Gustav Landauer – Aufruf zum Sozialismus – Vorwort (1919)

Die Revolution ist gekommen, die ich so nicht vorausgesehen habe. Der Krieg ist gekommen, den ich voraus­gesehen habe; und in ihm habe ich dann frühzeitig schon Zusammenbruch und Revolution unaufhaltsam sich vorbereiten sehen.

Mit einer wahrhaft grenzenlosen Bitterkeit spreche ich aus: es zeigt sich, daß ich in allem Wesentlichen Recht hatte mit dem, was ich vor langer Zeit in diesem „Aufruf“ und in den Aufsätzen meines „Sozialist“ gesagt habe. Eine politische Revolution in Deutschland stand noch aus; nun ist sie gründlich vollbracht, und nur die Unfähigkeit der Revolutionäre beim Aufbau der neuen Wirtschaft vor allem und auch der neuen Freiheit und Selbstbestimmung könnte schuld sein, daß eine Reaktion käme und die Einnistung neuer Gewalten des Privilegs.

Daß die marxistisch-sozialdemokratischen Parteien in ihren sämtlichen Tönungen unfähig zur politischen Praxis, zur Konstitution der Menschheit und ihrer Volkseinrichtungen, zur Begründung eines Reichs der Arbeit und des Friedens, und gleichermaßen unfähig zur theoretischen Erfassung der sozialen Tatsachen sind, haben sie überall aufs gräßlichste im Krieg, vor ihm und nach ihm, von Deutschland bis Rußland, von der Kriegs­begeisterung bis zum geistlos unschöpferischen Schreckensregiment, zwischen welchen Wesens­verwandt­schaft ist und ja auch seltsamste Verbündung war, gezeigt.

Wenn es aber wahr ist, wofür manche Nachricht und unsre nach Beseligung und Wunder zitternd verlangende Hoffnung spricht, daß russische Bolschewiki, in ähnlich schönem, aber noch sprengenderem Wachstum, wie es in Österreich Friedrich Adler, in Deutschland Kurt Eisner zeigen, über sich selbst, ihren theoretischen Doktrinarismus und die Ödigkeit ihrer Praxis empor­gestiegen sind, daß in ihnen Föderation und Freiheit über Zentralismus und militärisch-proletarische Befehlsorganisation Herr geworden sind;

daß sie schöpferisch geworden sind und der Industrieproletarier und Professor des Todes in ihnen vom Geist des russischen Muschik, vom Geist Tolstojs, vom ewig einen Geist besiegt worden ist; dann spricht das wahrlich nicht für den in ihnen überwundenen Marxismus, sondern für den himmlischen Geist der Revolution, der, unterm klammernden Griff und der schnellenden Schleuder der Notwendigkeit, in den Menschen, zumal den russischen Menschen, das Verschüttete freilegt und das heilig Verborgene zum Quellen und Rauschen bringt.

Der Kapitalismus ferner hat nicht die Entwicklungsfreundlichkeit geübt, sich langsam und brav in den Sozialismus umzuwandeln; er hat auch nicht das Wunder getan, in seinem platzenden Zusammenbruch den Sozialismus zu gebären. Wie sollte das Prinzip des Schlechten, des Drucks, der Beraubung und der Philisterroutine auch Wunder tun?

Der Geist, der in diesen Zeiten, wo der Schlendrian bösartige Pest wird, Rebellion sein muß, der Geist tut Wunder; er hat sie getan, als er in einer Nacht die Verfassung des Deutschen Reiches änderte und aus einem unantastbar heiligen Staatsgebilde der deutschen Professoren eine Vergangenheits­episode deutscher Kraut- und Schlotjunker machte.

Der Zusammenbruch ist da; Rettung kann nur der Sozialismus bringen, der nun wahrlich nicht als Blüte des Kapitalismus erwachsen ist, sondern als Erbe und verstoßener Sohn vor der Türe steht, hinter der der Leichnam des unnatürlichen Vaters verwest; der Sozialismus, der nicht in einem Höhepunkt des Nationalreichtums und üppiger Wirtschaft als Feiertagsgewand über den schönen Leib der Gesellschaft gezogen werden kann, sondern im Chaos fast aus dem Nichts geschaffen werden muß.

