Jean Barrot [Gilles Dauvé] – Der Kommunismus als soziale Bewegung zur Aufhebung des Wertes (1972)

Der nun folgende Text entstammt aus einer Diskussion und Arbeit „französischer“ Kommunisten. Mit dem „französisch“ ist hier nur angedeutet, daß sie – anders als in der BRD – sich viel umfassender und eingehender mit kommunistischen Theorien beschäftigt haben, und sich u.a. wesentlich stärker gegen den konterrevolutionären Stalinismus behaupten konnten. Die linkskommunistische Tradition ist in Frankreich und Italien wesentlich verbreiterter. Dies liegt zum Teil daran, daß es viele Schriften der kommunistischen Bewegung (wie z.B. die Texte von Amadeo Bordiga) nur im französischen und italienischen Sprachraum gibt. In die deutsche Sprache wurden nur sehr wenige Texte übersetzt. Der Linkskommunist Jean Barrot versuchte Anfang der 70er Jahre eine Rekonstruktion des revolutionären Marxismus u.a. in dem Buch: „Le mouvement communiste“, aus der im Wesentlichen auch der folgende Text stammt. Vorausgesetzt für das Verständnis wird ein Grundwissen der Kritik der politischen Ökonomie und die Methodik der Dialektik, die leider immer mehr „auf den Hund gekommen“ ist. (Angelika Goedde)

Der Kommunismus ist gleichzeitig eine soziale Bewegung und die Produktionsweise, zu der diese Bewegung führt. Der Vulgärmarxismus hat über diese Tatsache kontinuierlich die größte Verwirrung erzeugt. Die Vulgärmarxisten kennen zwar die Texte von Marx über den Kommunismus und verfehlen nicht, sie jederzeit zu zitieren, aber darin betonen sie nur einen Aspekt: der Kommunismus als spezifische Produktionsweise, die nicht mehr durch den Wert regiert wird etc. Indem sie das tun, betonen sie dort zwar einen wichtigen Punkt, lösen ihn aber aus dem theoretischen Kontext, der ihm erst seinen Sinn verleiht. Der Kommunismus ist zwar eine spezifische Produktionsweise, aber durchaus auch die Bewegung, die zunächst noch eingebettet in der Formation des Kapitalismus ganz allmählich die Mittel schafft, um aus diesem Kerker auszubrechen. Der Kommunismus als Produktionsweise ist also die Verlängerung des Kommunismus als sozialer Bewegung. Bewegung und Ziel gehören zusammen. In der Bewegung, die sich mehr und mehr entfaltet, bildet sich gleichzeitig im Embryonalzustand bereits das Neue heraus: der Nicht-Wert, der im Proletariat verkörpert ist. Aus diesem Grunde, obwohl es in der Tat nur eine einzige dynamische Totalität gibt, in der sich beide Aspekte nur abstrakt unterscheiden lassen, beginnt die Analyse mit einer Betrachtung des Kapitals.
Durch seine Entwicklung sozialisiert das Kapital die Welt. Jegliche individuelle Produktion tendiert dazu, zerstört zu werden. Der Akt dieser Zerstörung ist gleichzeitig die Aufhebung der „individuellen“ Arbeit: sie wird subsummiert unter die Arbeit sans phrase, dem Kollektiv der Wertschaffenden. Auch dort, wo die Arbeiter nicht in Lohnempfänger verwandelt werden, sind sie dennoch durch das Medium des Geldes als abstrakten Nationalreichtum in den Kapitalismus integriert. Was sie – egal wo sie arbeiten – produzieren, ist nichts als eine Ware, die ihnen selbst jedoch durch den Markt bzw. mangels Geld entgeht. Durch die Herstellung des Weltmarktes tendiert jedes Produkt dazu, Ergebnis der Bemühungen der gesamten Menschheit und ihrer entwickelten Produktivität zu werden. Und so ist der Wert heute nicht anderes, als weltgesellschaftlich-durchschnittliche Arbeitszeit, die durch die microelektronische Revolution immer mehr verkürzt wird. Das Subjekt des ökonomischen und sozialen Lebens ist nicht mehr der einzelne Lohnarbeiter, sondern der soziale Körper in seiner Gesamtheit, die Menschheit, das kollektive Subjekt. So betrachtet, wird die Vergesellschaftung nicht durch den Kommunismus herbeigeführt, sondern bereits durch das Kapital. Sie ist ist damit das Resultat der Etablierung des Weltmarktes. Sie existiert durch komplexe Arbeitsteilung und Tauschbeziehungen, die sich zwischen den Unternehmen und den Ländern entwickeln und heute als globales Kapital den Erdball umspannen. Infolgedessen beinhaltet diese Produktionsweise keinerlei Aneignung der durch das Kollektiv hergestellten und akkumulierten Reichtümer, sondern allein die abstrakte Verwertung der „kollektiven“ Produktionsmittel unter Anwendung der von ihr auferlegten Methoden innerhalb der Selbstverwertung des Wertes. Die kapitalistische Vergesellschaftung der Welt verwandelt diese in einen gigantischen Produktionsapparat, von dem die Industrie die Basis bildet und dessen verschiedene Elemente sowohl große Unternehmen, darunter subsummierte Subunternehmen, als auch davon isolierte – aber gleichzeitig darin integrierte Privatproduzenten sind.
Der Kapitalismus tendiert dazu, das Privateigentum der Individuen über die Produktionsmittel zu negieren. Er geht sogar soweit, die Kapitalisten selbst zu expropriieren. Die Rolle des individuellen Eigentümers verwandelt sich in ein System, welches durch die Konzentration durch Aktiengesellschaften und Trusts gekennzeichnet ist. Auch das haben die Marxisten der früheren Epoche klar erkannt und diese Tendenz wurde von Marx und Engels im 3. Band des Kapitals schon dargestellt. Allerdings – und auch das liegt an der Vulgarisierung des Marxismus, wurde daraus keine wirkliche Konsequenz gezogen, sondern das Kapital nach wie vor personifiziert. Aber im Grunde sind es nicht mehr die Individuen als Repräsentanten und Inkarnation des Privateigentums, sondern es sind die Produktionsmittel selbst, die sich als juristische und ökonomische Einheiten formieren und dazu tendieren, eine eigene Welt, regiert durch eigene Gesetze, herauszubilden. Auch dies wurde von Marx und Engels schon klar erkannt und sie prägten daraus den Begriff der „Charaktermasken“, die als objekte dieser Gesetze in Erscheinu ng treten.

Der Widerspruch des Kapitals ist immer derselbe und setzt den Wert (das Privateigentum, den Tausch) dem Gebrauchswert (dem sozialisierten Produktionsapparat und an erster Stelle dem fixem Kapital) einander entgegen. Aber die Art und Weise, in der sich diese Entgegensetzung manifestiert, wird modifiziert und zeugt gleichzeitig von der Entwicklung des Kapitals und der Heranreifung der Bedingungen seiner eigenen Überwindung. Der Kampf hat sich entpersonalisiert. Man weiß, daß die Gesetze des Privateigentums nichts anderes ausdrücken, als die Existenz und die Sachzwänge des Tausches und des Wertes. Sie beziehen sich jetzt mehr auf Sachen als auf Personen. Was jetzt auf dem Spiele steht, das ist der Angriff eines schon sozialisierten Produktionsapparates, der jedoch noch gefangen ist innerhalb des Wertes des autonomen Unternehmens. Er ist buchstäblich parzelliert in voneinander getrennte Produktionseinheiten und nur durch den Wert verbunden, während die Zusammensetzung dieses internationalen Produktionskomplexes selbst die objektive Grundlage des Wertes zerstört und schafft unter streng ökonomischem Aspekt so die Privatproduktion ab. Der Kommunismus realisiert deshalb nicht die Vergesellschaftung der Produktion (dies ist im Gegenteil das Werk des Kapitals) sondern er befreit diese Vergesellschaftung von den Fesseln des Wertes. Die Expropriation der Expropriateure, zeigt sich so nicht als eine Frage der Personen, sondern der gesellschaftlichen Beziehungen. Es handelt sich darum, dem vergesellschafteten Reichtum seinen Wertcharakter zu nehmen.

