Paul Mattick – Rezension von K. Mandelbaum „Sozialdemokratie und Leninismus“ (1975)

MANDELBAUM, Kurt: Sozialdemokratie und Leninismus. Zwei Aufsätze. Mit einer Nachbemerkung von B. Rabehl, W. Spohn und U. Wolter: Historische und politische Voraussetzungen der Kritik Mandelbaums am Sozialdemokratismus und am Leninismus. – Berlin: Rotbuch Verlag 1974. 119 S.

RABEHL, Bernd: Marx und Lenin. Widersprüche einer ideologischen Konstruktion des „Marxismus-Leninismus“. – Berlin: Verlag für das Studium der Arbeiterbewegung 1974. 393 S.

Zwischen der Erstveröffentlichung der Schriften von Mandelbaum und der Arbeit von Rabehl erstreckt sich fast ein halbes Jahrhundert. Das von beiden behandelte Thema hat seine Aktualität behalten, obwohl die Sozialdemokratie sich nicht mehr auf Marx bezieht und der Marxismus-Leninismus sozialdemokratischen Zwecken dient. Abgesehen von der Realisierung des ursprünglichen sozialdemokratischen Programms in den staatskapitalistischen Ländern, nämlich der Verstaatlichung der Produktionsmittel und der Einführung der Planwirtschaft, versteht sich der heutige Marxismus-Leninismus als Reformbewegung, die das einst gesetzte staatskapitalistische Ziel vorläufig zurückgestellt hat; nicht nur um \ die schon existierenden staatskapitalistischen Gebilde vor Erschütterungen zu bewahren, sondern auch um die nächsten Bedürfnisse der kommunistischen Parteibürokraten zu befriedigen. Darin drücken sich nicht nur die begrenzten Möglichkeiten sozialdemokratischer Politik unter den gegebenen nationalen und internationalen Kräfteverhältnissen von Klassen und Nationen aus, sondern auch eine Wandlung des Marxismus-Leninismus selbst, der, sieht man von seiner ideologischen Indienstnahme ab, ebenfalls aufgehört hat, sich auf den Marxismus zu beziehen.

Daß die Sozialdemokratie sehr wenig, wenn überhaupt etwas mit dem Marxismus zu tun hatte, d.h. mit dem Marxismus als revolutionärer Arbeiterbewegung, die sich den Sturz des Kapitals zum Ziel gesetzt hatte, wird von Mandelbaum am Verhältnis der Sozialdemokratie zum Imperialismus nachgewiesen. In vorbildlicher Kürze erzählt er noch einmal die in den reformistischen Revisionismus einmündende Geschichte sozialdemokratischer Entwicklung. War für Marx ein ausgebildeter Kapitalismus die notwendige Voraussetzung des Sozialismus, so war für ihn doch der Klassenkampf — innerhalb der kapitalistischen Entwicklung — die Voraussetzung der revolutionären Umwälzung, der eine Zusammenarbeit von Kapital und Arbeit ausschloß. Für den Revisionismus war es jedoch gerade diese Zusammenarbeit, die das Kapital auf einen Punkt der Entwicklung bringen würde, an dem sich der Umschlag in den Sozialismus ohne revolutionäre Auseinandersetzungen vollziehen konnte. Mit dieser Auffassung ließ sich alles vertreten, der bürgerliche Staat, die nationalen Interessen und die Burgfriedenspolitik.

Wurde die westliche Sozialdemokratie aufgrund ihrer eigenen Entwicklung innerhalb des aufsteigenden Kapitalismus zu einer anti-revolutionären und zuletzt konterrevolutionären Bewegung, so schien die unter ganz anderen Bedingungen aufwachsende russische Sektion den revolutionären Inhalt des Marxismus über den toten Punkt des Reformismus hinauszutragen und mit der russischen Revolution zum Sieg zu verhelfen. Diese angebliche Verwirklichung der sozialistischen Revolution in einem kapitalistisch-rückständigen Land widersprach allerdings der Auffassung von Marx. Nur im Zusammenhang mit einer proletarischen Revolution im kapitalistisch entwickelten Westen ließ sich die Möglichkeit eines Überspringens einer gesellschaftlichen Entwicklungsphase in Rußland in Betracht ziehen. Nach Mandelbaum hat sich diese Auffassung am, Verlauf der russischen Revolution bewahrheitet.

Anhand des Vorworts zum Briefwechsel zwischen Marx, Engels und Danielson, weist Mandelbaum auf die sich auf Rußland beziehenden Diskussionen über den Charakter der erwarteten sozialen Umwälzung hin, d.h. auf den Streit zwischen den Volkstümlern, die eine Entwicklung nach dem Muster des westlichen Kapitalismus ablehnten und auch für unmöglich hielten, und den russischen Marxisten, die auf die kapitalistische Entwicklung Rußlands und damit einer bürgerlichen Revolution bauten. Auch für Lenin bildete die bürgerliche Revolution die nächste Etappe der russischen Entwicklung. Doch nachdem die Staatsmacht von der bolschewistischen Partei erobert war, kam er zu dem Schluß, daß sich die Revolution auf politischem Wege in eine sozialistische verwandeln ließe, und zwar durch eine erreichbare Übereinstimmung bäuerlicher und proletarischer Interessen. Nach Mandelbaum handelte es sich hier um eine zum Scheitern verurteilte modifizierte Neuauflage der Vorstellung der Volkstümler.