In Verzweiflung habe ich zum Sozialismus aufgerufen; aus der Verzweiflung habe ich die große Hoffnung und freudige Entschlossenheit geschöpft; die Verzweiflung, die ich und meinesgleichen im voraus in der Seele trugen, ist nun als Zustand da; möge denen, die jetzt sofort ans Werk des Bauens müssen, Hoffnung, Lust zum Werk, Erkenntnis und ausdauernde Schaffenskraft nicht fehlen.

Das alles, was hier vom Zusammenbruch gesagt wird, gilt in dem Maße für den Augenblick nur für Deutschland und die Völker, die, gern oder ungern, sein Schicksal geteilt haben. Nicht der Kapitalismus als solcher ist an seiner immanenten Unmöglichkeit, wie es hieß, in sich zusammengebrochen; sondern der mit Autokratie und Militarismus zusammengespannte Kapitalismus eines Ländergebiets ist von den liberaler verwalteten Kapitalismen eines andern, militärisch schwächeren, kapitalistisch stärkeren Gebiets in schließlichem Zusammenwirken mit dem vulkanisch losbrechenden Volkszorn im eignen Volk ruiniert worden.

In welchen Formen der Zusammenbruch den andern, den klügeren Repräsentanten des Kapitalismus und Imperialismus kommt, und zu welchem Zeitpunkt, darüber möchte ich gar nichts voraussagen. Die sozialen Gründe, ohne die es nirgends eine Revolution gibt, sind überall da; das Bedürfnis nach politischer Befreiung aber, aus welchem heraus allein die Revolution sich einem Ziele zu bewegt und zu mehr wird als Aufruhr, ist in den einzelnen Ländern, die ihre demokratisch politischen Revolutionen gehabt haben, verschieden stark.

So viel glaube ich zu sehen: je freier in einem Lande die politische Beweglichkeit, je größer die Anpassungs­fähigkeit der Regierungs­einrichtungen an die Demokratie ist, um so später und schwerer wird die Revolution kommen, um so entsetzlicher und unfruchtbarer wird aber auch das Ringen sein, wenn endlich soziale Not, Ungerechtigkeit und Würdelosigkeit das Phantom einer Revolution und in seinem Gefolge den allzu wirklichen Bürgerkrieg aus sich heraustreiben, statt zum Aufbau des Sozialismus zu schreiten.

Die Symptome, die sich vorerst in der Schweiz – in ekler Verfilzung freilich mit Krieg, Kriegsgeschäft, schweizerischem Kriegsersatz und nichtschweizerischer Kriegskorruption – gezeigt haben, sind deutlich genug für jeden, der schöpferisches Werk von hilflos grauenhaften Wildheiten und Zuckungen unterscheiden kann.

Denn Revolution kann es nur eine politische geben. Sie brächte es nicht zur Unterstützung durch geknechtete Massen, wenn aus ihnen nicht auch soziale Gedrücktheit und wirtschaftliche Not aufbegehrte; aber die Umwandlung der Gesellschaftseinrichtungen, der Eigentumsverhältnisse, der Wirtschaftsweise kann nicht auf dem Wege der Revolution kommen. Von unten kann da nur abgeschüttelt, zerstört, preisgegeben werden; von oben, auch von einer revolutionären Regierung kann nur aufgehoben und befohlen werden.
Der Sozialismus muß gebaut, muß errichtet, muß aus neuem Geist heraus organisiert werden.

Dieser neue Geist waltet mächtig und innig in der Revolution; Puppen werden zu Menschen; eingerostete Philister werden der Erschütterung fähig; alles, was feststeht, bis zu Gesinnungen und Leugnungen, kommt ins Wanken; aus dem sonst nur das Eigene bedenkenden Verstand wird das vernünftige Denken, und Tausende sitzen oder schreiten rastlos in ihren Stuben und hecken zum ersten Mal in ihrem Leben Pläne aus fürs Gemeinwohl;

alles wird dem Guten zugänglich; das Unglaubliche, das Wunder, rückt in den Bereich des Möglichen; die in unsern Seelen, in den Gestalten und Rhythmen der Kunst, in den Glaubensgebilden der Religion, in Traum und Liehe, im Tanz der Glieder und Glanz der Blicke sonst verborgene Wirklichkeit drängt zur Verwirklichung.

Aber die ungeheure Gefahr ist, daß Schlendrian und Nachahmung sich auch der Revolutionäre bemächtigen und sie zu Philistern des Radikalismus, des tönenden Worts und der Gewaltgebärde machen; daß sie nicht wissen und nicht wissen wollen: die Umwandlung der Gesellschaft kann nur in Liebe, in Arbeit, in Stille kommen.

