Theodor Sander – Widerstand und Opposition von Jugendlichen gegen Berufserziehung in der früheren DDR in den 80er Jahren (1998)

1. Entgegen landläufigen Vorstellungen und entgegen Behauptungen der DDR-Führung waren das Gesellschaftssystem und ganz besonders das System der Produktion, Verteilung und des Konsums in der früheren DDR, die Versorgung mit und der Einsatz von Arbeitskräften, die tatsächliche Entwicklung der Arbeitsproduktivität und die Reproduktion der Arbeitskraft weder (zentral) geplant noch (zentral) geleitet und gesteuert. Alle verfügbaren Indikatoren, wie von der DDR-Statistik selbst zur Verfügung gestellt, zeigen das Produktionssystem der DDR, wie das jeder anderen Klassengesellschaft, als von einer langfristigen Tendenz sinkender Wachstumsraten bestimmt, die 1945 beginnt und 1989 endet; das tendenzielle Sinken erfolgt dabei in der charakteristischen zyklischen Form, d.h. als Prozeß, der von regelmäßigen Kriseneinbrüchen strukturiert wird . Diese Indikatoren zeigen in aller Deutlichkeit, daß die DDR schon in den frühen 60er Jahren am Rande des Zusammenbruchs war. Das langfristige Sinken der Wachstumsraten wurde vorübergehend in den Jahren 1965 bis 1974 unterbrochen, setzte sich danach aber unerbittlich fort. Im Jahre 1982 war die DDR erneut am Rande des Bankrotts, nachem die Investitionen in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren absolut gesunken waren. Von da ab erschien keinerlei positive Entwicklung mehr möglich, und zum Zeitpunkt der Vereinigung konnte es nicht den geringsten Zweifel daran geben, daß die DDR außerstande war, aus eigener Kraft für ihr Überleben zu sorgen.

2. Im Rahmen des langfristigen, zyklischen Sinkens der Wachstumsraten besonders der Produktion und der Produktivität, das sich in den einzelnen Wirtschaftszweigen mit unterschiedlichen Tempi vollzog, erwies es sich als buchstäblich unmöglich, auch nur den Gesamtbedarf des Systems an Arbeitskräften annähernd präzise zu bestimmen, ganz zu schweigen von der Verteilung der verfügbaren Arbeitskräfteressourcen auf die verschiedenen Zweige der Produktion und Zirkulation . Während der gesamten Geschichte der DDR blieb der Führung keine andere Wahl, als Jahr für Jahr in unkontrollierter Form mit dem Ziel zu manövrieren, wenigstens die Planungen und Entscheidungen, die im Vorjahr auf der Basis von Vermutungen und Schätzungen getroffen worden waren, zu korrigieren. Diese Aufgabe wurde dadurch erschwert, daß Millionen von Menschen in den Jahren bis 1961 die DDR verließen, 60 Prozent davon junge Leute unter 25 Jahren. Die weitgehende Beendigung der Wanderungsbewegung verbesserte allerdings in keiner Weise den Prozeß der Planung und Entscheidung über die Beschäftigung von Arbeitskräften. Das führte dann u.a. dazu, daß die DDR die Nation mit der weltweit höchsten Frauenbeschäftigungsquote wurde, wobei weibliche Arbeitskräfte angesichts der Ungewißheiten und der mangelnden Steuerbarkeit der Produktionsentwicklung die Rolle von Lückenbüßern spielten.
Unter solchen Umständen gab es schlicht keine zuverlässige und realistische Basis für die Prognose, Planung und systematische Organisierung des quantitativen Nachschubs an neuen Rekruten für den Arbeitskräftebestand aus dem Reservoir der jüngeren Generation .