Die Rezensenten der Mandelbaumschen Aufsätze bringen diese mit einer sogenannten Etappentheorie in Verbindung, nach der sich die verschiedenen Entwicklungsstufen des Kapitals im Wandel der Arbeiterbewegung widerspiegeln. Sie gehen nur in der dürftigsten Weise auf Mandelbaums Ausführungen ein, um ihre eigenen Positionen desto ausführlicher vorzutragen, die aber auch nicht mehr aussagen, als bei Mandelbaum schon zu finden ist. Sie sehen einen Mangel der Mandelbaumschen Untersuchungen darin, daß sie sich ausschließlich im Gehege der Dogmenkritik bewegen, anstatt sich auf reale Verhältnisse und konkrete Klassenkämpfe zu beziehen. Was dabei herauskommen würde, wäre jedoch auch nicht viel mehr als das, was in den Mandelbaumschen kurzen Zusammenfassungen schon vorhanden ist.

Rabehls Dissertation verfolgt ausführlich die von Mandelbaum angeschnittene Problematik von Leninismus und russischer Revolution im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Leninrezeption. Erst nach dem Abschluß der Mandelbaumschen Untersuchungen (1928), stellte sich heraus, wohin die Theorie und Praxis des Bolschewismus tatsächlich führten. Der Stalinismus definierte den Leninismus als „Weiterentwicklung“ des Marxismus und als Erschließung neuer gesellschaftlicher Bewegungsgesetze, wie dem der „ungleichmäßigen Entwicklung kapitalistischer Länder“, auf das sich die Theorie vom „Sozialismus in einem Lande“ zu stützten versuchte. Rabehl befaßt sich mit dieser „Weiterentwicklung“ bzw. „Revision“ der Marxschen Theorie: Nach einer Darstellung der Marxschen Werttheorie und ihrer materiellen Grundlage, weist er auf die historischen Schranken der Wertproduktion hin, d.h. auf die Beendigung der kapitalistischen Produktionsweise durch die proletarische Revolution. Die auf dem Wertgesetz basierende kapitalistische Entwicklung setzt die „ursprüngliche Akkumulation“ voraus, d.h. die gewaltsame Trennung der Produzenten von den Produktionsmitteln und die Entwicklung des gesellschaftlichen Gegensatzes von Lohnarbeit und Kapital. Marx’ allgemeines Gesetz der Kapitalproduktion dient der Erkenntnis der sich konkret entfaltenden kapitalistischen Produktion. Für Marx und Engels schien die kapitalistische Entwicklung Rußlands nur eine Frage der Zeit zu sein, da die in dieser Richtung wirkenden Tendenzen bereits offensichtlich waren. Die Zersetzung der feudalen Zustände und die Einbeziehung Rußlands in den Weltmarkt deuteten auf eine kapitalistische Entwicklung der Landwirtschaft bei gleichzeitig zunehmender Industrialisierung hin; ein Prozeß, dem der Zarismus allerdings noch viele Beschränkungen auferlegte und der eine bürgerliche Revolution herausforderte.

Die revolutionären Bewegungen seit 1905, hatten damit — auch als Bauernbewegungen —, einen bürgerlich-revolutionären Charakter, der vorerst und vornehmlich auf die Herausbildung des Privateigentums abzielte, während die Minorität des industriellen Proletariats bereits den Kampf gegen das Kapital aufgenommen hatte. Die Revolution war damit gleichzeitig eine bürgerliche und eine proletarische Revolution, wobei die letztere jedoch durch die Akzeptierung der bürgerlichen Ansprüche der Bauernrevolution die Realisierung sozialistischer Ziele von vornherein ausschloß. War schon die Aufteilung des Bodens unter die Bauern ein Zugeständnis der Bolschewisten, um überhaupt die Staatsmacht in die Hände zu bekommen und wurde diese bereits damals, z.B. durch Rosa Luxemburg, als eine gegenrevolutionäre Maßnahme gekennzeichnet, so stellte sich bald heraus, daß diese notwendige •Konzession den ganzen Kurs der Revolution bis hin zur Stalinschen „dritten“ Revolution „von oben“ bestimmte. Die sich entfaltende Diktatur der bolschewistischen Partei und die Vernichtung der Sowjets und jeder Art von Arbeiterkontrolle war nicht nur das unleidige Ergebnis des Bürgerkriegs und der wirtschaftlichen Zerrüttung, auf die Rabehl hinweist, sondern ergab sich, auch ohne diese zusätzlichen Einflüsse, aus den Charakter der Revolution selbst. Ein „gemeinsames Interesse“ der Arbeiter und Bauern bestand nur an der Beseitigung der zaristischen Zustände, nicht aber im Hinblick auf die weitere russische Entwicklung. Dieser Interessenunterschied ließ sich nur durch die Diktatur überbrücken, ohne jedoch damit zu verschwinden. Die Diskussionen und Kämpfe innerhalb der bolschewistischen Partei, mit denen sich Rabehl beschäftigt, drehten sich alle um das ungelöste Agrarproblem, das die Revolution hinter ihren Ausgangspunkt zurückzuwerfen drohte und damit ihres „sozialistischen“ Charakters berauben würde. Die „Rechtfertigung“ der russischen als „sozialistische“ Revolution, führte schließlich zur Zwangskollektivierung und der Ausbreitung der schon vollzogenen Diktatur der Partei über die ganze Gesellschaft. Daraus ergab sich ein von marxistischer Seite her unvorhergesehener neuer Typus kapitalistischer Beherrschung, der sich weitgehend vom Konkurrenzkapitalismus unterschied, ohne dem Sozialismus jedoch nur einen Schritt näher zu kommen.