Noch eines wissen sie nicht, trotz allen Erfahrungen vergangener Revolutionen. Die sind alle große Erneuerung, prickelnde Erfrischung, die hohe Zeit der Völker gewesen; aber was sie Bleibendes brachten, war gering; war schließlich nur eine Umwandlung in den Formen der politischen Entrechtung.

Auch politische Freiheit, Mündigkeit, aufrechten Stolz, Selbst­bestimmung und organisch-korporative Verbundenheit der Massen aus einigendem Geiste heraus, Bünde der Freiwilligkeit im öffentlichen Leben kann nur der große Ausgleich, kann nur die Gerechtigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft, kann erst der Sozialismus bringen. Wie sollte es in unsrer Ära, der vom christlichen Geiste her in den Gewissen die Gleichheit aller Menschen­kinder nach Ursprung, Anspruch und Bestimmung feststeht, ein Gemeinwesen aus wahrhaften Gemeinden, wie sollte es ein freies, öffentliches Leben, durchwaltet von dem alles erfüllenden und bewegenden Geiste vorwärts befeuernder Männer und innig starker Frauen geben, wenn in irgendwelcher Form und Maskierung die Sklaverei, die Enterbung und Verstoßung aus der Gesellschaft besteht?

Die politische Revolution, in welcher der Geist an die Herrschaft, ans starke Gebot und entschiedene Durchsetzen kommt, kann dem Sozialismus, der Wandlung der Bedingungen aus erneuertem Geiste heraus, die Bahn freimachen. Aber durch Dekrete könnte man die Menschen höchstens als Staatsheloten in ein neues Wirtschaftsmilitär einreihen; der neue Geist der Gerechtigkeit muß selbst ans Werk gehn und muß sich seine Formen der Wirtschaft schaffen; die Idee muß die Erfordernisse des Augenblicks mit ihrem weiten Blick umspannen und mit ballender Hand gestalten; was bisher Ideal war, wird in der aus der Revolution geborenen Erneuerungsarbeit Verwirklichung.

Die Not zum Sozialismus ist da; der Kapitalismus bricht zusammen; er kann nicht mehr arbeiten; die Fiktion, daß das Kapital arbeite, zerplatzt zu Schaum; was den Kapitalisten einzig zu seiner Art Arbeit lockt, zum Risiko des Vermögens und zur Leitung und Verwaltung von Unternehmungen, der Profit winkt ihm nicht mehr. Die Zeit der Rentabilität des Kapitals, die Zeit des Zinses und Wuchers ist vorbei; die tollen Kriegsgewinne waren sein Totentanz; sollen wir nicht zugrunde geh‘n in unserm Deutschland, wirklich und wortwörtlich zugrunde gehn, kann Rettung nur bringen die Arbeit, wahrhafte, von gierlosem, arbeitsbrüderlichem Geist erfüllte, geführte, organisierte Arbeit, Arbeit in neuen Formen und befreit von dem ans Kapital zu leistenden Tribut, rastlos Werte schaffende, neue Wirklichkeiten schaffende Arbeit, welche die Erzeugnisse der Natur dem menschlichen Bedarf gewinnt und verwandelt.

Das Zeitalter der Produktivität der Arbeit hebt an; oder wir sind am Ende. Uralt bekannte und neu entdeckte Naturkräfte hat die Technik in den Dienst der Menschheit gestellt; je mehr Menschen die Erde bestellen und ihre Produkte umformen, um so mehr gibt sie her; die Menschheit kann würdig und sorgenlos leben, keiner braucht Sklave der andern, keiner verstoßen, keiner enterbt zu sein; keinem braucht das Mittel zum Leben, die Arbeit, zur Mühsal und Plage zu werden; alle können dem Geiste, der Seele, dem Spiel und dem Gotte leben.

Die Revolutionen und ihre peinlich lange, drückende Vorgeschichte lehren uns, daß nur die äußerste Not, nur das Gefühl des letzten Augenblicks die Massen der Menschen zur Vernunft bringt, zu der Vernunft, welche Weisen und Kindern allezeit Natur ist; auf welche Schrecknisse, auf welche Ruinen, auf welche Nöte, Landplagen, Seuchen, Feuersbrünste und Greuel der Wildheit sollen wir warten, wenn nicht in dieser Schicksalsstunde den Menschen die Vernunft, der Sozialismus, Führung des Geistes und Fügung in den Geist kommt?

