Benjamin Fondane: Aus dem gedichtzyklus L’Exode: Vorwort in Prosa/Préface en prose (1942)

Benjamin Fondane: Aus dem gedichtzyklus L’Exode: Préface en prose (1942)

Es ist zu Euch, zu denen ich spreche, ihr Menschen der Antipoden,
ich spreche von Mensch zu Mensch
mit dem Wenigen in mir, das noch Mensch geblieben ist,
mit dem Wenigen an Stimme, die mir noch in der Kehle bleibt,
mein Blut ist auf den Straßen, kann es nicht, kann es nicht
nach Rache schreien!

Das Jagdsignal ist gegeben, die Tiere werden gehetzt,
lass mich mit denselben Worten zu Euch sprechen die wir gemeinsam hatten —
es bleibt wenig Verständliches!

Es kommt ein Tag, das ist sicher, des gestillten Dursts,
wir werden jenseits der Erinnerung sein, der Tod
wird die Arbeit des Zorns vollendet haben,
ich werde ein Strauss Brennnesseln unter Euren Füßen sein,
- aber, wisst, dass ich ein Gesicht hatte
wie Ihr. Einen Mund, der betete, wie Ihr.

Wenn Staub eintrat, oder auch ein Traum,
in das Auge, weinte dieses Auge ein wenig Salz. Und als
eine böse Dorne meine Haut ritzte,
floss ein wenig Blut genauso rot wie Eure!
Sicher, genau wie Ihr, war ich grausam, ich hatte
Durst nach Zärtlichkeit, nach Macht,
nach Gold, nach Vergnügen und nach Schmerz.
Sicher, genau wie Ihr war ich boshaft und verängstigt,
zuverlässig im Frieden, betrunken im Sieg,
und taumelnd, verstört in der Stunde des Misserfolgs!

Ja, ich war ein Mensch wie alle anderen,
ernährt vom Brot, vom Traum, von der Hoffnungslosigkeit. und ja,
ich habe geliebt, ich habe geweint, ich habe gehasst, ich habe gelitten,
ich habe Blumen gekauft und nicht immer pünktlich
meine Miete bezahlt. Am Sonntag ging ich ins Grüne
zu fischen, unter dem Auge Gottes, die unwirklichen Fische,
ich badete mich im Fluss,
der in den Binsen sang, und ich aß Pommes
am Abend. Danach, danach ging ich schlafen,
müde, das Herz müde und voller Einsamkeit,
voller Mitleid für mich,
voller Mitleid für den Menschen,
suchend, vergeblich suchend im Leib der Frau
jenen unmöglichen Frieden, den wir verloren haben
damals, in einem Obstgarten, wo blühte
in der Mitte der Baum des Lebens…

Ich habe wie Ihr alle Zeitungen gelesen, alle Schmöker,
und ich habe nichts von der Welt verstanden
und ich habe nichts vom Menschen verstanden,
obwohl es sich oft traf, dass ich mir
das Gegenteil einredete.
Und als der Tod, als der Tod kam, vielleicht
habe ich so getan, als wüsste ich, was er ist, aber in Wirklichkeit,
ich kann es Euch in dieser Stunde sagen,
er traf meine völlig erstaunten Augen,
erstaunt, so wenig zu verstehen
– habt Ihr mehr verstanden als ich?

Und doch, nein!
Ich bin kein Mensch wie Ihr.
Ihr seid nicht auf der Straße geboren,
Niemand hat Eure Kleinen in die Rinne geworfen
wie Kätzchen noch ohne offene Augen,
Ihr seid nicht umhergeirrt von Stadt zu Stadt
verfolgt von der Polizei,
Ihr habt nie die Katastrophen in der Morgendämmerung erlebt,
die Tierwagen
und das bittere Schluchzen der Erniedrigung,
angeklagt wegen eines Verbrechens, das man nicht begangen hat,
wegen eines Mordes, bei dem noch der Leichnam fehlt,
den Namen und das Gesicht wechselnd,
um nicht einen Namen zu tragen, den man ausgepfiffen hat,
ein Gesicht, das der ganzen Welt diente
als Spucknapf!

Es kommt ein Tag, ohne Zweifel, wenn das gelesene Gedicht
sich vor Euren Augen findet. Es fordert nichts!
Vergesst es, vergesst es! Es ist nichts
als ein Schrei, den man nicht in ein vollkommenes Gedicht fassen kann,
habe ich dennoch die Zeit, es zu beenden?
Aber wenn Ihr jenen Strauß Brennnesseln niedertretet,
der ich gewesen bin, in einem anderen Jahrhundert,
in einer anderen Geschichte, die für Euch verjährt ist,
erinnert Euch manchmal daran, dass ich unschuldig war,
und dass ich, genau wie Ihr Sterblichen an jenem Tag,
gehabt habe, auch ich, ein Gesicht gezeichnet
von Wut, von Mitleid und vor Freude,

das Gesicht eines Menschen, ganz einfach!

