Karl Marx – Vom Selbstmord (1846)

Michael Löwy – Ein ungewöhnlicher Marx-Text

»Peuchet: vom Selbstmord« (in: Gesellschaftsspiegel, zweiter Band, Heft VII, Elberfeld, Januar 1846) ist unter Marx‘ Schriften ein eher ungewöhnliches Dokument. Es unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von den bekannteren Werken (teilweise gehen die Einleitungen von Kevin Anderson und Eric Plaut auf diese Unterschiede ein):
- Es wurde nicht von Marx selbst geschrieben, sondern (hauptsächlich) aus exzerpierten Stellen eines anderen Autors zusammengesetzt. Marx pflegte seine Studienhefte mit solchen Exzerpten zu füllen, aber er veröffentlichte sie nie.
- Der gewählte Autor war weder ein Ökonom, noch ein Historiker, noch ein Philosoph, noch gar ein Sozialist, sondern der vormalige Chef der französischen Polizeiarchive in der Zeit der Restauration!
- Das Werk, aus dem die Exzerpte stammen, ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine lose Sammlung von »Geschichten, die das Leben schrieb«, von Anekdoten und kurzen Erzählungen, denen Kommentare folgen.
- Der thematische Inhalt des Artikels gehört nicht zu dem normalerweise der Politik oder der Ökonomie zugerechneten Bereich, sondern hat mit dem Privatleben zu tun: Es geht um den Selbstmord.
- Das (in Verbindung mit dem Selbstmord) hauptsächlich diskutierte soziale Thema ist die Frauenunterdrückung in modernen Gesellschaften. Jeder dieser Züge ist für Marx‘ Bibliographie ungewöhnlich, aber ihre Verbindung macht das vorliegende Werk einzigartig.

