Paul Mattick – Weltwirtschaftskrise und Arbeiterbewegung (1975)

Die ganze kapitalistische Entwicklung war von Krisen begleitet und unterlag einer bestimmten Krisengesetzlichkeit, die sich von Zeit zu Zeit empirisch bemerkbar machte. Trotz der sich wiederholenden Krisen hat die bürgerliche Ökonomie bis auf den heutigen Tag keine den Tatsachen adäquate Krisentheorie entwickelt. Sie konnte dies nicht, weil ihre theoretischen Ausgangspunkte von vornherein falsch angelegt waren. Sie ging von der scheinbar naheliegenden Idee aus, daß die Produktion der Konsumtion zu dienen habe, und daß demzufolge Angebot und Nachfrage auf dem Markt übereinstimmen würden. Obwohl zugegeben wurde, daß dieser Gleichgewichtsmechanismus durch partielle Überproduktionen unterbrochen werden kann, so war man doch der Überzeugung, daß der Marktmechanismus diese Unebenheiten von selbst ausgleichen würde. Die Markttheorie als Gleichgewichtstheorie, in der das Angebot die Nachfrage und die Nachfrage das Angebot bestimmte, mit der die bürgerliche Ökonomie begann, ist, wenn auch in modifizierter Form, bis auf den heutigen Tag erhalten geblieben. Bei der psychologisch begründeten Grenznutzentheorie des Neo-Klassizismus handelt es sich nur um eine Neuformulierung der alten Angebots- und Nachfragetheorie, die bis 1936 unangetastet blieb.

Die aktuellen Krisen ließen sich natürlich nicht ableugnen. Doch nahm man zu ihrer Erklärung an, daß sie von außen in das System hineingetragen würden, jedoch stets wieder durch den automatischen Gleichgewichtsmechanismus des Marktes überwunden werden könnten. Eine dem System immanente Krisengesetzlichkeit gäbe es nicht und demzufolge erübrigte es sich, ihr theoretisch nachzuspüren. Es lohnt sich nicht weiter darauf einzugehen. Ich möchte hier nur feststellen, daß die neoklassische Gleichgewichtstheorie, besonders durch ihre Mathematisierung, als Verwissenschaftlichung der politischen Ökonomie angesehen wurde und zu diesem Zweck ihres historischen Charakters entkleidet wurde. Sie bewegte sich allerdings auf einer Abstraktionsebene, die ihr einen rein ideologischen Charakter gab, und die keine praktischen Anwendungsmöglichkeiten zuließ. Ihre ideologische Funktion verlor sich zwangsläufig in der 1929 einsetzenden großen Krise, die das Vertrauen in den Gleichgewichtsmechanismus des Marktes erschütterte.

Die erste große Krise der kapitalistischen theoretischen Ökonomie war also die Folge einer wirklichen, lang andauernden und tiefgreifenden Krise. Ohne diese wäre die Gleichgewichtstheorie im neoklassischen Gewande wahrscheinlich bestehen geblieben. Aber der Widerspruch zwischen Theorie und Realität war zu groß, so daß es notwendig wurde, die alte Theorie den neuen Zuständen anzupassen. Diese Anpassung, die als Keynes’sche Revolution in die Ideengeschichte einging, ist nur eine Neuformulierung der Markttheorie, mit dem Unterschied, daß der angenommene, sich automatisch durchsetzende Gleichgewichtsmechanismus, als nicht mehr wirksam angesehen wurde und damit der Ersetzung durch ein bewußt herbeigeführtes Gleichgewicht bedarf, um aus dem Krisenzustand herauszukommen.

Keynes‘ Theorie ist genau so statisch und beruht ebenfalls auf einem eingebildeten Gleichgewichtsmechanismus wie dem der neoklassischen Theorie. Aber sie stellte fest, daß Veränderungen in der kapitalistischen Welt die Aufrechterhaltung eines ökonomischen Gleichgewichts durch den Markt stets mehr beeinträchtigten. Auf Grund des alten Prinzips, daß die Konsumtion die Produktion bestimme, ergab sich, durch ein Nachlassen der Konsumtion der Produktion gegenüber, daß unter solchen Bedingungen die Profitabilität von Neuinvestitionen abnehmen müsse und deshalb auch nicht unternommen werden. Die relative Konsumtionsübersättigung, als unzureichende Nachfrage, führte zu einem Abnehmen der Investitionen und damit wachsender Arbeitslosigkeit. Ein Gleichgewicht von Konsumtion und Produktion, von Angebot und Nachfrage, erforderte eine Erhöhung des Konsums durch „öffentlichen Konsum“, und eine Vermehrung der Investitionen durch „öffentliche Investitionen“, die durch den Staat zu realisieren wären. Das Instrumentarium zu diesen Zwecken sei in der staatlichen Geld- und Fiskalpolitik gegeben, die nicht nur die Wirtschaft als Ganzes, sondern auch die Profitabilität des privaten Kapitals positiv zu beeinflussen vermochte.

Diese Theorie war ein Ausdruck politischer Notwendigkeit, eine Reaktion auf die sozialen Auswirkungen der Krise. Aber sie war auch als Hilfsmaßnahme gedacht, um den Übergang zu einer neuen Konjunktur zu erleichtern, Obwohl als allgemeine Theorie auftretend, bezog sie sich doch nur auf die spezifischen Zustände der großen Krise, um vor allem die Möglichkeiten revolutionärer Ereignisse aus dem Weg zu räumen. Die vorgeschlagenen staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft sollten vor allem die Gefahren der großen Arbeitslosigkeit beseitigen, aber auch zugleich neue Anreize zu privaten Investitionen bieten, um den Charakter der staatlichen Eingriffe als kapitalerhaltende zu bewahren. Hier bezog man sich auf den sogenannten Multiplikationseffekt neuer Investitionen, d.h. auf die Annahme, daß Investitionen in einer Branche der Produktion Investitionen in anderen Branchen auslösten. Dieser Prozeß, analog zu dem der Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes in der Zirkulation, könnte die Unprofitabilität staatlicher Ausgaben durch die Hebung der Profitabilität der Privatwirtschaft wieder ausgleichen.

