Peter Kropotkin – Die Kulturgrundlagen des Kathedralenbaus (1902)

…Bündnisse zwischen kleinen Gebietseinheiten und Bündnisse zwischen Menschen, die gemeinsame Tätigkeit innerhalb ihrer Gilden geeinigt hatte, und Bündnisse zwischen Städten und Städtegruppen bildeten den wahren Inhalt des Lebens und Denkens während einer ganzen Kulturperiode. Das elfte bis fünfzehnte Jahrhundert kann als ein ungeheuerer Versuch beschrieben werden, die gegenseitige Hilfe in grossem Umfang mit Hilfe der Prinzipien der Föderation und Genossenschaft durchzuführen, die durch alle Erscheinungen des Menschenlebens hindurch und in allen möglichen Abstufungen zur Geltung kamen. Dieser Versuch war in sehr hohem Masse von Erfolg begleitet. Er schloss Menschen zusammen, die vorher getrennt gewesen waren; er verschaffte ihnen bis zu hohem Grade Freiheit und er verzehnfachte ihre Kräfte. In einer Zeit, wo der Partikularismus von so vielen Faktoren unterstützt wurde, und die Anlässe zu Zwietracht und Eifersucht so zahlreich gewesen sein mögen, ist es ein erfreulicher Anblick, dass Städte, die über einen so grossen Kontinent zerstreut waren, so viel gemeinsam hatten und so bereit waren, sich zur Verfolgung so vieler gemeinsamer Ziele zu verbünden. Im Laufe der langen Zeit unterlagen sie mächtigen Feinden; da sie das Prinzip der gegenseitigen Hilfe nicht weit genug fassten, begingen sie selbst verhängnisvolle Fehler, aber sie gingen nicht durch ihre eigene Eifersucht zugrunde, und ihre Irrtümer waren nicht ein Mangel an Genossenschaftsgeist in ihren Beziehungen untereinander.
Die Erfolge dieser neuen Vorwärtsbewegung, die die Menschheit machte, waren ungeheuer. Im Anfang des elften Jahrhunderts waren die Städte Europas kleine Nester mit elenden Hütten, die nur mit niedrigen, plumpen Kirchen versehen waren, deren Erbauer kaum wussten, wie man einen Schwibbogen macht; die Handwerke, hauptsächlich etwas Weberei und das Schmiedehandwerk, standen in ihrer Kindheit; Bildung fand sich nur in ein paar Klöstern, dreihundertundfünfzig Jahre später war das Aussehen ganz Europas verändert. Das Land war mit reichen Städten übersät, die von gewaltigen, dicken Mauern umschlossen waren, von denen jedes Stück ein Kunstwerk für sich war. Die Münster, die in grossem Stil entworfen und verschwenderisch geschmückt waren, hoben ihre Glockentürme gen Himmel und verrieten eine Reinheit der Form und eine Kühnheit der Phantasie, die wir jetzt vergebens zu erreichen streben. Die Handwerke und Künste hatten sich zu einer Höhe der Vollendung erhoben, die übertroffen zu haben wir uns nach verschiedenen Richtungen schwerlich rühmen können, wenn das erfindungsreiche Können des Arbeiters und die überlegene Vollkommenheit seiner Arbeit mehr gilt als die Geschwindigkeit der Fabrikation. Die Flotten der freien Städte durchfurchten nach allen Richtungen das nördliche und das südliche Mittelmeer; eine Anstrengung mehr und sie fuhren quer über den Ozean. In weiten Länderstrecken war der Wohlstand an Stelle des Elends getreten; die Bildung war in die Tiefe und Breite gegangen. Die Methoden der Wissenschaft waren ausgebildet worden; der Grund zur Naturwissenschaft war gelegt worden; und der Weg war geebnet für alle die mechanischen Erfindungen, auf die unsere eigene Zeit so stolz ist. Das waren die zauberhaften Umwandlungen, die in weniger als vierzig Jahren in Europa vor sich gegangen waren. Und der Verlust, den Europa durch den Untergang seiner freien Städte erlitt, kann nur verstanden werden, wenn wir das siebzehnte Jahrhundert mit dem vierzehnten oder dreizehnten vergleichen. Der Wohlstand, der früher für Schottland, Deutschland, die Ebenen Italiens bezeichnend war, war vorüber. Die Strassen waren verwahrlost, die Städte waren entvölkert, die Arbeit war zur Sklaverei geworden, die Kunst war vernichtet, der Handel sogar war im Verfall. Wenn die mittelalterlichen Städte uns keine geschriebenen Zeugnisse hinterlassen hätten, die von ihrem Glanze reden, wenn von ihnen nichts geblieben wäre, als die Baudenkmäler, die wir in ganz Europa sehen, von Schottland bis Italien, und von Geronia in Spanien bis Breslau auf slawischem Gebiet, dann müssten