Wenn man den Charakter des Artikels — übersetzte Exzerpte aus Peuchets Du suicide et de ses causes (Über den Selbstmord und seine Ursachen, ein Kapitel aus seinen Mémoires) betrachtet — inwiefern kann man dann sagen, er gehöre zu Karl Marx‘ Schriften?
Tatsächlich drückte Marx dem Text auf verschiedenen Wegen seinen Stempel auf: durch seine Einleitung, durch seine Kommentare, mit denen er die Geschichten »pfefferte«, durch seine Auswahl der Exzerpte und durch die in der Übersetzung vorgenommenen Änderungen. Doch der Hauptgrund, weshalb man von einem Artikel, der Marx‘ eigene Sicht der Dinge ausdrückt, sprechen kann, ist die völlig fehlende Unterscheidung zwischen seinen eigenen Kommentaren und den Exzerpten aus Peuchet, so daß das Ganze als homogener, von Karl Marx namentlich gezeichneter Artikel erscheint.
Natürlich ist die erste Frage, die man sich stellen kann, weshalb Marx zu Peuchet gegriffen hat. Was interessierte ihn an jenem Artikel so sehr? Leider kann ich der von Philippe Bourrinet, dem Herausgeber der französischen Ausgabe des Artikels von 1992, aufgestellten Hypothese, die auch Kevin Anderson in seine ansonsten vorzügliche Einleitung übernommen hat, nicht zustimmen: Bei dem Dokument handle es sich um eine verhüllte Kritik an den »wahren Sozialisten«, den Herausgebern des Gesell-schaftsspiegel, etwa an Moses Heß. Tatsächlich gibt es im ganzen Text nicht ein einziges Wort, das eine solche Orientierung nahelegen könnte. Sicherlich preist Marx die Überlegenheit französischer Gesellschaftstheoretiker, doch er vergleicht sie nicht mit deutschen, sondern mit englischen Sozialisten. Außerdem hatten er und Engels (der Herausgeber des Gesellschaftsspiegel war) während jener Jahre (1845-1846) ausgezeichnete Beziehungen zu Moses Heß; sie baten ihn sogar um seine Mitarbeit in ihren gemeinsamen polemischen Bestrebungen gegen den neo-hegelianischen Idealis-mus, die »deutsche Ideologie«.
Ein Teil der Erklärung wird von Marx in seiner Einleitung zu den Exzerpten selbst angedeutet: Sie liegt im Wert der französischen Gesellschaftskritik an den Bedingungen des modernen Lebens und besonders an den Eigentumsverhältnissen, an der Familie und an den sonstigen Privatbeziehungen — »in einem Wort, dem Privatleben«. Es handelt sich, um einen modernen Ausdruck zu benutzen, um eine Gesellschaftskritik, die begreift, daß das Private politisch ist. Marx war an einer solchen Kritik besonders interessiert, wenn sie in literarischer oder halbliterarischer Form daherkam: in Romanen und Memoiren. Man kennt seine Begeisterung für Balzac und seine Behauptung, er habe aus dessen Romanen mehr über die bürgerliche Gesellschaft gelernt als aus hunderten ökonomischen Abhandlungen. Natürlich ist Peuchet kein Balzac, doch seine Memoiren besitzen sicherlich einige literarische Qualität: Es genügt, darauf zu verweisen, daß eine seiner Geschichten Alexandre Dumas zu seinem Graf von Monte Christo inspiriert hat.
Was Marx so sehr an Peuchets Kapitel reizte, war kein »unbewußtes« Interesse am Selbstmord — hier stimme ich mit Eric Plauts Hypothese nicht überein, da er sie nicht zureichend belegen kann —, sondern sein gut bekanntes Interesse an einer radikalen sozialen Kritik der bürgerlichen Gesellschaft als einer »widernatürlichen« (Marx eigene Worte in der Einleitung) Lebensform.
Sowohl für Marx wie für Peuchet ist der Selbstmord höchst bedeutungsvoll als Symptom einer kranken Gesellschaft, die sehr einer radikalen Umwandlung bedarf. Die moderne Gesellschaft, schreibt Peuchet, wobei er Rousseau zitiert, ist »eine Wüste, bevölkert mit wilden Tieren«. Jedes Individuum lebt von den ändern isoliert allein unter Millionen in einer Art Masseneinsamkeit. Die Menschen sind sich gegenseitig fremd und feindlich zueinander eingestellt: In dieser Gesellschaft des Kampfes und des gnadenlosen Wettbewerbs, des Krieges aller gegen alle, bleibt dem Individuum nur die Wahl, Opfer oder Henker zu werden. Dies ist der gesellschaftliche Zusammenhang, der Verzweiflung und Selbstmord erklärt. Die Klassifizierung der Gründe für den Selbstmord stellt eine Klassifizierung der Übel der modernen bürgerlichen Gesellschaft dar — Übel, die nicht beseitigt werden können (hier spricht Marx) ohne einen radikalen Umbau der gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen.
Diese Art ethischer und sozialer Kritik ist offensichtlich von der Romantik inspiriert. Peuchets Sympathie für die Romantik zeigt sich nicht nur in seinem Verweis auf Rousseau, sondern auch in seiner scharfen Verurteilung des bourgeoisen Philisters — dessen »Seele sein Geschäft und dessen Gott sein Handel« ist —, der nur Verachtung für die armen Opfer des Selbstmordes und die romantischen Gedichte der Verzweiflung, die sie hinterlassen, übrig hat.
Wir sollten dabei bedenken, daß die Romantik nicht nur eine literarische Schule, sondern (Marx hat dies öfters angedeutet) ein kultureller Protest im Namen einer idealisierten Vergangenheit gegen die moderne kapitalistische Zivilisation war. Obwohl Marx selbst weit davon entfernt war, ein Romantiker zu sein, bewunderte er die romantischen Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft (Schriftsteller wie Balzac und Dickens, politische Denker wie Carlyle, Ökonomen wie Sismondi) sehr und übernahm ihre Erkenntnisse häufig in die eigenen Schriften.
