Pierre Chaulieu [Cornelius Castoriadis] und Anton Pannekoek – Korrespondenz 1953-1954

Wenn man sich an einer Zusammenfassung der verschiedenen Etappen von Castoriadis‘ Denken versucht, sowohl im Kontext von „Socialisme ou Barbarie“ bis zum Ende dieser Gruppe im Jahre 1967 als auch im Laufe seiner Universitätskarriere, kann man nur erstaunt sein hinsichtlich der Kontinuität seiner Grundgedanken über die Spaltung der kapitalistischen Gesellschaft nicht in Klassen, sondern in Leitende und Ausführende, Gedanken, die er etliche Male in seinen älteren oder jüngeren Schriften entwickelt hat. Auch wenn das sehr schematisch erscheinen mag, so denken wir, daß sich Castoriadis von seinem früheren Trotzkismus mehrere Grundlinien bewahrt hat, die die Entwicklung seiner Ideen erklären können:
- Die russische Revolution von 1917 hat ein gegenüber den alten kapitalistischen Staaten „fortschrittliches“ System eingeführt. Man kann dieses Konzept auf das des „degenerierten“ sozialistischen Staats der Trotzkisten zurückführen;
- In der Linie dieses Gedankens der „Degeneration“ und der von Beginn an geltenden Weigerung von „Socialisme ou Barbarie“, auf das „neue sowjetische System“ die traditionellen Klassenbegriffe anzuwenden, erfindet Castoriadis das, was als einziger „Gegensatz“ bleibt: den zwischen „Leitenden und Ausführenden“, der bis zu seinem Tod der rote Faden seiner Analysen bleibt und den er sehr bald auf alle kapitalistischen Länder überträgt, da er davon ausgeht, daß diese der „fortschrittlichen“ Tendenz der sowjetischen Gesellschaft folgen werden;
- Da die Begriffe der Klasse und des Klassenkampfes obsolet geworden sind, und infolge der Preisgabe der marxistischen Theorien die Entwicklungen und Errungenschaften der Arbeiterkämpfe nicht aus dem Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit resultieren und sich in dieser Dialektik konkretisieren können, muß er den Voluntarismus neu erfinden (wobei er sich darin dem ansonsten abgelehnten Militantismus der bewußten Revolutionäre des Leninismus anschließt) und den Kämpfen vom Himmel gefallene Organisationsformen verpassen, die alle im individuellen und kollektiven „Imaginären“ ausgerüstet wurden. Castoriadis ist in diesem Punkt selbst am eindeutigsten: ,Jede Gesellschaft weist, in allen ihren Manifestationen, eine unendliche Fülle von Elementen auf, die weder mit dem Reellen noch mit dem Rationalen und auch nicht mit dem Symbolischen zu tun haben, und die sich als das erweisen, was ich das Imaginierte oder das Imaginäre genannt habe… “;
- Der ungarische Aufstand erscheint ihm von da an gar als das „Modell“ der modernen „revolutionären Aktion, weil er sich in einem fortgeschrittenen bürokratischen Kapitalismus“ abspielt, aber ohne Verbindung zu allem, was ihm vorangegangen sein mag, selbst unter dem Etikett „Arbeiterräte“, weil letztere kein Kampf in einer bürokratischen Gesellschaft waren. Man kann also die „alten Wolkenkuckucksheime“ von Pannekoek und anderen dem Vergessen anheimstellen und alle Aktionen, alle Errungenschaften und alle Analysen dieser revolutionären Strömung als völlig uninteressant betrachten, die zweifellos die Konstruktionen von Castoriadis völlig unterminieren. Man kann sich übrigens fragen, was der zaghafte Verweis auf die spanische Revolution von 1936 hier zu suchen hat, denn genau betrachtet spielt sie sich nicht in einem ,modernen bürokratischen Staat‘ ab.
Auf diesem Hintergrund kann man verstehen, warum dieser kurze Austausch mit dem Repräsentanten des deutsch-holländischen Rätekommunismus plötzlich unterbrochen wurde.

aus: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit Nr. 18

Korrespondenz Chaulieu/Pannekoek [PDF]

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1 Antwort auf „Pierre Chaulieu [Cornelius Castoriadis] und Anton Pannekoek – Korrespondenz 1953-1954“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 23. März 2010 um 16:33 Uhr
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