Der Kommunismus ist die soziale Aneignung aller Reichtümer der Menschheit durch die Menschen selbst!

Das bedeutet natürlich auch die Transformation des gesellschaftlichen Reichtums. Tatsächlich sind alle Reichtümer zugleich Befriedigung von Bedürfnissen und Produkt und Produktion des Kapitals. Der Kommunismus muß dies nur überwinden und diese reaktionäre Einheit zerbrechen. Er bedeutet Aktion in allen Bereichen.
Die zu seiner Errichtung notwendige Bedingung hat nichts damit zu tun, daß diese akkumulierten Reichtümer besonders groß sind. Es ist keine Frage der Quantität, sondern eine des Verhältnisses und der Qualität. Man kann den Wert als eine gegebene Größe vernachlässigen, wenn die durchschnittliche Arbeitsmenge, die zu seiner Produktion notwendig ist, eine zu vernachlässigende Rolle spielt: man kann deshalb sagen, daß dieses „Gut“ im Überfluß existiert. Die Rolle der Arbeitszeit und die damit verbundene Regulierung derselben (notwendige Arbeit oder disponible Arbeit) ergeben sich aus ihrer ökonomischen Rolle. Weshalb war es nötig, seit der Auflösung der primitiven Gemeinschaft, die sich damit zufrieden gab, Grundbedürfnisse zu befriedigen und keinen Tausch kannte, die Güter gemäß der in ihnen kristallisierten Arbeitszeit zu messen? Weil es die einzige Weise seit Jahrtausenden gewesen ist, um die Verteilung und die Produktion sicherzustellen. Das Privateigentum hat übrigens keinen anderen Daseinszweck, als eine Hilfsfunktion des Tausches zu sein. Es ist die spezifische Form der Beziehung, die die Menschen, die in verschiedene gesellschaftliche Klassen unterteilt, an das Objekt in einer Gesellschaft zu binden, die durch Tausch dominiert wird, Es ist vollkommen utopisch, das Privateigentum abzuschaffen mit der Absicht der Befreiung des Menschen, ohne gleichzeitig den Wert abzuschaffen. Die Privataneignung der Güter korrespondiert mit einer bestimmten Gesellschaft bzw. spezifischen Gesellschaftstypen (Altertum, Feudalismus, Kapitalismus). Damit der Tausch möglich wird, ist es erforderlich, daß die Güter so betrachtet werden, als ob sie sich auf zwei Personen beziehen (im physischen oder moralischen Sinn) und es kann sich hier um ein Unternehmen oder den Staat handeln), die voneinander unterschieden sind und von denen jeder einzelne die Ware in exklusiver Form besitzt. Was diese Güter charakterisiert, die gleichzeitig ein determiniertes Bedürfnis (Gebrauchswert) darstellen und innerhalb ihrer selbst eine durchschnittliche Arbeitsmenge vergegenständlichen, das ist, daß ihr Umlauf nicht möglich ist, wenn sie nicht dem Maß dieser Menge gehorcht. Wert und Privateigentum sind unauslösbar miteinander verbunden.
Im Kommunismus enthalten die Produkte immer eine bestimmte durchschnittliche Arbeitszeit, jedoch hat dieser Tatbestand keinerlei Bedeutung. Die Ware als widersprüchliche Einheit zwischen Gebrauchs- und Tauschwert wird aufgehoben und nicht mehr durch den abstrakten Wert bestimmt. Sie ist nichts als ein Gut an sich, ein nützliches Objekt (der Kommunismus wird so zu einer neuen Entwicklung des Reichtums) und überwindet damit die gesellschaftliche Beziehung, die durch ihren Tauschwert determiniert wird. Die Gebrauchswerte haben also ihren Tauschwert nicht mehr nötig, um zu zirkulieren. Damit eine solche Transformation eintritt, mußte man seit dem Erscheinen der Ware eine lange Zeit warten. Die Ware kennt also eine lange Geschichte, bevor sie zum Kapital wurde, indem sie die Arbeitskraft als Ware einsog. In sich selbst enthält die Ware nicht die Möglichkeit des Kommunismus. Aus dem einfachen Begriff der Ware können weder die Bewegung, die zum Kommunismus führt, noch die Prinzipien seines Funktionierens abgeleitet werden.

Allerdings enthält die Ware Arbeitskraft als besondere Ware das Vermögen, das Wertgesetz zunehmend zu überwinden, da sie beständig den Mehrwert schafft, der schließlich das Kapital als Ganzes in Frage stellt. Darin enthalten die Selbstaufhebung der lebendigen Arbeitskraft durch zunehmende Arbeitsproduktivitä,t und Überzähligmachung der lebendigen Arbeitskraft…, der Grundlage des Kapitals (Einfügung von mir)

Nur das Kapital, das einen zunehmenden Gegensatz zur Ware Arbeitskraft bildet, setzt diesen Prozeß der Autonomisierung des Gebrauchswertes in Gang. Die Ware verliert ihre Eigenständigkeit, indem sie Kapital wird. Das ist auch der Unterschied zu den vorkapitalistischen Produkutionsweisen, in der die Ware auch schon zunehmend zum Mittelpunkt des Lebens wurde. Die entscheidende Rolle der Ware in der bürgerlichen Gesellschaft liegt im Wertgesetz, welches die Ware einschließt, im Produktionsproze&slig; verkonsumiert und überschreitet.

Jeder Versuch, eine kommunistische Gesellschaft zu analysieren, kann sich nur drauf beschränken, allgemeine Prinzipien ihres Funktionierens darzustellen. Was den Rest betrifft (das tägliche Leben usw.) so kann dieser nur mit Vorsicht betrachtet werden und muß immer in Beziehung zum wesentlichen Mechanismus der kommunistischen Produktionsweise gesetzt werden.
Der Kapitalismus d.h. Produktion von Werten um des Wertes Willen macht das Wertprinzip selbst auf diese Weise hinfällig, folgt man der Darstellung von Marx. Jedoch erfüllt das Wertgesetz eine Regulierungsfunktion in der Verteilung der Ressourcen, die jede Gesellschaft, gleichgültig welchen sozialen Systems, vornehmen muß. Sicherlich erfüllt das Wertgesetz seine Funktion nur unter dem Preis zahlreicher Katastrophen.
Im Kommunismus ist das anders: er bedient sich dieser Mechanismen, wie Arbeitszeitmessung, Buchführung etc. nicht auf dieselbe Weise. Die Kalkulation folgt nicht mehr der Kostenanalyse z.B. in Bezug auf die geringsten Kosten oder Durchschnittskosten. Der Imperativ des Gewinns wird seines Sinns beraubt. Die gesellschaftliche Produktion wird nicht mehr durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit bestimmt, sondern durch die, wie Marx sie nennt, disponible Zeit. Und die Ressourceneinteilung wird ausgehen von der Qualität der herzustellenden Güter und richtet sich ferner nach den vorhandenen Ressourcen sowie ökologischen und sozialen Kriterien, die dur ch die gesellschaftlichen Produzent/innen (zu denen auch die Wissenschaftler/innen gehören), definiert wird.

