Das Wort hat Péret (Auszug, 1943)


Unser Mitarbeiter Benjamin Péret beim Beschimpfen
eines Priesters (Révolution surréaliste, Dez. 1926)

Ohne sich in gewagte Hypothesen zu verlieren, die Gefahr liefen, in den Bereichen der Utopie zu vagabundieren, darf man immerhin vermuten, daß der Mensch, von seinen gegenwärtigen materiellen und moralischen Zwangen befreit, eine Ära der Freiheit kennen lernen wird – ich spreche nicht nur von materieller, sondern auch von geistiger Freiheit –, wie wir sie uns nur schwer vorstellen können. Der Primitive kennt sich selbst noch nicht, er sucht sich. Der Mensch von heute hat sich verirrt. Der von morgen wird zuerst sich selbst wiederfinden, sich erkennen, sich seine Widersprüche bewußt machen müssen. Die Fähigkeit dazu wird er besitzen. Vielleicht hat er sie schon jetzt, ohne sich ihrer bedienen zu können, weil er unter dem Staube, der ihn erstickt, nicht frei ist zu denken. Wenn der Mensch von gestern, dessen Denken keine anderen Grenzen kannte als die seines Verlangens, in seinem Kampf gegen die Natur jene wunderbaren Märchen hervorbringen konnte, was wird dann der Mensch von morgen erst schaffen können, der sich seiner Natur bewußt ist und die Welt in einem von allen Fesseln befreiten Geist mehr und mehr beherrscht?
Ebenso wie jene Mythen und Märchen die poetische Kollektivschöpfung von Gesellschaftsformen sind, in denen die Ungleichheit, noch wenig ausgeprägt, nicht in der Lage war, eine fühlbare Unterdrückung herauszubilden, so ist die kollektive Ausübung der Poesie vorstellbar nur in einer von aller Unterdrückung befreiten Welt, wo die poetische Denkweise dem Menschen wieder so selbstverständlich geworden ist wie Blick oder Schlaf. Das wird dann die „progressive Universalpoesie“ sein, die Friedrich Schlegel vor fast 150 Jahren ins Auge faßte. Wenn sich diese poetische Denkweise ohne jeglichen Zwang entwickeln kann, wird sie Mythen schaffen, erregend und ungetrübt wunderbar, denn das Wunderbare wird nicht mehr erschreckend wirken wie heutzutage. Diese Mythen werden aller tröstenden Religiosität bar sein, denn diese ist gegenstandslos in einer Welt, die vor allem andern der stets provozierenden und verlockenden Chimäre einer ewig unerreichbaren Vollendung nachjagt.
Man sollte hieraus nicht schließen, daß das ganze Volk unmittelbar am poetischen Schaffen teilnehmen wird, doch statt das Werk einiger Einzelpersonen zu sein, wird es Leben und Denken großer Gruppen erfüllen, deren Mitglieder von der gesamten Masse der Bevölkerung angeregt werden, denn die Dichter werden das seit vielen Jahrhunderten abgerissene Band mit ihr wieder neu geknüpft haben. Die elende Existenz, zu der die Gesellschaft heute die Masse der Bevölkerung nötigt, führt diese – es wurde schon darauf hingewiesen – von jeder poetischen Denkweise ab, wenn auch der Hang zur Poesie bei ihr latent vorhanden bleibt. Die Gunst, der sich die dümmsten Liebesromane, die Abenteuerliteratur usw. erfreuen, macht dies Bedürfnis nach Poesie offenbar. Aber die Welt, die Schmuckstücke zu fünf Groschen auf den Markt wirft, kann der Masse auch nur eine Poesie in derselben Preislage bieten, neben dem trockenen Brot des Gefängnisinsassen, während die Herrschenden nahrhafte Gänge verspeisen und sich zuweilen für authentische Dichtung erwärmen. Zuweilen, denn das Leben, das sie führen, macht sie für poetische Aufschwünge schwerlich empfänglicher als ihre Sklaven. Tatsächlich ist die Poesie zu unseren Tagen das Erbteil fast ausschließlich einer kleinen Zahl von Einzelnen geworden, die allein noch mehr oder weniger deutlich empfinden, daß Poesie notwendig ist.
Jene für den Gebrauch der Massen verwässerte Poesie soll nicht nur deren Sehnsucht nach Poesie stillen, sondern auch ein Sicherheitsventil schaffen, das den geistigen Druck reguliert, ihnen eine Art tröstlicher Fluchtmöglichkeit bieten, die ihren erloschenen religiösen Glauben teilweise ersetzen und ihren Durst nach Irrationalem in eine harmlose Richtung ablenken soll. Ebenso wie die Herrschenden meinen, daß Religion für das Volk unerläßlich ist, so halten sie auch dafür, daß die authentische Poesie, indem sie es wagt, zu seiner Emanzipation beizutragen, schädlich ist nicht nur dem Volk, sondern der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, denn sie wittern die subversive Bedeutung der Poesie. Sie bemühen sich also, und nicht ohne Erfolg, sie zu ersticken, indem sie um sie herum eine Zone wahrhaft des Schweigens schaffen, wo sie immer seltener wird.
