„Die Kontrolle der Arbeit“ (Franz Neumann, Behemoth, 1942)

Der Nationalsozialismus unterscheidet sich am schärfsten durch die Kontrolle des Arbeitsmarktes von einer demokratischen Gesellschaft. Der Arbeiter besitzt keine Rechte. Die potentielle und aktuelle Macht des Staates über den Arbeitsmarkt ist so umfassend, wie sie nur sein kann. Der Staat ist in der Arbeitsmarktkontrolle schon bis zum äußersten gegangen.
Deshalb könnte gesagt werden, dass es in Deutschland keinen Kapitalismus mehr gibt. Denn der Kapitalismus, so kann man sagen, beruht auf freier Arbeit; die freie Arbeit unterscheidet den Kapitalismus von allen vorangegangenen ökonomischen Systemen. Das ist der Auffassung aller Ökonomen, von Karl Marx bis Max Weber. Diese Auffassung ist gewiss richtig. Wir müssen jedoch definieren, was wir unter freier Arbeit und freiem Arbeitsvertrag verstehen. Es gibt drei unterschiedliche Begriffe freier Arbeit, die verschiedene Entwicklungsphasen des Kapitalismus ausdrücken.
Freiheit kann das individuelle Recht des Arbeiters bedeuten, mit seinem „Arbeitsgeber“ auf der Basis gesetzlicher Gleichheit zu verhandeln. Diese Freiheit war für den liberalen Kapitalismus charakteristisch; ihren besten Ausdruck fand sie in der Lex Le Chapelier der Französischen Revolution. Es gibt, sagte Le Chapelier am 14. Juni 1791, nur das Interesse des Individuums und das Interesse der Gesamtheit. Niemand sei deshalb berechtigt, die Bürger zu Verfolgung irgend eines Interesses zu organisieren, welches dazu im Widerspruch steht und die Bürger somit durch das Mittel der Interessenvereinigung vom Dienst am Staat entfremde. Diese Gewerkschaften und Kollektivenverträgen feindlich gegenüberstehende Freiheit war für die europäische Politik in der „Arbeiterfrage“ über Jahrzehnte hinweg kennzeichnen – in Frankreich bis 1864, in Deutschland bis 1869 und in England bis 1871. Sie bedeutete entweder das völlige Verbot von Gewerkschaften oder ihre bloße Tolerierung. Ein solches Recht verleiht dem Arbeiter das Vermögen, formal über den Preis seiner Arbeitskraft zu verfügen, doch stellt nicht in Rechnung, dass der Arbeitgeber im Verhältnis zu ihm stets ein Monopolist ist und folglich die Freiheit zugleich die Ausbeutung verhüllt.
Freiheit des Arbeitsvertrags kann auch das materiale Recht des Arbeiters bedeuten, den Preis seiner Arbeitskraft zu bestimmen – durch das Mittel kollektiver Organisation und Vertragsschließung. Diese materiale Freiheit negiert die formale Freiheit nicht, sondern erfüllt sie nur; formale und materiale Freiheit widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich gegenzeitig. Die materiale Freiheit der Arbeit, mit dem Arbeitgeber auf der Basis faktischer Gleichheit zu verhandeln, wurde durch den Triumph der Gewerkschaften nach dem Ersten Weltkrieg erlangt. Unter dem Nationalsozialismus besteht weder die eine noch die andere dieser beiden Arten von Freiheit weiter.
Doch es gibt noch eine dritte Art der Freiheit, auf der die beiden anderen Arten beruhen: die lediglich in der Abschaffung von Sklaverei und Leibeigenschaft bestehende Freiheit. Dieser Begriff freier Arbeit ist polemisch gegen jede Art von persönlicher Knechtschaft gerichtet. Der Feudalvertrag war ein Vertrag von Treu und Glauben, der die ganze Person des Arbeiters, ohne Unterschied von Arbeit und Freizeit, einschloss. Ein solcher Vertrag lässt keine Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit zu; er beherrscht den Menschen in allen seinen Aspekten und verlangt seine vollständige Unterordnung. In einem solchen Vertrag verkauft der Arbeiter sich selbst nicht für einen bestimmten Dienst und eine bestimmte Zeit, sondern für jeden Dienst, der verlangt werden mag und für seine gesamte Zeit. In Preußen existierten Reste solcher feudalen Arbeitsverhältnisse bis Ende 1918. Die berühmten Gesindeordnungen für landwirtschaftliches und Hauspersonal verliehen der Polizei die Macht, die Arbeiter mit Gewalt zu ihren Arbeitgebern zurückzubringen, wenn sie ihren Dienst unter Bruch vertraglicher Verpflichtungen verlassen haben.
