Gustav Landauer – Aufruf zum Sozialismus – Vorwort (1911)

Heute ergeht der Aufruf zum Sozialismus an alle, nicht in dem Glauben, daß alle ihn vollbringen könnten weil wollten, sondern in dem Wunsche, einzelne zum Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit, zum Bunde der Beginnenden zu fordern.

Die Menschen, die es nicht mehr aushalten können und wollen, das sind die, die hier gerufen werden.

Den Massen, den Völkern der Menschheit, Regierenden und Regierten, Erben und Enterbten, Bevorzugten und Betrogenen wäre zu sagen: Es ist eine riesengroße unauslöschliche Schande der Zeiten, daß um des Profits willen gewirtschaftet wird, statt für die Notdurft der in Gemeinden geeinigten Menschen. All euer Kriegszustand, all euer Staatswesen, all eure Unterdrückung der Freiheit, all euer Klassenhaß kommt von der brutalen Dummheit, die über euch herrscht. Käme heute euch Völkern allesamt der große Moment der Revolution auf einmal, wo wolltet ihr Hand anlegen? Wie wollt ihr es erreichen, daß in der Welt, in jedem Lande, in jeder Provinz, in jeder Gemeinde keiner mehr hungert, keiner mehr friert, kein Mann und keine Frau und kein Kind mehr unterernährt ist? Nur vom Gröbsten zu reden! Und gar, wenn die Revolution in einem einzelnen Land ausbräche? Was könnte sie nützen? Wohin könnte sie zielen?

So ist es nicht mehr, wie es gewesen ist, daß man den Menschen eines Volkes sagt: Euer Boden trägt, was ihr braucht, an Nahrung und Rohprodukten der Industrie: arbeitet und tauscht! Vereinigt euch, Arme, kreditiert euch gegenseitig; Kredit, Gegenseitigkeit ist Kapital; ihr braucht keine Geldkapitalisten und keine Unternehmerherren; arbeitet in Stadt und Land; arbeitet und tauscht!

So ist es nicht mehr, selbst wenn der Moment zu erwarten stünde, wo große, umfassende Maßnahmen ins Ganze zu schlagen waren.

Ein ungeheures Durcheinander, ein wahrhaft viehisches Chaos, eine kindische Hilflosigkeit entstünde im Augenblick einer Revolution. Nie waren die Menschen unselbständiger und schwächer als jetzt, wo der Kapitalismus zu seiner Blüte gelangt ist: zum Weltmarkt des Profits und zum Proletariat.

Keine Weltstatistik und keine Weltrepublik kann uns helfen.

Rettung kann nur bringen die Wiedergeburt der Völker aus dem Geist der Gemeinde!

Die Grundform der sozialistischen Kultur ist der Bund der selbständig wirtschaftenden und untereinander tauschenden Gemeinden.

Unser Menschengedeihen, unsre Existenz hängt jetzt davon ab, daß die Einheit des einzelnen und die Einheit der Familie, die uns allein noch an natürlichen Verbänden geblieben sind, sich wieder steigert zur Einheit der Gemeinde, der Grundform jeder Gesellschaft.

Wollen wir die Gesellschaft, so gilt es, sie zu erbauen, gilt es, sie zu üben.

Gesellschaft ist eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinschaften von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken. Da nur ist Freiheit und Ordnung, da nur ist Geist; ein Geist, welcher Selbständigkeit und Gemeinschaft, Verbindung und Unabhängigkeit ist.


1 Antwort auf „Gustav Landauer – Aufruf zum Sozialismus – Vorwort (1911)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 13. April 2010 um 12:36 Uhr
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