Nick Carter und Spartakus (Vorwärts, 4.02.1919)

Zu der Gehirnbenebelung, die in den Spartakusputschen ihren Ausdruck findet, hat zweifellos auch die Nachwirkung der « Heldenliteratur » der Straße beigetragen. Mancher der unverantwortlichen Jugendlichen, die jüngst sich hierbei austobten, hat seine Begeisterung für die Gewalttaten aus dem trüben Fusel der blutrünstigen Groschenhefte gesogen. Nicht das Kommunistischen Manifest, sondern die namenlose Schundliteratur hat den Nährboden für das Aufkeimen politischer Phantastereien geschaffen. Der Kapitalismus vergiftet noch weiter diese Rekrutierungsscharen des Sozialismus mit seinen aufpeitschenden Tränklein.
Immer noch blüht bescheiden und verborgen die 10 Pf.-Abenteuer-Literatur. Heldentum und Totschlag sind zwar, dem allgemeinen Preisbildungsgesetz folgend, auch um 100% gestiegen, und eine heroische Verbrecherlaufbahn kostet jetzt 20 Pf. Aber die Jungens verschlingen nach wie vor mit wahrem Heißhunger all die Nick-Carter-Hefte; verschlingen sie um so gieriger, als der Spartakusterror der Straße ihre Phantasie in eine doppelt und dreifach aufnahmefähige Stimmung versetzt hat. Dieses gedruckte Jugendgift bedarf nicht erst der Anpreisung, es empfiehlt sich von Mund zu Mund und die unterschiedlichen Greuelgeschichten, die seit Generationen verrohend gewirkt haben, werden nach wie vor mit heißen Augen gelesen. Noch immer wird es auf grell hingeklexten Teilbildern als erstrebenswertes Ziel hingestellt: „Er schlug mit dem Bootshaken auf den Schädel des Feindes ein, bis dieser blutüberströmt in den Finten versank.“ Jetzt, das die Revolten und Straßenkämpfe in den jugendlichen Herzen nachhallen, da ihre überhitzten Köpfe voll sind des Echos wilder Gewalttaten, wäre es auch doppelt an der Zeit, diese gedruckte Gewaltpropaganda auszurotten. Aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Die Schundliteratur der Straße, die bisher sich auf Indianerdistrikte, ferne Goldküsten und amerikanische Phantasieländer beschränkte, erobert sich den Tag und die Stunde. In den kleinen Straßenbuchhandlugen und bei den Zeitungsverschleißern liegt ein 20 Pf.-Büchelchen aus, das sich seinen Platz an der Sonne erobern will. „Will, der junge Revolutionär“, steht in schreienden Buchstaben auf dem bunt bemalten Titelbild, das einen fanatischen Knaben darstellt, der gerade ein Maschinengewehr auf seine lieben Mitmenschen richtet. Und als Unterschrift unter erbaulichen Tätigkeit liest man: „Will hielt als letzter an seinem Maschinengewehr aus“.
Die heranwachsende Jugend vor dieser Raubromantik zu bewahren, ist eine Aufgabe, die kein Verantwortlicher von sich weisen kann.

Vorwärts, Nr. 64, 4. Feb. 1919 (Abendausgabe).


1 Antwort auf „Nick Carter und Spartakus (Vorwärts, 4.02.1919)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 06. April 2010 um 11:27 Uhr
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