Ludwig Rubiner an Siegfried Nacht, 16.08.1908 (Auszüge)

Aus deinem Brief weht ein guter Wind! Ich brenne darauf Dich bald persönlich zu sehen und mit Dir zu reden. Es wird sich bald zeigen, dass sich der Gegensatz in unseren Charakteren in den Jahren noch verschärft hat. […] Bei Dir setzt sich jede Vorstellung sofort in Action um, bei mir verwandelt sich jede Action sofort in Vision. […] Als wir uns s.Z. kennen lernten, fandest Du bei mir den Grund gelegt zu einem pour dire ainsi „Indifferentismus der Tat“, so also dass Stirner sofort mein innerstes Buch werden mußte. Als wir uns verließen, war ich auch in einem Stirnertaumel, der meine Freunde mitriss und später Studiengenossen anfeuerte. […] Was aber immer dieses Buch für mich zu dem bedeutendsten Manifest des Jahrhunderts machen wird, das ist: Hier wird in der stahlharten Form durchaus ungefühlsmäßiger Rede das Urempfindensleben des Einzelnen enthüllt, gezeigt wie eingeschlossen auf einer beweglich treibenden Insel. Brücken gibt es nicht. Wo man eine Brücke baut, verliert die Insel Land. Das alles finde ich noch heute wichtig, über viele Jahrhunderte hinaus! Gegen das kleine Hohnbuch Stirners (Hohn nicht als Tendenz des Autors, sondern als Empfindung, die sich im Leser bildet) ist doch das fälschlich meistens mitgenannte Werk Nietzsches nur farbige Sentimentalität. Auf uns alle, in denen er einen ähnlichen Untergrund fand, wirkte Stirner wohl verschieden. Auf dich nach der Richtung der Tat. Auf mich ganz anders. Was ich heute weiß und Dir sagen kann, das war mir damals noch unklar. Stirner ist das Buch, das in einer scheinbar unpsychologischen Form, in Wahrheit die Psychologie des Anarchismus gibt. Dieses Buch kann also nur auf den Gleichgestimmten wirken. Es ist esoterisch!

Werner Portmann, Die wilden Schafe, Münster, Unrast, 2008, S. 45.


1 Antwort auf „Ludwig Rubiner an Siegfried Nacht, 16.08.1908 (Auszüge)“


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