Maurice Blanchot – Die drei Sprachen von Marx (1971)

Bei Marx sehen wir, und zwar allemal von Marx so gewollt, wie drei Sprachen Kraft und Gestalt annehmen, die alle drei notwendig sind, die aber jede für sich vereinzelt dastehen und in hohem Grade gegensätzlich, wie nebeneinander hingesetzt, wirken. Die Diskrepanz, die ihnen als ganzes innewohnt, ist bezeichnend für die vielfältigen Anforderungen, der sich seit Marx jeder, beim Sprechen, beim Schreiben, dauernd unterworfen fühlt, in der Sorge, sonst zu versagen.

1. – Die erste dieser Sprachen ist direkt, aber lang. In dem, was er darin sagt, erscheint Marx als „Gedanken-Schriftsteller“, insofern als sich seine Sprache im traditionellen Sinn des philosophischen Logos bedient, eine Nomenklatur benutzt, mag sie (was unwichtig ist) nun von Hegel stammen oder nicht, und auf ein Element der Reflexion hinauslauft. Lang, wenn die ganze Geschichte des Logos in ihr wiederaufscheint; aber direkt in einer doppelten Hinsicht, denn nicht allein sie hat etwas zu sagen, sondern das, was sie sagt, ist Antwort, behauptet sich unter diesen absolut entscheidenden Antworten, die als die letzten gelten und. von der Geschichte eingeführt. Wahrheit nur in Anspruch nehmen können im Augenblick des Stillstands oder des Bruchs der Geschichte. Wahrend sie Antwort gibt – Entfremdung, Vorrang der Bedürfnisse. Geschichte als Prozeß materieller Praxis, totaler Mensch –, läßt sie jedoch die Fragen, auf die sie antwortet, unbestimmt und unentschieden: so daß der heutige Leser oder der Leser von gestern das unterschiedlich formuliert, was schließlich an die Stelle der fehlenden Frage zu treten hatte – und so ein Vakuum füllen sollte, das sich immer schneller und immer mehr ausweitet –, diese Sprache von Marx laßt sich ebenso gut als Humanismus, ja Historizismus, wie auch als Atheismus, Antihumanismus. ja Nihilismus interpretieren.

2. – Die zweite Sprache ist politisch: sie ist kurz und direkt, mehr als kurz und direkt, denn sie ist Kurzschluß für jede Sprache. Sie transportiert nicht mehr Sinn, sondern einen Appell, eine Gewaltsamkeit, Entschlossenheit zum Bruch. Sie trägt zum eigentlichen Sprechen nichts bei, sie ist die Dringlichkeitsstufe dessen, was sie andeutet, verbunden mit einer ungeduldigen und immer exzessiven Forderung, ist doch der Exzeß ihr einziges Maß: so ruft sie zum Kampf auf und fordert sogar (was wir zu vergessen uns bemühen) den “revolutionären Terror“, beharre auf der ..permanenten Revolution“ und sieht allemal die Revolution weniger als befristete Notwendigkeit, sondern als unmittelbar bevorstehend an, denn das ist charakteristisch für die Revolution, daß sie keinen Aufschub duldet, wenn sie die Zeit aufreißt und durchmißt, wobei sie sich als immer gegenwärtige Forderung am Leben halt.*

3. – Die dritte Sprache ist die indirekte (also besonders lange) Sprache des wissenschaftlichen Diskurses. Unter diesem Zeichen wurde Marx von den anderen Vertretern des Wissens geehrt und anerkannt. Da ist er Wissenschaftler, bedient sich der Ästhetik des Wissenden, unterwirft sich willig jeder kritischen Nachprüfung. Dieser Marx wählt sich die Maxime de omnibus dubitandum und erklärt: „Niederträchtig nenne ich einen Mann, der die Wissenschaft fremden und äußeren Interessen anzupassen sucht“. Indessen. Das Kapital ist im wesentlichen ein subversives Werk. Weniger, weil es auf den Wegen wissenschaftlicher Objektivität mit notwendiger Konsequenz zur Revolution hinführte, als weil es, ohne das besonders zu formulieren, eine theoretische Denkweise enthält, die die Idee der Wissenschaft selbst umstürzt. In der Tat geht weder die Wissenschaft noch das Denken unbeschadet aus dem Œuvre von Marx hervor, und das im strengsten Sinn, insofern sich die Wissenschaft dort als radikale Umformung ihrer selbst erweist. Theorie einer Mutation als Dauerfunktion der Praxis, ebenso wie in dieser Praxis theoretische Dauermutation.
Wir wollen diese Bemerkungen hier nicht weiterentwickeln. Durch das Beispiel Marx verstehen wir besser, daß die literarische Sprache, die Sprache unablässiger Einwände, sich dauernd entwickeln und unter vielfachen Formen sich brechen muß. Die kommunistische Sprache ist immer gleichzeitig stumm und gewalttätig, politisch und gelehrt, direkt, indirekt, total und fragmentarisch, langdauernd und fast momentan. Marx lebt nicht bequem mit solcher Vielzahl von Sprachen, die immer in ihm aufeinanderstoßen und sich wieder trennen. Selbst wenn diese Sprachen auf dasselbe Ziel zuzulaufen scheinen, ließen sie sich nicht die eine in die andere rückübersetzen und, dezentriert von soviel Heterogenität, Abweichung, Distanzierung. werden sie unzeitgemäß, was einen unkorrigierbaren Zerrenkungseffekt herbeiführt, und zwingen so jeden, der sich mit der Lektüre (der Praxis) abzugeben hat, sich einer fortwährenden Verformung zu unterwerfen.

Das Wort „Wissenschaft“ wird wieder ein Schlüsselwort. Stimmen wir dem zu. Aber denken wir daran, daß. wenn es Wissenschaften gibt, es noch immer keine Wissenschaft gibt, denn die Wissenschaftlichkeit der Wissenschaft bleibt immer in Abhängigkeit von der Ideologie, einer Ideologie, die von keiner Einzelwissenschaft, und wäre sie Humanwissenschaft, heute in die Schranken zu weisen wäre, und denken wir andererseits daran, daß kein Schriftsteller, und wäre er Marxist, sich ans Schreiben heranmachen könnte wie an eine Wissenschaft, denn die Literatur (dieser Anspruch zu schreiben, sofern er alle Kräfte und Formen der Auflösung, der Umformung auf sich nimmt) wird nur Wissenschaft durch dieselbe Bewegung, die die Wissenschaft dazu führt, ihrerseits Literatur zu werden, hingeschriebener Diskurs, was eben, wie seit eh und je, zu dem „unsinnigen Spiel des Schreibens“ gehört.

*Das wurde auffallend deutlich im Mai 68.

Aus: L’Amitié (1971)

[Aus dem französischen von Lothar Klünner]