Man hat diese disponible Zeit bereits angekündigt. Tatsächlich handelt es sich nicht darum, Arbeitszeit zu berechnen, sondern Ressourcen – und die spezifische Arbeit eines Jeden wird damit auch als qualitative Ressource angesehen. Jede Buchführung in Begriffen von Arbeitszeit im Wertmaßstab ist mit dem Kommunismus nicht vereinbar. Tatsächlich:

1. für die Mittel und Objekte der Arbeit, die in physischen Einheiten existieren, schafft erst der Kapitalismus das „Umfeld“ des Wertes. Der Kommunismus kann sie in natürlichen Einheiten kalkulieren, die ihrem Gebrauchswert entsprechen (soundsoviel Häuser dieses oder jenen Types etc.)
2. für die Arbeitskräfte, die sich in unterschiedliche Qualifikationen aufgliedern, berücksichtigt die soziale Buchführung diese Qualifikationsgrade und damit auch die Art des Gebrauches.

Auf der Ebene von ökonomischen Gesetzen negiert damit der Kommunismus, sowohl Produktionsfaktoren wie auch die Elemente des sozialen Lebens auf einen gemeinsamen abstrakten Maßstab zurüczuführen. Er bedeutet also nicht mehr die Herrschaft der Quantität, sondern der Qualität. All dieses hat also nichts mit irgendeinem „Überfluß“ oder auch &qout;Mangel&qout; zu tun, denn die Menge der Arbeit braucht nicht mehr berechnet zu werden. Dies, weil die neuen Güter und Bedürfnisse aus dem sozialen Leben entstehen. Dies allein wird die Eigenschaft und die Menge der Güter bestimmen.
Die Güter, ihr konkreter sozialer Gebrauch und die Anzahl/Menge werden aus der Bewegung des sozialen Lebens entstehen und in darin ihre Eigenschaft des sozialen Genusses entfalten. Sie werden miteinander verglichen und in Bezug auf den Gebrauch, den man davon machen will, bewertet, was auch die Wahl beinhaltet. Man kalkuliert also die Ressourcen, die einem zur Verfügung stehen und wendet die disponiblen Produktivkräfte diesem oder jenem Gebrauch zu. Es gibt durchaus immer Güterzirkulation und auch deren Messung, aber die Zirkulation verliert die Form des Tausches. Die Regulation erfolgt nicht mehr nachträglich, nach der Produktion durch das Mittel eines komplexen und ruinösen Mechanismus bezüglich des Durchschnittprofites, sondern vor der Produktion. Es ist klar, daß dieser Prozeß gewisse unumgängliche Schwierigkeiten nicht vermeiden kann. Dies schon aufgrund der Verschiebung der Entscheidung und ihrer Anwendung.

Der Kommunismus ist nicht die Realisierung eines Perfektionsideals. Allerdings gestattet diese Funktionsweise die Organisation der Produktivkräfte einschließlich der Arbeit, indem er die periodischen Krisen der monetärern Wirtschaft und merkantilen Wirtschaft vermeidet.
Der vollendete Kommunsmus ist nur möglich nach einer Übergangsperiode, die die Funktion hat, ein Ensemble von irreversiblen Maßnahmen zu treffen, wodurch ein Bruch mit der Wirtschaft, die auf Kapital und Wert basiert, vollzogen wird. Die Existenz dieser zwei Phasen und die Art und Weise in der sie aufeinander folgen, haben beide als Wurzel die Bewegung der Opposition gegen das Kapital, die durch das Kapital selbst erzeugt wird. Der Kapitalismus ist die Herrschaft toter Arbeit, die durch vergangene und gegenwärtige Generationen akkumuliert wurde, geschaffen durch die lebendige Arbeit des Proletariats, Schöpferin von Mehrwert. Keine andere Produktionsweise kann so charakterisiert werden. In gewisser Weise organisieren alle Ausbeutersysteme die Unterwerfung des Menschen unter die Produktionsmittel. Jedoch setzten die Sklaven und die Arbeiter von Gemeinschaften des asiatischen Typs nicht diese Massen akkumulierter Arbeit in Bewegung. Der Unterschied ist nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ. Die Aktivität des in der Landwirtschaft beschäftigten Sklaven kann nicht sehr verschieden sein von derjenigen des freien Bauern, der zur gleichen Zeit auf seiner Parzelle arbeitet. Der Proletarier hingegen tritt in eine Beziehung mit der akkumulierten Arbeit, wo seine spezifische Rolle und sein einziges Ziel nichts anderes sind, als diese enormen Produktionsmittel mit dem Zweck ihrer Verwertung in Bewegung zu setzen. Es handelt sich nicht mehr darum, ein Mehrprodukt herauszuziehen, welches parasitär verbraucht wird, sondern einen ständig wachsenden Mehrwert zu schaffen, der ihnen als Macht gegenübertritt und ihre Arbeit zunehmend entwertet. Das Kapital ist diese besondere Beziehung zwischen lebendiger und toter Arbeit. Infolgedessen ist es ein Verhältnis zwischen Klassen: Lieferanten von lebendiger Arbeitskraft und Besitzern bzw. Eigentümern von spekulativen Besitztiteln (Aktienkapital) von und an toter Arbeit. Ob die letzteren Eigentümer der Produktionsmittel sind, oder nicht, ist nicht von Bedeutung. Sie sind Kapitalisten und deshalb die dem Proletariat entgegengesetzte soziale Klasse, da sie das Kapital verwalten. Ob diese Beziehung es nötig hat, organisiert zu werden – und zwar in gleichem Ausmaß, wie der Kapitalismus von Tag zu Tag selbst komplexer und diversifizierter wird, macht nicht die wesentliche Beziehung dieser Organisation aus. Das Kapital kann deshalb nicht durch eine Änderung der Arbeitsorganisation überwunden werden, sondern nur durch eine Transformation innerhalb der Struktur der Produktivkräfte, die dieses Verhältnis bestimmt und daraus ein historisch notwendiges Instrument der gesellschaftlichen Entwicklung der Menschheit darstellt. Es ist exakt dasjenige, was mit dem Anwachsen toter Arbeit entsteht und es im Verhältnis mit der lebendigen Arbeit unnötig macht, ausgebeutet zu werden. Diese Entwicklung und ihre Integration wurden im ersten Teil dieser Arbeit analysiert. Dennoch spielt auch die modifizierte Arbeit weiterhin eine unerläßliche Rolle. Betrachten wir jetzt die beiden Etappen dieses historischen Prozesses und wie sie in Erscheinung treten.

Der jeweilige Inhalt dieser beiden Phasen (der niederen und höheren) stellt sich zur Epoche von Marx und noch in der Epoche von 1917 unterschiedlich zu unserer heutigen Zeit dar. Wenngleich, da der Kapitalismus seine Natur nicht geändert hat, ist das Programm in seiner Grundstruktur das gleiche wie im 19. Jahrhundert. Es stellt sich heute jedoch anders dar und erfordert eine theoretische und praktische Aktualisierung. Gewisse Punkte sind für die Epoche von Marx und der unsrigen gleichbedeutend, einige jedoch erfordern eine völlig andere Herangehensweise. Im 2. Teil betrachten wir deshalb dasjenige, was verglichen mit der vorangegangenen Periode neu ist. Die allgemeinen Prinzipien, wie sie von Marx definiert werden, bleiben darin unberührt und werden deshalb in diesem Teil nicht wiederholt.

