Rudolf Rocker – Siegfried Nacht

Eine sehr gute Kraft für die deutsche Bewegung in London war Siegfried Nacht, ein geborener Wiener. Nacht war damals ein junger Mann von sechsundzwanzig Jahren mit guten Fähigkeiten und Sprachkenntnissen, die ihn befähigten, der Entwicklung der Bewegung in verschiedenen Ländern zu folgen. Er kam bereits 1902 nach London, damals aber nur für eine kurze Zeit und reiste dann nach Paris zurück. Erst als er 1906 aus Frankreich ausgewiesen wurde, wandte er sich wieder nach England, wo der dieses Mal vier Jahre lang blieb und in verschiedenen Sprachgruppen für die Bewegung ununterbrochen tätig war.

Siegfried Nacht war von Beruf Elektrotechniker und geriet bereits als junger Student in Wien in die sozialdemokratische Bewegung. Im Jahre 1900 besuchte er als Delegierter der Polnischen Sozialistischen Partei den Internationalen Sozialistenkongress in Paris, und da sich ihm gerade eine Arbeitsgelegenheit bot, so liess er sich dort nieder und wurde nun mit der anarchistischen und syndikalistischen Bewegung bekannt, wodurch seine früheren Anschauungen einen vollständigen Wandel erlitten.

Als Nacht diesmal wieder nach London kam, war er bereits zu einer unfreiwilligen Berühmtheit gelangt, die seinen Namen in der Presse aller Länder bekannt machte. Er hatte im Sommer 1902 eine sehr günstige Stellung in Saint Malo als Chefelektriker angenommen, die ihn aber nur drei bis vier Monate im Jahr beschäftigte, so dass er in der Zwischenzeit grössere Reisen unternehmen konnte. Angeregt durch die grosse Generalstreikbewegung in Barcelona 1902, beschloss er in folgenden Jahre eine Fusstour durch Spanien zu unternehmen, um die revolutionäre Bewegung dort aus eigner Anschauung kennen zu lernen. Er wanderte dann zu Fuss von Toulouse über die Pyrenäen und durch die kleine Republik Andorra bis nach Barcelona. Dort blieb er einige Zeit, wurde mit den spanischen Genossen sehr gut bekannt und wanderte dann, immer zu Fuss, im Zickzack nach Valencia, Zaragoza, Madrid, Alicante, Granada, Sevilla, Malaga, Cordoba, Jerez bis nach Cadíz, wo er Fermín Salvochea kennen lernte.

Als er endlich im Mai 1903 nichtsahnend in Gibraltar angelangte, wurde er plötzlich verhaftet und ohne Angabe der Gründe ins Gefängnis gesteckt. Zu seinem masslosen Erstaunen erfuhr er endlich, dass man ihn beschuldigte, Edward VII., der damals auf Besuch nach Gibraltar kam, ermorden zu wollen. Der Fall erregte damals internationales Aufsehen und wurde in allen Zeitungen breitgetreten, wobei es nicht an recht bissigen und ironischen Bemerkungen über den Spürsinn der englischen Polizei abging. In Frankreich erhob sich bald eine Protestbewegung und auch in England bildete sich ein Komitee, dem unter anderen auch Kropotkin, Herbert Spencer, Charles Dilke und die Gräfin Carlisle angehörten, das sich lebhaft für Nacht einsetzte. Das Ende vom Liede war, dass man den angeblichen Königsmörder nach sechs Wochen wieder auf freien Fuss setzte, da die Polizei, trotz aller Bemühungen, nicht imstande war, auch nur den Schatten eines Beweises für ihre groteske Beschuldigung aufzubringen. Der Polizeichef von Gibraltar aber erhielt trotzdem seinen Orden, was augenscheinlich der Zweck der ganzen Übung gewesen war. So konnte der Wüterich endlich seine unterbrochene Reise fortsetzen. Er setzte von Gibraltar nach Marokko über und wanderte zu Fuss von Tanger über Oran, Alger, Constantine, Bizerte bis nach Tunis. Von dort kehrte er mit dem Schiff wieder nach Frankreich zurück. Nacht hat später jene abenteuerliche Reise mit Hindernissen sehr anschaulich dargestellt, deren Beschreibung uns lebhaft beeindruckte und besonders unserem gemeinschaftlichen Freund Max Nettlau viel Vergnügen verschaffte. Spätere Wanderungen führten ihn durch die Schweiz und Norditalien, wo er aber in Mailand bald verhaftet, ausgewiesen und von drei Carabinieri gefesselt an die Schweizer Grenze gebracht wurde.