Schließlich unterstreicht die unaufhörlich abnehmende Zahl der Dichter (zum Glück gibt es noch welche!) diesen Riß zwischen den Dichtern und der Masse und zeigt überdies die Agonie der heutigen Gesellschaft. Die Analogie drängt sich auf zwischen unserer Epoche und dem Ende der französischen Adelsgesellschaft, das zwar durch ein Aufblühen des philosophischen Denkens gekennzeichnet war, welches die intellektuellen Grundlagen der noch ungeborenen Ordnung schuf, während des ganzen 18. Jahrhunderts jedoch keinen einzigen Dichter gekannt hat. Alles, was unverdient zu jener Zeit diesen Namen trug, hat die Romantik einige Jahre später als dünne Staubschicht auf die im Winkel der Speicher vergessenen Sänften und Perücken verstreut.
Der Romantik war es gegeben, das Wunderbare wieder zuentdecken und die Poesie mit einer revolutionären Bedeutung zu begaben, die sie bis heute bewahrt hat und die ihr erlaubt zwar als Geächtete, aber dennoch zu leben. Denn der Dichter – ich spreche nicht von den Unterhaltungskünstlern aller Schattierungen – kann als solcher nur dann noch anerkannt werden, wenn er sich der Welt in der er lebt, durch einen umfassenden Nicht-Konformismus entgegenstellt. Er steht gegen alle, auch gegen die Revolutionäre, die sich ausschließlich an das Gebiet der Politik klammern, dadurch willkürlich von der Gesamtheit der kulturellen Bewegung getrennt sind und die Unterwerfung der Kultur unter die Vollendung der sozialen Revolution anpreisen. Kein Dichter, kein Künstler, der sich seines Platzes in der Gesellschaft bewußt ist und nicht die Ansicht vertritt, daß diese Revolution, unerläßlich und dringend, der Schlüssel zur Zukunft ist. Trotzdem scheint mir die Absicht die Poesie und mit ihr die Kultur diktatorisch der politischen Bewegung unterzuordnen, ebenso reaktionär wie die, sie davon zu trennen. Der „Elfenbeinturm“ ist nur die Kehrseite der Dunkelmännermedaille, deren Vorderseite die proletarisch genannte Kunst ist, oder umgekehrt einerlei. Wenn man im Lager der Reaktion aus der Poesie ein weltliches Äquivalent des religiösen Gebets zu machen sucht, so hat man auf revolutionärer Seite nur zu sehr die Tendenz, sie mit der Publizistik zu vermengen. Der Dichter von heute hat nur die eine Wahl, entweder revolutionär zu sein oder kein Dichter mehr, denn unaufhörlich muß er sich ins Unbekannte stürzen; der am Vortag gemachte Schritt erläßt ihm in nichts den am nächsten Tage zu machenden, denn alles muß täglich von neuem begonnen werden, und was er in der Stunde des Schlafes gewonnen hat, ist, wenn er erwacht, zerstäubt. Für ihn gibt es kein Unterschlupf als Familienvater, sondern das immer wieder erneuerte Wagnis und Abenteuer. Um diesen Preis nur kann er sich Dichter nennen und mit Recht einen Platz an der äußersten Spitze der kulturellen Bewegung für sich in Anspruch nehmen, dort wo weder Lobreden noch Lorbeer zu holen sind, wo er aber aus all seinen Kräften Schläge zu führen hat, um die stets wiedererstehenden Barrieren der Gewohnheit und der Routine niederzureißen.
Denn er kann heutzutage nur der Ausgestoßene sein. Diese Ausstoßung, die über ihn die Gesellschaft von heute verhängt, ist Hinweis auf seine revolutionäre Position; aber er wird aus seiner aufgezwungenen Isolierung hervortreten, um sich in die vorderste Reihe der Gesellschaft gestellt zu sehen, wenn diese, nach einem totalen Umsturz, den gemeinsamen menschlichen Ursprung von Poesie und Wissenschaft wieder begriffen hat, und wenn der Dichter, unter der aktiven und passiven Mitwirkung aller, die erregenden und wunderbaren Mythen schaffen wird, die die ganze Welt zum Sturm auf das Unbekannte mitreißen.

[aus dem französischen von Johannes Hübner]

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1 Antwort auf „Das Wort hat Péret (Auszug, 1943)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 30. Juni 2010 um 10:47 Uhr
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