A. DAS PROGRAMM ZUR ZEIT VON MARX

Da der Kommunismus die kollektive Aneignung der angehäuften kollektiven Reichtümer durch die Menschheit ist, ist er in erster Linie Aneigung dessen was der Kapitalismus zum wesentlichen Faktor des Reichtums gemacht hat: angesammelte Arbeit, fixes Kapital im weitesten Sinn des Wortes. Die Punkte, wo das fixe Kapital am konzentriertesten ist, sind die Bewegungszentren der modernen Gesellschaft: Großindustrie, Transportindustrie, Telekommunikation, Energie usw. Diese Zentren; Hochburgen der Macht des Kapitals stellen in Wahrheit seinen Schwachpunkt dar und sind die Ausgangszentren der antikapitalistischen Revolution. Denn an diesen Stellen verliert der Wert seine objektive Basis. An diesen Stellen kann der Gebrauchswert sofort den Austausch überwinden und erst anschließend den Kampf in die Bereiche tragen, wo das Kapital noch nicht genügend entwickelt ist, damit der Widerspruch zwischen Wert und Arbeitsprozeß explodieren und aufbrechen kann.
Die erste Phase des Kommunismus hat als erstes Ziel die Abschaffung des Austausches zwischen den großen Industrieunternehmen, sodaß diese allmählich, sogar relativ schnell, ohne die Vermittlung des Wertes funktionieren. Strikt genommen ist der Wert nicht „abgeschafft“ [die Bewegung des Kommunismus enthät in sich keinen Voluntarismus bzw. administrative Akte]: er stirbt vielmehr ab, wenn die Sphäre seiner Anwendung progressiv aufgehoben wird. Der Ausgangspunkt dieser Bewegung ist das Netz der großen modernen Unternehmen (Industrie, Verkehrswesen…) Sie sind in gewisser Weise durch die Anhäufung fixen Kapitals und hochentwickelter Produktivkräfte Hochburgen des Kommunismus. Mit dadurch bedingt, hören diese Unternehmen auf, als autonome Produkti onseinheiten zu funktionieren. Sie heben sich in ein größeres Ganzes auf. Als Folge davon ist die Koordinierung der Ökonomie weniger schwierig, da das Kapital durch seine Tendenz der Zentralisierung die moderne Gesellschaft um eine gewisse Anzahl von finanziellen und industriellen Imperien organisiert hat und seine Macht in allen wichtigen Sektoren der Wirtschaft ausübt. Die Transitionsphase ist von dem Moment an erreicht, wo die Überwindung des Wertes ausgehend von diesen vitalen Punkten Auswirkungen auf die Gesamtheit des gesellschaftlichen Lebens zu zeitigen beginnt. Von da an wird die Produktion durch die Entwicklung des Gebrauchswertes und die Befriedigung der Bedürfnisse und nicht durch die Verwertung bestimmt. Der Wert ist verschwunden.

Nur diese Entwicklung erlaubt auch die Aufhebung der Lohnarbeit. Die Lohnarbeit ist die Bedingung, die den Menschen durch das Kapital auferlegt wird. In diesem Verhältnis existiert der Mensch für die Gesellschaft nur als Arbeiter, Lieferant von Arbeitskraft. Die Existenz des Lohnarbeitsverhältnisses rührt daher, daß die gesellschaftliche Enwicklung der Menschen nur unter diesem Aspekt betrachtet wird. Man muß ihn an die Arbeit binden und ihn der toten Arbeit unterwerfen, der er durch seine lebendige Arbeit Wert verschafft. Er existiert nur zu diesem Zweck und wenn er diese Funktion nicht ausüben kann oder will, ist er für die Gesellschaft bzw. das Kapital unnütz. Die Lohnarbeit ist Unterwerfung unter tote Arbeit. Hierzu muß der Arbeiter zur Arbeit gezwungen werden. Er muß seine materielle Existenz von seiner Lohnarbeit abhängig machen. Es kommt gar nicht darauf an, ob er an dem Reichtümern der Gesellschaft, also auch durch seine eigene Arbeit, an den Reichtümern partizipiert. Er erhält nur ein Minimum, welches seinem Wert als Arbeitskraft entspricht. Dieses “ ist Minimum je nach Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und des produzierten Reichtums und basiert auf der historischen Entwicklung der Arb eit. Indem man ihm nur das gibt, was zur Reproduktion seiner Arbeitkraft gesellschaftlich notwendig ist, zwingt man ihn, sie zu verkaufen. Mit der Entfaltung und dem Wandel der Produktivkräfte kann die kapitalistische Beziehung zwischen toter und lebendiger Arbeit und damit der gesamte Wertmechanismus wie auch die Lohnarbeit verschwinden. Die Lohnarbeit ist nur eine Beziehung, die durch das Verhältnis zwischen der Arbeit und den Produktionsmitteln determiniert ist. Wenn die objektive Ursache dieser Beziehung sich auflöst, verschwindet sie schließlich. Jedoch gibt es keine völlige Gleichzeitigkeit zwischen dem Verschwinden des Wertes und dem der Lohnarbeit.
In den fortgeschrittenene Sektoren, in denen das Wertprinzip durch die Enwicklung der kapitalistischen Produktion selbst überflüssig geworden ist, beginnen die Unternehmen, ihre Produkte untereinander auszutauschen, ohne sich um die Verwertung zu sorgen. Aber auch in diesen Fabriken kann die Arbeiterskraft nicht unmittelbar ihren Wertcharakter verlieren. Die Arbeitskraft wird aber nicht mehr bezahlt und durchläuft diese Evolution in zwei Phasen:
Der Kommunismus kann in der Tat die Arbeitskraft nicht wie die Produktionsmittel behandeln. Im Falle der Arbeit selbst ist die erste Notwendigkeit, sie zu generalisieren. Es handelt sich vor allem darum, die nicht Arbeitenden arbeiten zu lassen, aber auch darum, alle unproduktive Arbeit in produktive zu verwandeln und hierzu die große Masse der Arbeitslosen heranzuziehen. Dieser Prozeß der Generalisierung der Arbeit ist wichtig für das erste Stadium des Kommunismus. Da dieser die Aneignung der Produktivkräfte und der Reichtümer bedeutet, schließt er notwendigerweise die volle Nutzung der Arbeitsfähigkeit durch die Menschheit ein und beendet so die Verschwendung und die ständige Unterbeschäftigung der Arbeitskraft durch den Kapitalismus. Jedoch weil sie sich auf die lebendige Arbeit in Bewegung bezieht, welche eine produktive Anstrengung einschließt, kann die Arbeitskraft nicht wie die Produktionsmittel eingesetzt werden. Die tote Arbeit verrichtet ihre Arbeit problemlos, aber die Arbeiterskraft kann ihre Funktionen anfangs nur wahrnehmen, wenn sie dazu gezwungen wird. Die Jahrhunderte alte Gewohnheit der Versklavung hat aus der Arbeit eine drückende Verpflichtung gemacht, die auf dem Individuum wie eine Bürde lastet, der er ständig auszuweichen versucht. Nur die Zeit der Nichtarbeit erscheint ihm als Befreiung und Entwicklung menschlicher Möglichkeiten. Man hat oftmals gedacht, daß die Lösung darin besteht, die Arbeit als solche einfach abzuschaffen und nicht darin, die Bedingungen zu ändern, die aus der Arbeit einen Zwangscharakter machen. Deshalb ist es in der Übergangsgesellschaft notwendig, die allgemeine Arbeitspflicht einzuführen gemäß der Regel: wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Das war schon deshalb notwendig, weil die reine Anzahl und die soziale Herkunft der neuen Arbeiter schwierige Probleme aufwerfen. Wie man sehen wird, wird eine derartige Generalisierung der Arbeit nur durch das Festhalten an einer – jedoch modifizierten – Form des Wertes möglich sein. Der Prozeß der Etablierung eines derartigen Systems muß zu dessen Aufhebung führen und erlaubt so den Übergang zur höheren Phase.

