer monarchischen Spitze. Die Repräsentanten der selben, die Gottesgnädlinge, sind denn auch der Ausbund aller Schurkerei. In ihnen sind sämtliche Laster und Verbrechen der herrschenden Klasse bis zum Ungeheuerlichsten verkörpert. Ihre Lieblingsbeschäftigung ist der Massenmord (Krieg); wenn sie stehlen, (und sie stehlen oft) nehmen sie immer gleich ganze Länder und Hunderte, ja Tausende von Millionen. Die Brandstiftung in grossartigem Masse dient ihnen nur zur Beleuchtung ihrer Greuel. In ihren Schädeln hat sich die Marotte festgesetzt, dass die Menschheit lediglich dazu da sei, um von ihnen geknufft und angespieen zu werden. Höchstens erachten sie es der Mühe werth, die schönsten Weiber und Mädchen »ihrer« Länder zur Befriedigung ihrer viehischen Lüste auszuwählen. Die Uebrigen haben das Recht, »alleruntertänigst zu verrecken«.

An direkter Brandschatzung nehmen diese gekrönten Raubmörder in Europa jährlich 200 Millionen Mark ein. Der Militarismus, ihr Kind, kostet, ganz abgesehen von den aus ihm entspringenden Verlusten an Gut und Blut, per Jahr weitere 4000 Millionen Mark, und eine gleiche Summe zählt man an Zinsen für die 80 000 Millionen Staatsschulden, welche die Halunken in verhältnismässig kurzer Zeit gemacht haben. Somit kostet der Monarchismus in Europa jährlich 8200 Millionen Mark, d. h. mehr als 10 Millionen Arbeiter, respektive die Ernährer von 50 Millionen Menschen an Lohn einnehmen!

In Amerika nehmen die Stelle der Monarchen die Monopolisten ein. Und wenn sich in der angeblich »freien« Republik der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika der Monopolismus nur noch kurze Zeit so weiter entwickelt, wie in den letzten 25 Jahren, so werden gar bald nur noch Luft und Licht von der Monopolisirung verschont geblieben sein. 500 Millionen Acker Landes, ungefähr das Sechsfache der Bodenfläche von Grossbritannien und Irland, sind im Laufe eines Menschenalters in den Vereinigten Staaten zur Hälfte den Eisenbahngesellschaften, zur anderen Hälfte Grossgrundhesitzern (europäisch-aristokratischer Abstammung) zugefallen. — — — In wenigen Jahrzehnten hat Vanderbilt allein 200 Millionen Dollars sich ergaunert. Ein paar Dutzend seiner Raubkollegen stehen im Begriffe, ihn einzuholen. San Francisco ist vor 30 Jahren erst gegründet worden und heute giebt es daselbst schon 85 Millionäre! Alle bis jetzt entdeckten Lager von Kohlen und Metallen, alle Oelquellen, kurz alle Bodenreichtümer des ungeheuren herrlichen Landes gehören schon jetzt (nach kaum 100-jähriger Etablirung der »Republik«) nicht mehr dem Volke, sondern einer Handvoll von verwegenen Abenteurern und raffinirten Gaunern.

Vor dem Einflusse dieser Börsenkönige, Eisenbahnmagnaten, Kohlenbarone und Schlotjunker sinkt die »Souveränität des Volkes« buchstäblich in den Strassenkot. Diese Kerle haben die ganzen Vereinigten Staaten in den Taschen, und was sich da an scheinbar freier Gesetz- und Stimmgeberei breit macht, ist eitel Mummenschanz.

Wenn so etwas am grünen Holze geschieht, was soll da erst am morschen Gebälk erwartet werden? Wenn die junge amerikanische »Republik« mit ihren unerschöpflichen Naturreichthümern in so kurzer Zeit derart kapitalistisch verludert werden konnte, was braucht man sich da noch über die Folgen länger wirkender Ursachen gleicher Art in dem altersschwachen verrotteten Europa zu wundern?!