Es stimmt natürlich, daß Neuinvestitionen, die nicht gleichzeitig durch Desinvestionen aufgewogen werden, ganz gleich ob sie vom Staat oder dem Privatkapital gemacht werden, die Gesamtwirtschaft beleben und damit die Arbeitslosigkeit vermindern. So haben die Keynesschen Forderungen nach zusätzlichen staatlichen „Ausgaben, auch wenn sie durch Defizitfinanzierung ermöglicht wurden, eine die Wirtschaft belebende Wirkung, was sich durch diesbezügliche Erfolge, wie z.B. im Arbeitsbeschaffungsprogramm des Hitlerregimes oder im American New Deal bestätigte. Allerdings waren es nur Erfolge im Rahmen der abstrakten und falschen Gleichgewichtstheorie, nicht aber mit Bezug auf die Notwendigkeiten kapitalistischer Produktion. Für diese geht es nicht darum, ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage, von Konsumtion und Produktion, herzustellen, sondern um die Produktion von Profit und um die Verwertung des existierenden Kapitals und seiner weiteren Akkumulation. Ein in Geldform ausgedrücktes gegebenes Kapital muß durch den Reproduktionszyklus als ein größeres Kapital hervorgehen, um die Bedingungen kapitalistischer Produktion erfüllt zu haben. Jede Art von Produktion innerhalb des Kapitalismus, die keinen Mehrwert abwirft, ist Produktion ohne Akkumulation und steht irrt Gegensatz zur Bewegungsform des Kapitals.

Eine Produktion, die nicht von der Mehrwertschöpfung bestimmt ist, unterliegt im Kapitalismus bestimmten Begrenzungen. Dem Staat untersteht zwar von je ein Teil der gesellschaftlichen Produktion zur Betreuung der notwendigen öffentlichen Anlagen – oder der Infrastruktur – des Systems. Er hat auch in vielen Ländern Teile der Gesamtproduktion monopolisiert und tritt damit selbst als mehrwertproduzierendes Unternehmen auf. So untersteht dem Staat, in unterschiedlichem Maß, ein Teil der gesellschaftlichen Produktion. Im allgemeinen jedoch wird der Großteil der gesellschaftlichen Produktion vom Privatkapital bestimmt und damit ihr Charakter und ihre Entwicklung. Das Anwachsen staatlich determinierter Produktion, mit Bezug auf die allgemeinen Produktionsbedingungen, wird von der Akkumulation des Gesamtkapitals, also maßgeblich des Privatkapitals, bestimmt, und dieses Anwachsen hat nicht mit der Krisenbekämpfung mittels vermehrter staatlicher Ausgaben zu tun, sondern ist eine stets vorhandene Begleiterscheinung kapitalistischer Entwicklung. Bei der staatlichen ökonomischen Ausgleichungspolitik handelt es sich um zusätzliche, über die gewöhnlichen und notwendigen Ausgaben hinausgehende Eingriffe in die Wirtschaft, um staatlich induzierte Produktion, zur Anhebung der gesamtgesellschaftlichen Produktion.

Bei der Keynes’schen Krisenbekämpfung handelt es sich nicht um die Verdrängung des Privatkapitals zu Gunsten des staatlichen Wirtschaftsektors, sondern um die Vermehrung der allgemeinen Nachfrage im Rahmen der Kapitalproduktion. Da in dieser Theorie die Nachfrage von der Konsumtion abhängt, diese aber unzureichend ist, um die Vollbeschäftigung zu ermöglichen, muß sie durch die Vermehrung des „öffentlichen Konsums“, der nicht vom Markte hervorgebracht wird, erweitert werden. Um nicht die schon schwache Marktnachfrage noch mehr zu schwächen, und um nicht in Konkurrenz mit dem Privatkapital einzutreten, muß sich der Staat mit seiner induzierten Produktion auf den „öffentlichen Konsum“ beschränken, d.h. auf öffentliche Arbeiten, die Wehrwirtschaft, Raumforschung und ähnliche Dinge.

Um als Kapital aufzutreten, muß das Kapital akkumulieren, d.h. einen Teil des erzeugten Mehrwerts dem schon vorhandenen Kapital zusetzen. Vom Standpunkt der Akkumulation, der dem Kapital aufgezwungen ist, ist jede Vergrößerung des Konsums, gleich welcher Art, ob privat oder öffentlich, ein Abstrich von der der Akkumulation zur Verfügung stehenden Mehrwertsumme. Was konsumiert wird, kann nicht akkumuliert werden, d.h. in zusätzliche Produktionsmittel und Arbeitskräfte angelegt werden, die den Profit vermehren und das Kapital vergrößern. Allerdings bezog sich die Keynes’sche Politik auf einen vorübergehenden Zustand, in dem durch die einfache Vermehrung der Produktion ein wirtschaftliches Klima geschaffen wird, daß auch das Privatkapital zu Neuinvestitionen anreizt. Die neue private Marktproduktion sollte dann aus sich heraus eine Expansion entwickeln, innerhalb der die profitlose staatlich induzierte Produktion durch die vergrößerte Profitmasse der privaten Produktion aufgewogen wird. Defizite der staatlich induzierten Produktion könnten dann durch neu erzielte Überschüsse aus der Welt geschafft werden.

