Ret Marut/B. Traven – Tagesbericht (1917)

Tagesbericht

Erster amtlicher Bericht des amerikanischen Expeditionskorps v. 27. Okt.:
„ . . . . Unsere Mannschaften gewöhnen sich in glück lichsler Weise an das Leben in den Schützengräben“.
Die Herren Vettern von jenseits des großen Spucknapfs haben von den Europäern schon ganz gut gelernt, wie man Tagesberichte abfaßt, so daß man nachher genau so viel weiß, wie vorher. Dieser dreizehn Zeilen lange Tagesbericht könnte in jedem beliebigen Generalstab einer europäischen Armee angefertigt worden sein. Man würde es gar nicht merken.
„Unsere Mannschaften gewöhnen sich in glücklichster Weise an das Leben in den Schützengräben.“ Oder: . . . gewöhnen sich in .glücklichster Weise an die Handgranaten; oder: . . . gewöhnen sich in glücklichster Weise an herausgefetzte Eingeweide; oder.- . . . gewöhnen sich in glücklichster Weise an den Tod.
Der Mensch kann sich eben an alles gewöhnen, an Geboren werden, an Sterben und an Morden. Das ist die tiefste Tragik .des Menscher: und durchaus nicht sein Vorzug, wie man immer gern behauptet. Die Menschen sollten viel häufiger und viel rascher eingehen und verwelken und viel rascher freiwillig ein Ende machen, statt sich zu gewöhnen. Dann vielleicht würde sich die Menschheit endlich einmal über das Tier erheben. Vielleicht — sicher ist es durchaus nicht — heißt es eines Tages einmal im amtlichen Bericht: „Die MannT Schäften gewöhnen sich in glücklichster Weise an den Frieden.“ Ich gestehe jedoch, vor der Zeit und vor dem Zustand, der zwischen dem Beginn und dem Abschluß dieser Gewöhnung liegt, habe ich Angst um die Menschheit. Zum Teil liegt die Angst auch darin begründet, daß es heißen wird:
„Die Rüstungslieferanten und Kriegswucherer können sich in keiner Weise an den Frieden gewöhnen.“ Dieses Nichtgewöhnenkönnen des überlebensgroß gewordenen Kapitalismus wird uns unter Umständen ein größeres Unglück bringen als der Weltkrieg uns gebracht hat. Wenn aber erst einmal Rüstungslieferanten und Kriegswucherer soweit sind, daß sie glauben, sich nunmehr an den Frieden gewöhnen zu können, dann bekommen wir wirklich den Frieden.

(Der Ziegelbrenner, n°2, 1. Dezember 1917)