Nacht war zu jener Zeit Mitarbeiter einer ganzen Anzahl anarchistischer Blätter. 1903 gab er zusammen mit Pedro Vallina in Paris die Zeitung L‘Espagne Inquisitoriale heraus. 1905 leitete er in Brück neun Monate lang die Zeitschrift Der Generalstreik, die für die deutschen Bergarbeiter in Böhmen bestimmt war. Im selben Jahre gründete er zusammen mit seinem Bruder Max in Zürich die Monatsschrift Der Weckruf, wurde aber später auch aus der Schweiz ausgewiesen und landete nach mancherlei Irrfahrten und Verhaftungen endlich wieder, in Paris. Dort wurde er kurz vor dem 1. Mai 1906 zusammen mit vielen anderen Ausländern verhaftet und aus Frankreich ausgewiesen. Er kam dann wieder nach London, wo er die ganze Zeit in der Bewegung tätig war und von dort aus auch die Monatsschrift Direkte Aktion, einer Beilage zum Freien Arbeiter in Berlin, leitete. 1910 reiste er nach Italien, wo er sich unter einem anderen Namen aufhielt, da er ausgewiesen war. Durch die Vermittlung von Olivia Rossetti-Agresti erhielt er eine Stelle im Internationalen Wirtschaftsinstitut in Rom. Dort arbeitete er bis 1912, als er durch einen eigenartigen Zwischenfall, von dessem Nachspiel in London später noch die Rede sein wird, von neuem aus Italien ausgewiesen wurde. Er wanderte dann nach Amerika aus, wo er heute noch lebt und der freiheitlichen Bewegung manche gute Dienste geleistet hat.

Siegfried Nacht war auch der Verfasser einer ganzen Anzahl bekannter Propagandaschriften, von denen die meisten unter den Pseudonym Arnold Roller erschienen sind. Seine Schrift, Der soziale Generalstreik. die zuerst 1902 in London herauskam, wurde in siebzehn verschiedene Sprachen übertragen und gehörte mit zu den weitverbreitetsten Erzeugnissen der freiheitlichen Propagandaliteratur jener Jahre. 1903 schrieb er die Broschüre Direkte Aktion, die im selben Jahre von Johann Most in New York verlegt wurde. 1907 erschien in Berlin seine Schrift Blätter aus der Geschichte des spanischen Proletariats, eine vortreffliche, kurzgefasste historische Darstellung der freiheitlichen Arbeiterbewegung in Spanien, durch welche deutsche Leser, die keiner fremden Sprache mächtig waren, zum erstenmal mit der Geschichte jener opferreichen Bewegung bekannt wurden. Auch eine antimilitaristische Broschüre, Soldaten-Brevier betitelt, schrieb Nacht in London, die in Deutschland geheim verbreitet wurde und in ihrer Aufmachung mit den schwarz-weiss-roten Farben und dem deutschen Reichsadler auf dem Umschlag eigens für diesen Zweck berechnet war. In Amerika schrieb Nacht für eine ganze Reihe bekannter Zeitschriften in englischer Sprache. Besondere Erwähnung verdient seine gediegene Abhandlung Fascism and Communism in South America, wobei ihm seine persönlichen Erfahrungen, die er auf seinen Reisen über ganz Südamerika, Mexico und Westindien gesammelt hatte, sehr zustatten kamen. Auch seine Schrift 100 Questions to Communists, die der New Leader herausbrachte, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Rudolf Rocker, Im Sturm der Zeiten, IISG Nachlass Rocker, S. 456-459.


1 Antwort auf „Rudolf Rocker – Siegfried Nacht“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 20. April 2010 um 11:22 Uhr
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