wir doch zu dem Schlüsse kommen, dass die Zeiten des unabhängigen Städtelebens Zeiten der höchsten Blüte des Menschengeistes waren seit dem Beginn der christlichen Zeitrechnung bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts bin. Wenn wir z. B. ein mittelalterliches Gemälde betrachten, das Nürnberg mit seinen Dutzenden von massigen, himmelanstrebenden Türmen vorstellt, von denen jeder den Stempel freier schöpferischer Kunst trug, dann können wir kaum begreifen, dass dreihundert Jahre früher die Stadt nur aus ein paar armseligen Hütten bestand. Und unsere Bewunderung wächst, wenn wir uns in die architektonischen Einzelheiten all der zahllosen Kirchen, Glockentürme, Tore und Rathäuser versenken, die über ganz Europa bis nach Böhmen und die jetzt toten Städte des polnischen Galizien zerstreut sind. Nicht nur Italien, die Mutter der Kunst, sondern ganz Europa ist voll solcher Monumente. Schon die Tatsache, dass von allen Künsten die Architektur — vor allem eine soziale Kunst — die höchste Vollendung erreicht hat, ist bezeichnend. Um zu sein, was sie gewesen ist, musste sie aus einem eminent sozialen Leben entspringen. Die Architektur des Mittelalters stieg zu solcher Höhe — nicht nur, weil sie eine natürliche Weiterbildung des Handwerks war; nicht nur, weil jedes Bauwerk, jeder Bildschmuck von Männern entworfen worden war, die aus der Erfahrung ihrer eigenen Hände wussten, was für künstlerische Wirkungen aus Stein, Eisen, Bronze oder auch nur aus einfachen Holzblöcken und Mörtel erreicht werden können; nicht nur, weil jedes Monument ein Erzeugnis gemeinsamer Erfahrung war, die in jedem geheimen Bund oder jeder Zukunft aufgehäuft war, sie war gross, weil sie aus einer grossen Idee geboren war. Wie die griechische Kunst entsprang sie aus der von der Stadt geförderten Idee der Brüderlichkeit und der Einheit. Sie hatte eine Kühnheit, die nur durch kühne Kämpfe und Siege gewonnen werden konnte; sie hatte ihren Ausdruck von Stärke, weil Stärke all das Leben der Stadt erfüllte. Ein Münster oder ein Rathaus war das Symbol der Grösse eines Organismus, dessen Erbauer jeder Maurer und jeder Steinmetz war, und ein mittelalterliches Bauwerk erscheint — nicht wie eine einsame Leistung, wo tausend Sklaven ihren Teil leisteten, den ihnen die Phantasie eines Einzigen anwies — sondern die ganze Stadt trug dazu bei. Der Glockenturm stieg nicht aus einem sinnlosen Gerüst, wie der Pariser Eisenturm, nicht aus einem lügenhaften Steinbau, der die Hässlichkeit des Eisengestells verbergen soll, wie man es in London mit der Towerbrücke gemacht hat. Wie die Akropolis von Athen hatte die Kathedrale einer mittelalterlichen Stadt die Bestimmung, die Grosse der siegreichen Stadt zu verherrlichen, ein Symbol für die Einheit ihrer Handwerker zu sein, den Ruhm jedes Bürgers in einer Stadt, die er selbst hatte schaffen helfen, zu künden. Nach Vollendung ihrer Zunftrevolution begann die Stadt oft einen neuen Dom, um der neuen, breiteren, umfassenderen Einheit Ausdruck zugeben, die ins Leben gerufen worden war. Die Mittel, die für diese gewaltigen Unternehmungen vorhanden waren, waren unverhältnismässig gering. Der Kölner Dom wurde mit einer Jahresausgabe von nur 5oo Mark begonnen; eine Gabe von 100 Mark wurde als grossartige Schenkung verzeichnet; und selbst als das Werk sich seiner Vollendung näherte, und die Gaben entsprechend einliefen, betrugen die jährlichen Geldausgaben ungefähr 5ooo Mark und gingen nie über 14000 Mark hinaus. Der Münster von Basel wurde mit gleich geringen Mitteln erbaut. Aber jede Korporation steuerte ihren Teil Steine, Arbeit und dekorative Kunst zu ihrem gemeinsamen Monument bei. Jede Gilde drückte darin ihre politischen Anschauungen aus, erzählte in Stein oder Bronze die Geschichte der Stadt, verherrlichte die Prinzipien der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, rühmte die Bundesgenossen der Stadt und schickte ihre Feinde in die ewige Verdammnis. Und jede Gilde bezeigte ihre Liebe zu dem Denkmal der Gemeinde dadurch, dass sie es reich mit Glasgemälden, Bildern, „Türen, die würdig wären, die Türen zum Paradies zu sein“, wie Michelangelo sagte, oder