Wildcat-Kollektiv – Interview (24.12.2006)

Klärt uns mal über eure Geschichte als Wildcat-Kollektiv auf. Was geschah mit dem Vorgänger namens Karlsruher Stadtzeitung? Wie und wann habt ihr euch als Wildcat zusammen gefunden? Was ist euer gemeinsamer Nenner?

W: Die Karlsruher Stadtzeitung war – wie viele, viele andere Stadtzeitungen – im „Deutschen Herbst“ 1977 entstanden. In kurzer Zeit gingen viele dieser Projekte wieder ein, andere schlugen kommerzielle Pfade ein. Auf dem bundesweiten Stadtzeitungstreffen im April 1979 in Freiburg waren wir noch ganze vier Zeitungen, die sich nicht über Werbung finanzieren wollten. Zur selben Zeit hatten wir begonnen, unsere eigenen Arbeitsverhältnisse zu unserem politischen Schwerpunkt zu machen, das Maiheft 1979 (die KSZ erschien bis dahin monatlich) hatte ein Plakat gegen die Arbeit als Titel. Ende des selben Jahres gründeten wir in Karlsruhe ein „Jobberzentrum“.

Dort versuchten wir unsere Idee in die Praxis umzusetzen, dass einerseits fast alle unsere Bekannten und wir selber seit etwa Mitte der 70er Jahre von „Jobs“ lebten (also selbstbestimmt nach kurzfristigen Beschäftigungen suchten, so dass man möglichst viel freie Zeit fürs eigene Leben hatte), andererseits „Prekarisierung“ ein kapitalistischer Trend war (wir beschäftigten uns viel mit Sklavenhändlern [1] usw.). In der „Prekarisierung“ sahen wir den Widerspruch zwischen den Bedürfnissen der Leute, nicht lebenslang in derselben Knochenmühle zu stecken und dem Versuch des Kapitals, die in den Kämpfen der vorhergehenden Jahre entstandenen kollektiven Arbeiterstrukturen aufzuknacken. Wir hatten die Jugendbewegung in Italien ’77 mitgekriegt und einige Texte von Negri [2] (zum „gesellschaftlichen Arbeiter“ [3]) übersetzt und sahen die Möglichkeit, das Jobben gemeinsam und offensiv anzugehen.

Im „Jobberzentrum“ organisierten wir Arbeitsgruppen zum Stadtteil (Sanierung/Hausbesetzung), zu Klapse und Knast, und eine Gruppe, die durch selber Arbeiten gehen, Stammtische usw. Leute in prekären Arbeitsverhältnissen zu organisieren versuchte (Jahre später haben wir einige Erfahrungsberichte und Einschätzungen als TheKla 11 rausgebracht, von dem es noch einige Exemplare zu kaufen gibt). Alle diese AGs haben einige Jahre lang gearbeitet und ein Schwerpunktheft der KSZ rausgebracht. Die KSZ wurde zu so was wie einem „Organ“ des Jobberzentrums. Durch die bundesweite Häuserbewegung und vor allem in deren Krise entstand ein Netz von Gruppen, die sich auf unseren Jobberansatz bezogen. Nach kurzer Zeit – praktisch ohne unser Zutun – verkauften wir weit über zwei Drittel der „Stadtzeitung“ außerhalb Karlsruhes. Deshalb war ein Namenswechsel angesagt, den wir mit Heft 36 im Jahre 1985 vollzogen. Die Nummerierung haben wir fortgesetzt.

