Hans Magnus Enzensberger – Lob des Analphabeten (1985)

Der klassische Analphabet: Er kann nicht lesen hoch schreiben, also muß er erzählen. Das Erzählen aber ist der Anfang der Literatur. Der moderne Analphabet: Er kann lesen und schreiben, aber erzählen kann er nicht mehr, er ist zum kopflosen Konsumenten geworden. Diese Rede über das Analphabetentum hielt Hans Magnus Enzensberger, als er kürzlich den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln entgegennahm.

Die Zeit, 29.11.1985 – Nr. 49.

Meine Damen und Herren, den Dank, den ich Ihnen schuldig bin, .möchte ich mit einer Frage verbinden, die der festliche Anlaß nahelegt: der Frage, ob Sie, die Steuerzahler und die gewählten Vertreter der Stadt Köln, einer aussterbenden Spezies die Ehre gegeben, ob Sie einen Anachronismus ausgezeichnet haben. Den Frühstückszeitungen dieser Monate entnehme ich, daß die sogenannte „Lesekultur“, auch „Schriftkultur'‘ genannt, nicht nur hierzulande, sondern auf dem ganzen Erdball vom Untergang bedroht ist. Als einen, der vom Schreiben, mithin vom Lesen lebt, kann mich diese Schreckensnachricht nicht gleichgültig lassen. Aber auch Sie als Bürger einer Stadt, die nicht nur Heinrich Bölls Heimat ist, sondern auch den WDR, das größte Medienunternehmen des europäischen Festlandes beherbergt, auch Sie werden sich vielleicht von einer solchen Prognose betroffen fühlen. Wenn ich mich nicht irre, trifft hier also ein persönliches mit einem öffentlichen, ein lokales mit einem allgemeinen Interesse zusammen.
Sind geschriebene Wörter entbehrlich? Das ist die Frage. Wer sie aufwirft, muß über das Analphabetentum sprechen. Die Sache hat nur einen kleinen Haken. Der Analphabet ist nie zur Stelle, wenn von ihm die Rede ist. Er taucht einfach nicht auf, er nimmt unsere Behauptungen überhaupt nicht zur Kenntnis, er schweigt. Ich möchte deshalb seine Verteidigung übernehmen, auch wenn er mich damit keineswegs beauftragt hat.
Jeder dritte Bewohner unseres Planeten kommt ohne die Kunst zu lesen und ohne die Kunst zu schreiben aus. Rund gerechnet 850 Millionen befinden sich in diesem Fall, und ihre Zahl wird mit Sicherheit zunehmen. Sie ist eindrucksvoll, aber irreführend. Denn zum Menschengeschlecht gehören nicht nur die Lebenden und die Ungeborenen, sondern auch die Toten. Wer sie nicht vergißt, muß zu dem Schluß kommen, daß der Alphabetismus nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist.
Nur uns, das heißt, einer winzigen Minderheit von Leuten, die lesen und schreiben, konnte es einfallen, Leute, die das nicht zu tun pflegen, für eine winzige Minderheit zu halten. In dieser Vorstellung zeigt sich eine Ignoranz, mit der ich mich nicht abfinden will.
Im Gegenteil: wenn ich sie in Betracht ziehe, so erscheint mir der Analphabet nachgerade als eine ehrwürdige Gestalt. Ich beneide ihn um sein Gedächtnis, um seine Fähigkeit, sich zu konzentrieren, um seine List, seine Erfindungsgabe, seine Zähigkeit, und um sein feines Ohr. Bitte unterstellen Sie mir nicht, daß ich vom guten Wilden träume. Ich spreche nicht von einem romantischen Phantom, sondern von Menschen, denen ich begegnet bin. Es liegt mir fern, sie zu idealisieren. Ich sehe auch die Enge ihres Gesichtskreises, ihren Wahn, ihren Starrsinn, ihre Eigenbrötelei.