Daß dieser neue Typus kapitalistischer Beherrschung oder, kurz, der Staatskapitalismus, schon in der Marxrezeption Lenins enthalten ist, ist schon daraus zu ersehen, daß für ihn „die Trennung des Produzenten von den Produktionsmitteln und die Aneignung des Produkts seiner Arbeit durch die Industrie- und Dorfkapitalisten unproblematisch blieb“. Abgesehen davon, daß der Primat der Politik im Leninschen Denken dieses schon als außerhalb des traditionellen Marxismus stehend ausweist. Die Fehlinterpretation der Engeischen Aussage, wonach es ohne revolutionäre Theorie keine revolutionäre Praxis gibt, die in Lenins Überzeugung von der führenden Rolle der „Wissenschaft“ und der kleinbürgerlichen Intelligenz zutage tritt, kennzeichnet ihn als bürgerlich-idealistischen Revolutionär, der sich aus moralischer Verpflichtung der Arbeiterbewegung zur Verfügung stellt. Kurzum, Rabehls kompetente Konfrontation der Marxschen Theorie „mit der Leninschen Marxrezeption, mit seiner Analyse des russischen Kapitalismus und der Agrarverhältnisse, mit seiner Taktik und Parteivorstellung, sowie mit seiner Imperialismustheorie und mit seinen Auffassungen über die kommunistische Politik in der Phase der Diktatur des Proletariats führte zu Ergebnissen, die den marxistischen Theoretiker und Realpolitiker Lenin grundsätzlich infrage stellten, zumindest von dem Thron stürzten, Begründer einer ‚neuen’ Wissenschaft zu sein“.

Nichtsdestoweniger wurde unter dem politischen und ideologischen Druck der russischen Verhältnisse „das allgemeine Lehrgebäude des Leninismus verfestigt zu einer Anweisungs-, Interpretations- und Rechtfertigungssoziologie der praktizierenden Politik“. Marx wurde zum Theoretiker eines verflossenen Stadiums des Kapitalismus degradiert und der Leninismus zur Theorie der kapitalistischen Zerfallsperiode erhoben, in der sich neue Gesetzmäßigkeiten bemerkbar machen, die dem Kapitalismus der freien Konkurrenz nicht mehr entsprechen und die Marx nicht beobachten konnte. In Wirklichkeit ist der Leninismus, wie die russische Revolution selbst, ein Ausdruck gesellschaftlicher Widersprüche innerhalb der allgemeinen kapitalistischen Entwicklung, die sich nicht mehr im Rahmen des Konkurrenzkapitalismus bewältigen ließen, aber auch einer sozialistischen Lösung den Weg versperrten. Wohl hat der Privatkapitalismus dem Staatskapitalismus Platz gemacht, ohne jedoch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse die kapitalistische Verteilung, und die kapitalistischen Klassenverhältnisse zu beseitigen. So führte die von Rabehl nachgewiesene Leninsche „Gleichsetzung der Vergesellschaftung der Produktion im Rahmen des Staatskapitalismus mit der sozialistischen Form der Vergesellschaftung“ zu einem System, das nur auf marxistischen Wege, durch die proletarische Revolution, zum Sozialismus gelangen kann.

Aus: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, 11. Jahrgang, Dez. 1975, Heft 4.


2 Antworten auf „Paul Mattick – Rezension von K. Mandelbaum „Sozialdemokratie und Leninismus“ (1975)“


  1. 1 JBT 25. November 2010 um 15:55 Uhr

    Ich möchte dich darauf hinweisen, dass auf www.kommunismus.narod.ru Zwei neue Bücher online sind.
    Z.B. Matticks „Marx und Keynes“

  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 21. Oktober 2010 um 10:31 Uhr
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