Neben dieser „Karlsruher Geschichte“ gab es ein zweites „Zentrum“ des Wildcat-Kollektivs: Auf dem Hamburger Jobberkongress im März 1984 hatten wir als Karlsruher Gruppe zwei Arbeitskreise angeboten: den Arbeitskreis zu Sklavenhändlern. Der fiel aus, weil es angeblich in Hamburg keine Sklavenhändler gab! Ein erstes massives Symptom dafür, dass die Jobbergruppen sich in zwei Richtungen spalteten: die einen kümmerten sich nur noch um ihre Arbeitslosen-Klientel, entwickelten die Forderung nach einem „garantieren Mindesteinkommen“ usw., die anderen entwickelten sich in Richtung „militanter Untersuchung“ [4] hauptsächlich in Fabriken. Unser zweiter Arbeitskreis hatte nämlich die „militante Untersuchung“ und die Erfahrung der Quaderni Rossi [5] zum Thema. Aus ihm entstand eine Gruppe von etwas über 12 Leuten aus vier Städten, die mehrere Jahre zusammen arbeitete (auch hieraus haben wir einige wichtige Texte als TheKla veröffentlicht: TheKla 8, leider vergriffen, nur noch Restexemplare aufzutreiben).

Gemeinsamer Nenner: Ihr merkt schon, das lässt sich nicht leicht beantworten! Die Karlsruher Gruppe hatte als gemeinsamen Nenner, dass wir uns als Teil der ausgebeuteten Klasse sahen, jede Qualifizierung ablehnten und von unten, ohne Institutionen, die Revolution zusammen mit unseren KollegInnen vorantreiben wollten. Zuweilen gab es Streit, wenn sich gerade eine super Möglichkeit bot, gemeinsam irgendwo arbeiten zu gehen, und Leute sich nicht beteiligen wollten, weil sie gerade keine Lust auf Maloche hatten. Im Aktionskreis Militante Untersuchung (AKMU) war das von Anfang an klar: wir gehen an strategisch wichtigen Orten arbeiten und versuchen dort, eine Untersuchung zu machen.

Wildcat meint nicht nur eine Wildkatze, sondern auch einen sogenannten wilden Streik. Eine linke Professorin an der Uni Innsbruck meinte unlängst: „Wer glaubt denn heute noch an Streiken?“ Was hat es mit einem wilden Streik auf sich?

W: Sorry, womöglich ist diese Professorin tatsächlich doof, unbeliebt, gibt Euch immer schlechte Noten o.ä. Trotzdem halten wir es für möglich, dass sie einen wilden Streik erkennen würde, wenn er direkt neben ihr ausbricht.

In der Wildcat 69 hatten wir ein Plakat beigelegt, auf dessen Rückseite so eine Art Grundsatzerklärung zu finden ist, wie weit wir inzwischen mit unserem Verständnis der Welt, des Klassenkampfs und überhaupt so gekommen sind. Da hatten wir geschrieben, dass der wilde Streik die Axt an die Wurzeln dieses Gesellschaftsystems legt. Diese Gesellschaft hat die Ausbeutung zum Inhalt, und im gemeinsamen Kampf gegen die Arbeit, in der praktischen Kritik der eigenen Rolle als ArbeiterIn werden andere Horizonte greifbar, entstehen bei den ArbeiterInnen Prozesse, die das Terrain öffnen, Kontakte und Verbindungen entstehen. Ein wilder Streik stellt ganz unmittelbar die Machtfrage. All das was in einem gewerkschaftlichen Streik eben meist nicht passiert.

Ihr seid stark von der frühen operaistischen Bewegung in den 60er Jahren in Italien beeinflusst; Stichwörter Arbeiterautonomie, Klassenzusammensetzung und Kampf gegen die Arbeit durch die ArbeiterInnen selbst. Könnt ihr uns die prägnantesten Punkte nennen, die diese Bewegung und ihre Sprengkraft ausmachten?

W: Die sprengendsten Punkte sind sicherlich der „Heiße Herbst“ 1969 in Italien – unserer Ansicht nach der wichtigste Kampfzyklus in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg – und die sich darin entfaltende (Arbeiter-)Autonomie als massenhafte Widerlegung des Lenin’schen Diktums vom „tradeunionistischen Bewußtsein“ [6], über das die Massen ohne bolschewistische Avantgarde nicht hianuskommen könnten. Subjektiv war für die „Gründergeneration“ des Jobberzentrums eher die Jugendbewegung in Italien 1977 wichtig – die „objektiv“ gesehen so wichtig wohl gar nicht war!