Sie werden vielleicht fragen, wie ausgerechnet ein Schriftsteller dazu kommt, die Partei derer zu ergreifen, die nicht lesen können . . . Aber das liegt doch auf der Hand! Weil es die Analphabeten waren, die die Literatur erfunden haben. Ihre elementaren Formen, vom Mythos bis zum Kinderreim, vom Märchen bis zum Lied, vom Gebet bis zum Rätsel, sind allesamt älter als die Schrift. Ohne mündliche Überlieferung gäbe es keine Poesie und ohne die Analphabeten keine Bücher.
Aber die Aufklärung, werden Sie mir entgegenhalten . . . Einverstanden! . . . Die Dumpfheit einer Tradition, welche die Armen von jedem Fortschritt ausschloß! . . . Wem sagen Sie das? Das gesellschaftliche Unglück beruht nicht nur auf den materiellen, sondern auch auf den immateriellen Privilegien der Herrschenden. Es waren die großen Intellektuellen des Dixhuitieme, die diesen Sachverhalt entdeckt haben. Daß das Volk unmündig sei, dachten sie, liege nicht nur an seiner politischen Unterdrückung und an seiner ökonomischen Ausbeutung, sondern auch an seiner Unwissenheit. Spätere Generationen haben aus diesen Prämissen den Schluß gezogen, daß die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben, zu einem menschenwürdigen Dasein gehört.
Diese folgenreiche Idee erfuhr freilich im Lauf der Zeit eine Reihe von bemerkenswerten Umdeutungen. Fast im Handumdrehen wurde der Begriff der Aufklärung durch den der Bildung ersetzt. „Für die Volksbildung“, so heißt es bei Ignaz Heinrich von Wessenberg, einem deutschen Pädagogen der napoleonischen Zeit, „macht die zweyte Hälfte des Achtzehnten Jahrhunderts Epoche. Die Kenntniß dessen, was dafür geleistet wurde, ist erfreulich dem Menschenfreund, ermunternd dem Priester der Kultur, und für den Geschäftsführer des Gemeinwesens höchst lehrreich.“
Nicht alle Zeitgenossen waren mit ihm einverstanden. Ein anderer Volkserzieher, Johann Rudolph Gottlieb Beyer, schrieb über das Bücherlesen: „Entsteht nun daraus gerade nicht immer Aufstand und Revolution, so machts doch Unzufriedene und Mißvergnügte, die zu den Unternehmungen der gesetzgebenden und exekutiven Gewalt immer scheel sehen, und ihrer Landesverfassung nicht hold sind.“
Das kommt uns bekannt vor. Die Angst vor der Aufklärung hat diese überlebt. Sie überwintert nicht nur in den Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern auch in der westdeutschen Demokratie. Irgendein gesetzgebender oder exekutiver Trottel hat sich jedenfalls bei uns noch immer gefunden, der die Landesverfassung am liebsten außer Kraft setzen möchte, um sie vor den verderblichen Wirkungen gewisser Druckschriften zu schützen.
Aber auch die konservative Kulturkritik hat in den letzten zwei Jahrhunderten wenig dazugelernt. Sie läßt und läßt ihren warnenden Zeigefinger nicht sinken. „Warum“, so fragte sich Johann Georg Heinzmann schon zu Goethes Zeiten, „warum (soll) gerade für die yerdorbenere Menschengattung vorzüglich geschrieben und gedruckt werden, die ewig belustiget, ewig geschmeichelt, ewig getäuscht sein will?“
„Die Folgen einer solchen geschmackund gedankenlosen Lektüre sind . . . unsinnige Verschwendung, unüberwindliche Scheu vor jeder Anstrengung, grenzenloser Hang zum Luxus, Unterdrückung der Stimme des Gewissens, Lebensüberdruß, und ein früher Tod“, beklagte Johann Adam Bergk.
