Ret Marut/B. Traven – Sieben Antlitze der Zeit (1921)

Sieben Antlitze der Zeit
Es heißt „der“ Zeit. Wer will, mag lesen „unserer“ Zeit. Keinesfalls aber darf es heißen „meiner Zeit“. Denn meine Zeit ist es nicht, die hier mit brutaler Offenherzigkeit in grausiger Wahrheit grinst. Meine Zeit steht im wilden Gegensatz zu der Zeit. Mit der Zeit, die hier lottert und ludert, habe ich keinerlei Gemeinschaft. Ich bin kein Zeitgenosse. Der, der in dieser Form Antlitz gab „der“ Zeit meinte, die Zeichnungen stünden in krassem Gegensatz zu den Worten, die den Antlitzen folgen. Ich wollte, sie ständen in einem zehnfach stärkeren Gegensatz zu den Worten. Aber es gibt keinen „stärkeren“ Gegensatz. Es gibt nur Gegensatz. Gegensatz, wie ich ihn empfinde, hat kein Adjektiv. Sage ich „wilder“ Gegensatz oder sage ich „lodernder“ Gegensatz, so sind dies keine Betonungen, sondern Ausschmückungen. Der Geist friert und mochte sich am Herzblut erwärmen. Der Geist empfindet Gegensatz: der erste Gedanke stürmt in die Welt. Die Materie empfindet Gegensatz: die erste Urzelle schließt sich: das Atom wird ein Individuum. Gegensätze: die schweigende Harmonie des Alls, die beseelte Einheit aller Dinge.







(Der Ziegelbrenner, n°35/40, 21. Dezember 1921)


2 Antworten auf „Ret Marut/B. Traven – Sieben Antlitze der Zeit (1921)“


  1. 1 christian steinert 04. Juli 2012 um 16:47 Uhr

    die grafiken sind von franz wilhelm seiwert

  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 22. Juli 2010 um 15:46 Uhr
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