Michael Löwy – Kafka und der Sozialismus (2004)

Es ist offensichtlich, dass man das Werk Kafkas nicht auf eine politische Doktrin reduzieren kann, welche auch immer das sei. Kafka produzierte keine Diskurse, er schuf Personen und Situationen und er erklärte in seinem Werk Gefühle, Haltungen, eine Stimmung. Wie Lucien Goldmann sagte: »Die symbolische Welt der Literatur kann nicht auf die diskursive Welt der Ideologie reduziert werden, das literarische Werk ist kein konzeptuelles abstraktes System nach dem Muster der politischen und philosophischen Doktrinen, sondern sie ist die Erschaffung eines imaginären konkreten Universums von Personen und Sachen.« Es ist aber nicht verboten, die offensichtlichen und die unterschwelligen Verbindungen zwischen seinem antiautoritären Geist, seiner libertären Empfindung und seinen sozialistischen Sympathien auf der einen Seite und seinen schriftstellerischen Grundsätzen auf der anderen Seite zu untersuchen. Dort sind die besonderen Zugangswege zu dem, was man seine innere Landschaft nennen könnte.
Die sozialistischen Neigungen Kafkas manifestieren sich auf drei Arten: Laut seinem Jugendfreund und Mitschüler Hugo Bergmann trug der junge Kafka, um seine Ansichten zum Ausdruck zu bringen, eine rote Nelke im Knopfloch. Ihre Freundschaft kühlte während des letzten Schuljahres (1900/01) ein wenig ab, weil »sein Sozialismus und mein Zionismus zu stark waren«.
Um welchen Sozialismus ging es? Es ist wahr, dass Kafka Interesse für die russische Revolution gezeigt hatte: In einem Brief an seine Freundin Milena vom September 1920 bezog er sich auf einen Artikel über den Bolschewismus, der einen starken Eindruck, wie er erklärte, »auf meinen Körper, meine Nerven mein Blut« machte.
Laut den Verantwortlichen für die Neuherausgabe der Briefe an Milena handelt es sich um einen Artikel von Bertrand Russell mit dem Titel »Über das bolschewistische Russland«, der am 25.August 1920 im Prager Tagblatt erschien. Aber Kafka fügt dort etwas hinzu, was mir sehr wichtig erscheint. »Allerdings habe ich es nicht genau so übernommen, wie es da steht, sondern erst für mein Orchester gesetzt.« Eine Bemerkung, die allgemein auf alle »Einflüsse« auf Kafka anwendbar ist: Es ging nie um eine passive Rezeption, aber immer um eine selektive erneute Erarbeitung, um eine einzigartige Orchestrierung.
Sehen wir uns das anhand des Artikels von Bertrand Russell an, um die Stellungnahme von Kafka besser zu verstehen. Dieses Papier skizziert eine unparteiische Bilanz der Sowjetmacht, in dem es ebenso die Hingabe der Bolschewiki betont — die es vergleicht mit Cromwells Puritanern wegen ihrer »Kombination von Demokratie und religiösem Glauben« und wegen ihres »starren politisch-moralischen Ziels« — wie ihre diktatorischen Tendenzen und ihre Intoleranz.
Der Standpunkt von Kafka wird in einem anderen Brief an Milena einige Wochen später deutlich: »Ich weiß nicht, ob Du meine Bemerkung über den Bolschewismus-Aufsatz richtig verstanden hast. Das was der Verfasser dort aussetzt, ist für mich das höchste auf Erden mögliche Lob.« Auf welche Kritik von Bertrand Russell bezieht er sich? Der englische Philosoph äußerte viel Kritik an den russischen Kommunisten, aber das, was ihm als das Gefährlichste erschien, war ihr Projekt, die Revolution weltweit auszudehnen, ihr fanatischer Internationalismus: »Der wahre Kommunist ist ganz und gar international. Lenin z.B. … ist nicht mehr über die Interessen Russlands als über die anderer Länder besorgt; Russland ist zur Zeit der Protagonist dieser sozialen Revolution und hat insofern einen Wert für die Welt, aber Lenin würde eher Russland als die Revolution opfern, wenn er vor diese Alternative gestellt wäre.« In anderen Worten: Das, was Kafka wert schien, bei den russischen Revolutionären gelobt zu werden, ist genau das, weswegen sie Russell tadelt: Ihr radikales internationalistisches Engagement…
Diese Kommentare zeugen von einem — kritischen — Interesse an der sowjetischen Erfahrung, aber nach dem aktuellen Stand der Forschung deutet nichts auf eine wie auch immer geartete Beziehung Kafkas zur kommunistischen Bewegung. Kein Zeuge hat ihn jemals auf einem Treffen der tschechischen Kommunisten gesehen und in seinen persönlichen Schriften — Briefwechsel, Tagebuch — erwähnt er niemals die maßgeblichen Autoren dieser politischen Strömung.
Im Gegenzug bezeugen mehrere Zeitgenossen die Sympathie, die er den tschechischen libertären Sozialisten entgegenbrachte und seine Teilnahme an einigen ihrer Aktivitäten. Man sollte sich deswegen in diese Richtung orientieren, wenn man den »zu starken« Sozialismus des jungen Kafka kennen lernen will.

