Gustav Landauer – Aufruf zum Sozialismus – Auszüge

Wer zum Sozialismus aufruft, muß der Meinung sein, Sozialismus sei eine Sache, die nicht oder so gut wie nicht, noch nicht oder nicht mehr in der Welt sei. […] Nein, nicht so ist der Sozialismus gemeint, zu dem hier aufgerufen wird. Vielmehr verstehe ich unter Sozialismus eine Tendenz des Menschenwillens und eine Einsicht in Bedingungen und Wege, die zur Erfüllung führen. […]

Der Sozialismus ist ein Bestreben, mit Hilfe eines Ideals eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Das muß zunächst gesagt werden; wenn auch das Wort Ideal durch traurige Heuchler und gemeine Schwächlinge, die sich gern Idealisten nennen, und sodann durch Philister und Wissenschaftskrämer, die sich gern Realisten nennen, in Verruf gekommen ist. In Zeiten des Niedergangs, der Unkultur, der Geistlosigkeit und des Elends müssen die Menschen, die nicht bloß äußerlich, sondern vor allem innerlich unter diesem Zustand, der sie umgibt und bis in ihren Kern, in ihr Leben, in ihr Denken, Fühlen und Wollen sie selber erfassen will, leiden, müssen die Menschen, die sich dagegen wehren, ein Ideal haben. Sie haben eine Einsicht in das Unwürdige, Gepreßte, Erniedrigende ihrer Lage; sie haben unsäglichen Ekel vor der Erbärmlichkeit, die sie wie ein Sumpf umgürtet, sie haben Energie, die vorwärts drängt, und also Sehnsucht nach dem Besseren, und daraus ersteigt ihnen in hoher Schönheit, in Vollendung ein Bild einer guten, einer reinen und gedeihlichen, einer freudebringenden Art des Zusammenlebens der Menschen. […] Sie wissen wohl: das Ideal ist das Letzte, Äußerste an Schönheit und Freudeleben, was vor ihrem Gemüte, ihrem Geiste steht. Es ist ein Stück Geist, es ist Vernunft, ist Gedanke. Nie aber sieht die Wirklichkeit dem Gedanken einzelner Menschen völlig gleich; es wäre auch langweilig, wenn es so wäre, wenn wir also die Welt doppelt hätten: einmal im vorwegnehmenden Gedanken, das andere Mal in der äußeren Welt genauso noch einmal. So ist es nie gewesen und wird nie so sein. Nicht das Ideal wird zur Wirklichkeit; aber durch das Ideal, nur durch das Ideal wird in diesen unseren Zeiten unsere Wirklichkeit. […] die heilige Unzufriedenheit regt und rüttelt sich; etwas wie ein Geist – Geist ist Gemeingeist, Geist ist Verbindung und Freiheit, Geist ist Menschenbund, wir sehen es bald noch deutlicher – ein Geist kommt über die Menschen; und wo Geist ist, ist Volk, wo Volk ist, ist ein Keil, der vorwärts drängt, ist ein Wille; wo ein Wille ist, ist ein Weg; das Wort gilt; aber auch nur da ist ein Weg. […] ein Volk schließt sich zusammen, das Volk erwacht: es geschehen Taten, es geschieht ein Tun; vermeintliche Hindernisse werden als ein Nichts erkannt, über das man hinwegspringt, andere Hindernisse werden mit vereinter Kraft gehoben; denn Geist ist Heiterkeit, ist Macht, ist Bewegung, die sich nicht, die sich durch nichts in der Welt aufhalten läßt. Dahin will ich –! Aus den Herzen der einzelnen bricht diese Stimme und dieses unbändige Verlangen in gleicher, in geeinter Weise heraus; und so wird die Wirklichkeit des Neuen geschaffen. Sie wird anders sein, schließlich, als das Ideal war, ihm ähnlich, aber nicht gleich. Sie wird besser sein, denn sie ist kein Traum mehr […].Es wird ein Volk sein; es wird Kultur sein, es wird Freude sein. […]

Der Sozialismus ist eine Kulturbewegung, ist ein Kampf um Schönheit, Größe, Fülle der Völker. Niemand kann ihn verstehen, keiner kann ihn führen, wem der Sozialismus nicht aus den Jahrhunderten und den Jahrtausenden herkommt. Wer den Sozialismus nicht als einen Weitergang langer und schwerer Geschichte erfaßt, weiß nichts von ihm; und damit schon ist gesagt – wir hören noch mehr davon – daß keinerlei Tagespolitiker Sozialisten sein können. Der Sozialist erfaßt das Ganze der Gesellschaft und der Vergangenheit; hat es im Gefühl und im Wissen, woher wir kommen, und bestimmt danach, wohin wir gehen.