Die meisten von ihnen waren gleich Peuchet keine Sozialisten. Aber, wie Marx in der Einleitung zum genannten Artikel ausführt, man braucht kein Sozialist zu sein, um die herrschende Gesellschaftsordnung zu kritisieren. Romantische Topoi, wie sie in den Exzerpten aus Peuchet auftauchen — die unmenschliche und tierische Natur der bürgerlichen Gesellschaft, der seelenlose bourgeoise Egoismus und die Gier —, kommen in Marx‘ Werk häufig vor, doch im vorliegenden Artikel nehmen sie einen ungewöhnlichen Charakter an.
Wiewohl Peuchet die wirtschaftlichen Übel des Kapitalismus, die viele Selbstmorde erklären — geringe Löhne, Arbeitslosigkeit, Elend — erwähnt, hebt er vor allem jene Formen sozialer Ungerechtigkeit hervor, die nicht direkt wirtschaftlich sind und die das Privatleben von nicht-proletarischen Individuen betreffen.
Könnte es sein, daß dies nur Peuchets Standpunkt ist und nicht der von Marx? Ganz und gar nicht! Marx mokiert sich in seiner Einleitung selbst sarkastisch über die
bürgerlichen Philantropen, die — in der Art von Voltaires Dr. Pangloss — glauben, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, und die den Arbeitern etwas Brot geben möchten, »als ob nur der Arbeiter unter dem heutigen Gesellschaftszustand verkümmere«. In anderen Worten: Für Marx/Peuchet kann die Kritik der bürgerlichen Gesellschaft nicht auf die wirtschaftliche Ausbeutung (so wichtig sie ist) beschränkt werden. Sie hat einen breiten sozialen und ethischen Charakter anzunehmen, der alle tiefen und vielseitigen schlimmen Aspekte umfassen muß. Der unmenschliche Charakter der kapitalistischen Gesellschaft verletzt Individuen verschiedener sozialer Herkunft.
Wer sind nun — und hier kommen wir zum interessantesten Aspekt des Essays — jene nicht-proletarischen Opfer, die von der bürgerlichen Gesellschaft in Verzweiflung und Selbstmord getrieben werden? Es gibt eine soziale Kategorie, die sowohl in den Exzerpten wie in Marx‘ Kommentaren einen wesentlichen Platz einnimmt: die Frauen.
Tatsächlich gehört der vorliegende Artikel zu den heftigsten Verurteilungen der Frauenunterdrückung, die je von Marx veröffentlicht wurden.
Drei der vier geschilderten Fälle von Selbstmord handeln von Frauen, Opfern des Patriarchats, oder in Peuchet/Marx‘ Worten: der Tyrannei der Familie, einer Form willkürlicher Macht, die von der Französischen Revolution nicht gestürzt worden ist. Bei zwei Frauen handelt es sich um solche »bürgerlicher« Herkunft, die dritte entstammt eher dem einfachen Volk (die Tochter eines Schneiders). Doch ihr Schicksal wurde mehr durch ihr Geschlecht als durch ihre Klasse geprägt.
Der erste Fall, der eines von den Eltern zum Selbstmord getriebenen Mädchens, illustriert die brutale väterliche Autorität des pater (und der mater) familias — die von Marx in seinem Kommentar als feige Rache von Menschen, die in der bürgerlichen Gesellschaft für gewöhnlich zur Unterwürfigkeit gezwungen werden, an jenen, die schwächer sind als sie selbst, gegeißelt wird.
Das zweite Beispiel — eine junge Frau aus Martinique wird von ihrem Gatten weggeschlossen, bis sie Selbstmord begeht — ist das weitaus bedeutendste, sowohl hinsichtlich der Länge als auch wegen Marx‘ leidenschaftlichem Kommentar. In seinen Augen erscheint es als paradigmatisch für die absolute patriarchale Macht von Männern über ihre Frauen und für ihre Haltung als eifersüchtige Privatbesitzer. In Marx‘ empörten Bemerkungen wird der tyrannische Gatte mit einem Sklavenhalter verglichen. Dank der gesellschaftlichen Verhältnisse, die keine wahre und freie Liebe kennen, und dank des patriarchalen Charakters sowohl des Code Civil wie des Eigentumsrechts war der männliche Unterdrücker in der Lage, seine Frau »mit Schlössern zu umgeben, wie der Geizhals seinen Geldkoffer«: als Ding, als Objekt, als »Teil seines Inventariums«. Kapitalistische Verdinglichung und patriarchale Herrschaft werden von Marx in seiner radikalen Verurteilung der modernen, männer-beherrschten Familienbeziehungen miteinander verknüpft.
Der dritte Fall handelt von einem Thema, welches sich die Frauenbewegung nach 1968 auf ihre Fahnen schrieb: das Recht auf Abtreibung. Es geht um eine junge Frau, die trotz der heiligen Regeln der patriarchalischen Familie schwanger wurde und die durch eine heuchlerische Gesellschaft, eine reaktionäre Ethik und durch bürgerliche Gesetze, die die Abtreibung untersagen, in den Freitod getrieben wurde.
In seiner Behandlung dieser drei Fallstudien läuft der Essay von Peuchet und Marx —
also sowohl die ausgewählten Exzerpte als auch die Kommentare des Übersetzers, die nicht auseinandergehalten werden können (weil Marx sie nicht getrennt hat) — auf einen leidenschaftlichen Protest gegen das Patriarchat, die Versklavung von Frauen (auch von »bürgerlichen« Frauen) und den unterdrückerischen Charakter der bürgerlichen Familie hinaus. Von ein paar Ausnahmen abgesehen, gibt es in Marx‘ späteren Schriften wenig Vergleichbares.
Trotz seiner offensichtlichen Grenzen stellt dieser kleine und fast vergessene Artikel von Marx einen wertvollen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Übel der modernen bürgerlichen Gesellschaft, des Leides, den die patriarchale Familienstruktur Frauen zufügt, und des breiten und universellen Emanzipationszieles des Sozialismus dar.

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Karl Marx – Vom Selbstmord (1846)


1 Antwort auf „Karl Marx – Vom Selbstmord (1846)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 30. Juni 2010 um 10:59 Uhr
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