Freiheit des Arbeitsvertrags bedeutet so in erster Linie die klare Unterscheidung von Arbeit und Freizeit, die das Element von Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit in das Arbeitsverhältnis einführt. Sie bedeutet, dass der Arbeiter seine Arbeitskraft nur auf bestimmte Zeit verkauft, die entweder frei vereinbart oder durch gesetzliche Bestimmungen festgelegt wird. Sie bedeutet ebenso, wenn auch nicht in erster Linie, dass Arbeiter ihre Arbeitskraft nur für bestimmte Leistungen verkaufen, die durch Vereinbarung, Gesetz oder Gewohnheit definiert sind, und dass sie nicht verpflichtet sind, jede beliebige, vom Arbeitgeber willkürlich festgelegte Arbeit zu verrichten. Diese Art von Freiheit herrscht in der Periode ursprünglicher Akkumulation vor.
Solche Freiheit des Arbeitsvertrags gibt es auch in Deutschland noch. Der Arbeitsvertrag ist noch die die Arbeitsverhältnisse regelnde Form. Der Unterschied von Arbeit und Freizeit ist so scharf wie in jeder Demokratie, obwohl das Regime versucht, die Freizeit des Arbeiters zu kontrollieren. Im nächsten Kapital bietet sich uns die Gelegenheit, die Entwicklung des Arbeitsrechts zu behandeln und den Nachweis zu führen, dass alle Versuche der nationalsozialistischen Juristen, den Arbeitsvertrag durch ein anderes rechtliches Instrument zu verdrängen (wie das Gemeinschaftsverhältnis) gescheitert und alle Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch vertragliche sind.
Sicherlich sagt die Identität des Grundmusters noch nicht viel über das tatsächliche Funktionieren des Arbeitsmarkts aus; und hier liegt auch der größtmögliche Unterschied zwischen Demokratie und Totalitarismus.
Ein freier Arbeitsmarkt besteht natürlich dann nicht, wenn Gewerkschaften Kollektivverträge aushandeln. Der Preis der Arbeitskraft ist so nicht lediglich as Resultat von Angebot und Nachfrage, der von der industriellen Reservenarmee ausgehende Druck teilweise überwunden. Die Löhne werden auch durch die gesellschaftliche Macht der Gewerkschaften bestimmt. Die Arbeiterorganisationen versuchen, den nur rechtlichen Tatbestand der Vertragsfreiheit in wirklich materiale Freiheit zu verwandeln. Wir dürfen jedoch die Macht der Gewerkschaften nicht überschätzen. Wenn ihre ganze Tätigkeit nicht den Interessen kleiner aristokratischer Gruppen in der Arbeiterbewegung untergeordnet ist, und wenn sie wirklich die Löhne und Arbeitsbedingungen der gesamten Arbeiterklasse zu verbessern suchen, dann ist ihre Macht äußerst beschränkt. Ihre Macht besitzt unserer Meinung nach vor allem defensiven Charakter. Diese These kann hier nicht bewiesen werden; ich muss mich mit der bloßen Behauptung, wie ich sie für richtig halte, begnügen, die durch eine Untersuchung zu untermauern ist. Im Konjunkturaufschwung steigen die Löhne normaler Weise an. Doch dieser Anstieg ist im ganzen das natürliche Resultat verbesserter Wirtschaftsbedingungen. Die Macht der Gewerkschaften manifestiert sich, ihr Einfluss macht sich vielmehr in Abschwungsphasen geltend. Eine Stellung zu verteidigen, ist immer leichter als eine neue zu erobern. Die Politik der deutschen Gewerkschaften in der Depression von 1931-1932 belegt meine Behauptung. Obwohl sie Lohnabbau nicht verhindern konnten, verhinderten sie die vollständige Anpassung der Löhne an den Tiefpunk des Konjunkturzyklus sehr wohl; gerade ihre defensive Stärke machte sie Zur Zielscheibe der Industrie. Und diese Seite autonomer Kontrolle des Arbeitsmarkts hat der Nationalsozialismus zerstört. Doch ist das unter Vollbeschäftigungsbedingungen nicht länger nötig. Wenn die effektive Nachfrage nach Arbeit das Angebot übertrifft, sind keine Verteidigungsorganisationen zu Verhinderung von Lohnsenkungen mehr notwendig; notwendig sind vielmehr offensive, um die Anpassung des Lohniveaus an die volle Leistungsfähigkeit kämpfende Gewerkschaften. Die Funktion der nationalsozialistischen Politik besteht darin, eine solche Anpassung zu verhindern.

Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, F/M, Fischer, 1984, S. 395-397.


1 Antwort auf „„Die Kontrolle der Arbeit“ (Franz Neumann, Behemoth, 1942)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 23. September 2010 um 10:59 Uhr
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