Das ist das Kennzeichen des Sozialisten im Gegensatz zum Politiker: daß er aufs Ganze geht; daß er unsre Zustände in ihrer Gesamtheit, in ihrer Gewordenheit erfaßt; daß er das Allgemeine denkt. Daran schließt sich dann an, daß er das Ganze unsrer Mitlebensformen ablehnt, daß ihm nichts im Sinn ruht, daß er nichts zu verwirklichen ausgeht, als das Ganze, das Allgemeine, das Prinzipielle.

Nicht nur, was er ablehnt, nicht allein, was er zu erreichen ausgeht, ist dem Sozialisten ein Allgemeines und Umfassendes; auch seine Mittel können nicht am einzelnen kleben; die Wege, die er einschlägt, sind keine Einzelwege, sondern Hauptwege.

Der Sozialist also muß im Denken, Fühlen und Wollen ein Zusammensehender, ein das Vielfache Sammelnder sein.

Mag in ihm die große Liebe überragen oder die Phantasie oder das lichte Schauen oder der Ekel oder die wilde Angriffslust oder das starke Denken des Vernünftigen oder was sonst immer seine Herkunft sein mag; ob er ein Denker ist oder ein Dichter oder ein Kämpfer oder ein Prophet: etwas der Art, Leben des Allgemeinen, wird der wahre Sozialist haben; nie aber wird er (vom Wesen ist hier die Rede, von keinem äußern Beruf) ein Professor, ein Advokat, ein Zahlenmensch, ein Einzelheitskrämer, ein Hans Dampf in allen Gassen, einer vom Dutzend sein können.

Hier nun ist der Ort, wo gesagt werden muß (weil es jetzt eben schon gesagt worden ist): die sich heutigentages Sozialisten nennen, sind allesamt keine Sozialisten; was bei uns Sozialismus geheißen wird, ist ganz und gar kein Sozialismus. Auch hier, in dieser sogenannten sozialistischen Bewegung, wie in allen Organisationen und Einrichtungen dieser Zeiten, ist an die Stelle des Geistes ein elendes und gemeines Surrogat getreten. Hier aber ist die gefälschte Ersatzware noch besonders schlimm, durch etwas besonderes ausgezeichnet, besonders lächerlich für den, der dahinter gekommen ist, besonders gefährlich für die Getäuschten. Dieses Surrogat ist eine Karikatur, eine Imitation, eine Travestie des Geistes. Geist ist Erfassung des Ganzen in lebendig Allgemeinem, Geist ist Verbindung des Getrennten, der Sachen, der Begriffe wie der Menschen; Geist ist in den Zeiten des Hinübergangs Enthusiasmus, Glut, Tapferkeit, Kampf; Geist ist ein Tun und ein Bauen. Was heute den Sozialismus fingiert, will auch eine Ganzheit erfassen, möchte auch die Einzelheiten unter allgemeine Sammlungen bekommen. Aber da in ihm kein lebendiger Geist wohnt, da ihm, was er anschaut, nicht Leben gewinnt und da ihm das Allgemeine nicht zum Gestalten wird, da es keine Intuition und keinen Impuls hat, wird sein Allgemeines kein wahres Wissen sein und kein echtes Wollen.

An die Stelle des Geistes ist ein überaus absonderlicher und komischer Wissenschaftsaberglauben getreten. Kein Wunder, daß diese kuriose Lehre eine Travestie des Geistes ist, da sie ja auch ihrer Entstehung nach eine Travestie wirklichen Geistes, der Philosophie Hegels nämlich, vorstellt. Der diese Droge in seinem Laboratorium ertüftelt hat, heißt Karl Marx. Karl Marx, der Professor. Wissenschaftsaberglauben an Stelle geisthaften Wissens; Politik und Partei an Stelle des Kulturwillens hat er uns gebracht. […]

Ihr [Marxisten] kennt die andern Formen des Geistes nicht und habt darum die Professorlarve vor eure Advokatengesichter gezogen, wo ihr nicht wirkliche Professoren seid, die den Propheten spielen wollen, wie jener andere Professor, euer Schutzpatron, die Laute spielen wollte, aber nicht konnte.