Aber praktisch und organisatorisch war für uns in Karlsruhe (und später im AKMU) der Untersuchungsansatz der frühen Operaisten am wichtigsten! In TheKla 5, 6 und 7 haben wir ausschließlich Texte zur Untersuchung übersetzt. In der Karlsruher Gruppe hatten wir das Gefühl, endlich eine Methode in der Hand zu haben, die unseren Versuche mit „Jobberinterventionen“ eine politische Linie und Sprengkraft gab. Vorher waren wir oft abends zusammengesessen und hatten uns über unsere Jobs unterhalten – und dabei keine Linie reingekriegt. Die eine fand einen bestimmten Job oberbeschissen, die andere fand im selben Job gute Aspekte, der dritte fand die Kollegen ganz toll usw. Mit Alquati [7] lernten wir überhaupt erstmal, die vielen Konflikte auf Arbeit in einen Zusammenhang zu stellen. Mit Fragebögen konnten wir uns die Ausbeutungssituationen mit unseren KollegInnen zusammen erschließen usw.

Das hat uns damals am Operaismus interessiert. Von daher stimmt Deine Frage absolut: uns hat die „frühe operaistische Bewegung“ beeinflusst. Das organisatorische Hickhack und den Superleninismus der 70er Jahre fanden wir eher abstoßend. Dass der „gesellschatliche Arbeiter“ in seinen Negri’schen Implikationen gescheitert war, wussten wir schon, als wir mit dem Jobberzentrum anfingen, das war nämlich ein paar Monate nach dem 7. April. [Der 7. April 1979 war der Beginn der großen Repressionswelle in Italien. Zunächst wurden die bekannten Theoretiker wie zB. Negri verhaftet danach aber auch sehr viele Arbeitermilitante. Insgesamt wurden 20.000 Verfahren eröffnet, 4.000 Leute saßen im Knast, viele tausend mussten ins Ausland fliehen. Anm. v. Öltsch]

Der Großteil der deutschsprachigen linken Printveröffentlichungen befindet sich momentan, falls nicht eine affirmative Wende vollzogen wurde (Antideutsche), auf der Suche nach (k)einem revolutionären Subjekt. Wir lesen von der Multitude (Negri/Hardt in Empire, die Wiener Grundrisse, etc.), von einem „subjektlosen Fetischverhältnis“ (die Wertkritik mit ihren Organen Krisis und Streifzuege), von linker Kriegstreiberei (Jungle World, etc.) und und und. Das Gespenst der Perspektivenlosigkeit geht um und manche verabschieden sich kategorisch vom Klassenkampf. Radikale Kritik an den herrschenden Verhältnissen scheint heute nur noch in marginalisierten Gruppen zu geschehen, deren Debatten extrem akademisiert erscheinen. Was kann mensch im Dschungel linker Theorie überhaupt noch ausrichten, wenn das Kapital doch gar kein abstraktes Verhältnis, sondern die konkrete verrückte Verneinung unseres Lebens, die konkrete Teilung der Gesellschaft in soziale Klassen ist?

W: Das ist für uns eine ganz schwierige Frage („Was kann mensch im Dschungel linker Theorie überhaupt noch ausrichten …?“), auf die wir so recht keine Antwort wissen. Wir haben mehrfach versucht, in die modische „Operaismusdebatte“ einzugreifen. Mit absolut bescheidenem Erfolg. Denn es ist ja nicht so, dass die Leute Denkfehler machen – sie wollen eine solche „Theorie“ wie Empire, die optimistisch daher kommt und nichts von ihnen verlangt. Wir beteiligen uns recht wenig an diesen innerlinken Debatten, lehnen es sowieso ab, in Zeitschriften zu schreiben, die sich für Krieg ausgesprochen haben. Wir haben in den letzten Jahren überhaupt nur dreimal versucht, in innerlinke Debatten einzugreifen (Manifest gegen die Arbeit der krisis-Gruppe; das Phänomen der Antideutschen; zuletzt die Kritik an Michael Heinrichs Büchlein [seine Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie, erschienen in der theorie.org Reihe, Anm. v. Öltsch]: Mathematischer Kapitalismus – romantischer Antikapitalismus in Wildcat 75) – dann aber meistens so, dass wir uns fragen: „woher kommt das große Interesse?“ z.B. für das Manifest gegen die Arbeit, das damals die krisis-Gruppe herausgebracht hatte. Wir versuchen auf jeden Fall, die Ebene zu vermeiden: „Wir kennen mehr Marx-Zitate als Ihr!“ Wir wollen ja, dass „normale Menschen“ die Wildcat lesen können.