Deutsche Übersetzung von M. Willeke, in: Bertil Langenohl, Christian Große Rüschkamp (Hg.), Wozu Theologie?, Münster, Lit Verlag, 2005, S. 195-200 [Mit einer kleinen Korrektur]

Der Dichter und Philosoph Benjamin Fondane, ein aus Rumänien stammender Jude, der nach Frankreich emigrierte, als freier Autor und Filmregisseur arbeitete, wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

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Préface en Prose

C’est à vous que je parle, hommes des antipodes,
je parle d’homme à homme,
avec le peu en moi qui demeure de l’homme,
avec le peu de voix qui me reste au gosier,
mon sang est sur les routes, puisse-t-il, puisse-t-il
ne pas crier vengeance!
L’hallali est donné, les bêtes sont traquées,
laissez-moi vous parler avec ces mêmes mots
que nous eûmes en partage –
il reste peu d’intelligible!

Un jour viendra, c’est sûr, de la soif apaisée,
nous serons au-delà du souvenir, la mort
aura parachevé les travaux de la haine,
je serai un bouquet d’orties sous vos pieds,
– alors, eh bien, sachez que j’avais un visage
comme vous. Une bouche qui priait, comme vous.

Quand une poussière entrait, ou bien un songe,
dans l’œil, cet œil pleurait un peu de sel. Et quand
une épine mauvaise égratignait ma peau,
il y coulait un sang aussi rouge que le vôtre!
Certes, tout comme vous j’étais cruel, j’avais soif
de tendresse, de puissance,
d’or, de plaisir et de douleur.
Tout comme vous j’étais méchant et angoissé
solide dans la paix, ivre dans la victoire,
et titubant, hagard, à l’heure de l’échec!

Oui, j’ai été un homme comme les autres hommes,
nourri de pain, de rêve, de désespoir. Eh oui,
j’ai aimé, j’ai pleuré, j’ai haï, j’ai souffert,
j’ai acheté des fleurs et je n’ai pas toujours
payé mon terme. Le dimanche j’allais à la campagne
pêcher, sous l’œil de Dieu, des poissons irréels,
je me baignais dans la rivière
qui chantait dans les joncs et je mangeais des frites
le soir. Après, après, je rentrais me coucher
fatigué, le cœur las et plein de solitude,
plein de pitié pour moi,
plein de pitié pour l’homme,
cherchant, cherchant en vain sur un ventre de femme
cette paix impossible que nous avions perdue
naguère, dans un grand verger ou fleurissait
au centre, l’arbre de la vie…

J’ai lu comme vous tous les journaux tous les bouquins,
et je n’ai rien compris au monde
et je n’ai rien compris à l’homme,
bien qu’il me soit souvent arrivé d’affirmer le contraire.
Et quand la mort, la mort est venue, peut-être
ai-je prétendu savoir ce qu’elle était mais vrai,
je puis vous le dire à cette heure,
elle est entrée toute en mes yeux étonnés,
étonnés de si peu comprendre –
­avez-vous mieux compris que moi?

Et pourtant, non!
je n’étais pas un homme comme vous.
Vous n’êtes pas nés sur les routes,
personne n’a jeté à l’égout vos petits
comme des chats encore sans yeux,
vous n’avez pas erré de cité en cité
traqués par les polices,
vous n’avez pas connu les désastres à l’aube,
les wagons de bestiaux
et le sanglot amer de l’humiliation,
accusés d’un délit que vous n’avez pas fait,
d’un meurtre dont il manque encore le cadavre,
changeant de nom et de visage,
pour ne pas emporter un nom qu’on a hué
un visage qui avait servi à tout le monde
de crachoir!

Un jour viendra, sans doute, quand le poème lu
se trouvera devant vos yeux. Il ne demande
rien! Oubliez-le, oubliez-le! Ce n’est
qu’un cri, qu’on ne peut pas mettre dans un poème
parfait, avais-je donc le temps de le finir?
Mais quand vous foulerez ce bouquet d’orties
qui avait été moi, dans un autre siècle,
en une histoire qui vous sera périmée,
souvenez-vous seulement que j’étais innocent
et que, tout comme vous, mortels de ce jour-là,
j’avais eu, moi aussi, un visage marqué
par la colère, par la pitié et la joie,

un visage d’homme, tout simplement!


1 Antwort auf „Benjamin Fondane: Aus dem gedichtzyklus L’Exode: Vorwort in Prosa/Préface en prose (1942)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 16. September 2010 um 14:37 Uhr
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