Drei Zeugenaussagen tschechischer Zeitgenossen dokumentieren die Sympathie, die Kafka den tschechischen libertären Sozialisten entgegenbrachte und seine Teilnahme an einigen ihrer Aktivitäten. Zu Beginn der 30er Jahre sammelte Max Brod die Dokumente eines Gründers der tschechischen anarchistischen Bewegung, Michal Kacha. Sie belegen die Gegenwart Kafkas auf Veranstaltungen des Klub mladych (Jugendklub), einer libertären, antimilitaristischen und antiklerikalen Organisation, die von mehreren tschechischen Schriftstellern besucht wurde.
Die zweite Zeugenaussage ist die des anarchistischen Schriftstellers Michal Mares, der Kafka auf der Straße kennen lernte (sie waren Nachbarn). Nach Mares ging Kafka, seiner Einladung folgend, zu einer Kundgebung gegen die Hinrichtung von Francisco Ferrer, dem libertären spanischen Pädagogen, im Oktober 1909. Im Lauf der Jahre 1910—1912 beteiligte er sich an anarchistischen Konferenzen über die freie Liebe, die Kommune von Paris, den Frieden und gegen die Exekution des libertären Aktivisten Liabeuf aus Paris.
Das dritte Dokument sind die Gespräche mit Kafka von Gustav Janouch. Dieses Zeugnis, das sich auf den Austausch mit dem Prager Schriftsteller im Laufe seiner letzten Lebensjahre (zu Beginn der 20er Jahre) bezieht, zeigt, wie Kafka seine Sympathie für die Libertären sah. Nicht nur bewertete er die tschechischen Anarchisten als »sehr liebe, lustige« Menschen, »so lieb und freundlich«, dass »man ihnen … nicht glauben [kann], dass sie wirklich solche Weltzerstörer sein könnten, wie sie behaupten«, sondern auch die politischen und sozialen Ideen, die er im Laufe dieser Unterhaltungen zum Ausdruck brachte, blieben stark von der libertären Strömung geprägt.
Es gibt keinerlei Hinweis auf einen vermuteten »Einfluss« der Prager Anarchisten auf die Schriften Kafkas. Ganz im Gegenteil, er war es, der, ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen und seiner antiautoritären Empfindung, sich entschied, während einiger Jahre an den Aktivitäten dieses Milieus teilzunehmen (und einige ihrer Texte zu lesen). Nichts wäre also falscher, als zu glauben, er hätte seine libertären Sympathien auf sein literarisches Werk übertragen wollen. Es existierte zwischen dem Ersten und dem Zweiten eine Art »Familiensinn«, deswegen lassen sich beide auf etwas Fundamentales zurückführen, eine existenzielle Haltung, einen Sitz im Leben, einen wesentlichen Zug seines Charakters. Diesen Charakterzug definierte er selbst nicht ohne unnachgiebige Härte und gnadenlosen Ernst in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer vom 19.Oktober 1916: »Ich, der ich meistens unselbständig war, habe ein unendliches Verlangen nach Selbständigkeit, Unabhängigkeit, Freiheit nach allen Seiten … Alle Verbindung, die ich mir nicht selbst schaffe, sei es selbst gegen Teile meines Ich, ist wertlos, hindert mich am Gehen, ich hasse sie oder bin nahe daran sie zu hassen.« Ein unendliches Verlangen nach Freiheit nach allen Seiten: Man könnte den roten Faden, der sowohl das Leben als auch das Werk Kafkas durchzieht und ihnen eine ungewöhnliche Kohärenz gibt, nicht besser beschreiben — vor allem in der fraglichen Periode um 1912 — ungeachtet ihrer unausweichlichen Tragik.
Ein libertär inspirierter Antiautoritarismus durchzieht Kafkas Romanwerk in einer Bewegung der »Depersonalisierung« und zunehmenden Vergegenständlichung: Von der persönlichen väterlichen Autorität bis zur anonymen administrativen Autorität. Es handelt sich nicht um irgendeine politische Doktrin sondern um einen geistigen Zustand und eine kritische Sensibilität — dessen Hauptwaffe ist Ironie, Humor, dieser schwarze Humor, der »eine höhere Revolte des Geistes« (André Breton) ist.