Wahrlich, es scheint, als ob die amerikanische »Republik« vorläufig nur den einen kulturhistorischen Zweck gehabt hätte, dem Volke diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans durch krasse Thatsachen zu zeigen, welch ein Ungeheuer die Eigenthumsbestie ist, und dass weder Bodenbeschaffenheit noch Ausdehnung des Landes, noch politische Gesellschaftsformen die Bösartigkeit dieses Raubthieres zu alteriren vermögen, ja dass dasselbe um so gefährlicher sich zeigt, je weniger Notwendigkeit für die individuelle Habgier von Natur aus gegeben ist. Möge die arbeitende Menschheit daraus die Nutzunwendung schöpfen, dass dieses Ungeheuer nicht gezähmt oder ungefährlich oder gar gemeinnützig gemacht werden kann, sondern dass ihm gegenüber nur ein Heilmittel existirt: der unerbittliche, unbarmherzige und vollständigste Vernichtungskrieg!

Auf gütlichem Wege ist da nichts zu Erhoffen; höchstens hat das Proletariat Spott und Hohn zu gewärtigen, wenn es so kindisch ist, seinen Todtfeinden mit Petitionen, Abstimmungen u. dgl. Harmlosigkeiten Respekt einflössen zu wollen.

Allgemeine Volksaufklärung, sagen manche, werde Wandel schaffen; allein dieser Rath bleibt wesentlich auch nur eine Phrase; denn die Volksaufklärung wird erst dann allgemein möglich sein, wenn die Hindernisse, die sich derselben gegenwärtig in den Weg stellen, beseitigt sind. Und das ist nicht eher der Fall, als bis das ganze heutige System von Grund aus zerstört ist.

Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass in dieser Richtung gar nichts geschehen solle oder könne. Nein! Wer immer die Niedertracht der jetzigen Zustände erkannte, hat die heiligste Pflicht, überall seine Stimme zu erheben, um dem Volke über diese Dinge die Augen zu öffnen. Man muss sich aber hüten, diesen Zweck durch hochgelehrte Betrachtungen erreichen zu wollen. Möge das den ehrlicheren Männern der Wissenschaft überlassen bleiben, die auf solche Weise der sogenannten »gebildeten Welt« die Schminke der Humanität von der hässlichen Raubthierfratze kratzen. Die Sprache, welche das Proletariat verstehen soll, muss einfach und kräftig sein.

Wer diese führt, wird stets von der herrschenden Sippschaft der Aufreizung geziehen, grimmig gehasst und verfolgt werden. Daraus können wir ersehen, dass die einzig mögliche und praktische Aufklärung aufreizender Natur sein muss. — Reizen wir also auf!

Zeigen wir dem Volke, wie es durch Land- und Stadtkapitalisten um seine Arbeitskraft betrogen wird; wie es Krämer, Haus- und andere Wirthe um den kargen Lohn prellen; dass ihm Kanzel-, Press-, Partei- und andere Pfaffen den Verstand zu tödten suchen; wie zahllose Büttel ewig bereit sind, es zu malträtiren und zu tyrannisiren — endlich muss ihm die Geduld ausgehen. Es wird rebelliren und seine Feinde zermalmen.

Die Revolution des Proletariats, der Krieg der Armen gegen die Reichen, ist der einzige Weg, der zur Erlösung führen kann.

Aber, wenden Andere ein, Revolutionen lassen sich doch nicht machen. Gewiss nicht, aber vorbereiten kann man dieselben, indem man das Volk darauf aufmerksam macht, dass solche Ereignisse vor der Thüre stehen, und indem man es herausfordert, sich zu rüsten.

Die kapitalistische Entwickelung, von welcher viele Theoretiker behaupten, dass sie bis zur völligen Austilgung aller kleinbürgerlichen Existenzen gediehen sein müsse, ehe die Vorbedingungen zu einer sozialen Revolution gegeben seien, hat bereits einen solchen Höhepunkt erreicht, dass ihr weiterer Fortgang nahezu unmöglich geworden ist. Allgemein grossindustriell kann nur dann produzirt werden, und allgemeiner Grossbetrieb auf dem Lande kann nur dann stattfinden, wenn die Gesellschaft kommunistisch organisirt ist und wenn — was sich im letzteren Fall ganz von selbst versteht- mit der Entwickelung der Technik der Verkürzung der Arbeitszeit und die Erhöhung des Verbrauchs gleichen Schritt halten.

