Mustapha Khayati – Beiträge zur Berichtigung der öffentlichen Meinung über die Revolution in den unterentwickelten Ländern (IS n°11)

1.

Es ist die höchst revolutionäre Rolle des Bürgertums, die Ökonomie in die Geschichte auf eine endgültige und unabwendbare Art eingeführt zu haben. Als treuer Herr über diese Ökonomie ist es seit seinem Erscheinen der tatsächliche – wenn auch manchmal unbewusste – Herr der ‘Weltgeschichte’. Diese hörte zum ersten Mal auf, ein metaphysisches Trugbild oder eine Tat des Weltgeistes zu sein, um eine materielle, genauso konkrete Tatsache wie das banale Leben jedes Individuums zu werden. Seit dem Anfang der Warenproduktion entgeht nichts auf der Welt der unaufhaltbaren Entwicklung dieses modernen Schicksals, der unsichtbaren ökonomischen Rationalität: der Logik der Ware. Ihrem Wesen nach totalitär und imperialistisch, verlangt sie die ganze Welt als Wirkungsfeld und alle Menschen als Diener. Dort, wo die Ware herrscht, gibt es nur Sklaven.

2.

Der unterdrückenden Kohärenz einer besonderen Klasse, um die Menschheit in der Vorgeschichte zu halten, hat die revolutionäre Bewegung – als direktes und unfreiwilliges Ergebnis der kapitalistisch-bürgerlichen Herrschaft – seit mehr als einem Jahrhundert das Projekt einer befreienden Kohärenz entgegengesetzt – das Werk aller und jedes, das freie und bewusste Eingreifen in die Schöpfung der Geschichte: die wirkliche Abschaffung jeder Klassenteilung und das Aufheben der Ökonomie.

3.

Dort, wo er eingedrungen ist – d.h. fast überall auf der Welt – zerrüttet der Warenvirus unaufhörlich die verkalktesten sozio-ökonomischen Gebilde und erlaubt es Millionen von menschlichen Wesen, durch das Elend und die Gewalt die Historie der Ökonomie zu entdecken. Überall, wo er eindringt, breitet er sein Zerstörungsprinzip aus, löst er die Überreste der Vergangenheit auf und treibt alle Antagonismen zum äußersten. Mit einem Wort, er beschleunigt die soziale Revolution. Alle chinesischen Mauern stürzen zusammen, wenn er vorbeigeht und kaum lässt er sich in Indien nieder, als sich auch schon alles um ihn herum auflöst und Agrarrevolutionen in Bombay, in Bengalen, in Madras ausbrechen: die präkapitalistischen Zonen der Welt gelangen zu bürgerlichen, modernen Verhältnissen, aber ohne deren materielle Basis. Wie im Fall seines Proletariats werden sich jetzt auch hier die Kräfte, welche das Bürgertum zu befreien oder sogar zu schaffen beigetragen hat, gegen dieses und gegen seine einheitlichen Diener wenden; die Revolution der Unterentwickelten wird zu einem der wesentlichen Kapitel der modernen Geschichte’.

4.

Stellt sich das Problem der Revolution in den unterentwickelten Ländern auf eine besondere Art, so ergibt sich das aus der geschichtlichen Entwicklung selbst. In diesen Ländern haben der allgemeine ökonomische Rückstand – der durch die koloniale Macht und die Schichten, die sie unterstützen, aufrechterhalten wird – und die Unterentwicklung der Produktivkräfte die Entwicklung sozio-ökonomischer Schichten verhindert, die die seit mehr als einem Jahrhundert den fortgeschrittenen, kapitalistischen Gesellschaften gemäß ausgearbeitete, revolutionäre Theorie unmittelbar ausführbar machen sollten. Zu dem Zeitpunkt, wo diese Länder den Kampf beginnen, kennen sie alle nicht die Großindustrie, und das Proletariat ist weit davon entfernt, dort die zahlenmäßig größte Klasse zu bilden. Diese Funktion hat der arme Bauernstand inne.