Ich zitiere aus diesen längst verschollenen Schriften, weil ihre Thesen bis auf den heutigen Tag herumspuken. Wer sich unsere kulturpolitischen Sonntagsreden und Podiumsdiskussionen anhört, muß den Eindruck gewinnen, daß uns im Lauf von zweihundert Jahren kaum ein neues Argument eingefallen ist.
Was allerdings das Projekt der Alphabetisierung betrifft, so sind wir damit kräftig vorangekommen. Hier haben die Menschenfreunde, die Priester der Kultur und die Geschäftsführer des Gemeinwesens, so scheint es, durchschlagende Erfolge erzielt. Wer möchte nicht Joseph Meyer widersprechen, einem der tüchtigsten Verleger des neunzehnten Jahrhunderts, der die Parole erfunden hat: Bildung macht frei! Die Sozialdemokratie erhob diese Losung zur politischen Forderung. Wissen ist Macht! Kultur für alle! Bis auf den heutigen Tag kämpft sie unverdrossen gegen das Bildungsprivileg und für die Chancengleichheit. Seit Bebel und Bismarck folgt eine Freudenbotschaft der andern. Die Analphabetenrate war in Deutschland schon 1880 auf unter ein Prozent gesunken. In manchen anderen europäischen Ländern hat es etwas länger gedauert. Doch auch der Rest der Welt macht enorme Fortschritte, seitdem die Unesco 1951 die Bekämpfung des Analphabetentums auf ihre Fahnen geschrieben hat. Mit einem Wort: Das Licht hat über die Finsternis gesiegt.
Unsere Freude über diesen Triumph hält sich in Grenzen. Die Botschaft ist zu schön, um wahr zu sein. Nicht weil ihnen danach zumute war, haben die Völker lesen und schreiben gelernt, sondern weil sie dazu gezwungen worden sind. Ihre Emanzipation war zugleich eine Entmündigung. Von nun an unterlag das Lernen der Kontrolle des Staates und seiner Agenturen: der Schule, der Armee und der Justiz. Als die Kinder von Ravensburg anno 1811 zu einer Preisverleihung antraten, wußten sie bereits ein Lied davon zu singen:
Fleiß, Gehorsam sind die Pflichten, Welche redlich zu entrichten Gute Bürger sich bestreben: Aber so nach Pflicht zu leben, Prägen Schulen nur allein In das Herz der Jugend ein.Daß wir uns der Tugend weih‘n, Und so mancher Kenntniß freu‘n, Danken wir der Schul‘ allein; Laßt uns ewig dankbar seyn. Heil dem König, Heil dem Staat, Wo man gute Schulen hat!
Der Zweck, den die Alphabetisierung der Bevölkerung verfolgte, hatte nichts mit Aufklärung zu tun. Die Menschenfreunde und die Priester der Kultur, die für sie eintraten, waren nur die Handlanger der kapitalistischen Industrie, die vom Staat verlangte, daß er ihr qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stellte. Um das Gute Wahre Schöne, von dem die patriarchalischen Verleger des Biedermeiers sprachen und das ihre heutigen Nachfahren immer noch gern zitieren, ist es nie gegangen. Es handelte sich nicht darum, der „Schriftkultur“ den Weg zu bahnen, geschweige denn, die Menschen aus ihrer Unmündigkeit zu befreien. Von einem ganz anderen Fortschritt war die Rede. Er bestand darin, die Analphabeten, diese „allerniedrigste Menschenklasse“, zu zähmen, ihnen ihre Phantasie und ihren Eigensinn auszutreiben und fortan nicht nur ihre Muskelkraft und ihr handwerkliches Geschick, sondern auch ihre Gehirne auszubeuten.
