Pier Paolo Pasolini – Ich bin eine Macht aus vergangenen Zeiten (1964)

Io sono una forza del Passato.
Solo nella tradizione è il mio amore.
Vengo dai ruderi, dalle chiese,
dalle pale d’altare, dai borghi
abbandonati sugli Appennini o le Prealpi,
dove sono vissuti i fratelli.
Giro per la Tuscolana come un pazzo,
per l’Appia come un cane senza padrone.
O guardo i crepuscoli, le mattine
su Roma, sulla Ciociaria, sul mondo,
come i primi atti della Dopostoria,
cui io assisto, per privilegio d’anagrafe,
dall’orlo estremo di qualche età
sepolta. Mostruoso è chi è nato
dalle viscere di una donna morta.
E io, feto adulto, mi aggiro
più moderno di ogni moderno
a cercare fratelli che non sono più.

Ich bin eine Macht aus vergangenen Zeiten.
Nur in der Tradition liegt meine Liebe.
Ich komme von den Ruinen, von den Flügelaltären,
den Kirchen, von den verlassenen Dörfern
des Apennin und den Vorgebirgen der Alpen,
wo die Brüder einst lebten.
Wie ein Narr irre ich über die Tuscolana,
die Via Appia, wie ein Hund ohne Herr.
Oder ich schaue die Dämmerungen, die Morgen
über Rom, über der Ciociaria, über der Welt,
wie die ersten Szenen der Nachgeschichte,
deren Zeuge ich bin, dank dem Datum meiner Geburt,
vom äussersten Rand einer Zeit,
die begraben ist. Ein Monster ist, wer aus dem Leib
einer toten Mutter geboren.
Und ich, erwachsener Fötus, irre,
ein Modernerer als die modernsten,
um Brüder zu suchen, die nicht mehr sind.

Pier Paolo Pasolini – Unter freiem Himmel. Ausgewählte Gedichte, übers. v. Toni u. Sabine Kienlechner, Wagenbach, Berlin 1982.