Das ist auch leicht einzusehen. Da beim Grossbetrieb 10 Mal, in manchen Fächern sogar 100 Mal mehr produzirt wird, als die betreffenden Arbeiter an gleichwerthigen Waaren verbrauchen, so bekommt die Trommel alsbald ein Loch. Bisher ist die überschüssige Differenz deshalb weniger vermerkt worden, weil der weitaus grösste Theil des sogenannten »Gewinnes« abermals kapitalisirt, d. h. zu neuen kapitalistischen Anlagen verwendet worden ist, und weil die weitest entwickelten Industriestaaten nach weniger fortgeschrittenen Ländern ungeheure Waarenmassen exportirten. Jetzt fängt die Sache aber an, in dieser Beziehung gewaltig ins Stocken zu gerathen. Der Industrialismus hat überall ungeheure Fortschritte gemacht; damit kommen Ausfuhr und Einfuhr mehr und mehr ins Gleichgewicht und schon deshalb lohnen sich neue Kapitalanlagen immer weniger, ja sie werden unter solchen Umständen bald ganz und gar unthunlich erscheinen. Ungeheure Weltkrisen werden dieses Missverhältniss gar bald zum allgemeinen Verständniss bringen.

Somit ist Alles für den Kommunismus reif; es brauchen nur dessen interessirten Gegner, die Kapitalisten und ihre Helfershelfer, beseitigt werden. In der Zeit der, wie gesagt, bevorstehenden Krisen wird das Volk auch genügend zum Kampfe bereit gemacht werden. Und es handelt sich dann nur darum, ob überall ein gehörig geschulter revolutionärer Kern vorhanden ist, der das Zeug dazu hat, die durch Arbeitslosigkeit und Elend aller Art zum Aufruhr getriebenen Volksmassen um sich zu krystallisiren und die so geformte gewaltige Kraft behufs Zertrümmerung des Bestehenden in das Spiel zu bringen.

Arbeiten wir also überall auf die Revolution hin, ehe es zu spät ist! Der Sieg des Volkes über seine Blutsauger und Tyrannen wird dann nicht ausbleiben können.

J. Most

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Schon vor 40 Jahren wurde die Geschichte der Eigenthumsbestie geschrieben und seitdem immer und immer wieder in allen erdenklichen Sprachen publizirt, nämlich im Kommunistischen Manifest, aus welchem wir im Nachstehenden alles Dasjenige reproduziren, was heute noch ebenso richtig ist, wie zur Zeit, wo es geschrieben wurde. (Die sonstigen Theile des Kommunistischen Manifest sind heute von keinerlei agitatorischem Werthe und überhaupt hinfällig.) Es heisst da:

»Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell, kurz Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatze zu einander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete, oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.

In den früheren Epochen der Geschichte finden wir fast überall eine vollständige Gliederung der Gesellschaft in verschiedene Stände, eine mannigfaltige Abstufung der gesellschaftlichen Stellungen. Im alten Rom haben wir Patrizier, Ritter, Plebejer, Sklaven; im Mittelalter Feudalherren, Vasallen, Zunftbürger, Gesellen, Leibeigene, und noch dazu in fast jeder dieser Klassen wieder Klassen, wieder besondere Abstufungen.

Die aus dem Untergange der feudalen Gesellschaft hervorgegangene bürgerliche Gesellschaft hat die Klassengegensätze nicht aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der Unterdrückung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten gesetzt.

Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei grosse einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.

Aus den Leibeigenen des Mittelalters gingen die Pfahlbürger der ersten Städte hervor; aus dieser Pfahlbürgerschaft entwickelten sich die ersten Elemente der Bourgeoisie.

Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisirung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waaren überhaupt gaben dem Handel, der Schifffahrt, der Industrie einen nie geahnten Aufschwung, und damit dem bürgerlich-revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.