3. Wie das Wachstum der Produktion und der Produktivität, waren der technische Fortschritt und die Innovationsrate in Industrie und Landwirtschaft Gegenstand eines permanenten Kampfes zwischen der Führung und der Arbeiterklasse der DDR, eines Kampfes, dessen Heftigkeit einerseits von der langfristig sinkenden Tendenz der Effizienz der Produktion bestimmt war und sie andererseits zugleich bestimmte . Dies war jedoch kein gewöhnlicher Kampf, den man sich analog zu einer Schlacht vorzustellen hätte, an der zwei Armeen beteiligt sind, die aufeinander feuern und dabei ihre eigenen strategischen Interessen verfolgen und verteidigen. Das Entscheidende an dieser Auseinandersetzung war vielmehr, daß die Führung beständig gemäß ihren eigenen Interessen zu handeln glaubte (nämlich im Interesse der Stärkung der DDR durch Erhöhung der Produktivität auf dem Wege der Mechanisierung und Automatisierung) und dadurch gegen ihren Willen die Grundlagen der Wertproduktion in der DDR auf dauerhafte und nicht wieder rückgängig zu machende Weise unterminierte. Es ist ein Teilaspekt dieser Entwicklung, daß die DDR als Folge dieses permanenten Kampfes zwischen Führung und Arbeiterklasse hinsichtlich des Effizienzniveaus der Produktion weit hinter dem zurückblieb, was auf Weltebene führende Industrienationen (wie die frühere Bundesrepublik) erreichten.
Insofern war die Führung nicht in der Lage, die Entwicklung des Arbeitsprozesses in der Produktions- und Zirkulationssphäre vorherzusagen, zu planen oder zu steuern und damit auch über zuverlässige Informationen bezüglich der in Zukunft erforderlichen Qualifikationen der Arbeitskraft zu verfügen . Es ist eine bezeichnende Tatsache, daß während der gesamten DDR-Geschichte keine ernsthaften Forschungsanstrengungen zur Frage der Entwicklung des Arbeitsprozesses und der zu erwartenden Folgen auf der Ebene von Qualifikationsanforderungen vorgewiesen wurden. Stattdessen klammerte sich die Führung an die magische Formel der fortlaufenden intellektuellen Höherentwicklung der Arbeiterklasse als eines geradezu unvermeidlichen Ergebnisses der „wissenschaftlich-technischen Revolution“. Die dabei verwendeten Indikatoren, mit denen diese These gestützt werden sollte – Veränderungen der Bildungsstruktur der Arbeiterklasse, Veränderungen der Verteilung der Arbeiterklasse auf die verschiedenen Lohngruppen, Veränderungen der relativen Bedeutung von körperlicher und gestiger Arbeit – sind allerdings als Argumentationshilfen schlicht unbrauchbar, solange ihre direkte und positive Beziehung zur Qualifikationsentwicklung nur angenommen und nicht nachgewiesen ist.

4. Angesichts der zunehmend kritischen Situation, die in der früheren DDR in den Jahren unmittelbar vor ihrem Zusammenbruch herrschte, entwickelten sich das Bildungssystem im allgemeinen und besonders das System der Berufsbildung in wachsendem Maße zu einer Widerstand gegen Berufserziehung in der früheren DDR in den 80er Jahren wichtigen Arena der Klassenauseinandersetzung. Politische Maßnahmen der Führung waren deutlich von der Erfahrung wachsender Schwierigkeiten mit der Arbeiterklasse bestimmt, d.h. der Erfahrung, sich in einem Kontext der Feindseligkeit und des Chaos zu bewegen, dessen Gestaltung von Faktoren abhing, die auf der Basis fiktiver „Gesetze der sozialistischen Entwicklung“ nicht analysierbar und auch nicht extrapolierbar waren; ebensowenig waren sie beeinflußbar durch vorgeblich rationale Entscheidungen bzw. Leitungsmaßnahmen des Politbüros oder des Ministerrats (oder beliebiger anderer Institutionen), von denen in rituellen Formulierungen stets behauptet wurde, sie lägen im Interesse der Arbeiterklasse. Immerhin schien es, daß ein Ausweg aus dieser prekären Situation vorhanden war, wenn es gelänge, die jüngere Generation beim Übergang vom Bildungssystem in das Arbeitsleben und den Status von Arbeitskraft dafür zu motivieren, sich die grundlegenden Werte des „real existierenden Sozialismus“ zu eigen zu machen. In diesem Sinne knüpfte die Führung an die Berufsbildung weit höhere Erwartungen bezüglich der Erziehung und Ausbildung zukünftiger Arbeiter als an irgendeinen anderen Bereich des Bildungswesens . Mehr als in irgendeinem anderen Bereich des Bildungssystems waren Lehren und Lernen in der beruflichen Bildung mit der Entwicklung und den Anforderungen der Produktions- und Zirkulationseinheiten sowie der kollektiven Erfahrung von Produktion und (produktiver) Arbeit verknüpft, wenn nicht gar ihnen vollständig untergeordnet. Mehr als irgendein anderer Bildungsbereich war die berufliche Bildung dem direkten Eingriff von seiten der Betriebsleitungen, der Partei, der Gewerkschaft und der Jugendorganisation auf der Ebene des Produktions- und Zirkulationsprozesses ausgesetzt.
Indessen hatte das durchaus nicht die gewünschte Wirkung. Angesichts des enormen Stolzes, den die DDR-Führung bezüglich der Erfolge bei der Umgestaltung des (beruflichen) Bildungswesens seit 1945 entwickelt hatte, stellte das Scheitern der Bemühungen, eigene politische Standards zu formulieren und praktisch durchzusetzen – d.h. insbesondere eine junge, dynamische, loyale Arbeiterschaft heranzubilden – eine wahre Katastrophe dar. Es ist notwendig, dabei nicht die Tatsache aus den Augen zu verlieren, daß die Katastrophe nicht etwa erlittenes Schicksal war, sondern von der Führung selbst herbeigeführt wurde.