Das Kapital, das bisher der schmarotzende Genießer und der Herr war, muß der Diener werden; der Arbeit Dienst leisten kann nur ein Kapital, das Gemeinschaft, Gegenseitigkeit, Gleichheit des Tausches ist. Steht ihr immer noch hilflos vor dem Selbstverständlichen und Kinderleichten, leidende Menschen? Auch in dieser Stunde der Not, die euch im Politischen eine Stunde der Tat war? Bleibt ihr immer noch die durch die Gabe der Vernunft dumm gewordenen, instinktverlassenen Tiere, die ihr so lange waret?

Seht ihr immer noch nicht den Fehler, der einzig in eurer zum Himmel schreienden Großprahlerei und Herzensträgheit liegt? Was zu tun ist, ist klar und einfach; jedes Kind versteht es; die Mittel sind da; wer um sich sieht, weiß es. Das Gebot des Geistes, der die Führung in der Revolution hat, kann durch große Maßnahmen und Unternehmungen helfen; fügt euch dem Geiste, kleine Interessen dürfen nicht hindern.

Aber dem Durchsetzen ins Große und Ganze hinein stehen die Schuttberge im Wege, die von der Niedertracht des Bisher auf die Zustände und zumal auf die Seelen der Massen getürmt worden sind; ein Weg ist frei, freier als je, Revolution und Einsturz helfen: im Kleinen und in Freiwilligkeit zu beginnen, sofort, allenthalben, du bist gerufen, du mit den Deinen!

Sonst ist das Ende da: dem Kapital wird die Rente genommen, von den wirtschaftlichen Zuständen, von den Staats­erfordernissen, von den internationalen Verpflichtungen; Schuld eines Volks an den Völkern und an sich selbst äußert sich finanzpolitisch immer in Schulden. Das Frankreich der großen Revolution hat sich von den Schulden des alten Regimes und den eigenen Finanzwirren wunderbar erholt durch den großen Ausgleich, der mit der Verteilung der Ländereien eintrat, und durch die Arbeits- und Unternehmungs­lust, wie sie die Befreiung aus den Fesseln gebracht hat.

Unsre Revolution kann und soll Ländereien in großem Maße verteilen; sie kann und soll ein neues und erneuertes Bauerntum schaffen; aber sie kann dem Kapital gewiß keine Arbeits- und Unternehmungslust bringen; für die Kapitalisten ist die Revolution nur das Ende des Kriegs: Zusammenbruch und Ruin. Ihnen, ihren Industriellen und Händlern, fehlt nicht nur die Rente; es fehlen ihnen und werden ihnen fehlen die Rohstoffe und der Weltmarkt. Und überdies ist der negative Bestandteil des Sozialismus da und kann durch nichts mehr aus der Welt geschafft werden: die völlige, von Stunde zu Stunde wachsende Abneigung der Arbeiter, ja ihre seelische Unfähigkeit, ferner sich unter den Bedingungen des Kapitalismus zu verdingen.

Der Sozialismus also muß gebaut werden; mitten im Zusammenbruch, aus den Bedingungen der Not, der Krise, der Augenblicks­vorkehrungen heraus muß er ins Werk gesetzt werden.

In den Tag und in die Stunde hinein werde ich jetzt sagen, wie aus der größten Not die größte Tugend, wie aus dem Einsturz des Kapitalismus und aus der Notdurft lebendiger Menschen­massen die neuen Arbeitskörperschaften errichtet werden müssen;

Ich werde nicht verhehlen, denen, die sich heute mehr als je für die einzigen Arbeiter halten, den Proletariern der Industrie, ihre Beschränktheit, die wilde Stockung, Unwegsamkeit und Unfeinheit ihres Geistes- und Gefühlslebens, ihre Verantwortungslosigkeit und Unfähigkeit zur positiv wirtschaftlichen Organisation und zur Leitung von Unternehmungen vorzuhalten; denn damit, daß man die Menschen von Schuld freispricht und als Geschöpfe der sozialen Bedingungen erklärt, macht man diese Produkte der Gesellschaft nicht anders als sie sind; nicht mit den Ursachen der Menschen soll die neue Welt aufgebaut werden, sondern mit ihnen selbst.