Die bisherige feudale oder zünftige Betriebsweise der Industrie reichte nicht mehr aus für den mit den neuen Märkten anwachsenden Bedarf. Die Manufaktur trat an ihre Stelle. Die Zunftmeister wurden verdrängt durch den industriellen Mittelstand; die Thei- lung der Arbeit zwischen den verschiedenen Corporationen verschwand vor der Theilung der Arbeit in der einzelnen Werkstatt selbst.

Aber immer wuchsen die Märkte, immer stieg der Bedarf. Auch die Manufaktur reichte nicht mehr aus. Da revolutionirte der Dampf und die Maschine die industrielle Produktion. An die Stelle der Manufaktur trat die moderne grosse Industrie, an die Stelle des industriellen Mittelstandes traten die industriellen Millionäre, die Chefs ganzer industrieller Armeen, die modernen Bourgeois.

Die grosse Industrie hat den Weltmarkt hergestellt, den die Entdeckung Amerikas vorbereitete. Der Weltmarkt hat dem Handel, der Schifffahrt, den Landkommunikationen eine unermessliche Entwicklung gegeben. Diese hat wieder auf die Ausdehnung der Industrie zurückgewirkt, und in demselben Masse, worin Industrie, Handel, Schifffahrt, Eisenbahnen sich ausdehnten, in demselben Masse entwickelte sich die Bourgeoisie, vermehrte sie ihre Kapitalien, drängte sie alle vom Mittelalter her überlieferten Klassen in den Hintergrund.

Wir sehen also, wie die moderne Bourgeoisie selbst das Produkt eines langen Entwicklungsganges, einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise ist.

Jede dieser Entwicklungsstufen der Bourgeoisie war begleitet von einem entsprechenden Fortschritt. Unterdrückter Stand unter der Herrschaft der Feudalherren, bewaffnete und sich selbst verwaltende Association in der Kommune, hier unabhängige städtische Republik, dort dritter steuerpflichtiger Stand der Monarchie, dann zur Zeit der Manufaktur Gegengewicht gegen den Adel in der ständischen oder zu der absoluten Monarchie, Hauptgrundlage der grossen Monarchieen überhaupt, erkämpfte sie sich endlich seit der Herstellung der grossen Industrie und des Weltmarktes im modernen Repräsentativstaat die ausschliessliche politische Herrschaft. Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Industrie verwaltet.

Die Bourgeoisie hat alle bisherigen und mit frommer Scheu betrachteten Thätigkeiten ihres Heiligenscheines entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.

Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältniss zurückgeführt.

Die Bourgeoisie hat enthüllt, wie die brutale Kraftäusserung, welche die Reaktion so sehr am Mittelalter bewundert, in der trägsten Bärenhäuterei ihre passende Ergänzung fand. Erst sie hat bewiesen, was die Thätigkeit der Menschen zu Wege bringen kann. Sie hat ganz andere Wunderwerke vollbracht, als egyptische Pyramiden, römische Wasserleitungen und gothische Kathedralen, sie hat ganz andere Züge ausgeführt, als Völkerwanderungen und Kreuzzüge.

Die Bourgeoisie kann nicht existiren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämmtliche gesellschaftliche Verhältnisse fortwährend zu revolutioniren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen früheren aus. Alle festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles »Heilige« wird »entweiht«, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen zu betrachten.

Das Bedürfniss nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Ueberall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.

Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum grossen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füssen weggezogen. Die uralten nationalen Industrieen sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrieen, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisirten Nationen wird, durch Industrieen, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegensten Zonen ängehörige Rohstoffe verarbeiten, und deren Fabrikate nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Welttheilen zugleich verbraucht werden. An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen von einander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich, und aus den vielen nationalen und lokalen Literaturen bildet sich eine Weltliteratur.

Die Bourgeoisie reisst durch eine rasche Verbesserung aller Produktions-Instrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischesten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waaren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schiesst, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produktionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zu Grunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen, d. h. Bourgeois zu werden. Mit einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde.

Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen. Sie hat enorme Städte geschaffen, sie hat die Zahl der städtischen Bevölkerung gegenüber der ländlichen in hohem Grade vermehrt, und so einen bedeutenden Theil der Bevölkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen. Wie sie das Land von der Stadt, hat sie die barbarischen und halb barbarischen Länder von den zivilisirten, die Bauernvölker von den Bourgeoisvölkern, den Orient vom Occident abhängig gemacht.

Die Bourgeoisie hebt mehr und mehr die Zersplitterung der Produktionsmittel, des Besitzes und der Bevölkerung auf. Sie hat die Bevölkerung agglomerirt, die Produktionsmittel zentralisirt und das Eigenthum in wenigen Händen konzentrirt. Die nothwendige Folge hiervon war die politische Centralisation.

Die Bourgeoisie hat in ihrer kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen, als alle vergangenen Generationen zusammen. Unterjochung der Naturkräfte, Maschinerie, Anwendung der Chemie auf Industrie und Ackerbau, Dampfschifffahrt, Eisenbahnen, elektrische Telegraphen, Urbarmachung ganzer Welttheile, Schiffbarmachung der Flüsse, ganze aus dem Boden hervorgestampfte Bevölkerungen — welches frühere Jahrhundert ahnte, dass solche Produktionskräfte im Schoss der gesellschaftlichen Arbeit schlummern?

Wir haben also gesehen: Die Produktions- und Verkehrsmittel, auf deren Grundlage sich die Bourgeoisie heranbildete, wurden in der feudalen Gesellschaft erzeugt. Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verhältnisse, worin die feudale Gesellschaft produzirte und austauschte, die feudale Organisation der Agrikultur und Manufaktur, mit einem Wort die feudalen Eigenthums-Verhältnisse den schon entwickelten Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie zu fördern. Sie verwandelten sich in ebenso viele Fesseln. Sie mussten gesprengt werden.

An ihre Stelle trat die freie Konkurrenz mit der ihr angemessenen gesellschaftlichen und politischen Konstitution, mit der ökonomischen und politischen Herrschaft der Bourgeois-Klasse.

Unter unseren Augen geht eine ähnliche Bewegung vor. Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrs-Verhältnisse, die bürgerlichen Eigenthums-Verhältnisse, die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor. Seit Dezennien ist die Geschichte der Industrie und des Handels, nur die Geschichte der Empörung der modernen Produktivkräfte gegen die modernen Produktions-Verhältnisse; gegen die Eigenthums-Verhältnisse, welche die Lebensbedingungen der Bourgeoisie und ihrer Herrschaft sind. Es genügt, die Handelskrisen zu nennen, welche in ihrer periodischen Wiederkehr immer drohender die Existenz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellen. In den Handelskrisen wird ein grosser Theil nicht nur der erzeugten Produkte, sondern auch der bereits schon geschaffenen Produktivkräfte regelmässig vernichtet. In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre — die Epidemie der »Ueberproduktion.« Die Gesellschaft findet sich plötzlich in einen Zustand momentaner Barbarei zurückversetzt; eine Hungersnoth, ein allgemeiner Vernichtungskrieg scheinen ihr alle Lebensmittel abgeschnitten zu haben; die Industrie, der Handel scheinen vernichtet, und warum? Weil sie zu viel Zivilisation, zu viel Lebensmittel, zu viel Industrie, zu viel Handel besitzt. Die Produktivkräfte, die ihr zur Verfügung stehen, dienen nicht mehr zur Beförderung der bürgerlichen Eigenthums-Verhältnisse; im Gegentheil, sie sind zu gewaltig für diese Verhältnisse geworden, sie werden von ihnen gehemmt, und sobald sie dies Hemmniss überwinden, bringen sie die ganze bürgerliche Gesellschaft in Unordnung, gefährden sie die Existenz des bürgerlichen Eigenthums. Die bürgerlichen Verhältnisse sind zu eng geworden, um den von ihnen erzeugten Reichthum zu fassen. — Wodurch überwindet die Bourgeoisie die Krisen! Einerseits durch die erzwungene Vernichtung einer Masse von Produktivkräften; andererseits durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung der alten Märkte. Wodurch also? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet, und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.