Um den schriftlosen Menschen abzuschaffen, mußte man ihn jedoch erst einmal definieren, aufspüren und entlarven. Der Begriff des Analphabetentums ist nicht alt. Seine Erfindung läßt sich ziemlich genau datieren. Das Wort erscheint zum erstenmal in einer englischen Schrift aus dem Jahre 1876 und breitet sich dann rasch über ganz Europa aus. Gleichzeitig erfindet Edison die Glühbirne und den Phonographen, Siemens die elektrische Lokomotive, Linde die Kältemaschine, Bell das Telephon und Otto den Benzinmotor. Der Zusammenhang liegt auf der Hand.
Im übrigen fällt der Triumph der Volksbildung in Europa mit der maximalen Entfaltung des Kolonialismus zusammen. Auch das ist kein Zufall. In den Lexika der Zeit ist die Behauptung nachzulesen, die Zahl der Analphabeten sei, „verglichen mit der Gesamtbevölkerung eines Landes, bezeichnend für den Kulturzustand eines Volkes“. „Derselbe (ist) am geringsten in den slaw. Ländern und bei den Schwarzen der Vereinigten Staaten von Amerika . . . Auf der höchsten Stufe stehen die … germ. Länder, die Weißen der Vereinigten Staaten von Amerika und der finn. Stamm.“ Da darf auch der Hinweis nicht fehlen, daß „die Männer. . . durchschnittlich höher als die Frauen“ stehen (Meyers Großes Konversationslexikon 1905, Brockhaus 1894). sich für wohlinformiert, kann Gebrauchsanweisungen, Piktogramme und Schecks entziffern und bewegt sich in einer Umwelt, die ihn hermetisch gegen jede Anfechtung seines Bewußtseins abschottet. Daß er an seiner Umgebung scheitert, ist undenkbar. Sie hat ihn ja hervorgebracht und ausgebildet, um ihren störungsfreien Fortbestand zu garantieren. Der sekundäre Analphabet ist das Produkt einer neuen Phase der Industrialisierung. Eine Wirtschaft, deren Problem nicht mehr die Produktion, sondern der Absatz ist, kann keine disziplinierte Reservearmee mehr brauchen. Sie benötigt qualifizierte Konsumenten. Mit dem klassischen Produktionsarbeiter und Büroangestellten wird auch das rigide Training überflüssig, dem sie unterworfen waren, und das Alphabetentum wird zu einer Fessel, die es möglichst rasch abzustreifen gilt. Gleichzeitig mit dieser Problemstellung hat unsere Technologie auch die adäquate Lösung entwickelt. Das ideale Medium für den sekundären Analphabeten ist das Fernsehen.
Wahrscheinlich sind die meisten Theorien, die über diese Erscheinung aufgestellt worden sind, falsch. Ich weiß wovon ich rede; denn es ist noch keine zwanzig Jahre her, daß ich den elektronischen Medien wunderbare emanzipatorische Möglichkeiten zuschrieb. Immerhin hatte eine solche Hoffnung, auch wenn sie unbegründet war, den Vorzug der Verwegenheit. Von den Betrachtungen des amerikanischen Soziologen Neil Postman, die heute von sich reden machen, kann man das nicht behaupten: „Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Variete-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.“
Nur die Terminologie hat sich verändert; ansonsten ist die Argumentation des Amerikaners von 1985 identisch mit der des braven Schweizers, der im Jahre 1795 einen „Appell an seine Nation“ richtete, um sie vor dem drohenden Zusammenbruch der Kultur zu warnen. Selbstverständlich hat Mr. Postman mit seiner zentralen Behauptung recht, die da lautet: Fernsehen ist Quatsch mit Soße. Merkwürdig ist nur, daß er hierin einen Einwand zu sehen scheint. Der Tatsache, daß es schwachsinnig ist, verdankt das Fernsehen ja gerade seinen Charme, seine Unwiderstehlichkeit, seinen Erfolg. Noch sonderbarer, ist ein anderer Tick, der an den Apologeten der Lesekultur zu beobachten ist. Es scheint ihnen im höchsten Grade darauf anzukommen, mit welchen Mitteln der Schwachsinn produziert wird. Erscheint er nämlich schwarz auf weiß gedruckt, so handelt es sich offensichtlich um ein Kulturgut; wird er dagegen über Antenne oder Kabel verbreitet, so ist die „Nation in Gefahr“. Tja, wer Kulturkritik für bare Münze nimmt, ist selber schuld.