[…]

Wer jedoch die radikale Opposition der Lehrlinge gegen das gesamte Programm der Arbeitserziehung verstehen will, wer etwas über die tieferen Ursachen und die Hintergründe dieser Opposition erfahren möchte, müßte sich schon in erster Linie gründlich mit den betrieblichen Erfahrungen der Lehrlinge und jungen Arbeiter und den damit verbundenen Sozialisationsprozessen befassen. Im übrigen ist daran zu erinnern, daß Ende der 70er Jahre in der ehemaligen DDR etwa 47 Prozent aller Lehrlinge in der Industrie, weitere 15 Prozent in der Bauindustrie und damit verbundenen Berufszweigen und etwas mehr als 6 Prozent in der Land- und Forstwirtschaft, und zwar vielfach in Betrieben industriellen Zuschnitts, ausgebildet wurden. Der Handwerksbetrieb bzw. der industrielle Klein- und Mittelbetrieb stellten nicht den entscheidenden Erfahrungshintergrund der Lehrlingsausbildung in der ehemaligen DDR dar.

Die betriebliche Erfahrung veranlaßte Lehrlinge dazu, jeden technologischen Wandel radikal abzulehnen und sich der Einführung von Neuerungen im Betrieb so weit wie möglich zu widersetzen, wie das auch die große Mehrheit der Arbeitskollektive tat. Technologischer Wandel war nichts anderes als eine Methode, mehr und mehr Arbeitsleistung und größere Massen Mehrwerts aus ihnen herauszupressen. In den 80er Jahren sah sich die DDR-Führung zunehmend gedrängt, feindselige Haltungen von Lehrlingen und jungen Arbeitern gegenüber neuen Technologien zu bekämpfen; dabei bestand sie auf größeren Anstrengungen der berufserziehenden Institutionen in der Propagierung des Nutzens für die „Gesellschaft“ im Kontext theoretischer, praktischer und außerschulischer Bildung. Gleichzeitig wurde den Lehrlingen (und der übrigen Arbeiterklasse) versichert, daß der wissenschaftlich-technische Fortschritt höhere Anforderungen an ihre Qualifikationen stelle. Lehrlinge, die auch nur kurze Zeit im Produktions.- oder Zirkulationsprozeß tätig gewesen waren, waren durch derartige Behauptungen allerdings kaum irrezuführen. In den Betrieben war es kein Geheimnis, daß die große Mehrheit der Hochschul- und Fachschulkader wenig Energie bei der Erfindung, Entwicklung und Anwendung neuer Technologien zeigte; daraus resultierte denn auch der bekannte Rückstand der DDR in Fragen der Technologieentwicklung gemessen an Weltmaßstäben.
Die betriebliche Erfahrung bedeutete, daß Lehrlinge täglich mit der Diskontinuität und der Desorganisation von Arbeitsprozessen konfrontiert waren und nicht zu übersehen war, daß beide Erscheinungen durch stoßartige Arbeitseinsätze und zusätzliche Leistungen zu kompensieren waren – oder dadurch, daß schlicht vorgegeben bzw. vorgetäuscht wurde, die Produktionsziele entsprechend den Planvorgaben erreicht zu haben; jegliches Bemühen um sorgfältige und ehrliche Arbeit mußte dabei als vergeblich und überflüssig erscheinen. Lehrlinge hatten keine Mühe, zu erkennen, daß Arbeitsbrigaden, die sich um Sorgfalt und Ehrlichkeit bemühten, auf der Ebene der Bezahlung mit Sanktionen zu rechnen hatten, soweit sie gleichzeitig nicht in der Lage gewesen waren, den quantitativen Planvorgaben zu entsprechen. Bei dem grenzenlosen und überdrehten Streben nach höherer Produktivität spielte es keine große Rolle, wenn Maschinen als Folge des fieberhaften Jagens nach Erreichen der Produktionsziele und entsprechnend nachlässiger Wartung und Pflege Schaden litten oder ganz unbrauchbar wurden, vielmehr waren solche Effekte unvermeidlich.
Hauptsache, es konnte mit einem Anschein von Wahrheit behauptet werden, die Ziele seien erreicht worden. Lehrlinge, die dabei nicht mitspielten, riskierten ständige Konfrontationen mit anderen Brigademitgliedern. Von daher stellten sich größere Probleme für die Führung bei dem Versuch, den Lehrlingen die moralischen Werte ehrlicher und gewissenhafter Arbeit aufzunötigen.
Die betriebliche Erfahrung ließ für Lehrlinge keinen Zweifel daran, daß an den Arbeitsplätzen im allgemeinen kein Klima disziplinierten Arbeitens herrschte, das etwa von ihnen die Einhaltung rigoroser Normen eines Zeitregimes verlangt hätte. Zuspätkommen, die willkürliche Verlängerung von Pausen, Verlassen des Arbeitsplatzes vor Arbeitsschluß, Krankfeiern für einen Tag oder länger – das war Teil des normalen Lebens eines Arbeiters; Vorarbeiter, Meister und Direktoren übten Zurückhaltung bei der Sanktionierung derartigen Verhaltens angesichts bestehender Probleme in der Rekrutierung von Arbeitskräften. Auf seiten von Arbeitern bestand eine weit verbreitete Tendenz, Anordnungen