5.

Die verschiedenen Bewegungen der nationalen Befreiung sind lange Zeit nach dem Zusammenbruch der Arbeiterbewegung entstanden, welcher der Niederlage der schon bei ihrer Entstehung zur Konterrevolution im Dienste einer angeblich kommunistischen Bürokratie umgebildeten russischen Revolution folgte. Daher mussten sie alle Makel und Schwächen dieser verallgemeinerten Konterrevolution bewusst oder mit falschen Bewusstsein erleiden und konnten bei der allgemeinen Verspätung keine Grenzen überschreiten, die der besiegten revolutionären Bewegung aufgezwungen worden waren. Gerade wegen ihrer Niederlage mussten die kolonialisierten bzw. halb kolonialisierten Länder den Imperialismus allein bekämpfen. Da sie aber nur ihn bekämpfen und nur auf einem Teil des gesamten, revolutionären Bodens, haben sie ihn nur teilweise fortgejagt. Die verschiedenen Unterdrückungsregimes, die sich überall dort eingerichtet haben, wo die Revolution der nationalen Befreiung zu siegen glaubte, stellen nur eine Form dar, die die Rückkehr des Verdrängten annimmt.

6.

Welche Kräfte daran auch haben teilnehmen und wie radikal ihre Richtungen auch gewesen sein mögen, immer liefen die Bewegungen der nationalen Befreiung auf das Emporkommen, der ehemaligen kolonialisierten Gesellschaften zu modernen Formen des Staates und zu Ansprüchen auf eine moderne Ökonomie hinaus. In China, dem ‘Imago pater’ (Vaterbild) der unterentwickelten Revolutionäre, führte angesichts der Niederlage der Arbeiterbewegung schon seit den Jahren 1925-1927 der Kampf der Bauern gegen den amerikanischen, europäischen und japanischen Imperialismus letzten Endes eine Bürokratie russischer Prägung zur Macht. Der stalinistisch-leninistische Dogmatismus, mit dem diese ihre Ideologie vergoldet – welche vor kurzem zum roten Mao-Katechismus reduziert worden ist – ist nur die Lüge und im besten Fall das falsche Bewusstsein, die ihre konterrevolutionäre Praxis begleiten.

7.

Der Fanonismus und der Castro-Guevarismus stellen das falsche Bewusstsein dar, durch welches der Bauernstand die ungeheuerliche Aufgabe erfüllt, die präkapitalistische Gesellschaft von ihren halb feudalen und kolonialen Folgeerscheinungen zu befreien und zu der von den Siedlern und den rückschrittlichen, herrschenden Klassen mit Füßen getretenen, nationalen Würde zu gelangen. Der Benbellismus, der Nasserismus, der Titoismus und der Maoismus sind die Ideologien, die das Ende dieser Bewegungen und ihre private Aneignung durch die städtischen, kleinbürgerlichen oder militärischen Schichten ankündigen – die Neubildung der Gesellschaft der Ausbeutung, diesmal aber mit neuen Herren und auf der Grundlage neuer sozio-ökonomischer Strukturen. Überall dort, wo der Bauernstand siegreich gekämpft und Schichten zur Macht gebracht hat, die seinen Kampf mit ihren Kadern organisiert und geführt haben, musste er als erster ihre Gewalttaten über sich ergehen lassen und für die ungeheuren Kosten ihrer Herrschaft aufkommen. Sowohl die moderne als auch die älteste (wie z.B. in China) Bürokratie baut ihre Macht und ihren Wohlstand auf der Ausbeutung der Bauern auf: daran verändert die neue Ideologie nichts. Ob in China oder in Kuba, in Ägypten oder in Algerien, sie spielt überall dieselbe Rolle und erfüllt dieselben Funktionen.

8.

