Ludwig Rubiner – Blaise Cendrars. Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn (1913)

Manuskripte. Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn

(Der Dichter Blaise Cendrars hatte das Missgeschick, dass mitten in seine bedeutenden Werke „Päques“ (die seit einem halben Jahre der „Pan“ anzeigen will) und der „Prose du Transsibérien“ ein alter abgelageter Band erschien, der die gleichgültigen, symbolistischen Schulgedichte „Sequences“ enthält Eines davon steht auch in der Anthologie der AKTION. Diese Jugendgedichte sind für die Dichterkraft des starken Cendrars garnicht bezeichnend. „Päques“ und „Séquences“ in der Edition des Hommes Nouveaux, Paris. L. R.)

Als mein Freund Cendrars seine Rhapsodie las, schütteten uns die Autos grauen Pariser Staub ins Fenster und, aus der nahen Kaserne, eine Trompete stammelte. Er las nicht von Empfindungen, sondern von Dingen. (Alles von draußen drang herein wie Fäden, die unser Denken fester in den Raum schnürten.) Eine Eisenbahnlitanei, zelebriert von schnell kreisenden Hirnen. Fährt man durch Rußland? Wir stürzten eisigschnell um die Erde, durch unsere festen Länder hindurch, durch Häuser. Durch Menschen. Der Seine-Fluß fand sich drüben wie ein dünnes grünes Wiesenblättchen, und Paris (ich wußte, es war eine Stadt) lag da als krummer hellgeäderter Strick. Es war nun gleich, Paris oder Peking. Wir strichen an Seelen vorbei, wie an Reihen aufgestapelter Säcke. (Ein Schachspieler, man kennt das, telegraphiert sein Brett in alte Länder der Welt.) Eine ungeheure Gleichzeitigkeit tut sich auf, wie bei diesen sinnreichen Aposteluhren aus vergangenen Jahrhunderten, deren Verfertiger große Contrapunktiker der Zeit waren. Jeder zeitliche Moment in Cendrars‘ Gedicht war eine selbständige Stimme, die ihren eigenen Gang weiter sang, und die mit allem, was geschah, unablässig fugierte; sich verschlang, der Zeit nicht Platz ließ einzuschneiden.
Dieses Gedicht kannte gar keine Zeit; hier war alles vordrängend, rückläufig und gleichgehend im selben Augenblick. Es gab kein Geschehen mehr, sondern nur Ding: Gesehenes und Gewußtes. Man meint plötzlich: nun ist der Dichter etwas ganz Gleichgültiges geworden, man kümmert sich nicht um ihn. Auf einmal weiß man, wie zu Mute vielen tausend Menschen ist; was sie sind. Ich bin unter ihnen; ich sehe ganz von fern sie an. Ich schrie mit ihnen, ich fand sie als Lästige, Liebende, Elende; ab Begleiter, ab Personen, als Volk, Mitmenschen, Genossen, Doppelgänger. Als Ueberlegene, Begehrende, Geschlagene, Herrscher, Mitmenschen. Oder, Paris rutscht in einem Nu durch die glühenden Vervielfachungen eines endlosen Spiegefparkes um diese Erdkugel herum.
Die Trompete stotterte aus der Kaserne herauf und hielt Cendrars‘ Verse wie ein blankes Drahtnetz. Es gab zu denken: dieses Gedicht gehört keiner Schule zu, sonst hätte die sogenannte Außenwelt es gestört. Es sagt Dinge. Jedes Faktum, das hinzukommt, bereichert es nur. Dies hängt nicht mehr von Bedeutungen ab, oder von Dispositionen des Gemüts, oder von Stimimungsgeschichten. Und wenn es einer Schule angehören soll — so kommt es aus der Schola Spiritualium; der Gemeinsamkeit der Geistigen, die sich über Jahrhunderte, untot, anblicken. Vermehrt um unsern heutigen Tag, an dem grauer Staub der Stadt von den rasselnden Straßen steigt, und drüben aus Paris erigiert der Eiffelturm hinein in die Flüsse der drahtlosen Telegraphie.

Ludwig Rubiner (Paris)

(Die Aktion, Nr. 4, 4. Oktober 1913)