Georg K. Glaser – Brief an Rudolf Augstein (1959)

Seit 1933 habe ich die Gewißheit, daß mit den Prozessen gegen van der Lubbe etwas geschehen ist, dessen Bedeutung auch in ihrer Veröffentlichung (1) nur gestreift worden ist. Aber bereits in meinem Buch „Geheimnis und Gewalt“, das 1947 vollendet wurde, erwähnte ich das Drama. Seitdem schrieb ich, von dem Stoffe um so mehr überwältigt, je tiefer ich in ihn eindrang, ein Schauspiel, das ich „Marinus von Leyden, eine Passion“ nannte. Mehrere Jahre bevor Sie es Sartre zudachten, habe ich dieses Stück geschrieben (2). Nachdem es mit der Begründung abgelehnt wurde, es entspräche nicht der geschichtlichen Wahrheit und könne Verwirrung stiften, habe ich den Stoff erneut bearbeitet.
Nun ist mein Buch fast vollendet, und ich stehe bereits in Verhandlungen mit einem Verlage (3). Ich schreibe Ihnen nicht, um Ihnen den Vorrang des Entdeckers oder Pioniers streitig zu machen. Dies um so weniger, als ihre Veröffentlichung mir nützlich ist und ich nun nicht mehr so allein dastehe. Ich schreibe, um zu vermeiden, daß nach dem Erscheinen meines Buches der irrige Eindruck entsteht, Ihre Veröffentlichung habe mich geleitet, inspiriert, genährt. Zudem geht es mir in meiner Sache um Dinge, die Sie beiseite lassen, weil sie wohl nicht in den Rahmen einer Zeitschrift passen.

Georges Glaser (Paris)

Spiegel, Nr. 47, 18.11.1959.

Anmerkungen

(1) Vgl. Fritz Tobias – Stehen Sie auf, van der Lubbe! Der Reichstagsbrand 1933 – Geschichte einer Legende (Spiegel, 1959-1960)

(2) Im Spiegel vom 21.10.1959 schrieb R. Augstein: „Am Rande wird der negative Held dieses Jeanne-d‘Arc-ähnlichen Prozesses rehabilitiert, die bei aller anarchistischen Vitalität rührende Gestalt des Marinus van der Lubbe, dessen Lebensgeister auf der Anklagebank erloschen, als er sah, daß Nationalsozialisten und Kommunisten gleicherweise entschlossen waren, ihm seine Tat zu stehlen ganz gewiß eine Figur für Jean-Paul Sartre. Er hat etwas grobflächig gesehen, dieser naive, intelligente Holländer, aber er hat richtig gesehen: Die deutschen Arbeiter sollten mißbraucht werden, um gegen Europa Krieg zu führen“.

(3) Das Stück wurde nie integral publiziert.


1 Antwort auf „Georg K. Glaser – Brief an Rudolf Augstein (1959)“


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