Wir aber wissen es und haben es hier nun schon oft gesagt, was alles noch Geist ist: wir haben eine Allgemeinheit, ein Zusammengehen des Ganges der Menschheit anderer Art, anderer Herkunft als ihr, wir haben unser Wissen zusammen mit unserm großen Grundfühlen und unserem starken Weithinwollen: wir sind – zuvor aber, arme Marxisten, nehmet einen Stuhl und setzet euch und haltet euch fest; denn es kommt Fürchterliches; Anmaßendes kommt, und zugleich wird euch etwas weggenommen, was ihr mir so brennend gern selbst verächtlichen Tonfalls entgegengeworfen hättet – wir sind Dichter; und die Wissenschaftsschwindler, die Marxisten, die Kalten, die Hohlen, die Geistlosen wollen wir wegräumen, damit das dichterische Schauen, das künstlerisch konzentrierte Gestalten, der Enthusiasmus und die Prophetie die Stätte finden, wo sie fortan zu tun, zu schaffen, zu bauen haben; im Leben, mit Menschenleibern, für das Mitleben, Arbeiten und Zusammensein der Gruppen, der Gemeinden, der Völker. […]

Wir bringen keine Wissenschaft und keine Partei; wir bringen noch weniger einen Geistesbund, wie ihr ihn versteht, denn wenn ihr von so etwas redet, denkt ihr an das, was ihr Aufklärung nennt, und was wir Halbbildung und Traktätchenfutter heißen. Der Geist, der uns trägt, ist eine Quintessenz des Lebens und schafft Wirklichkeit und Wirksamkeit. Dieser Geist heißt mit anderm Namen: Bund; und was wir dichten, schön machen wollen, ist Praktik, ist Sozialismus, ist Bund der arbeitenden Menschen. […]

Immer haftet ihr [die Marxisten] Blick nur an den äußeren, unwesentlichen, oberflächlichen Formen der kapitalistischen Produktion, die sie gesellschaftliche Produktion nennen […] Der Marxismus ist der Philister, und der Philister kennt nichts Wichtigeres, nichts Großartigeres, nichts, was ihm heiliger ist als die Technik und ihre Fortschritte. […] Hier nun, wo wir die grenzenlose Verehrung des Gevatters Fortschrittlers vor der Technik sehen, lernen wir die Herkunft dieses Marxismus kennen. Der Vater des Marxismus ist nicht das Geschichtsstudium, ist auch nicht Hegel, ist weder Smith noch Ricardo, noch einer der Sozialisten vor Marx, ist auch kein revolutionär-demokratischer Zeitzustand, ist noch weniger der Wille und das Verlangen nach Kultur und Schönheit unter den Menschen. Der Vater des Marxismus ist der Dampf. Alte Weiber prophezeien aus dem Kaffeesatz. Karl Marx prophezeite aus dem Dampf. […]

Der Sozialismus, ihr Marxisten, ist zu allen Zeiten und bei jeder Technik möglich; und ist zu allen Zeiten und bei jeder Technik unmöglich. […]

Hier wird anerkannt, daß die Arbeiter nicht eine revolutionäre Klasse, sondern ein Haufen armer Schlucker sind, die im Kapitalismus leben und sterben müssen. Hier wird zugegeben, daß für den Arbeiter die „Sozialpolitik“ des Staats, der Gemeinden, die proletarische Politik der Arbeiterpartei, der proletarische Kampf der Gewerkschaften, das Kassenwesen der Gewerkschaften Notwendigkeiten sind. […] All diese Dinge sind im Kapitalismus notwendig, solange es die Arbeiter nicht verstehen, aus dem Kapitalismus auszutreten. Aber es führt das alles nur immer im zwingenden Kreise des Kapitalismus herum; es kann alles, was innerhalb der kapitalistischen Produktion geschieht, nur immer tiefer in sie hinein, aber nie aus ihr herausführen. […]

Geist ist Gemeingeist, und es gibt kein Individuum, in dem nicht, wach oder schlummernd, der Trieb zum Ganzen, zum Bunde, zur Gemeinde, zur Gerechtigkeit ruht. Der natürliche Zwang zur freiwilligen Vereinigung der Menschen untereinander, zu den Zwecken ihrer Gemeinschaft, ist unausrottbar da; aber er ist von einem schweren Schlage getroffen und wie betäubt worden, weil er lange Zeiten in Verbindung war mit dem aus ihm selbst entsprungenen Weltenwahn, der nun dahingegangen oder im Verfaulen begriffen ist. […]

Der Sozialismus ist zu allen Zeiten möglich und ist zu allen Zeiten unmöglich; er ist möglich, wenn die rechten Menschen da sind, die ihn wollen das heißt: tun; und er ist unmöglich, wenn die Menschen ihn nicht wollen oder ihn nur sogenannt wollen, aber nicht zu tun vermögen. […]