und Aufträge von Vorgesetzten zu mißachten, wenn sie mit ihrem Interesse an mehr Lohn und weniger Arbeit kollidierten. Auf Grund der bestehenden Probleme bei der Aufrechterhaltung einer kontinuierlichen Produktion auf hohem Niveau war es auch nahezu unvermeidlich, daß die Bestimmungen über Gesundheitsschutz, Unfallverhütung und Feuerschutz nur in begrenztem Maße respektiert wurden. Soweit sie in den Produktions- und Zirkulationsprozeß integriert waren, hatten die Lehrlinge kaum eine andere Wahl, als sich solchen Praktiken anzupassen und sie als normal zu betrachten. Auf seiten der Führung wurde das als ernsthaftes moralisches Problem angesehen, und es fehlte nicht an Bemühungen, die Lehrlinge zu bewußter, freiwilliger Arbeitsdisziplin zu erziehen und zu motivieren.
Die betriebliche Erfahrung förderte bei den Lehrlingen Haltungen, in denen sich das Bestreben ausdrückte, soweit als möglich das wahre Ausmaß des eigenen produktiven Potentials zu verbergen und die volle Nutzung dieses produktiven Potentials zu vermeiden. Wie die große Mehrheit der Mitglieder von Arbeitsbrigaden, orientierten die Lehrlinge sich vorzugsweise an dem Prinzip von „weniger Arbeit, mehr Bezahlung“. Wenn das von ihnen forderte, bestimmte Formen eines aktiven, schöpferischen Verhaltens zu zeigen, wie die Führung das nannte (z.B. Beteiligung an der MMM-Bewegung oder an der Neuererbewegung), so zeigten sie es eben. Auf der anderen Seite war ihnen vollkommen klar, daß den Worten nicht notwendigerweise auch Taten zu folgen hatten, und es bedurfte einiger Kenntnisse und Erfahrung, zu wissen, wann und wo genau das möglich war. Deshalb bestand eines der grundlegenden Probleme der Führung darin, hohe Motivationen für hohe Leistungsbereitschaft zu schaffen und auch dafür zu sorgen, daß derartige (tatsächliche oder vorgetäuschte) Motivationen ihren Niederschlag in praktischen Aktivitäten fanden.
Die betriebliche Erfahrung legte Lehrlingen nahe, Fragen der Qualität und der Effizienz der Produktion als nebensächlich zu betrachten. Im Betrieb herrschte ein permanenter Konflikt zwischen der Betonung der Wichtigkeit quantitativer Produktionsziele und Forderungen nach einer höheren Qualität der Produkte. Üblicherweise war es anscheinend für Arbeitskollektive vernünftiger, die Augen starr auf das Erreichen der quantitativen Ziele zu richten. Von daher gab es ständig Klagen über die Produktion von Ausschuß bzw. mangelhaften Produkten, über die Notwendigkeit von Nacharbeit bei einem unverhältnismäßig großen Teil der Produktion, über den Zwang, ein großes Heer von Reparaturarbeitern zu beschäftigen, über das ungenügende Funktionieren der Qualitätskontrolle usw. Es war nur die andere Seite der gleichen Medaille, daß Arbeitskollektive eine Tendenz hatten, sich außerordentlich wenig um die anfallenden Produktionskosten zu kümmern, etwa um Mehrkosten, die sich aus dem verschwenderischen Umgang mit Material ergaben. Kosten waren überhaupt nicht ihre Angelegenheit, sondern die der Betriebsleitung. Angesichts solcher weit verbreiteter Erscheinungen lag ein ernsthaftes Problem für die Führung darin, Lehrlingen eine solche moralische Erziehung angedeihen zu lassen, daß die Einhaltung von Qualitätsnormen und der sorgfältige Umgang mit verfügbaren Ressourcen zu einer Angelegenheit der Ehre für sie würde.
Die betriebliche Erfahrung gestaltete sich für Lehrlinge so, daß es weder wünschenswert noch geboten erschien, bestehende Normen disziplinierter Eingliederung in das Kollektiv und in die betrieblichen Weisungs- und Verantwortungshierarchien zu beachten. Alles, was sie am Arbeitssplatz zu sehen bekamen, nachdem sie die Allgemeinbildende Polytechnische Oberschule verlasen hatten und Lehrlinge geworden waren, war geeignet, Gefühle der Enttäuschung und des Abscheus zu erzeugen. Sobald sich eine Chance bot, tendierten junge Arbeiter dazu, ihrem Arbeitsplatz und dem Beruf, für den sie eine Ausbildung als Facharbeiter erhalten hatten, den Rücken zu kehren – immer auf der Suche nach besseren Arbeits- und Lohnbedingungen. Diese ohnehin vorhandene Tendenz nahm in den 80er Jahren dramatische Ausmaße an, als die Führung versuchte, Prozesse technologischen Wandels in den Betrieben in massiver Form durchzusetzen. Damit ergab sich für die Führung das Problem, die moralische Erziehung der Lehrlinge so zu verbessern, daß bei ihnen das Entstehen einer Bereitschaft zur disziplinierten Einordnung in das Arbeitskollektiv und die betriebliche Leistungshierarchie begünstigt wurde.