Ist das jedoch nicht der Fall, so erscheint die staatlich hervorgebrachte Produktion als wachsende Staatsverschuldung, als die Anhäufung privater Forderungen an den Staat. Erhöhte der Staat die Steuern, um so die öffentlichen Ausgaben zur Vermehrung der Nachfrage zu decken, so verminderte er damit einerseits die schon an sich niedrigen Akkumulationsmöglichkeiten des privaten Kapitals, und andererseits verschöbe er nur die Nachfrage des privaten Wirtschaftssektors in den öffentlichen Sektor, ohne am Ausmaß der Gesamtnachfrage etwas geändert zu haben. Um die Gesamtnachfrage anzuheben, muß zur Defizitfinanzierung gegriffen werden, zur Ausdehnung des staatlichen Kredits. Da aber die Produktion durch die Verminderung oder völlige Ausschaltung der Akkumulation eingeschränkt ist, liegen nicht nur Produktionskapazitäten still, sondern auch Kapital in Geldform, das nicht profitabel angelegt werden kann und damit den Übergang von der Geld- in die Kapitalform nicht zu vollziehen vermag. Dieses brachliegende Kapital in Geldform kann der Staat vom Privatkapital borgen, um seine Ausgaben über die ihm durch die Steuern zufließenden Mittel hinaus zu vergrößern. Diese Staatsanleihen stellen die Defizitfinanzierung öffentlicher Ausgaben dar. Obwohl die Defizitfinanzierung vermehrter öffentlicher Ausgaben die Produktion zu vermehren vermag, so doch nicht die Produktion von Profit. Wäre das letztere möglich, so würden die Kapitalbesitzer ihr brachliegendes Geld selbst investieren. Zur staatlich induzierten Produktion wird gegriffen, um die Produktion ohne Rücksicht auf Profitabilität zu vermehren.

Obwohl die Gesamtproduktion durch die staatlichen Investitionen erweitert wird, bleibt die vom privaten Kapital gewonnene Mehrwertmasse hinter der Produktionsausdehnung zurück, so daß der vergrößerten Gesamtproduktion eine relativ verminderte Profitmasse zur Verfügung steht, die sich bei dauernder Erweiterung der unprofitablen staatlich induzierten Produktion fortlaufend vermindern muß. Wenn der Staat sich die brachliegenden Gelder des Privatkapitals borgt, so muß dafür Zins gezahlt werden. Da die staatlich induzierte Produktion keinen Profit abwirft, kann sie auch keinen Zins erringen, der ja nur einem Anteil des Profits entspricht. Dieser Zins muß durch Steuern oder weiteren staatlichen Anleihen aufgebracht werden. So wird nicht nur ohne Profit produziert, sondern auch die Verzinsung der Staatsschulden, die die zusätzliche Produktion ermöglichten, muß durch die Privatwirtschaft aufgebracht werden. Da aber die Staatsschulden stets neu fundiert werden können, sind es praktisch nur die Zinsen, die die Staatsanleihen belasten, so daß sich die zunehmende Produktion als wachsende Staatsverschuldung darstellt, der solange nichts im Wege steht, solange die Gesamtproduktion schneller wächst als die aus ihr entstehende Zinsenlast.

Jedoch handelt es sich bei der zunehmenden Staatsverschuldung um die Vernichtung von Kapital, da aus ihr keine kapitalistische, das heißt, profitbringende Produktion ermöglicht wird. Zum Beispiel erhöhte sich die Staatsverschuldung Amerikas während des Zweiten Weltkrieges um ungefähr 300 Milliarden Dollar, die aber nur auf dem Papier der Schuldverschreibungen zu finden sind. Das Äquivalent dieser Summe wurde im Kriege verbraucht, sozusagen „konsumiert“, und existiert demzufolge nicht mehr. Ein in früheren Zeiten gewonnener Mehrwert, der als Geldkapital brachlag, hatte sich in Kriegsausgaben verwandelt und ist damit aus der Welt geschafft. Hinter der Staatsschuld steckt nichts weiter als die weiter bestehende Möglichkeit des Staates, Steuern zu erheben und neue Anleihen zu machen. Obwohl das Äquivalent der Staatsschuld, nämlich die Kriegsausgaben, der Vergangenheit angehört, muß der Staat weiterhin die Zinsen dafür aufbringen und zugleich versuchen, die Verschuldung abzubauen, was sich jedoch nur aus neuer, zunehmender Profitproduktion des privaten Kapitals ermöglichen läßt.

Da aber mit der Entwicklung des Kapitals die Tendenz einer fallenden Profitrate verbunden ist, muß es fortlaufend schwieriger werden, den aus der Defizitfinanzierung öffentlicher Ausgaben erwachsenden Verpflichtungen des Staates gerecht zu werden. Aus diesem Grund wird wohl die Staatsverschuldung niemals abgetragen werden, sondern – wie zum Beispiel 1923 in Deutschland – einfach durch eine galoppierende Inflation aus der Welt geschafft werden. Die außerordentliche Vermehrung der Staatsschuld stellt schon so eine Art der Expropriierung des privaten Kapitals dar, und man kann sozusagen die schleichende Expropriation des Kapitals an der Rate der Staatsverschuldung ablesen, die der weiteren Akkumulation des Kapitals im Wege steht. Aber das trifft nur dann zu, wenn sich das Kapital tatsächlich in einem permanenten Krisenzustand befindet, der von einem dauernden Anwachsen der öffentlichen Ausgaben begleitet ist. Diese Möglichkeit soll hier nur erwähnt werden, um anzudeuten, daß der Krisenbekämpfung mittels induzierter öffentlicher Ausgaben ganz bestimmte Grenzen gezogen sind, die nicht überschritten werden können, ohne das Kapital selbst zu gefährden. Fände eine Dauerkrise statt, so würde sich in ihrem Verlauf bemerkbar machen, daß die staatlichen Interventionen, obwohl die Wirtschaft sofort belebend, dies doch nur auf Kosten der langfristigen Zerstörung des Privatkapitals erreichen können.