Ich werde nicht versäumen, die Beamten des Staats, der Gemeinden, der Genossenschaften und großen Werke, technische und kaufmännische Angestellte und Leiter, die Ehrenhaften und nach Erneuerung Begehrenden unter den vielen jetzt in diesen Rollen überflüssig gewordenen Unternehmern, Juristen, Offizieren zur bescheidenen, sachgetreuen, eifrigen, vom Geist der Gemeinschaft wie der persönlichen Originalität getriebenen Mithilfe aufzurufen.*

Ich werde mich aufs schärfste gegen die papierene Falschmünzerei des Staats wenden, die jetzt Geldwesen heißt, und zumal gegen die von diesem sogenannten Geld besorgte Entlohnung der Arbeitslosigkeit, wo doch jeder Gesunde, gleichviel welchen Beruf er bisher ausgeübt hat, sich am Aufbau der neuen Wirtschaft, an der Rettung in größter Gefahr beteiligen muß, wo gebaut und gepflanzt werden muß, so viel und so gut nur irgend geschehen kann; ich werde die Benutzung der jetzt leer laufenden Militär­bürokratie empfehlen, damit die Arbeitslosen des Kapitalismus an die Stellen geführt werden, wo die Notwirtschaft, welche eine Heilswirtschaft werden muß, sie braucht; nach der stärksten revolutionären Energie rufe ich, welche die Rettung und den Sozialismus der Wirklichkeit anbahnen soll.

An dieser Stelle sei nur im vorhinein zusammengefaßt: Was ich in dem Aufruf, der hier folgt, und in den Aufsätzen meines „Sozialist“, die zur Ergänzung dazu gehören (1909-1915), immer wieder gesagt habe:

daß der Sozialismus in jeder Form der Wirtschaft und Technik möglich und geboten ist; daß er nicht an Weltmarktgroß­industrie gebunden ist, daß er die industrielle und kaufmännische Technik des Kapitalismus so wenig brauchen kann wie die Gesinnung, aus der diese Mißform sich gebildet hat; daß er, weil er anfangen muß und die Verwirklichung des Geistes und der Tugend nie massenhaft und normal, sondern nur als Aufopferung der wenigen und Aufbruch der Pioniere kommt, aus kleinen Verhältnissen, aus Armut und Arbeitsfreude heraus sich von der Verworfenheit loslösen muß; daß wir um seinetwillen, um unsrer Rettung und um des Erlernens der Gerechtigkeit und Gemeinschaft willen zur Ländlichkeit zurückkehren müssen und zu einer Vereinigung von Industrie, Handwerk und Landwirtschaft; was Peter Kropotkin uns von den Methoden der intensiven Bodenbestellung und der Arbeitsvereinung, auch der Vereinigung geistiger Arbeit mit Handarbeit in seinem jetzt eminent wichtigen Buche „Das Feld, die Fabrik und die Werkstatt“ gelehrt hat; die neue Gestalt der Genossenschaft und des Kredits und des Geldes: all das muß jetzt in dringendster Not, kann jetzt in zeugender Lust bewährt werden; die Not erfordert, in Freiwilligkeit, aber unter der Drohung des Hungers, den Aufbruch und Aufbau, ohne den wir verloren sind.

***

Ein letztes Wort noch, das ernsteste. Wie wir aus der größten Not die größte Tugend, aus der Notstandsarbeit der Krise und des Provisoriums den anhebenden Sozialismus zu machen haben, so soll uns auch unsre Schmach zur Ehre gereichen. Fern bleibe uns die Frage, wie unsre sozialistische Republik, die aus Niederlage und Zusammenbruch ersteht, unter den siegreichen Völkern, unter den Reichen, die zur Stunde noch dem Kapitalismus verschrieben sind, den Reichen der Reichen dastehen wird.

Betteln wir nicht, fürchten wir nichts, schielen wir nicht; halten wir uns wie ein Hiob unter den Völkern, der in Leiden zur Tat käme; von Gott und der Welt verlassen, um Gott und der Welt zu dienen. Bauen wir unsre Wirtschaft und die Einrichtungen unsrer Gesellschaft so, daß wir uns unsrer harten Arbeit und unsres würdigen Lebens freuen; eins ist gewiß: wenn’s uns in Armut gut geht, wenn unsre Seelen froh sind, werden die Armen und die Ehrenhaften in allen andern Völkern, in allen, unserem Beispiel folgen.