[…]

Nachwort: In ost- und westdeutschen Zirkeln, die sich gerne als „kritisch“ betrachten, herrscht eine gewisse Tendenz, das Ende der früheren DDR als einen Akt der Kolonisierung zu betrachten, mit dem wertvolle Errungenschaften einer Gesellschaft zerstört wurden, die angeblich das Modell eines „wirklich existierenden Sozialismus“ verkörperte. Es wird dabei unterstellt, daß als Ergebnis der deutschen Vereinigung im Jahre 1989 die frühere DDR als eine industrielle Macht, die einen Platz unter den 15 führenden Industrienationen der Welt einnahm, tatsächlich und endgültig liquidiert wurde. In dieser Betrachtungsweise wird jedoch ausgeblendet, daß entscheidende Kräfte der Zersetzung und Zerstörung innerhalb der DDRGesellschaft selbst vom ersten Tage ihrer Existenz an präsent waren und daß diese Kräfte besonders in den betrieblichen Kämpfen gegen das herrschende Regime und seine Politik im Laufe der Jahre immer stärker geworden waren. Der Zusammenbruch der DDR ist deshalb nicht als heimtückischer Sabotageakt von westlicher Seite zu verstehen (vielmehr ist eindeutig, daß gerade Westdeutschland in den 70er und 80er Jahren alles in seinen Kräften Stehende tat, um ein zunehmend labileres System in Ostdeutschland zu stabilisieren), sondern als Ergebnis radikaler und unablässiger Opposition seitens des Gegners im eigenen Lager, der ostdeutschen Arbeiterklasse . In dieser Oppositionsbewegung haben die Lehrlinge, mit denen sich dieser Beitrag beschäftigte, offenbar eine bedeutende Rolle gespielt.

In : Lisbeth Lundahl – Theodor Sander, Aktuelle Entwicklungen der Berufsausbildung in Deutschland, Umeä/Schweden 1998, S. 71-94.


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