Um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen, muß noch bemerkt werden, daß dies nur vom Standpunkt des Gesamtkapitals zutrifft. Für das Einzelkapital, das durch die staatlichen Ausgaben seine Produktion zu vermehren vermag, ist die zusätzliche induzierte Produktion durchaus profitabel. Aber der diesen Kapitalen zufließende Mehrwert oder Profit, wird nicht durch die marktmäßige Gesamtproduktion realisiert, sondern stammt aus dem Mehrwert verflossener Produktionsperioden, aus schon vorhandenem, nicht aus neuem zusätzlichen Mehrwert. In anderen Worten, diese Kapitale „realisieren“ ihren Profit aus dem brachliegenden Geldkapital, das ihnen der Staat durch seine Investitionen zuspielt. Der Gewinn des begünstigten Einzelkapitals ist der Verlust des Gesamtkapitals, der sich als Verbrauch des akkumulierten Geldkapitals darstellt. Es ist dieses brachliegende Geldkapital, das stillgelegte Produktionsmittel und Arbeitskräfte erneut in Bewegung setzt und dessen Größe die Grenzen dieser Art der Vermehrung der Produktion bestimmt. Ist die Kreditausweitung durch das brachliegende Geldkapital erschöpft, dann läßt sich die weitere Vermehrung öffentlicher Ausgaben nur durch die offene Inflation, durch die Vermehrung und Entwertung des Geldes, ermöglichen. Ist auch die Defizitfinanzierung auf dem Wege der Staatsanleihen schon ein inflationärer Prozeß, so doch ein begrenzter und kontrollierbarer, während der reinen Papiergeldinflation keine objektiven Grenzen gezogen sind.

Ein sich dauernd vermehrender unprofitabler Sektor der Wirtschaft muß im Laufe der Zeit die kapitalistische Produktionsweise selbst in Frage stellen. Deshalb kann die Aufrechterhaltung einer erwünschten Produktions- und Beschäftigungshöhe nur als vorübergehende Möglichkeit gelten, als eine Hilfsmaßnahme, die früher oder später durch eine neue Konjunktur des Privatkapitals abgelöst werden muß. Da der Staat natürlich der Staat des Privatkapitals ist, wird die staatliche Krisenbekämpfungspolitik mittels der Defizitfinanzierung öffentlicher Ausgaben an dem durch ihre Ausdehnung erreichten Punkt ihr Ende finden, wo sie von einem momentanen sozialökonomischen Stabilisierungselement in ihr Gegenteil umschlägt und zu einem krisenverschärfenden Mittel wird. An diesem Punkt muß sich die alte Krisengesetzlichkeit von neuem durchsetzen.

Um auf die aktuelle Wirtschaft zu sprechen zu kommen, muß zuerst festgestellt werden, daß die großen Krisen in diesem Jahrhundert, im Gegensatz zu denen des letzten Jahrhunderts, nicht durch „rein ökonomische“ Ereignisse bewältigt wurden. In den Krisen des 19. Jahrhunderts überließ man sich, mehr oder weniger, den Einwirkungen der Krise und Depression, ohne zu versuchen, sie durch bewußte Eingriffe abzuschwächen oder zu überwinden. Die erste große Krise des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde in dem ersten Weltkrieg aufgefangen. Das besagt nicht, daß der erste Weltkrieg aus der Krise resultierte, sondern nur, daß ein Krisenzustand bereits existierte, der sich nur deshalb nicht als solcher kennzeichnete, weil der imperialistische Krieg ihm ein anderes Gesicht verlieh. Die von Amerika ausgehende Krise von 1929 ergriff die ganze Welt und dies um so mehr, da die europäischen Nationen nicht aus der vorhergehenden Krise herausgekommen waren. Der durch den ersten Weltkrieg aufgefangene Krisenzustand setzte sich als Nachkriegskrise fort, obwohl diese Periode von Fluktuationen innerhalb depressiver Zustände begleitet war. Aber zu einer progressiven Akkumulation kam es nicht. Die relativ stagnierende Wirtschaft Europas mußte im Laufe der Zeit auch die nach dem Kriege einsetzende Prosperität des amerikanischen Kapitals beeinträchtigen. Vorerst allerdings entwickelte sich ein großer Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft, der aber nicht ausreichte, um die Weltwirtschaft miteinzubeziehen. Als die amerikanische Prosperität in sich zusammen brach, wurde die Krise zur allgemeinen Weltkrise.

Während dieser Krise wurde dann die Keynes’sche Modifikation der neuklassischen Theorie entwickelt, der allerdings in verschiedenen Ländern bereits durch praktische Regierungseingriffe in den Wirtschaftsablauf vorgegriffen worden war. Jedoch war diesen Eingriffen kein besonderer Erfolg beschieden, und demzufolge setzte sich auch die Keynes’sche Modifikation der klassischen Marktlehre nur langsam durch. Es stimmt allerdings, daß Hitlers Aufrüstungspolitik auf dem Wege der Defizitfinanzierung und anderer, zusätzlicher Mittel die Arbeitslosigkeit zu vermindern vermochte. Aber dieselben Umstände, die die Arbeitslosigkeit verminderten, verschärften zugleich den Krisenzustand in einem sichtbar zunehmendem Maße, um letzten Endes nur die Wahl zwischen einem weiteren Verfall der Wirtschaft – trotz der staatlichen Eingriffe – oder einer gewaltsamen imperialistischen Lösung durch den Krieg zuzulassen. Das deutsche Kapital riskierte den Krieg, um auf Kosten anderer Länder seine eigene Wirtschaft zu retten. In den Vereinigten Staaten wurde durch den sogenannten New Deal, der, obwohl unabhängig von den Keynes’schen Ideen, doch deren Prinzipien verfolgte, die Arbeitslosigkeit von 16 Millionen der Bevölkerung auf 9 Millionen reduzierte. Aber um das Jahr 1937 schienen sich die Möglichkeiten der Krisenbekämpfung erschöpft zu haben. Erst die große Aufrüstung für den zweiten Weltkrieg, die nach dem spanischen Bürgerkrieg einsetzte, brachte es mit sich, die Arbeitslosigkeit weiter herabzusetzen. Erst der Krieg selbst führte zur Vollbeschäftigung, nicht nur in Amerika, sondern in allen kriegführenden Ländern. In der Produktion für den Krieg realisierte sich das Keynes’sche Programm, das heißt, unter Umständen, die die kapitalistische Akkumulation ausschlossen. In Amerika zum Beispiel fiel die Akkumulationsrate unter 1 %, so daß sich das Kapital knapp zu reproduzieren vermochte. Ungefähr die Hälfte der Gesamtproduktion wurde zu Kriegszwecken verwandt, und was im Kriege vernichtet wird, kann nicht der Akkumulation dienen. Die Vollbeschäftigung war so mit der Abwesenheit kapitalistischer Akkumulation verbunden; mit anderen Worten, mit einer Produktion, die prinzipiell keine kapitalistische Produktion war.

Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich allerdings ein neuer, unerwarteter Aufschwung des internationalen Kapitals, der mit der Keynes’schen Theorie nicht recht in Einklang gebracht werden konnte. Diese Theorie bezog sich auf einen Zustand ökonomischer Stagnation, dem durch die Vermehrung der öffentlichen Nachfrage abgeholfen werden sollte. Nichtsdestoweniger schrieben sich die Theoretiker Keynes‘ scher Prägung den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung als Nachweis der Gültigkeit ihrer Theorien zu. Sie schmückten sich hier allerdings nur mit fremden Federn. In Wirklichkeit war dieser Aufschwung, wie jeder vorherige, das Resultat der ihm vorhergehenden Krise. Die Stagnation des europäischen Kapitals während der Periode zwischen beiden Weltkriegen und die ungeheure Vernichtung von Kapital in wertmäßiger und physischer Hinsicht im Verlauf des Krieges, brachten eine allgemeine Änderung der Kapitalstruktur mit sich, welche die Profitraten, dem verminderten Kapital gegenüber, genügend anhoben, um zu einer neuen Akkumulation fortzuschreiten. Die Vernichtung von Kapital durch Krieg und Krise war das Geheimnis der Nachkriegskonjunktur. Nicht die Keynes’schen Methoden der Wirtschaftsbeeinflussung, sondern der Krisenmechanismus der Kapitalakkumulation war für den neuen Aufschwung verantwortlich.

Von einem marxistischen Standpunkt aus gesehen, bot der neue Aufschwung nichts Überraschendes. Die Höhe der durchschnittlichen Profitrate, und damit die Rate der Kapitalakkumulation, hängt von der jeweiligen Struktur des Gesamtkapitals, in Marx* scher Terminologie, von der organischen Zusammensetzung des Kapitals ab. Die Zerstörung von Kapital, in Verbindung mit einer Erhöhung der Produktivität der Arbeit, kann eine Profitrate ergeben, die aus der Depression in eine neue Prosperität führt. So setzt sich die Akkumulation des Kapitals trotz und mittels der Krisen durch, solange der Profit den Akkumulationsansprüchen gewachsen bleibt. Die allgemeine Reorganisation des Kapitals führte zu einem neuen Aufschwung; es sei denn, daß die Anpassung des Profits an die Akkumulation objektiv ausgeschlossen ist. Ein tatsächlicher Aufschwung bestätigt jedoch, daß dies nicht der Fall war.

Der Krisenmechanismus des Kapitals selbst, nicht die Keynesschen Manipulationen der Wirtschaft, erklärt die lange Konjunktur der Nachkriegsjahre. Allerdings war dieser Aufschwung kein ungetrübter, da er die Welt recht unterschiedlich erfaßte. So ergab es sich, daß in manchen Ländern und hier vornehmlich Amerika, der Staat auch weiterhin durch Geld- und Fiskalpolitik in die Wirtschaftsprozesse eingriff, um Rückgängen innerhalb der Aufschwungsperiode zu begegnen. Weiterhin erlaubte die fortgesetzte imperialistische Politik keinen Abbau der unproduktiven Staatsausgaben für Rüstungszwecke und erzwang damit die Erhaltung und Ausdehnung des unprofitablen Sektors der Gesamtproduktion. Dennoch war die Expansion des Kapitals groß genug, um den allgemeinen Aufschwung durchzusetzen, in dem die staatlich induzierte Produktion sich wohl relativ verminderte, aber doch ein bedeutender Faktor der Gesamtproduktion blieb. Die Tatsache, daß unter diesen Umständen ein als kapitalistische Prosperität angesehener Zustand im großen und ganzen bestehen blieb, führte dann zu der Illusion, daß es endlich gelungen sei, mittels Keynes’scher Methoden die zyklische Bewegung des Kapitals zu beenden. Die Zeit der Krisen schien für immer vorbei zu sein, da es angeblich gelungen war, durch zentrale Eingriffe in den Wirtschaftsprozeß ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage zu erreichen, das mit Vollbeschäftigung verbunden war. Die scheinbare Möglichkeit staatlicher Regulierung der Marktwirtschaft und der sich daraus ergebenden krisenfreien Entwicklung war auch für das antikapitalistische Lager eindrucksvoll genug, um die Ideen des Marxismus mit denen von Keynes zu verbinden und ebenfalls von einer neuen Periode kapitalistischer Entwicklung zu sprechen, die sich nicht mehr aus der Marxschen Krisengesetzlichkeit erklären ließ. Man braucht nur an Leute wie Marcuse, Baran und Sweezy zu denken, um den Einfluß der neu erstandenen kapitalistischen Illusionen auf ihre angeblichen Kritiker festzustellen.