Steinverzierungen im kleinsten Winkel des Gebäudes schmückten. Kleine Städte, selbst kleine Kirchspiele, nahmen es mit den grossen Städten in diesen Werken auf, und die Kathedralen von Laon und St. Quentin stehen kaum hinter der von Reims oder dem Rathaus von Bremen oder dem Glockenturm der Bürgerversammlung von Breslau zurück. „Kleine Werke sollen von der Gemeinde begonnen werden als solche, die entworfen sind im Einklang mit dem grossen Herzen der Gemeinde, gebildet aus dem Herzen aller Bürger, vereinigt in einem gemeinsamen Willen“ — das waren die Worte des Rates von Florenz; und dieser Geist tritt in allen kommunalen Werken zu gemeinem Nutzen zutage, wie den Kanälen, Terrassen, Weingärten und Fruchtgärten in der Umgebung von Florenz, oder den Bewässerungskanälen, die die Ebenen der Lombardei durchschnitten, oder dem Hafen und der Wasserleitung von Genua oder in der Tat in allen Werken der Art, wie sie von fast jeder Stadt ausgeführt wurden. Alle Künste und Handwerke hatten sich in den mittelalterlichen Städten in dieser Weise entwickelt; die unserer eigenen Zeit sind nur eine Fortsetzung dessen, was damals erwachsen ist. Der Wohlstand der flämischen Städte gründete sich auf die feinen Wolltuche, die sie fabrizierten. Florenz fabrizierte im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts vor dem schwarzen Tod 70000 bis 100000 panni Wollstoffe, die auf 12000000 Goldgulden geschätzt wurden. Das Ziselieren kostbarer Metalle, die Kunst des Giessens, das Kunstschmiedehandwerk, waren Schöpfungen der mittelalterlichen Innungen, denen es gelungen war, auf ihrem eigenen Gebiet alles zu erreichen, was mit der Hand, ohne Anwendung mächtiger, mechanischer Kraftmotore, gemacht werden konnte. Mit der Hand und mit Erfinderkraft, denn, um Whewells Worte zu gebrauchen, „Pergament und Papier, Druckerei und Metallstichkunst, verbessertes Glas und Stahl, Schiesspulver, Uhren, Fernrohre, Kompass, der reformierte Kalender, das Dezimalsystem; Algebra, Trigonometrie, Chemie, Kontrapunkt (eine Erfindung, die eine Neuschöpfung der Musik bedeutete), all das sind Erfindungen, die uns aus der Zeit überkommen sind, die man so verächtlich die Periode der Stagnation genannt hat“ (History of Induktive Sciences, I. 25a). Es ist wahr, wie Whewell sagt, dass in all diesen Entdeckungen kein neues Prinzip enthalten war; aber die mittelalterliche Wissenschaft hat etwas mehr getan, als die tatsächliche Entdeckung neuer Prinzipien. Sie hat die Entdeckung all der neuen Prinzipien vorbereitet, die wir gegenwärtig in den mechanischen Wissenschaften kennen: sie hat die Forscher daran gewöhnt, Tatsachen zu beobachten und aus ihnen Schlüsse zu ziehen. Es war induktive Wissenschaft, obwohl sie freilich die Bedeutung und die Macht der Induktion noch nicht völlig erfasst hatte; und sie legte die Grundlagen zur Mechanik und zur allgemeinen Naturwissenschaft. Frances Bacon, Galilei und Kopernikus waren die direkten Abkömmlinge eines Roger Bacon und Michael Scot, wie die Dampfmaschine ein direktes Erzeugnis der auf den italienischen Universitäten betriebenen Forschungen über den Luftdruck und der mathematischen und technischen Studien war, die in Nürnberg betrieben wurden. Aber warum erst lange den Fortschritt von Wissenschaft und Kunst in der Stadt des Mittelalters beweisen wollen? Ist es nicht genug, für das Kunstwerk auf die Dome und Kathedralen hinzuweisen und für das geistige Leben auf die italienische Sprache und das Dichtwerk Dantes, um sofort den Massstab für das zu geben, was die Stadt des Mittelalters während der vier Jahrhunderte, die sie lebte, geschaffen hat? Die mittelalterlichen Städte haben ohne Zweifel der europäischen Zivilisation einen ausserordentlichen Dienst erwiesen. Sie haben sie davor bewahrt, den Theokratien und despotischen Staaten der Vorzeit zu verfallen; sie haben ihr die Mannigfaltigkeit, das Selbstvertrauen, die Macht der Initiative gegeben, ungeheure geistige und materielle Kräfte…

(Peter Kropotkin, Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Übersetzt von Gustav Landauer, Lepizig, Verl. von Theod. Thomas, 1908, S. 191-198)


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