Zu Beginn ist der Kommunismus nicht voll entwickelt. Er muß nur die Hindernisse, die seiner Entwicklung im Wege stehen beseitigen, besonders zunächst diejenigen, die die Produktivkräfte an ihrer Entfaltung hindern, die Grundvoraussetzung für den Kommunismus. Das Proletariat organisiert die Gesellschaft rational unter seiner Leitung, um ökonomisches Wachstum zu realisieren und um diese Klippen zu umschiffen.
Aber es hat aus der Menschheit noch nicht die gesellschaftliche Produktivkraft gemacht. Es verbleibt sogar noch innerhalb wichtiger Bereiche vorkapitalistischer Entwicklung. Die Generalisierung der Arbeit visiert noch nicht die Errichtung einer Gemeinschaft der Arbeit an, in der der Mensch als alleiniger Bezugspunkt der Arbeit betrachtet wird. Sie hat nur das Ziel, den kapitalistischen Charakter der Arbeit zu beenden.
Die Arbeit wird nicht durch Lohn, sondern durch einen Lebensmittelbon vergütet, einer Art Verpflegungskarte, die wohl verstanden einem Verbrauch entspricht, der von demjenigen, den das Kapital gewährt völlig verschieden ist. Dieser hat nichts mit Rationierung wie z.B. während Kriegen zu tun. Der Bon entspricht also dem Wert der Arbeit, aber er überwindet den Wert, weil er nur der Wert für einen bestimmten Verbrauch ist. Er mißt nicht das, was für die Reproduktion der Arbeit notwendig ist. Er mißt das, was dem Niveau der Produktivkraftentwicklung entspricht. Letzteres setzt notwendigerweise einen Zuteilungsplan für den Konsum voraus und zwar nicht nur innerhalb eines Landes.
Der Wert existiert damit in einer neuen Form. Eine Quantität Arbeit tauscht sich gegen eine Quantität von Produkten: jedem gemäß seiner Arbeit. Das Gegenteil wäre unmöglich. Die Bons, die diesen festgelegten Mengen entsprechen, können nicht gespart werden, sie sind nicht akkumulierbar. Wenn man sie nicht benutzt, wenn man sie nicht verbraucht, sind sie unwiederbringlich verloren. Dies zeigt den ganzen Unterschied zum Lohn. Der Bon hat nicht den Charakter eines Wertes, der eine andere Verwendung als den direkten Konsum gestattet. Es gibt also zwischen der Arbeit und dem Bon (also den Produkten), damit zwischen Mensch und Gesellschaft eine Wertbeziehung, aber eine andere als die durch Lohnarbeit ausgedrückte. Es gibt durchaus Äquivalenz, da die festgelegten Arbeitseinheiten gegeneinander ausgetauscht werden. Jedoch gibt es keine Polarität, da der Austausch nur einen Zweck hat: die Arbeitskraft fährt fort, entgolten zu werden aber sie ist keine Ware mehr. Man hat es nicht mehr mit zwei austauschbaren Polen zu tun, sondern mit einer einheitlichen Bewegung, die in der Tat den Anfang der aufhebung des Tausches bedeutet. Grob gesagt, könnte man sagen, daß das Wertgesetz nur noch zur Hälfte gültig ist. Deshalb verschwindet es.

Das Maß der Produktmenge, die der Arbeiter erhält, wird nicht mehr durch den Wert bestimmt, durch die durchschnittliche Arbeitszeit, die notwendig ist zur Reproduktion seiner Arbeitskraft, sondern durch die Gesellschaft bestimmt. „Es handelt sich nicht um einen Tausch, sondern um eine autoritäre Zuteilung der Produkte.“ Das Wertgesetz operiert also nicht mehr, wie im Kapitalismus. Es gibt keine Autonomie des Wertes mehr, welcher gleichzeitig teilweise zerstört und beherrscht wird. Stattdessen erhält die Arbeitskraft weiterhin Entgelt durch den Wert: nicht im Sinne, weil der Verpflegungsbon dasjenige gibt, was zur Reproduktion notwendig ist, sondern weil der Bon eine Meßbeziehung etabliert, also einen Tausch zwischen der entrichteten Arbeit und dem Verbrauch, jedoch ausgehend vom Verbrauch. So ist das kommunistische System der niedrigeren Phase zugleich verschieden vom entwickelten Kapitalismus als auch vom Kommunismus. Man fährt fort zu messen, aber nur in Bezug auf den Verbrauch. Parallel dazu oder gleichzeitig operiert der Mechanismus zur Schaffung der disponiblen Zeit sowohl auf dem Niveau der Arbeit als auch der Produktion selbst und erlaubt eine beträchtliche Senkung des Arbeitstages. Man gelangt zu einer qualitativen und quantitativen Veränderung des Verbrauchs. So verliert der Verbrauch den Charakter einer Zuteilung. Es ist erforderlich, daß die Produktivkräfte jedem einen Verbrauch gemäß seinen Bedürfnissen gestatten. Eine derartige Veränderung kann nicht dekretiert werden, sondern entwickelt sich progressiv gemeinsam mit der Transformation der Bedürfnisse. So verliert die Arbeit definitiv ihren Zwangscharakter, nachdem sie ihre Natur verändert hat und dadurch wird auch die Beziehung der Arbeit zur frei disponiblen Zeit verändert. Die veränderte produktive Aktivität ist so zum Bedürfnis geworden. Nur eine Entwicklung, deren Fristen sich nicht voraussehen lassen, kann diesen Prozeß realisieren. (vgl. Kritik des Gothaer Programmes)
Die Aufhebung der Lohnarbeit fällt zusammen mit der endgültigen Liquidierung des Tausches. Der Übergang zum Kommunismus sichert die Ingangsetzung eines doppelten Prozesses, der sich einerseits auf die Großunternehmen und andererseits auf die Arbeit bezieht. Die ganze Schwierigkeit dieser Übergangsperiode besteht darin, beide Bewegungen zu koordinieren. Man muß die großen Unternehmen ohne Rekurs auf den Wert einfach verbinden. Die Grundlagen dieser Transformation sind schon durch das Kapital gelegt und der Kommunismus genügt sich damit, sie in die Praxis umzusetzten. Das wäre die erste Errungenschaft der Revolution und sie erlaubt die Zerstörung der Lohnarbeit als logischer Konsequenz. Was die Widersprüche des Kapitals betrifft, so ist der entscheidende Hebel die vergegenständlichte Arbeit, die dadurch ihren Vampircharakter verliert, indem sie die tote Arbeit der lebendigen unterwirft. Die Übergangsperiode ist die Organisation dieses doppelten Prozesses auf der Ebene der wichtigsten Produktionsmittel und der generalisierten Arbeit und das Verschwinden des Wertes, der sich in dieser Bewegung manifestiert. Indem er dadurch wirkt, begründet er dessen unauflösliche Einheit. Die Übergangsgesellschaft kann sich nicht damit zufrieden geben, die „Ökonomie“ auf andere Weise zu organisieren, ohne sich mit den Beziehungen der Arbeiter zu den Produktionsmitteln zu beschäftigen. Sie kann auch nicht die Überwindung der Lohnarbeit ins Werk setzen, ohne die objektive Basis eines derartigen Verschwindens zu schaffen. Aus diesem Grunde zieht die Analyse des Überganges zum Kommunismus beide Aspekte aus denen sie besteht, in Betracht. Um sie zu verstehen, muß man die Rolle der Verselbständigung und Dominanz des Gebrauchswertes beleuchten, die einen Teil des Kapitals festlegt und der die Grundlage für das Absterben des Wertes liefert.