War der in der Keynesschen Theorie vollzogene Übergang von der sogenannten Mikro- zur Makroökonomie, das heißt, von der Außerachtlassung gesellschaftlicher wirtschaftlicher Probleme zu deren Anerkennung, noch statischer Natur in dem Sinne, daß man sich nicht mit der Entwicklung des Kapitals beschäftigte, so hat der Ausbau der Keynesschen Theorie zu Versuchen geführt, ihr einen dynamischen Charakter zu verleihen; in anderen Worten, auf die Entwicklungs- und Bewegungsgesetze des Kapitals einzugehen. War dies für die bürgerliche Ökonomie ein Fortschritt, so war dieser selbst doch nur ein Zurückgreifen auf die Klassiker der politischen Ökonomie und hauptsächlich, wenn auch verschwiegen, auf die marxistische Theorie kapitalistischer Entwicklung. Man anerkannte nun die in der kapitalistischen Entwicklung enthaltenen inneren Schwierigkeiten und damit die Tendenz fortgesetzter Gleichgewichtsstörungen, um aber doch zu dem Schluß zu gelangen, daß die dem System immanenten Gegensätze durch ein dauerndes planmäßiges Eingreifen des Staates aufgehoben werden könnten. In den Worten der kapitalistischen Apologetik, ausgedrückt durch Paul Samuelson, neige die Entwicklung des Kapitals, die als Wachstum begriffen wird, zwar zur Instabilität, die aber durch die Lenkung der Wirtschaft beseitigt werden könnte, so wie ein Fahrrad zwar umfiele, sobald es allein gelassen wird, aber doch durch die Lenkung des Fahrers seine Balance erhält. Diese optimistische Auffassung wurde fast zum Allgemeingut der bürgerlichen theoretischen Ökonomie.

Was aber war in Wirklichkeit geschehen? Um zu wiederholen: Der Krieg hatte die europäische und japanische Wirtschaft in einem Maße zerstört, daß dessen Wiederbelebung sich nur als ein langwährender Prozeß vorstellen ließ. Mit den Produktivkräften des Kapitals waren auch seine destruktiven Kräfte gewachsen, die die kriegsbetroffenen Länder mehr zerrütteten als es im ersten Weltkrieg der Fall war. Nicht nur aus politischen Erwägungen, die sich aus dem neuen Widersacher des russischen Imperialismus ergaben, sondern auch aus den eigenen wirtschaftlichen Erwägungen heraus, versuchte das amerikanische Kapital, durch Anleihen und den Marshall-Plan, den Wiederaufbau des westlichen Kapitals zu beschleunigen. Damit diente man nicht nur dem Empfängern der amerikanischen Wirtschaftshilfe, sondern auch unmittelbar der amerikanischen Wirtschaft selbst, da der Import von Kapital anderer Länder sich notwendigerweise als Export amerikanischer Waren darzustellen hatte. So belebte sich die Wirtschaft auf beiden Seiten, den kapital importierenden und den warenexportierenden Ländern. Die Zerstörung kapitalistischer Werte in Europa und Japan, die Aufhebung der Verschuldungen durch Geldentwertungen, die Anwendungsmöglichkeit neuer Technologien und neuer Produktionsmethoden und eine hohe Ausbeutungsrate im Gefolge der Verelendung durch den Krieg, erlaubten hohe Profitraten und eine Akkumulationsrate von bis zu 25 % der Gesamtproduktion. Es war diese auf spezifische Zustände zurückführbare hohe Akkumulationsrate, die dann als Wirtschaftswunder in die Geschichte einging, und die die Konkurrenzfähigkeit Europas und Japans auf dem Weltmarkt progressiv verbesserte.

Die amerikanische Wirtschaft hingegen war durch eine sehr niedrige Akkumulationsrate gekennzeichnet, die während der ganzen Zeit nach dem zweiten Weltkrieg hinter ihrem historischen Durchschnitt zurückblieb und niemals mehr als 3 bis 3 1/2 % betrug. Eben weil das amerikanische Kapital unter dem Zustand der Überakkumulation litt, einem Zustand, in dem sich die Profite nicht mit den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals vertragen, bot der amerikanische Kapitalexport die Teilnahme am sich in den Wiederaufbauländern einsetzenden Aufschwung an. Dazu kamen noch die neuen imperialistischen Verpflichtungen im Weltmaßstabe, das Eingreifen in das politische Geschehen in Asien, der Krieg in Korea und Indochina. Sowohl der Kapitalexport als auch die mit den imperialistischen Abenteuern verbundenen Ausgaben, die jährlich 20 bis 25 Milliarden Dollar in Anspruch nahmen, schlössen eine Verminderung des Staatsbudgets aus und erzwangen durch die relativ niedrige Profitrate die Finanzierung der wirtschaftlichen und imperialistischen Außenpolitik auf inflationären Wegen. Der Dollarstandard als Welt- und Reservewährung erlaubte es dem amerikanischen Kapital, durch die beschleunigte Geldschöpfung nicht nur einen tiefen Einbruch in die europäische Wirtschaft zu erzielen, sondern auch zugleich die eigene Produktion mittels staatlich induzierter Produktion anzuheben. Obwohl eine Vollbeschäftigung nicht erreicht wurde, erlaubte der hohe Grad der Beschäftigung doch das Aufkommen der schon erwähnten Illusion einer krisenfreien kapitalistischen Weiterentwicklung.

