Rudolf Rocker – Der Sozialismus der Schweine (1893)

Der haarsträubende Personenkult, der in Deutschland mit den alten Führern getrieben und von Geschäftsleuten in und außerhalb der Bewegung weidlich ausgenutzt wurde, brachte den spottlustigen [Alexander] Cohen auf einen merkwürdigen Einfall. Er veranstaltete in dem Atelier eines bekannten Malers im Quartier Latin eine Ausstellung aller Gegenstände, die in Deutschland hergestellt und von sozialistischen Blättern angepriesen wurden, um den roten Führerkult zu fördern. Es war eine reichhaltige Sammlung, eine Art sozialistischer Reliquienkammer, deren Umfang sogar mich in Erstaunen setzte und mir Dinge vor Augen führte, die ich früher nie gesehen hatte. Da sah man Vorstecknadeln und Manschettenknopfe mit den Bildern von Bebel, Liebknecht oder Singer, Pantoffeln, Spazierstöcke, Kaffeetassen, Bierseidel, Stammkrüge, Nähschatullen, Schmuckkästchen, Denkmützen, Blumenvasen, Gürtelschlösser, Nippsachen, Regenschirme, Pfeifenköpfe, Zigarrenspitzen, Kleiderbürsten, Taschenmesser, Schnupftabakdosen, Lampenschirme, Würfelbecher, Broschen, Spieldosen, Taschentücher, Notizbücher, Streichholzbehälter, Zigarrenetuis, Sinnspruchtafeln und eine Masse anderer Gegenstände, die mit den Bildnissen von Marx, Lassalle und anderen berühmten „Volksmännern“ geziert waren. Die Ausführung war ausnahmslos schauderhafter Kitsch der allererbärmlichsten Sorte. Besonders reizend war eine Schnapspulle mit einem Relief von Marx und zwei zusammengeflochtenen Händen; darunter standen die Worte „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“. Auch einige der berühmten „Demokratenhüte“, die der betriebsame Hutmacher und Reichsabgeordnete Heine in Halberstadt damals herzustellen pflegte und auf deren Futter die Bilder bekannter sozialistischer Zeitgenossen prangten, waren in der Sammlung vertreten. Daneben sah man Bilder und Zeichnungen, die der sozialdemokratischen Presse Deutschlands entnommen waren oder die als Einzeldrücke verbreitet wurden. Die meisten dieser „Kunsterzeugnisse“ machten einen fürchterlichen Eindruck. Da war ein Bild von Lassalle, der das Goldene Kalb ersticht und dabei eine Grimasse schneidet, als wenn er von Zahnschmerzen geplagt würde. Auf einer besonderen Postkarte war Marx abgebildet, der als moderner Moses vom Berg Sinai herabsteigt und seinem Volke auf zwei Tafeln die neuen Zehn Gebote bringt. Besonders sinnig waren zwei Drucke, die den Gegensatz zwischen der kapitalistischen Wirtschaft der Gegenwart und der sozialistischen Ordnung der Zukunft darstellten. Auf dem ersten Blatt sah man eine Herde halbverhungerter Schweine, die mit gierigen Augen nach einem vollen Troge schielen, na den die nicht herankommen können, weil einige fette Mastschweine ihnen den Zutritt verwehren, so dass sie sich mit den mageren Abfällen begnügen müssen. Das zweite Blatt zeigt einen schön geordneten Schweinestall, wo jedes Schwein in einer besonderen Umhegung aus seinem eignen trog frisst – was dem Figaro Veranlassung gab, von einem „socialisme des cochons“ zu schreiben.

Auszug aus: R. Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1974, S. 99-100.

Bildquelle: Le Figaro, 1.05.1892.

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Version française


2 Antworten auf „Rudolf Rocker – Der Sozialismus der Schweine (1893)“


  1. 1 Administrator 25. März 2011 um 16:37 Uhr

    Ces quatre gravures ont également été reproduites dans l’Almanach de la question sociale, IV, 1893, pp. 199-202 (« Les quatre régimes politiques et sociaux »).

  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 09. Juni 2010 um 10:59 Uhr
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