Die Aufhebung der Lohnarbeit ist nur so möglich, aber sie stellt sich in unserer Epoche anders dar, da die Entwicklung des Kapitals die Elemente des Hauptproblems verschoben hat, besonders die revolutionäre Behandlung der Arbeitskraft und die der Produktionsmittel. Die kommunistischen Überwindung des Tausches auf der Ebene der Konsumgüter und der der Produktionsgüter ist heute anders als früher.

B. DAS PROGRAMM IN UNSERER ZEIT

Im 19. Jahrhundert beinhaltete das Kommunistische Programm u.a. die Entwicklung der Produktivkräfte, um das Stadium des gesellschaftlichen Reichtums, ab dem der Kommunismus möglich ist, zu erreichen. Das galt noch 1917 für Rußland und sogar für eine größere Anzahl europäischer Länder bzw. Frankreich und Italien. Diese Entwicklung wird durch das Proletariat organisiert und kontrolliert, welches seine Diktatur vermittels seines d.h. neuen Staates ausübt. Es zwingt die bürgerlichen Elemente incl. der Rentiers, die damals noch Millionen zählten, und nach dem Krieg verschwanden, das Kleinbürgertum, wie auch die alten Hausangestellten zur Industriearbeit. Bis auf unsere Tage bleibt das Programm grundsätzlich das gleiche, aber die einzelnen Maßnahmen, die zu treffen sind, sind durch die ökonomische und soziale Entwicklung tiefgreifend verändert. Die allgemeine Industriealisierung in allen Ländern seit 1945 macht die Organisation einer vorausgehenden Wachstumsperiode der Produktivkräfte überflüssig. Ihre Entwicklung braucht nicht mehr extra ins Werk gesetzt zu werden, sondern es kommt auf eine Umorientierung der Produktivkraftentwicklung gegenüber derjenigen an, die durch den Wert bestimmt wurde. Es gibt noch unterentwickelte Zonen, aber diese werden die kommunistische Revolution nur als eine Art Anhang der Weltrevolution erfahren. In jedem Land, in dem ein beträchtliches Proletariat existiert, ist die Produktivkraftentwicklung keine Hauptaufgabe mehr, da das Kapital dies bereits vollendet hat. Es handelt sich also um eine sekundäre Aufgabe, mehr um eine qualitative als um eine quantitative, die vor allem auf eine Tranformation der Produktivkräfte und auf die Aufhebung der „Ökonomie als solcher“ gerichtet ist.

Im übrigen hat der Kapitalismus eine große Anzahl unproduktive Lohngruppen entwickelt. Das produktive Proletariat tendiert dazu, nur eine Minderheit unter den gesamten Lohnabhängigen zu werden, während die lebendige Arbeit auch nur eine sekundäre Rolle in der Produktion spielt (diese reale Tendenz zeigt sich in allen entwickelten Ländern, vor allem in dem mächtigsten, der USA). Gegenüber dem Proletariat (betrachtet als produktive Lohnabhängige), befinden sich diese neuen Mittelschichten ganz und gar nicht in der gleichen Lage, wie das traditionelle Kleinbürgertum oder die Bauern. Für das Proletariat handelt es sich nicht mehr darum, ein Klassenbündnis mit diesen Schichten einzugehen. Es ist heute eine andersartige Verbindung, und zwar nicht, weil man es in beiden Fällen mit Lohnabhängigen zu tun hat (die Funktionäre des Kapitals sind das auch) sondern deswegen, weil im Gegensatz zu Kleinbürgertum und Bauernschaft die neuen Mittelschichten (Dienstleistungssektor) in ihrer überwiegenden Mehrheit keinerlei Reserve, keinerlei Ko ntrolle über irgendwelche Produktionsmittel, egal welcher Art auch immer, haben. Sie haben auch keinerlei Aussichten, dies jemals tun zu können. Wie das Proletariat, haben sie nichts zu verlieren, als ihre Ketten.
Die Hauptaufgabe der Revolution liegt darin, eine Ökonomie, die sich des Wertbegriffes entledigt hat, zu organisieren. Es handelt sich nicht nur darum, die Produktion aus der Verwertung herauszunehmen, so als ob die Produktion selbst ein konstituierendes Element des Kommunismus sei, die es dem Kapitalismus zu entreißen gilt. Diese Illusion wäre ebenso schwerwiegend, wie diejenige einer Betriebsführung durch die Arbeiter, denn diese Produktion, wie sie sich gegenüber der Revolution präsentiert, ist immer noch eine kapitalistische Produktion. Die Revolution kann sie nicht wie ein fixes Kapital behandeln, denn fixes Kapital ist immer noch Kapital. Darunter befindet sich ein wichtiger Teil in der Rüstungsindustrie oder in den Zweigen, die durch das Kapital aus Profitgründen überentwickelt wurden (Autombilindustrie etc.) Die Ökonomie ist für das Kapital als auch für die Revolution eine Waffe . Der Kommunismus kann diese Waffe nur anwenden, indem er die Produktion selbst verändert. Er kann sich also nicht damit begnügen, unproduktive Sektoren zu liqudieren und produktive Zweige zu entwickeln. Jede Produktionsweise unterscheidet zwischen produktiven und unproduktiven Sektoren gemäß ihren eigenen Kriterien. Zu den unproduktiven gehören alle Bereiche, die lediglich der Zirkulation dienen. Diejenigen des Kapitalismus und des Kommunismus sind natürlich unterschiedlich. Tatsächlich kennt der entwickelte Kommunismus diesen Unterschied gar nicht mehr. Jedoch bei der Überwindung des Kapitalismus muß die kommunistische Revolution das doppelte Problem lösen: unproduktive Zweige liqudieren oder modifizieren und eine große Anzahl von unproduktiven Arbeitern umschulen.