Ohne die staatlich induzierte Produktion wäre die Arbeitslosenzahl wohl größer gewesen als es tatsächlich der Fall war, denn die Akkumulationsrate reichte nicht aus, um zur Vollbeschäftigung zu kommen. Aber selbst in den letzten Jahren des Krieges in Indochina war die amerikanische Produktionskapazität nur bis zu 86% ausgenutzt und die Arbeitslosenzahl bewegte sich zwischen 4 1/2 bis 5 % der arbeitenden Bevölkerung. So unterschied sich der Nachkriegszustand Amerikas von dem in Europa und Japan, und der gesamtwirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegsperiode enthielt schon den Keim der Zersetzung in sich, der sich vorläufig in den unterschiedlichen Akkumulationsbedingungen der verschiedenen kapitalistischen Länder ausdrückte. Da aber Amerika ungefähr die Hälfte der Weltproduktion bestreitet, deutete die relative Stagnation des amerikanischen Kapitals auf eine sich auf die Profitansprüche des Weltkapitals beziehende unzureichende Profitabilität hin, die sich allerdings für längere Zeit durch die Anwendung profitvermehrender Geld- und Kreditmanipulationen verdecken ließ. Der Zustand der Prosperität wurde von dem der „schleichenden Inflation“ begleitet.

Da die staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft, insoweit sie sich mit der Ausdehnung der Produktion befassen, auf der staatlichen Kreditfähigkeit beruhen, so haben sie eine der privaten Kreditschöpfung ähnliche Wirkung. Nicht nur in der Marxschen Konzeption, sondern auch in den bürgerlichen Wirtschaftstheorien, wurde eine außerordentliche Beschleunigung der Kreditausdehnung stets als ein Zeichen einer sich nähernden Krise angesehen, als ein Ausdruck eines sich verschärfenden Konkurrenzkampfes um die sich bemerkbar machende Verminderung der Profite, der zu einer beschleunigten Konzentration und Zentralisation des Kapitals führte. Jeder kapitalistische Konzern versucht durch die auf dem Kreditwege ermöglichte Erweiterung und Verbilligung seiner Produktion einen größeren Anteil am gesellschaftlichen Gesamtprofit zu gewinnen, womit die sich bereits als Profitknappheit darstellende Überakkumulation des Kapitals weiter entwickelt wird. Trotzdem ist die erste Wirkung der Krediterweiterung, insoweit als sie die Produktion tatsächlich vermehrt, ein Vorgang, der den Ausbruch der Krise verzögert. Die wirtschaftliche Aktivität ist größer als sie es ohne die Kreditausweitung gewesen wäre. Aber diese vermehrte Produktion ist nicht notwendigerweise mit einer entsprechenden Vermehrung des Gesamtprofits verbunden. Ändert sich nichts Wesentliches an dem Verhältnis der Ausbeutungsrate zur Struktur des Gesamtkapitals, so folgt der vorläufigen Verzögerung der Krise eine desto tiefer einschneidende Krise, sobald sich die durch den Kredit ausgelöste Prosperität als eine falsche Prosperität herausstellt. Eine zu schnelle Ausdehnung des Kredits, dem über kurz oder lang sowieso eine Grenze durch die von der Profitrate abhängige Zinsrate gezogen ist, war stets ein Ausdruck der dem kapitalistischen System immanenten Widersprüche und wurde auch von der bürgerlichen Ökonomie mit großer Skepsis betrachtet.

Worauf es uns hier jedoch ankommt, ist, daß die Kreditausdehnung stets als inflationärer Prozeß auftrat. Die Preise steigen, um die vermehrte Anwendung von Kapital bei gleichbleibender oder langsamer anziehender Profitrate zu rechtfertigen, um innerhalb der Zirkulationssphäre zu gewinnen, was in der Produktion nicht in genügendem Maße zu erreichen ist. Da nicht alle Preise gleichmäßig steigen und besonders der Preis der Arbeitskraft sich nur schlecht der allgemeinen Preissteigerung anzupassen vermag, ergibt sich eine Verschiebung des Verhältnisses von Lohn und Profit zugunsten des kapitalistischen Profits. Darüber hinaus ergibt sich eine allgemeine Verlagerung der Einkommensstruktur zuungunsten sozialer Schichten, deren Einkommen hinter den ansteigenden Preisen zurückbleiben. Das Kapital versucht seine Profite auf Kosten der Gesamtgesellschaft zu sichern, und damit vornehmlich auf Kosten der Arbeiter, ohne damit schon seine Akkumulationsfähigkeit zu halten oder zurück zu gewinnen. Der Kredit hat bisher jedenfalls den Krisenzyklus des Kapitals nicht aufzuheben vermocht; es ist die Krise selbst, die den Kredit als Hebel der Produktionssteigerung aufhebt.

Da, vom gesamtgesellschaftlichen Rahmen aus gesehen, die auf den Kreditwege ermöglichte staatlich induzierte Produktion weder Profit noch Zins abwirft, besteht ihre objektive Grenze nur in der Menge des aktuell vorhandenen, aber brachliegenden Kapitals, das sich der Staat vom Privatkapital borgt. Dieser als Staatsschuld auftretende Teil des Privatkapitals finanziert auch die Zinsen, die den Staatsanleihen auferlegt sind. Ist die objektive Grenze staatlicher Verschuldung erreicht, dann hinge die Fortsetzung der staatlich induzierten Produktion vom Geldschöpfungsvermögen des Staates ab; in anderen Worten, der Finanzierung dieser Produktion mit Hilfe der Druckpressen oder der offenen Inflation mittels der Entwertung des Papiergeldes. Aber schon die staatliche Defizitfinanzierung mittels der Staatsanleihen ist ein inflationärer Prozeß, wenn auch ein langsamer, da sich der gesellschaftliche Profit nicht gleichmäßig mit der Gesamtproduktion vermehrt, und die sich weitende Spanne zwischen Produktion und Profit zu Preiserhöhungen zwingt. Aktuell geht die Defizitfinanzierung mittels der Staatsanleihen mit einer Beschleunigung der staatlichen Geldschöpfung Hand in Hand, um einerseits durch die Senkung des Zinsfußes die Privatinvestitionen zu fördern und andererseits die Zinsenlast der Staatsverschuldung herabzusetzen.