Die beiden ersten Erzählungen Kafkas — »Das Urteil« und »Die Verwandlung« — von 1912 inszenieren die väterliche Autorität oder, um einen Kommentar von Milan Kundera zu zitieren, den »familiären Totalitarismus«. Der unvollendete Roman Amerika (1912—14) — eine hervorragende Kritik der industriellen/kapitalistischen Zivilisation — ist ein Werk des Übergangs: Die Figuren des patriarchalischen Typs sind immer noch präsent, aber man sieht dort die Macht der hierarchischen Strukturen erscheinen. Die große Wende zur Kritik der »Apparate« des anonymen Todes ist die Erzählung »In der Strafkolonie«, die kurz nach Amerika geschrieben wurde. Es gibt nur wenige Texte in der Weltliteratur, die Autorität unter einer ebenso ungerechten wie tödlichen Maske präsentieren. Es handelt nicht von der Macht eines Individuums — die Kommandanten (alt und neu) der Kolonie spielen eine eher sekundäre Rolle in der Handlung —, sondern von der eines unpersönlichen Mechanismus.
Der Rahmen der Handlung ist der… französische Kolonialismus. Die Offiziere und Kommandanten der Strafkolonie sind Franzosen, während die unterwürfigen Soldaten, die Hafenarbeiter, die Opfer, die vor der Hinrichtung stehen, »Indigene« sind, die nicht ein einziges Wort französisch verstehen. Ein »indigener« Soldat wurde von den Offizieren gemäß einer juristischen Doktrin zum Tode verurteilt, die in wenigen Worten die Quintessenz der Willkür zum Ausdruck bringt: »Die Schuld ist immer zweifellos.« Seine Hinrichtung soll von einer Maschine vollstreckt werden, die langsam mit einer Nadel, die ihn durchbohrt, auf den Körper schreibt: »Ehre deinen Vorgesetzten.«
Die zentrale Person der Erzählung ist nicht der Reisende, der die Ereignisse ablehnend verfolgt, nicht der Gefangene, der überhaupt nicht reagiert, nicht der Offizier, der die Exekution leitet, nicht der Kommandant der Kolonie. Es ist die Maschine selber.
Die ganze Handlung dreht sich um diesen unheilvollen Apparat, der immer mehr im Laufe der detaillierten Erklärung, die der Offizier dem Reisenden gibt, wie ein Ende an sich erscheint. Der Apparat ist nicht dazu da, Menschen zu exekutieren, er ist vielmehr um seiner selbst willen da, um einen Körper geliefert zu bekommen, auf den er sein ästhetisches Meisterwerk schreiben kann, seine mit vielen Schnörkeln und Ausschmückungen verzierte blutige Inschrift. Der Offizier ist nicht mehr als ein Diener der Maschine und schließlich opfert er sich selbst dem unersättlichen Moloch.
An welche konkrete »Machtmaschine«, an welchen »Autoritätsapparat«, Schlächter von Menschenleben, dachte Kafka? Die Strafkolonie wurde im Oktober 1914 geschrieben, drei Monate nach der Erklärung des Ersten Weltkriegs…
Die antiautoritäre Inspiration ist in das Herz der großen Romane Kafkas eingeschrieben. Der Prozess und Das Schloss, die über den Staat reden — der die Form der »Verwaltung« oder der »Justiz« annimmt — als einem System der Herrschaft, das die Individuen niederhält, unterdrückt oder tötet. Er ist eine beängstigende, undurchsichtige und unverständliche Welt, wo die Unfreiheit regiert. Es soll daran erinnert werden, dass Kafka in seinen Romanen nicht von Ausnahmestaaten schreibt: Einer der wichtigsten durch sein Werk nahegelegten Gedanken — wobei die Verwandtschaft mit dem Anarchismus offensichtlich ist — ist der von der unterdrückenden und entfremdenden Natur des »normalen« legalen Verfassungsstaats. In den ersten Zeilen vom Prozess wird es klar gesagt: »K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte, ihn in seiner Wohnung zu überfallen?« Wie seine Freunde, die Prager Libertären, schien er jede Form von Staat, den Staat an sich für eine autoritäre und freiheitsfeindliche Hierarchie zu halten.
Eine solche »kritische« Interpretation steht, wohl bemerkt, in klarem Gegensatz zu den zahlreichen metaphysischen Interpretationen, die die Ansicht vertreten, dass die Resignation vor der »condition humaine«, die so etwas Zeitloses hat, das Thema von Kafkas Romanen ist. In einem 1953 veröffentlichten Essay über den Schriftsteller hat Theodor W. Adorno mit dieser Art Interpretation abgerechnet: »Sein Werk hat den Ton des Ultralinken: Wer es auf das allgemein Menschliche reduziert, verfälscht ihn bereits konformistisch.« Diese polemische Bemerkung verdient einen Kommentar. Er redet nicht von einer Botschaft, einer Doktrin oder einer These, sondern von einem Ton im musikalischen Sinne des Wortes. Es ist unwahrscheinlich, dass Adorno die Zeugnisse für die libertären Neigungen Kafkas kannte. Es ist also eine Folge der immanenten Lektüre der literarischen Texte, die zu dieser Schlussfolgerung geführt hat.

Übersetzung aus dem Französischen: Andreas Bodden.

SoZ – Sozialistische Zeitung, Juli 2004, Seite 24.


1 Antwort auf „Michael Löwy – Kafka und der Sozialismus (2004)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linke « Entdinglichung Pingback am 14. Oktober 2010 um 10:42 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.