Wir selber versuchen, radikale, revolutionäre Theorie außerhalb innerlinker Debatte und akademischer Zusammenhänge zu betreiben, die einen Gebrauchswert für uns selber hat, weil sie uns hilft, die Welt zu verstehen, weil sie uns hilft, Bezüge zu Kämpfen herzustellen, die diese Welt radikal umwälzen können. Zu „Theorie“ gehört in diesem Sinn sowohl die Diskussion ums Wertgesetz, wie Sprachen lernen, eine Druckmaschine bedienen können, einen Mailserver aufsetzen, etc. Alles Sachen, die wir selber machen.

Der Kritische Theoretiker Max Horkheimer schreibt in Die Juden und Europa: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“ Und auch in euren Zirkularen war die Kritik am Antifaschismus immer ein Thema. Gilles Dauvé beispielsweise kritisiert in seinem Text Wenn die Aufstände sterben den Antifaschismus aus historischer Perspektive. Beiden zugrunde liegt die einfache, historisch begründete Bestimmung, dass der antifaschistische Kampf systemimmanent bleibt, weil er den Nährboden des Faschismus, also den unlösbaren Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise, nicht ins Zentrum rückt. Gibt es wahrnehmbare Reaktionen der Antifabewegung oder von einzelnen Antifagruppen, die sich mit dieser Kritik beschäftigen und daraus ihre Schlüsse ziehen? Wo steht ihr mittlerweile in der Diskussion?

W: Es gab diese wahrnehmbaren Reaktionen durchaus. Genossen von uns haben damals mit diesen Thesen auch Seminare in KZ-Gedenkstätten gemacht, sich sehr aktiv mit jungen Antifas auseinandergesetzt, wir haben auf dem Antifa-Kongress in Göttingen eingegriffen usw. „Gab“ allerdings deswegen, weil diese Diskussion unserer Beobachtung nach in letzter Zeit eingeschlafen ist. Antifa ist zu einer kulturellen Praxis geworden; die Leute sind mit politischen Diskussionen kaum noch zu erreichen. Eher mit solchen Interventionen wie dem Artikel zu den Fußballstadien in Italien, auf den wir einige positive Reaktionen gekriegt haben. [siehe Artikel: Fankurven und Vorstädte, Linke Snobs und radikale Rechte in Wildcat 77. Anm. v. Öltsch]

Vielleicht noch ein Wort zum Bordigismus [8]: Für uns hatten bordigistische Texte (Loren Goldner, Gilles Dauvé, …) einen wichtigen Gebrauchswert: sie lieferten eine Kritik der Demokratie „von links“. Der Bordigismus ist aber auch ein süßes Gift und man rutscht leicht in eine Szene rein, wo sich linksextreme Minigrüppchen und Einzelpersonen – weitab von realen sozialen Prozessen – gegenseitig verbal die Birne einhauen. Das ist nicht so unsere Welt…

Kommt es in einem Betrieb in eurer Umgebung (oder sonst wo?) zu einem Streik, geht ihr vermutlich hin und versucht, mit den Leuten zu reden, sie zu unterstützen, sich auszutauschen und aus ihnen Informationen und Bedürfnisse herauszukitzeln. Daraus entsteht so mancher Artikel. Seht ihr in den neuen Streikwellen einen roten Faden? Lässt sich eine Tendenz ausmachen, die sich in Richtung Radikalisierung der Streikenden bewegt?