Unter solchen Bedingung kann es sich nicht mehr darum handeln, die Industrie zu entwickeln, wie es Marx und die Kommunisten noch 1920 gesehen haben. Es geht nicht mehr darum, die Massen von Individuen dazu zu bringen, in der Fabrik arbeiten zu gehen. Die Frage der Generalisierung der Arbeit durch Zwangsarbeit bzw. durch politischen Druck des Staates oder ökonomischen Druck des Bonsystems hat keinen Sinn mehr, da die Entwicklung, die man erreichen wollte, ja schon gelaufen ist. Wie sich das Problem heute stellt, geht es darum, Aktivitäten zu entwickeln, wo Wissenschaft und Technik Hauptproduktivkräfte werden. Es ist nicht möglich, jemanden zu diesem neuen Typ von Arbeit zu zwingen, denn die ökonomischen und technischen Bedingungen sind nicht dazu geeignet, die Massen der unproduktiven Arbeiter in einer solchen Aktivität zu absorbieren. Die Aufgabe der Übergangsperiode besteht auf ökonomischem Gebiet genau darin, die Aktivitäten hin zu einer sozialen, wissenschaftlichen und schöpferischen Tätigkeit zu bündeln. Die automatisierte Industrie, die die Revolution mit gerade entwickt, erfordert in jedem Fall ein hochqualifiziertes, aber nicht besonders zahlreiches Personal. Es wäre also gar nicht möglich, die Ex-Unproduktiven alle in diesem Sektor zu beschäftigen, selbst wenn man das wollte. Die Revolution wird also gezwungen sein, gleichzeitig die Automatisierung voranzutreiben, den zerstörerischen Sektor zu liqudieren, die Arbeitsbedingungen der alten Proletarier zu verbessern und die Mittelschichten für eine Beschäftigung in der neuen Ökonomie umzuschulen. Die Aufhebung des Wertes findet in diesem Rahmen statt und verleiht ihm erst einen Sinn. Nur so ist dieses machbar. Was den Arbeitgutschein betrifft, so war er an die sofortige Generalisierung der Arbeit gebunden, er garantierte ihm den obligatorischen Charakter. Von dem moment an, wo ein sofortige Generalisierung nicht möglich ist, muß das System der Bons sofort in Form und Inhalt modifiziert werden. Vielleicht muß man sogar darauf verzichten und kann gleich die Partizipation aller an der gesellschaftlichen Arbeit und dem prouzierten Reichtum ohne diese Gutscheine organisieren.
Die Frage, welche Unternehmen man beibehält ist bedeutungslos. Es ist eine praktische und keine theoretische Frage. Es führt zu nichts, sich endlos über soziale und antisoziale Bedürfnisse zu unterhalten. Das Problem wird durch die Revolution gelöst werden. Die unmittelbaren und realen Bedürfnisse werden darüber entscheiden. Die Wohnungslosen brauchen Wohnungen und diejenigen, die einen sozialen Mindeststandard haben, brauchen bessere soziale Güter /Kultur). Jeder Versuch, hierüber im Voraus Pläne aufzustellen, zeugt nur von völligem Unverständnis der kommunistischen Revolution, die vor allem durch Interessen und realen Bedürfnisse produziert wird. Im Wesentlichen zeigt diese Art Probleme aufzuzeigen nur, daß man außerhalb der sozialen Bewegung steht. Im Gegenteil: der Revolution näher ist derjenige (ohne daß er dieses weiß, und selbst wenn er das Gegenteil annimmt), der ein praktisches Bedürfnis verspürt – darin eingeschlossen persönliches Interesse – da die Revolution kein Akt des Altruismus ist, die Welt zu verändern. Die Revolution zu wollen ist im übrigen die Domäne der Intellektuellen und derjenigen Gruppen, die immerzu damit beschäftigt sind, sich und ihre Aktivitäten umzugruppieren und neu zu organisieren. Man könnte sagen, daß jeder Revolutionär, der keine präzisen und revolutionären Forderungen hat, ein potentieller Bürokrat an der Macht ist: er hat kein direktes Interesse daran, die Revolution zu machen, er wird ständig versuchen, andere zu organisieren und zusammenzubringen und das revolutionäre Bewußtsein bei anderen hervorzubringen.

Die Diktatur des Proletariats ist zugleich politisch, militärisch und ökonomisch. Sie dauert solange, bis die neue Ökonomie sich konstituiert hat. Nur in diesem Sinn kann man von einer Übergangsphase sprechen. Die unterentwickelten Länder werden ohne Zweifel eine verzögerte Entwicklung durchlaufen bezogen auf den Verlauf der Revolution in den entwickelten Ländern, in jedem Fall aber wird sich die soziale Bewegung vereinheitlichen, da der Kommunismus nur als Wirtschaft und Gesellschaft auf Weltebene möglich ist.
Auf der Ebene der industrialisierten Länder führt die doppelte Aufhebung des Proletariats und der neuen Mittelschichten (die die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung stellen) notwendigerweise zur Herausbildung einer universellen Klasse, die sich gleichzeitig als Klasse selbst negiert. Mit der Vereinheitlichung des Kommunismus im Weltmaßstab schafft sich diese universelle Klasse selbst ab und die einzige existierende soziale Macht ist die Menschheit. In dieser universellen Klasse, die die Revolution nicht macht, aber die Revolution gleichzeitig trägt und negiert, behält das Proletariat, oder vielmehr das, was das Proletariat war, (im Sinne von Produzenten des Mehrwertes) jedoch eine zentrale Rolle. Es ist die einzige Kraft, welche durch ihre soziale Funktion über den Produktionsapparat verfügen kann. Dies aufgrund seiner Konzentration und seiner direkten Beziehung zur Produktion, um so die Aufhebung der Wertbeziehung zwischen den Unternehmen organisieren zu können. Die Ökonomie ist eine Waffe, derer sich das Proletariat als die fähigste soziale Gruppe im kommunistischen Sinne bedienen kann. Es spielt deshalb die entscheidende soziale Rolle. Aus diesem Grunde behält die Diktatur des Proletariats trotz der Bedeutung der neuen Mittelschichten und unabhängig des zahlenmäßigen Umfangs des Proletariats (vgl. die USA) seine zentrale Bedeutung. Dennoch gibt es einen bedeutenden Unterschied: das Proletariat hat es nicht mehr nötig, seine Diktatur über die anderen Klassen und Schichten auszuüben, um sie zur Arbeit zu zwingen. Es handelt sich für es nur darum, seine Führungsrolle zu behalten, eine drohende Konterrevolution abzuwehren und durch sein spezifisches Gewicht den Kampf in der Ökonomie zu lenken. Das schließt notwendigerweise oftmals ein, Druck auf die anderen Elemente über die unterschiedliche Art in der sie sich in der Kommunistischen Revolution verhalten auszuüben, um mit ihm die universelle Klasse bilden zu können.
Der Kommunismus verändert auch den Unterschied zwischen produktiver und unproduktiver Arbeit und theoretisch ist dies bereits durch die Klassiker behandelt, sowie durch Marx auf Grundlage des Mehrwertes präzisiert. Sie kennzeichnet eine reelle Tendenz, aber nur in Bezug auf die Produktionsweisen, die dem Kapitalismus vorausgingen. Sie weist darauf hin, daß es Aktivitäten gibt, die der Natur einer Produktionsweise eigen sind und die sich quasi naturwüchsig herausbilden und zeigt andere Aktivitäten auf, die dies nicht sind, aber aus anderen Gründen existieren:

1. vorkapitalistisch: produktive Arbeit für den unproduktiven Verbrauch der Führungsklasse, damit diese ihre Arbeit in ihrer Gesellschaft bzw. die Arbeit anderer organisiert und stimuliert.
2. kapitalistisch: unproduktive Unternehmen werden mit dem Ziel entwickelt, den Augenblick hinauszuschieben, in denen kapitalistische Produktionsbedingungen durch die Produktivkräfte verworfen werden.

Oftmals bewirkt der Unterschied von produktiver/unproduktiver Arbeit die Aufteilung in: Arbeit/Nichtarbeit und sehr häufig außerdem in manuelle/intellektuelle, aber nicht immer. In diesem Fall spricht man von manueller Arbeit als einer ungeliebten, aber notwendigen Aktivität, um materielle Güter an eine Minderheit zu liefern, die daraufhin intellektuelle Aktivitäten verfolgen kann. Der Unterscheid produktiv/unproduktiv korresponiert deshalb mit der Notwendigkeit, einen rentablen Sektor zu organisieren – das Kriterium und die Art der Rentabilität variieren je nach der betrachteten Produktionsweise – um Unternehmensbereiche zu unterstützen, die nunmehr als die einzigen betrachtet werden, welche bereichernd und interessant wären (dies schließt z.B. die Errichtung von Denkmälern und im allgemeinen Sinn die gesamten künstlerischen Bedürfnisse mit ein). Der produktive Sektor läßt den unproduktiven Sektor leben, in dem sich der gesamte Reichtum der kulturellen Entwicklung etc. konzentriert. Eine der ersten großen Veränderungen betrifft die Rolle des Kapitals. Bis dahin wurden Wissenschaft und Forschung innerhalb der Wirtschaft betrieben und die Erfindungen und Verbesserungen kamen der Produktion zugute. Im Gegensatz dazu integriert das Kapital durch die Entwicklung von fixem Kapital Wissenschaft und Technik in die Produktion und macht aus der sozialen Entwicklung den wesentlichen Faktor des Reichtums.