Mir jedenfalls fällt es schwer, einer Kassandra zu glauben, deren Unkenrufe dazu dienen, ihren eigenen Umsatz zu verteidigen, noch dazu, wenn sie zugleich und blindlings nach neuen Absatzmärkten greift. Erinnern wir uns: Es war ein Druckerzeugnis, die Bild-Zeitung, ein prophetisches Produkt, mit dem bewiesen worden ist, daß man Abschaffung der Lektüre als Lektüre verkaufen und ein Print-Medium für sekundäre Analphabeten herstellen kann. Und natürlich sind es Verleger, die sich darum reißen, die Nation zu verkabeln, Satellitenkeulen zu schwingen und den Kontinent mit Programmen zu überziehen, aus denen jede Spur von Programm getilgt ist. Genau wie vor hundert Jahren, als es um die Alphabetisierung der Bevölkerung ging, können sie sich auch heute, wo es sich darum handelt, diese rückgängig zu machen, auf die Unterstützung des Staates verlassen. Dabei entspricht das Projekt der Zwangsverkabelung exakt dem „Schulzwang“, von dem damals die einschlägigen Gesetze sprachen. Es trifft sich gut, daß der Industrie als Gesprächspartner ein Minister zur Verfügung steht, der den Typus des sekundären Analphabeten selbst in wünschenswerter Deutlichkeit verkörpert.
Auch die staatliche Bildungspolitik wird sich auf die neuen Prioritäten einrichten müssen. Mit der Kürzung der Bibliotheksetäts ist bereits ein erster Schritt getan worden. Auch im Schulwesen sind Neuerungen zu verzeichnen. Bekanntlich kann man heute acht Jahre lang in die Schule gehen, ohne Deutsch zu lernen, und auch an den Universitäten wird dieser germanische Dialekt allmählich zu einer nur mangelhaft beherrschten Fremdsprache.
Bitte glauben Sie nicht, daß mir daran gelegen wäre, gegen einen Zustand zu polemisieren, dessen Unvermeidlichkeit mir einleuchtet; ich gedenke ihn auch nicht zu bejammern; ich möchte ihn nur darstellen und, so weit mir das vergönnt ist, zu erklären. Die raison d‘etre des sekundären Analphabeten zu bestreiten, wäre töricht, und es liegt mir fern, ihm seinen Platz an der Sonne und seine Belustigungen zu mißgönnen.
Dagegen ist es wohl erlaubt, festzustellen, daß das historische Projekt der Aufklärung in dieser Hinsicht gescheitert ist. Was die Losung „Kultur für alle“ betrifft, so nimmt sie sich nachgerade komisch aus. Noch weniger ist eine klassenlose Kultur in Sicht. Ganz im Gegenteil ist ein Zustand absehbar, in dem sich immer schärfer voneinander abgegrenzte kulturelle Milieus ausbilden, die keine gemeinsame Öffentlichkeit mehr kennen.
Ich möchte sogar die Behauptung riskieren, daß sich die Bevölkerung immer deutlicher in kulturelle Kasten aufspalten wird. (Natürlich verwende ich diesen Terminus in deskriptiver Absicht, ohne systematischen Anspruch.) Diese Kasten lassen sich nicht mehr mit Hilfe des überlieferten marxistischen Modells beschreiben, demzufolge die herrschende Kultur die Kultur der Herrschenden ist. Ökonomische Klassenlage und Bewußtsein treten immer mehr auseinander.