W: Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Im Waschmaschinenwerk des Bosch-Siemens-Konzern in Berlin Spandau haben die ArbeiterInnen drei Wochen lang die Produktion durch „außerordentliche Betriebsversammlungen“ stillgelegt. Danach haben sie vom 25. September bis 20. Oktober auch offiziell gestreikt, das Tor blockiert, einen „Marsch der Solidarität“ zu vielen anderen Betrieben quer durch die BRD organisiert usw. In der ganzen Zeit war es total schwierig, unser eigenes Umfeld dazu zu bewegen, zu diesem Streik wenigstens mal hinzugehen! Das hat sicher auch was mit der Art dieses Streiks zu tun – er war in seiner Form ein „IG-Metall-Streik“, in seinem Inhalt ein Kampf gegen die Schließung des Werks. Trotzdem lässt es sich nicht leicht erklären, dass ein altgedienter Aktivist, der sogar gerade in dem Buch Klassen und Kämpfe einen Beitrag veröffentlicht hat, es über die ganze Zeit (!) nicht hinkriegt, sich in die U-Bahn zu setzen und die zehn Stationen zur Fabrik zu fahren. Die Leute, die tatsächlich hingegangen waren, fanden die Geschichte dagegen total aufregend, haben mitgekriegt, wie in solchen Situationen dann oft an Tagen kollektive Lernprozesse stattfinden, wie vorher jahrelang nicht, usw.

Ob sich in der – statistisch festzustellenden – „Streikwelle“ bereits ein roter Faden ausmachen lässt, ist eine schwierige Frage, die sich unseres Erachtens nicht in drei Sätzen beantworten lässt. Ohne dass wir das geplant hätten, erscheint Mitte Dezember die Wildcat 78 mit fast ausschließlich Artikel und Interviews zu Streiks… Stichpunkte wären: es sind alles Abwehrkämpfe; sie sind stark geprägt von einer (neuen) Selbsttätigkeit, sie bleiben politisch unter Kontrolle der Gewerkschaften, in ihrer Häufung könnte ein Zündstoff liegen (Lernprozesse, Radikalisierung). Ansonsten wäre genau das die Frage, über die wir mit Euch bei unserer Veranstaltung [die sich wieder verschoben hat, Anm. v. Öltsch] in Innsbruck diskutieren möchten.

Auf einer Diskussionsveranstaltung mit Leuten von euch in Linz am 16. November 2006 diskutierten die Anwesenden über die Fabrik. Daraufhin meinte ein Mensch, dass es überholt sei, einen antikapitalistischen Kampf in der Fabrik zu führen, weil diese Organisationsform der Kapitalanhäufung zunehmend verschwinde. Auf diese These meinte jemand von euch, dass diese Organisationsform sich im Gegenteil ausweitet, und zwar auf die ganze Gesellschaft. Wie ist das zu verstehen?

W: Vorweg: wir halten es nicht für die Aufgabe der Linken, die Kämpfe der Leute in „überholt“ oder sonst was einzuteilen, bevor sie sie sich nicht wenigstens angeguckt haben. Wenn Kämpfe in der Fabrik antikapitalistisch werden, was ist dann gegen sie einzuwenden?

Dass die Fabrik sich weltweit ausweitet, ist keine Frage. Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich die Industriearbeiterklasse in wenigen Jahren mal eben verdoppelt. Der Genosse, der die Antwort gegeben hat, ist gerade in Polen und per Mail nicht erreichbar – wir können also nur interpretieren: Dass sich die Form der Fabrikarbeit auf die ganze Gesellschaft ausweitet, damit sind Rationalisierungsprozesse im Bereich von Büro- und IT-Arbeit gemeint, die heute dazu führen, dass Leute austauschbar werden, die sich vor 20 Jahren aufgrund ihres know-hows als unkündbar wähnen durften.

Und zuletzt ein Frage, die bewusst am Ende des Interviews gestellt werden muss: Gibt es Punkte in euren Diskussionen, an denen sich die Geister scheiden? Wo fangt ihr an zu streiten?

W: Übers Essen.