In unserer Zeit muß das Proletariat arbeiten, um Zugang zur Domäne der Freizeit zu bekommen. Das ist das Überbleibsel einer alten Situation, die jetzt durch die Entwicklung des sozialen Reichtums determiniert wird und zwar nicht aus ökonomischen Gründen, sondern aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse des Kapitalismus. Der höhere Kommunismus macht weder einen Unterschied zwischen produktiv und unproduktiv, noch zwischen Arbeit und Freizeit. Die Grundlage jeder menschlicher Gesellschaft ist die Produktion und Reproduktion seiner materiellen und intellektuellen Existenzbedingungen. Solange die Arbeiterschaft der entscheidende Faktor innerhalb dieses Prozesses ist, ist der Mensch zur Arbeit und zur Klassengesellschaft, das einzige Mittel, diese Notwendigkeit zu perfektionieren, gezwungen. Von dem Augenblick an, wo die Gesamtheit der ökonomisch-sozialen Entwicklung der wirksame Faktor wird (was das fixe Kapital im Kapitalismus ist), hat der Mensch es nicht mehr nötig, zur Arbeit gezwungen zu werden, sondern die Ökonomie im engeren Sinne hört auf, der Bereich zu sein, von dem alle anderen als Parasiten leben. Die Vorstellung der Arbeit im Sinne von Produktion und Reproduktion der Existenzbedingungen verliert ihren Sinn: die Existenzbedingungen schließen materielle Güter ein, aber auch das, was man früher als Kunst bezeichnete im Gegensatz zur Herstellung von nutzbringenden Gegenständen. In dieser Gesellschaft gibt es nichts Notwendiges oder überflüssiges mehr. Die Entwicklung der Bedürfnisse vollzieht sich notwendig in dem Sinne einer großeren Disposition der Individuen für kollektive Aktivitäten oder für schöpferische, wie für die Zerstreuung, ohne daß es einen allgemeinen Bruch zwischen den beiden gibt.

Das Recht auf Müßiggang oder das Spiel anstelle der Arbeit zu beanspruchen bedeutet das Problem so zu sehen, wie es sich im Kapitalismus darstellt: dennoch ist das Auftauchen derartiger Theorien ein Zeichen der Reife der Bedingungen des Kommunismus. Selbst wenn man sich ein Universum vorstellt, wo der Mensch nicht mehr arbeitet und sich die Maschinen um alles kümmern, führt dies dazu, den Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit zu perpetuieren. Der Kommunismus ist nur Unterdrückung der Arbeit in dem Maße, wo er ihren, vom realen Leben entfremdeten Charakter zerstört. Nur im Kapitalismus erscheint Freizeit als Freiheit und Glück, wie auch Marx gesagt hat. Der Kommunismus privilegiert nicht die Freizeit, die noch ein Charakteristikum des Kapitalismus ist. Im Gegenteil: er bricht den Unterschied von Arbeit ./. Freizeit. Es verbleibt nur eine Aktivität, die gleichzeitig alle Mittel des sozialen Lebens entwickelt und nutzt.
Der Kommunismus kennt keine Ökonomie im Sinne einer Domäne der Herstellung materieller Güter mehr, wovon der gesame Rest abhängig ist, die aber vom Kapital als Meister errichtet wird und aus der Produktion für die Produktion (=für die Verwertung) das Ziel jeglicher sozialer Aktitvität macht. Im Kapitalismus dominieren die Produktionsbeziehungen alles; tendieren dazu, alles zu annektieren und jegliche soziale Organisation auf die vom Kapital installierte Lohnarbeit zu begründen. Im Kommunismus hören die gesellschaftlichen Verhältnisse auf, dem Totalitarismus der Prduktion unterworfen zu sein, die hier nur ein nicht dissoziierbarer Teil des Restes ist. In diesem Sinn ist der Kommunismus das Ende jeglicher Ökonomie. Die Produktionsbeziehungen sind hier in den sozialen Beziehungen der Menschen begründet. Wenn die bürgerliche Revolution die Entwicklung der Wirtschaft begründet, bedeutet die kommunistische Revolution die Überwindung der Wirtschaft.
Die bürgerliche Revolution bedeutet Ausweitung und Verallgemeinerung der Produktionsbeziehungen, die kommunistische Revolution dagegen die Aufhebung der Produkionssphäre als separates und dominierendes Element (selbst die Unterscheidung zwischen Konsum- und Investitionsgütern wird folglich in frage gestellt). Schließlich kennt der Kommunismus keine politische Form. Die bürgerliche Demokratie, soweit diese noch in sich eine Rolle spielt entscheidet nichts. Sie reguliert nur die Beziehungen der realen Kräfte der besitzenden Klassen und den durch sie definierten Kompromiß hat man vorher erreicht. Soweit das Kapital akkumuliert und sich zunehmend zentralisiert und gleichzeitig äußere Hindernisse seiner Entwicklung beseitigt, wird es die Demokratie ihrer ursprünglichen Form berauben und sie nur noch als einen Mythos konservieren. Der Kommunismus braucht der Demokratie keinen neuen Inhalt zu geben; denn, soweit sie überhaupt einen Sinn hatte, diente sie nur dazu, im Rahmen des Staates unterschiedliche Interessen zu harmonisieren. Indessen kennt der Kommunismus keinen Staat, er sozialisiert ihn auch, d.h. verlagert ihn in die Gesellschaft zurück und hebt ihn dadurch auf. Er kennt auch keine einander entgegengesetzen sozialen Gruppen. Er überwindet also jeden Mechanismus der Vermittlung, der darüber entscheidet, worüber man sich geeinigt hat, was zu tun ist. Den Kommunismus und die Demokratie zu wollen, ist ein Widerspruch. Da er das Ende der Politik ist und die Vereinheitlichung der Menschheit herbeiführt, installiert er keinerlei Macht über die Gesellschaft, um sie stabil und harmonisch zu halten. Die Menschen beherrschen ihr soziales Leben und stimmen sich sicherlich ab, aber ohne einen dauerhaften Überbau der Schlichtung und Kontrolle einzurichten. Man kann sagen, daß im Kommunimus das soziale Leben die Angelegenheit aller ist. Aber: 1. das ist nur deswegen möglich, da die Produktionsverhältnisse das ermöglichen oder sogar fordern (die Entwicklung ist nur im Menschheitsmaßstab möglich und durch die Entwicklung jedes einzelnen und nicht dadurch, daß irgendeine soziale Organisation dies autorisiert), 2. Die Existenz irgendeines politischen Mechanismus (der Staat eines Stalin oder die Demokratie) wäre ein sicheres Zeichen dafür, daß es sich weder um Kommunismus handelt, noch um einen Übergang zum Kommunismus, sondern um eine Klassengesellschaft, deren divergierende Interessen versöhnt werden müssen. Es ist wahr, daß die Kommunistische Revolution nichts anderes ist, als daß die Menschheit ihr Geschick in ihre Hände nimmt und die Herausbildung einer universellen Klasse. Aber genau dieser Prozeß schließt jede Form der Vermittlung, jede politische Form zwischen den Menschen und der gesellchaftlichen Organisation, zwischen dem Individuum und der Gesellschaft aus.


4 Antworten auf „Jean Barrot [Gilles Dauvé] – Der Kommunismus als soziale Bewegung zur Aufhebung des Wertes (1972)“


  1. 1 Subprole 28. September 2010 um 17:01 Uhr
  2. 2 Administrator 06. Oktober 2010 um 8:33 Uhr

    Nicht, daß ich wüßte.

  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 30. September 2010 um 11:11 Uhr
  2. 2 Die Revolution ist keine Frage der Organisationsform! « Ofenschlot Pingback am 23. März 2011 um 15:31 Uhr
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