Daß die von Keynes vorgeschlagenen Methoden der Krisenbekämpfung inflationären Charakter haben, ist nicht bestritten worden, sondern wurde von ihm und seinen Anhängern für das Geheimnis der wirtschaftlichen Stabilität gehalten. Allerdings nahm man an, daß die inflationären Mittel zu einem neuen wirtschaftlichen Gleichgewicht führen würden und damit zum Abschluß der inflationären Vorgänge. Vollbeschäftigung mit Preisstabilität war das Ziel; die inflationären Methoden könnten, nach den jeweiligen Bedürfnissen, eingesetzt oder ausgesetzt werden. Solange Arbeitslosigkeit vorhanden ist, sei der inflationäre Kurs das einzige Mittel, sie abzumildern oder abzuschaffen. Mit erreichter Vollbeschäftigung könnte der Inflation Einhalt geboten werden, durch deflationäre Methoden und mittels des Ausgleichs der früheren Defizite durch neugeschaffene Überschüsse. Jedenfalls war man überzeugt, daß sich die Wirtschaft auf dem Wege einer klugen Geld- und Fiskalpolitik den Regierungsansprüchen entsprechend regulieren ließ. Daß die Aufhebung der Arbeitslosigkeit als ein soziales Problem mit schleichender Inflation verbunden war, erschien den Wirtschaftstheoretikern als ein sehr geringer Preis. Es sei besser, eine Vollbeschäftigung mit inflationärer Tendenz zu haben, als aus Angst vor der Inflation eine wachsende Arbeitslosigkeit zu akzeptieren. Zudem entdeckte man, daß nicht nur in der Neuzeit, sondern nach in der Vergangenheit jede Konjunktur inflationäre Merkmale hatte. Mit der Vollbeschäftigung, sowie der englische Ökonom Phillips historisch statistisch nachwies, war stets ein Steigen der Preise verbunden; ein Preissturz war stets das Ergebnis großer Arbeitslosigkeit. So schien es sich auch bei der heutigen Inflation um eine Art Naturgesetz zu handeln, daß mit der Vollbeschäftigung die Inflation verbunden sei. Die Inflation war damit nicht nur aus der Vollbeschäftigung erklärt, sondern auch auf das Konto der Arbeiter geschrieben, da es diese waren, die durch die Ausnutzung der Möglichkeit von Lohnerhöhungen bei Vollbeschäftigung für den Preisauftrieb verantwortlich gemacht wurden.

Eines Tages jedoch stand man vor der Tatsache, daß nicht nur die Vollbeschäftigung mit Inflation verbunden war, sondern die Inflation auch bei wachsender Arbeitslosigkeit weiter um sich griff. Der Niedergang der Wirtschaft schränkte die Inflation nicht ein, sondern beschleunigte ihren Gang; eine Tatsache, die sich nicht mit den gängigen Wirtschaftstheorien begreifen läßt. Das Keynes’sche Instrumentarium der Krisenbekämpfung stellte sich als Illusion heraus und man stand vor der neu einsetzenden Krise genauso ratlos wie vor jeder früheren Krise. Aber damit bestätigte sich nur erneut, was während der langen Konjunkturperiode in einigen westlichen Ländern vergessen worden war, nämlich, daß sich das kapitalistische System nicht regulieren läßt, und insoweit, als es einer Art Regulierung untersteht, diese in seiner Krisengesetzlichkeit zu finden ist. Wie im vorigen so auch im jetzigen Jahrhundert führt der Akkumulationsprozeß des Kapitals aus einer Periode der Expansion zu einer Krisensituation, die selbst eine notwendige Voraussetzung weiterer Akkumulation ist, und dies auch nur solange, als die Wiederherstellung einer verlorenen Profitabilität eine objektive Möglichkeit bleibt. Es stimmt natürlich, daß man durch staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsgeschehen seinen Ablauf zu beeinflussen vermag, und durch die damit verbundene Ausdehnung der Produktion einen eingetretenen Krisenzustand zu mildern vermag, ohne jedoch damit an der sich aus dem Verwertungszwang des Kapitals ergebenden Tendenz zur Überakkumulation etwas zu ändern. Setzt sich die Krise der Überakkumulationen durch, dann stellt sich heraus, daß die krisenabschwächenden Mittel staatlicher Wirtschaftslenkung krisenverschärfenden Charakter annehmen. Unter diesen Umständen setzt sich die Krise in altbekannter Weise durch, nämlich durch den Zerfall der Produktion, der Massenarbeitslosigkeit, der Zerstörung von Kapital und Arbeitskräften und dem verschärften Konkurrenzkampf des Kapitals. Die sich aus den sozialen Klassenverhältnissen ergebende allgemeine Krise des Kapitals, die ihre letzte Ursache in der Kapitalproduktion selbst findet, läßt sich nicht mit den angeblich neuentdeckten Methoden kapitalistischer Wirtschaftslenkung beikommen, sondern – wenn überhaupt – nur mit den destruktiven Mitteln, die auch der Vergangenheit aus der Krise in einen neuen Aufschwung führten. Hatte sich die Bourgeoisie eingebildet, den Weg zu einer krisenfreien Entwicklung des Kapitals gefunden zu haben, so weist die neueintretende Krise noch einmal nach, daß die bürgerliche Ökonomie außerstande ist, ihr eigenes Wirtschaftssystem zu begreifen, geschweige denn es zu lenken. Was sich jetzt abzuspielen beginnt, ist der empirische Nachweis der Berechtigung der Marxschen Akkumulationstheorie als kapitalistische Krisentheorie.

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2 Antworten auf „Paul Mattick – Weltwirtschaftskrise und Arbeiterbewegung (1975)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 15. März 2010 um 12:29 Uhr
  2. 2 From the archive of struggle no.47 « Poumista Pingback am 23. April 2010 um 17:17 Uhr
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