Die Waffen, womit die Bourgeoisie den Feudalismus zu Boden geschlagen hat, richten sich jetzt gegen die Bourgeoisie selbst.

Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen fuhren werden — die modernen Arbeiter, die Proletarier.

In demselben Masse, worin sich die Bourgeoisie, d. h. das Kapital entwickelt, in demselben Masse entwickelt sich das Proletariat, die Klasse der modernen Arbeiter, die nur so lange leben, als sie Arbeit finden, und die nur so lange Arbeit finden, als ihre Arbeit das Kapital vermehrt. Diese Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, sind eine Waare, wie jeder andere Handelsartikel, und daher gleichmässig allen Wechselfällen der Konkurrenz, Allen Schwankungen des Marktes ausgesetzt.

Die Arbeit der Proletarier hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Theilung der Arbeit allen selbstständigen Charakter und damit allen Reiz für den Arbeiter verloren. Er wird ein blosses Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, eintönigste, am leichtesten erkennbare Handgriff verlangt wird. Die Kosten, die der Arbeiter verursacht, beschränken sich daher fast nur auf die Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race bedarf. Der Preis einer Waare, also auch der Arbeit, ist aber gleich ihren Produktionskosten. In demselben Masse, in dem die Widerwärtigkeit der Arbeit wächst, nimmt daher der Lohn ab. Und gleichwie Maschinerie und Theilung der Arbeit zunehmen, so nimmt auch die Masse der Arbeit zu, sei es durch Vermehrung der Arbeitsstunden, sei es durch Vermehrung der in einer gegebenen Zeit geforderten Arbeit, beschleunigten Lauf der Maschinen u. s. w.

Die moderne Industrie hat die kleine Werkstube des patriarchalischen Meisters in die grosse Fabrik des industriellen Kapitalisten verwandelt. Arbeitermassen, in der Fabrik zusammengedrängt, werden soldatisch organisirt. Sie werden als gemeine Industriesoldaten unter die Aufsicht einer vollständigen Hierarchie von Unteroffizieren und Offizieren gestellt. Sie sind nicht nur Knechte der Bourgeoisklasse, des Bourgeoisstaates, sie sind täglich und stündlich geknechtet von der Maschine, von dem Aufseher, und vor Allem von den einzelnen fabrizirenden Bourgeois selbst. Diese Despotie ist umso kleinlicher, gehässiger, erbitternder, je offener sie den Erwerb als ihren letzten Zweck proklamirt.

Je weniger die Handarbeit Geschicklichkeit und Kraftäusserung erheischt, d. h. je mehr die moderne Industrie sich entwickelt, desto mehr wird die Arbeit der Männer durch die der Weiber verdrängt. Geschlechts- und Alters-Unterschiede haben keine gesellschaftliche Geltung mehr für die Arbeiterklasse. Es giebt nur noch Arbeitsinstrumente, die je nach Alter und Geschlecht verschiedene Kosten machen.

Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, dass er einen Arbeitslohn baar ausgezahlt erhält, so fallen die anderen Theile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher u. s. w.

Die bisherigen kleinen Mittelstände, die kleinen Industriellen, Kaufleute und Rentiers, die Handwerker und Bauern, alle diese Klassen fallen ins Proletariat hinab, theils dadurch, dass ihre Geschicklichkeit von neuen Produktionsweisen entwerthet wird. So rekrutirt sich das Proletariat aus allen Klassen der Bevölkerung.