Im Akkumulationsprozess des Kapitals ist die Bürokratie die Verwirklichung dessen, wovon das Bürgertum nur der Begriff war: was dieses Jahrhunderte lang ‘mit Blut und Schmutz’ getan hat, will jene bewusster und ‘rationeller’ in einigen Jahrzehnten erreichen. Nur kann sie das Kapital nicht akkumulieren, ohne auch die Lügen anzuhäufen: was die Erbsünde des kapitalistischen Reichtums war, wird erschreckenderweise ‘primitive sozialistische Akkumulation’ getauft. Alles, was die unterentwickelten Bürokratien ‘Sozialismus’ nennen, was sie sich darunter vorstellen und ausmalen, ist tatsächlich nichts anderes als der vollendete Neo-Merkantilismus. ‘Der bürgerliche Staat ohne Bürgertum’ (Lenin) kann nicht über die historischen Aufgaben des Bürgertums hinausgehen und das das am weitesten entwickelte Land zeigt dem weniger entwickelten das Bild seiner eigenen, zukünftigen Entwicklung. Die bolschewistische Bürokratie, einmal an die Macht gelangt, erfand keinen besseren Vorschlag für das revolutionäre russische Proletariat als ‘beim deutschen Staatskapitalismus in die Schule zu gehen’. All diese angeblichen sozialistischen Regierungen sind im besten Fall eine unterentwickelte Nachahmung der Bürokratie, welche die revolutionäre Bewegung in Europa beherrscht und besiegt hat. Was die Bürokratie machen kann oder machen muss, wird die Arbeitermassen weder emanzipieren noch ihre soziale Lage wesentlich verbessern, denn das hängt nicht nur von den Produktivkräften, sondern auch von ihrer Aneignung durch die Produzenten ab. Die materiellen Bedingungen aber, um beides zu verwirklichen, wird sie bestimmt schaffen können. Hat das Bürgertum je weniger getan?

9.

In den bürokratisch-bäuerlichen Revolten zielt allein das Bürgertum bewusst und hellsichtig auf die Macht ab. Die Machtergreifung entspricht also dem historischen Moment, in dem die Bürokratie sich des Staates bemächtigt und ihre Unabhängigkeit den revolutionären Massen gegenüber erklärt, noch bevor die kolonialen Folgeerscheinungen beseitigt worden sind und sie vom Ausland tatsächlich unabhängig geworden ist. Eintretend in den Staat sucht die neue Klasse ihren Schutz gegen jede Selbständigkeit der Massen bei der militanten Unselbständigkeit. Als einzige Eigentümerin der gesamten Gesellschaft erklärt sie sich zur einzigen Vertreterin ihrer übergeordneten Interessen. In diesem Sinne ist der bürokratische Staat der verwirklichte Staat Hegels. Seine Trennung von der Gesellschaft bestätigt zugleich die Trennung in antagonistische Klassen: der momentane Zusammenschluss der Bürokratie und des Bauernstandes ist nur die phantastische Täuschung, durch die beide die ungeheuren Aufgaben des ohnmächtigen Bürgertums erfüllen. Die auf den Ruinen der präkapitalistischen Kolonialgesellschaft errichtete, bürokratische Macht ist nicht die Abschaffung der Klassenantagonismen: die alten Klassen werden nur durch neue ersetzt, neue Bedingungen der Unterdrückung und neue Formen des Kampfes.

10.

Unterentwickelt ist nur derjenige, der den positiven Wert der Macht seiner Herren anerkennt. Der Wettlauf, die kapitalistische Verdinglichung einzuholen, ist der beste Weg zur verstärkten Unterentwicklung. Die Frage der ökonomischen Entwicklung ist untrennbar von derjenigen nach dem wirklichen Herren über die Arbeitskraft – alles übrige ist Spezialistengeschwätz.

11.

Die Revolutionen der unterentwickelten Länder haben bisher nur versucht, den Bolschewismus unterschiedlich nachzuahmen; es kommt von nun an darauf an, ihn in der Macht der Räte aufzulösen.

Mustapha KHAYATI

Internationale situationniste 11, Oktober 1967.


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