Literaturtipps zum Thema:

# Balestrini, Nanni; Moroni, Primo: Die goldene Horde, Berlin 2002.
# Balestrini, Nanni: Die Unsichtbaren, Berlin 2001.
# Balestrini, Nanni: Wir wollen alles, Berlin 2003.
# Silver, Beverly J.: Forces of Labor, Arbeiterbewegungen und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005.
# Wright, Steve: Den Himmel stürmen, Eine Theoriegeschichte des Operaismus, Berlin 2005.

Auf www.wildcat-www.de finden sich zudem haufenweise Artikel zum Thema Operaismus, Arbeiterautonomie, Klassenkampf, Klassenzusammensetzung, Massenarbeiter, gesellschaftlicher Arbeiter, Empire, Antifa, Fabrikkampf, Riots in Frankreich, Irak-Krieg, Bewegungen in Lateinamerika, etc. etc. Ausserdem haben sie eine Seite eingerichtet, wo ihr „zentrale Texte für die Diskussion“ findet. Dort ist auch ein Text zur Geschichte der Wildcat. Und das im Interview erwähnte Plakat findet Ihr hier. Viel Spaß beim Schmökern!

Fußnoten:

[1] Sklavenhändler: Leiharbeitsfirmen.

[2] Negri, Antonio ist einer der Mitbegründer des Operaismus. Aufgrund seiner Militanz zu 34 1/2 Jahren Haft verurteilt. 1983/84 Flucht ins französische Exil. 1997 Rückkehr nach Italien, wo er bis 2003 inhaftiert wurde. Heute hat er sich von seinen operaistischen Wurzeln entfernt und gilt als postoperaistischer Theoretiker. Bekanntestes Werk: Empire, zusammen mit Michael Hardt. Zur Kritik des Denkens des Postoperaismus und Negris im speziellen siehe Detlef Hartmanns Buch [Empire, Linkes Ticket für die Reise nach rechts].

[3] Gesellschaftlicher Arbeiter: Eine These Toni Negris in den 70ern, der die Klassenzusammensetzung untersuchte. Nach ihm existiert das Proletariat quer verstreut durch die Gesellschaft in der Produktionssphäre und Reproduktionssphäre (FabrikarbeiterInnen, Hausfrauen, etc.). Ausführlich behandelt und kritisiert findet sich diese These in Steve Wrights Buch Den Himmel stürmen oder gleich [hier].

[4] Militante Untersuchung: Eingreifende Untersuchung. Das Ergebnis soll keine akademische Beschreibung zB. der Arbeitssituation sein, sondern die Änderung der Verhältnisse. Geht zurück auf die Arbeiteruntersuchungen bei FIAT und OLIVETTI 1961-62 in Italien.

[5] Quaderni Rossi: dt. Rote Hefte; 1961 gegründetes Magazin im Umfeld der Operaisten. Erneuerung des Marxismus.

[6] Tradeunionistisches Bewusstsein: Bewusstsein von ArbeiterInnen, deren Kampf über Lohnforderungen und bessere Arbeitsbedingungen (35 Stunden Woche) nicht hinauskommt. Dieser Kampf bleibt reformistisch und systemimmanent.

[7] Alquati, Romano ist ein italienischer Marxist und Vertreter des Operaismus. Er arbeitete eng mit Antonio Negri und Mario Tronti zusammen, konzentrierte sich aber weniger auf die theoretische Auseinandersetzung mit dem Marxismus, sondern bemühte sich um eine empirische Basis der Untersuchungen. Deshalb erstellte er Studien über die Arbeitssituation und -kämpfe bei [FIAT] und [OLIVETTI].

[8] Bordigismus: Amadeo Bordiga (1889-1970) war erster Sekretär der italienischen kommunistischen Partei (PCI) bis 1923. Diese Strömung in der kommunistischen Bewegung lehnte jede Beteiligung an parlamentarischen Wahlen ebenso wie antifaschistische Kompromisse (Volksfront) ab.

(Öltsch)

Faulzahn


1 Antwort auf „Wildcat-Kollektiv – Interview (24.12.2006)“


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