Dabei wird es in der Regel so sein, daß sekundäre Analphabeten die Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft besetzen. Es genügt in diesem Zusammenhang, auf den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten und auf den amtierenden Bundeskanzler zu verweisen. Umgekehrt kann man hierzulande, ebenso wie in den USA, mühelos ganze Scharen von Taxifahrern, Hilfsarbeitern, Zeitungsverkäufern und Sozialhilfeempfängern finden, die es mit ihrem überlegenen Problembewußtsein, ihren kulturellen Standards und ihren weitreichenden Kenntnissen in jeder anderen Gesellschaft weit gebracht hätten. Aber selbst eine solche Gegenüberstellung verfehlt noch den wirklichen Sachverhalt, der keine eindeutigen Zuordnungen mehr erlaubt; denn auch unter arbeitslosen Lehrern kann man Zombies, auch im Bundespräsidialamt Leute treffen, die nicht nur lesen und schreiben, sondern sogar produktiv denken können. Das heißt aber auch, daß der soziale Determinismus in Fragen der Kultur ausgedient hat. Das sogenannte Bildungsprivileg nat seinen Schrecken verloren. Wenn die Eltern in beiden Fällen sekundäre Analphabeten sind, hat das Prominentenkind dem Arbeitersohn nichts mehr voraus. Welcher kulturellen Kaste einer angehört, hängt fortan eher von der eigenen Option als von der Herkunft ab.
Ich schließe aus alledem, daß sich die Kultur in unserem Land in einer völlig neuen Lage befindet. Den Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit, den sie stets erhoben, aber nie eingelöst hat, können wir vergessen. Die Herrschenden, in ihrer Mehrheit sekundäre Analphabeten, haben jedes Interesse an ihr verloren. Das hat zur Folge, daß sie keinem herrschenden Interesse mehr dienen muß und dienen kann. Die Kultur legitimiert nichts mehr. Sie ist vogelfrei; das ist immerhin auch eine Art von Freiheit. Eine solche Kultur ist auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, und je eher sie das einsieht, desto besser.
Ach ja, die Frage, ob Sie einen Anachronismus ausgezeichnet haben — fast hätten wir sie vergessen! Nun, was die Literatur angeht, so ist sie, glaube ich, von den Veränderungen, die ich angedeutet habe, weniger betroffen, als es scheinen könnte. Sie war im Grunde immer eine minoritäre Angelegenheit. Wahrscheinlich ist sich die Zahl derjenigen, die mit ihr leben, im Lauf der letzten zwei Jahrhunderte relativ gleichgeblieben. Nur ihre Zusammensetzung hat sich verändert. Es ist längst kein Standesprivileg, aber auch kein Standeszwang mehr, sich mit ihr zu befassen. Der Sieg des sekundären Analphabetismus kann die Literatur nur radikalisieren: Er führt einen Zustand herbei, in dem nur noch freiwillig gelesen wird. Wenn sie aufgehört hat, als Statussymbol, als sozialer Code, als Erziehungsprogramm zu gelten, dann werden nur noch diejenigen die Literatur zur Kenntnis nehmen, die es nicht lassen können.
Das mag beklagen, wer will. Ich habe keine Lust dazu. Auch das Unkraut ist schließlich eine Minderheit, und jeder Stadtgärtner weiß, wie schwer es auszurotten ist. Die Literatur wird weiterwuchern, solange sie über eine gewisse Zähigkeit, eine gewisse List, die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, einen gewissen Eigensinn und ein gutes Gedächtnis verfügt. Sie erinnern sich: Es sincldies die Eigenschaften des wahren Analphabeten. Vielleicht ist er es, der das letzte Wort behalten wird. Denn er braucht kein anderes Medium als eine Stimme und ein Ohr.

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1 Antwort auf „Hans Magnus Enzensberger – Lob des Analphabeten (1985)“


  1. 1 Cordula Maier » HME Poetik Dozentur Tübingen Dienstag Pingback am 23. November 2013 um 6:31 Uhr
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