Nichts, nichts in der Welt hat so unwiderstehliche Gewalt der Eroberung wie das Gute. Wir waren im Politischen zurückgeblieben, waren die anmaßendsten und herausforderndsten Knechte; das Unheil, das sich daraus für uns mit Schicksalsnotwendigkeit ergab, hat uns in Empörung gegen unsre Herren getrieben, hat uns in die Revolution versetzt. So sind wir mit einem Schlage, mit dem Schlag, der uns traf, zur Führung gekommen. Zum Sozialismus sollen wir führen; wie anders könnten wir führen als durch unser Beispiel?

Das Chaos ist da; neue Regsamkeit und Erschütterung zeigt sich an; die Geister erwachen; die Seelen heben sich zur Verantwortung, die Hände zur Tat; möge aus der Revolution die Wiedergeburt kommen; mögen, da wir nichts so sehr brauchen als neue, reine Menschen, die aus dem Unbekannten, dem Dunkel, der Tiefe aufsteigen, mögen diese Erneuerer, Reiniger, Retter unserm Volke nicht fehlen; möge die Revolution lange leben und wachsen und sich in schweren, in wundervollen Jahren zu neuen Stufen steigern; möge den Völkern aus ihrer Aufgabe, aus den neuen Bedingungen, aus dem urtief Ewigen und Unbedingten der neue, der schaffende Geist zuströmen, der erst recht neue Verhältnisse erzeugt; möge uns aus der Revolution Religion kommen, Religion des Tuns, des Lebens, der Liebe, die beseligt, die erlöst, die überwindet. Was liegt am Leben? Wir sterben bald, wir sterben alle, wir leben gar nicht. Nichts lebt, als was wir aus uns machen, was wir mit uns beginnen; die Schöpfung lebt; das Geschöpf nicht, nur der Schöpfer. Nichts lebt als die Tat ehrlicher Hände und das Walten reinen wahrhaften Geistes.

München, 3. Januar 1919
Gustav Landauer

*Diese Worte seien nachträglich dem Andenken des Bergwerkdirektors Jokisch gewidmet, der, von dem Geist der Revolution erfaßt, frei in den Tod gegangen ist. Er mag ein Konservativer gewesen sein, er mag geglaubt haben, mit seinem Tod gegen den „Sozialismus“ zu wirken; was er tat, war Revolutionswerk in dem Sinne, daß die Revolution das beste und verborgenste Urindividuelle weckt und dem ganz Allgemeinen frei und heroisch hingibt. Warum er sein Leben aufgab, hat dieser Mann klar denkend und innig entschlossen in dem folgenden Vermächtnis kundgetan:

„An die oberschlesischen Berg- und Hüttenleute! Nachdem wir uns vergeblich bemüht haben, Euch durch Worte zu belehren, habe ich mich entschlossen, es durch eine Tat zu versuchen. Ich will sterben, um Euch zu beweisen, daß die Sorgen, die Ihr über unser beneidetes Dasein verhängt, schlimmer sind als der Tod. Wohlgemerkt also: Ich opfere mein Leben, um Euch darüber zu belehren, daß Ihr Unmögliches fordert. Die Lehren, die ich Euch aus dem Grabe zurufe, lauten: Mißhandelt und vertreibt Euere Beamten nicht. Ihr braucht sie und findet keine anderen, die bereit sein werden, mit Wahnsinnigen zu arbeiten. Ihr braucht sie, weil Ihr den Betrieb ohne Leiter nicht führen könnt. Fehlen die Leiter, dann erliegt der Betrieb, und Ihr müßt verhungern. Mit Euch Euere Frauen, Euere Kinder und Hunderttausende unschuldiger Bürger. Die eindringliche Mahnung, die ich an Euch richte, ruft Euch zu eifriger Arbeit. Nur, wenn Ihr mehr arbeitet als vor dem Krieg und Euere Ansprüche bescheidener werden, könnt Ihr auf Zufluß von Lebensmitteln und auf erträgliche Preise rechnen.
Da ich für Euch in den Tod gegangen bin, schützt meine Frau und meine lieben Kinder und helfet ihnen, wenn sie durch Euere Torheit in Not geraten. --- Borsigwerk, 11. Januar 1919. Jokisch.“