Siegfried Nacht – Der Soziale Generalstreik – Auszug (1905/1907)

[…] Der Generalstreik macht keine dialektischen Umwege, keine Hin- und Hersprünge, er führt organisch direkt und ohne Umwege und Vermittler zum Ziel. Deshalb heißt auch diese Kampfart, im Gegensatz zur politischen, die über den Umweg der „Eroberung der politischen Macht“ gelangen will, die direkte Aktion des Proletariats. Was wir gesehen haben, ist der Generalstreik die notwendige Folge der vielen kleinen Streiks. Er wird das Resultat sein des immer stärker erwachsenden Solidaritätsgefühls des Proletariats und folglich dessen stärkster Ausdruck. Die Organisation der Gewerkschaften und die Vorbereitung des Generalstreiks trägt in sich selber schon die inneren Elemente der zukünftigen Neuorganisation ohne die Umwege der Eroberung der politischen Macht.
So enthält der Generalstreik in sich auch die Forderung der direkten Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gewerkschaften, eine volkstümliche Lehre, die vom Volke geschaffen, vom Volke ausging, während die Lehre von der „Eroberung der Macht“ eben von denen ausging, die selbst die Macht erobern wollten, die persönlich nach der Diktatur strebten, die sich ja allerdings in der alten Internationale schrankenlos ausübten. Wir sehen, wie sich von unten auf, aus dem täglichen Kampf der Gewerkschaften, aus den schon vorhandenen Organisationen, also ebenfalls auf induktivem Wege auch das ganze System der Neuorganisation der Gesellschaft entwickelte. So spricht für die Theorie des Generalstreiks die modernste und einzig wissenschaftliche Methode der Forschung und Untersuchung: die induktive Logik.
Jeder neue politische Zustand entsprach einer neuen ökonomischen Phase. So entspricht die absolute Monarchie dem ökonomischen Feudalismus und der Leibeigenschaft, und der Parlamentarismus dem Kapitalismus und der Lohnsklaverei.
Einer freien Gesellschaft ohne Klassenherrschaft und Ausbeutung, einer Gesellschaft der freien Vereinigung und freier Korporation entspricht die Herrschaftslosigkeit – die Anarchie.
Bekannt ist die Stelle aus dem Buche Friedrich Engel’s: „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“, in der er sagt: „Sie (die Klassen) werden fallen, ebenso unvermeidlich der Staat. Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt“. – Dieser Zustand, der Sozialismus ohne Staat, ist der kommunistische Anarchismus.
Ebenso ergibt sich auch die Form einer jeden Revolution aus den bestehenden ökonomischen Bedingungen.
Es bestehen nicht mehr diese ökonomischen Verhältnisse, die die Jakobinische Form der Revolution bedingten; auch ist durchaus nicht zu erkennen, dass, als Resultat der ökonomischen Gegensätze, der Parlamentarismus es sein kann, das dem Kapitalismus den Todesstoss versetzen wird. Dagegen ist diese Form der Revolution, dis ganz den ökonomischen Verhältnissen der Gegenwart entspricht, die das logische Resultat der ökonomischen Gegensätze und sozialen Entwicklung ist, nichts Anderes als der Generalstreik.
Die Idee des Generalstreiks ist der beste Reflex der Zuspitzung der ökonomischen Gegensätze und nur der modernste, klarste, endlich unverschleierte Ausdruck der Empörung des Proletariats.
Der Generalstreik wird die Spitze, das Resultat werden der fortwährend häufigeren und umfangreicheren Streiks, und so ist er nur das Produkt der großen Industrie selbst; er ist die Waffe, die der Kapitalismus gegen sich selbst geschmiedet hat und die ihm einen sicheren Tod bringen wird.
Selbst nach dem schönsten Siege im Lohnstreik bleibt der Arbeiter immer ein Lohnsklave. Der moderne Arbeiter ist war nicht mehr der Sklave eines Kapitalisten, aber er bleibt sein Leben lang der Sklave der ganzen Kapitalistenklasse, aus deren Händen er sich in der gegenwärtigen Gesellschaft niemals befreien kann.
Ein viel weiteres Ziel stellen sich nun die Gewerkschaften, wenn sie sich nicht mehr damit begnügen, den Druck des Kapitalismus zu mildern, sondern ihre Organisation u. Kampfesmittel zur Beseitigung jeden Druckes verwenden wollen, wenn sie auf ihre Fahne die vollständige Emanzipation des Proletariats aus der Lohnsklaverei schreiben. Die Gewerkschaften haben aber auch die Aufgabe, in der Zukunft die Produktion zu übernehmen, und so sind sie dazu bestimmt, nicht nur das Erziehungs- und Kampfelement der sozialen Zukunft zu werden, sondern auch das Embryo der Produktion und Neuorganisation nach Beseitigung des Kapitalismus.
Dieses stolze, kühne Ziel müsste zweifellos Tausende neuer und begeisterter Kampferden Gewerkschaften zufuhren.
Die Idee des Generalstreiks, von den Proletariermassen aufgenommen, ist – wie Jaurès selbst zugeben musste – allein schon an und für sich, eine Macht, weil sie eine beständige furchtbare Drohung ist. Schon das bloße Gespenst des drohenden Generalstreiks könnte die zur Zeit herrschenden Klassen vor dem allzu straffen Spannen der Zügel zurückschrecken
lassen. Jetzt aber existiert diese Drohung nicht, bis jetzt hat das deutsche Proletariat außer dem Stimmzettel keinerlei Waffen, und deshalb können die herrschenden Klassen tun, wie sie wollen, ohne irgend einen Widerstand zu befurchten.
Der Mangel eines Ziels, eine bestimmte Erklärung auf die ewig dunkle Frage: wie ? – wie kann in absehbarer Zeit die Herrschaft der Junker, Barone unk Kapitalmagnaten gestürzt werden? Diese ewig unbeantwortete Frage ist es, die in dem Glauben und der Überzeugung der Genossen zehrt wie tödliche Schwindsucht.
Durch die Idee des Generalstreiks setzt man aber endlich an Stelle der schwärmenden Sehnsüchtelei nach der „Mutter der Freiheit, Revolution“ an Stelle furchtloser Deklamationen über eine Umwälzung in ferner Zukunft, an die man selbst kaum zu glauben wagt, die uns schon wie ein verschwommenes Ideal erscheint und erst dereinst nach langer Zeit „über die Berge wiederkehren soll“ – ein wirksames und sicheres Mittel, die kapitalistische Gesellschaft zu beseitigen und Wohlstand und Freiheit für Alle einzuführen.
Außerdem macht aber der Generalstreik auch all die schurkischen Pläne der Verräter und der nach der Diktatur strebenden Politiker unmöglich, zerstört ein für alle Mal jede Macht, statt sie wieder neuen Tyrannen glaubensselig anzuvertrauen, führt von unten auf die Expropriation und Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel durch und macht so jede Reaktion, Gegenrevolution oder Staatsstreich ein für alle Mal unmöglich.
Der soziale Generalstreik ist somit die endgültige Emanzipation des Proletariats.

Der Soziale Generalstreik


2 Antworten auf „Siegfried Nacht – Der Soziale Generalstreik – Auszug (1905/1907)“


  1. 1 Entdinglichung 21. April 2010 um 14:55 Uhr

    btw.: es sind eine Reihe von ausgaben des Textes unter Nachts Pseudonym „Arnold Roller“ im Umlauf

  2. 2 Administrator 21. April 2010 um 18:18 Uhr
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