Aber mit der Entwicklung der Industrie vermehrt sich nicht nur das Proletariat; es wird in grösseren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst und es fühlt sie mehr. Die Interessen, die Lebenslagen innerhalb des Proletariats gleichen sich immer mehr aus, indem die Maschinerie mehr und mehr die Unterschiede der Arbeit verwischt und den Lohn fast überall auf ein gleich niedriges Niveau herabdrückt. Die wachsende Konkurrenz der Bourgeois unter sich und die daraus hervorgehenden Handelskrisen machen den Lohn der Arbeiter immer schwankender; die immer rascher sich entwickelnde, unaufhörliche Verbesserung der Maschinerie macht ihre Lebensstellung immer unsicherer; immer mehr nehmen die Kollisionen zwischen dem einzelnen Arbeiter und dem einzelnen Bourgeois den Charakter von Kollisionen zweier Klassen an. Die Arbeiter beginnen damit, Koalitionen gegen die Bourgeois zu bilden; sie treten zusammen zur Behauptung ihres Arbeitslohns. Sie stiften selbst dauernde Assoziationen, um sich für diese gelegentlichen Empörungen zu verproviantiren. Stellenweis bricht der Kampf in Erneuten aus.

Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ihrer Kämpfe ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter. Sie wird befördert durch die wachsenden Kommunikationsmittel, die von der grossen Industrie erzeugt werden und die Arbeiter der verschiedenen Lokalitäten mit einander in Verbindung setzen. Es bedarf aber blos der Verbindung, um die vielen Lokalkämpfe von überall gleichem Charakter zu einem Klassenkampfe zu zentralisiren. Jeder Klassenkampf aber ist ein politischer Kampf. Und die Vereinigung, zu der die Bürger des Mittelalters mit ihren Vizinalwegen Jahrhunderte bedurften, bringen die modernen Proletarier mit den Eisenbahnen in wenigen Jahren zu Stande.

Diese Organisation der Proletarier zur Klasse, und damit zur politischen Partei wird jeden Augenblick wieder gesprengt durch die Konkurrenz unter den Arbeitern selbst. Aber sie ersteht immer wieder, stärker, fester, mächtiger.

Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüber stehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der grossen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt.

Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie Alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Sind sie revolutionär, so sind sie es im Hinblick auf den ihnen bevorstehenden Uebergang ins Proletariat, so vertheidigen sie nicht ihre gegenwärtigen, sondern ihre zukünftigen Interessen, so verlassen sie ihren eigenen Standpunkt, um sich auf den des Proletariats zu stellen.

Die Lebensbedingungen der alten Gesellschaft sind schon vernichtet in den Lebensbedingungen des Proletariats. Der Proletarier ist eigenthumslos; sein Verhältniss zu Weib und Kindern hat nichts mehr gemein mit dem bürgerlichen Familienverhältniss; die moderne industrielle Arbeit, die moderne Unterjochung unter das Kapital, dieselbe in England wie in Frankreich, in Amerika wie in Deutschland, hat ihm allen nationalen Charakter abgestreift. Die Gesetze, die Moral, die Religion, sind für ihn eben so viele bürgerliche Vorurtheile, hinter denen sich ebenso viele Interessen verstecken.

Alle früheren Klassen, die sich die Herrschaft eroberten, suchten ihre schon erworbene Lebensstellung zu sichern, indem sie die ganze Gesellschaft den Bedingungen ihres Erwerbs unterwarfen. Die Proletarier können sich die gesellschaftlichen Produktivkräfte nur erobern, indem sie ihre eigene bisherige Gesellschaftsstellung und damit die ganze bisherige Aneignungsweise abschaffen. Die Proletarier haben Nichts von dem Ihrigen zu sichern, sie haben alle bisherige Privatsicherheit und Privatversicherungen zu zerstören.

Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist die selbstständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne dass der ganze Ueberbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird.

Die wesentlichste Bedingung für die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse ist die Anhäufung des Reichthums in den Händen von Privaten, die Bildung und Vermehrung des Kapitals; die Bedingung des Kapitals ist die Lohnarbeit. Die Lohnarbeit beruht ausschliesslich auf der Konkurrenz der Arbeiter unter sich. Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolirung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation. Mit der Entwicklung der grossen Industrie wird also unter den Füssen der Bourgeosie die Grundlage selbst weggezogen, worauf sie produzirt, und die Produkte sich aneignet. Sie produzirt vor Allem ihre eigenen Todtengräber. Ihr Untergang und der Sieg des Proletariats sind gleich unvermeidlich.«

Internationale Bibliothek, John Müller, New York, Nr. 6, September 1887.

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