Erich Mühsam – Gustav Landauer (1920)

Gustav Landauer – Zur Gedächtnisfeier in München am 2. Mai 1920

Ihr seid gekommen, einen Toten ehren,
zu laden seinen abgeschiednen Geist,
wo Kunst und Andacht ewige Welten preist,
als Gast der Herzen bei euch einzukehren.
Doch erst schafft Raum im Herzen! Wißt zuvor,
wen ihr erwartet. – Hingegossenes Blut
ist noch kein Grund, in weihevollem Chor
die Musen und die Genien zu bemühen.
Mord weckt Verzweiflung, Trauer, Jammer, Wut –
doch Kunst ist Freude, Leben, Quellen, Blühen.
Prüft, ob die Tränen, die vom Herzen drängen,
sich mischen mit dem Strom von Feierklängen!

Seht ihr ihn noch im Geiste, der euch rief?
Das Auge dem Gewissen hingegeben,
und seiner Stimme Klang prophetisch rief,
sprach er von Frieden, Liebe, Freiheit, Leben
und rief zur Schönheit und zur Kunst die Schar,
zur Andacht und zu freudigem Genießen.
Die Borne alles Glückes aufzuschließen,
das war die Sehnsucht, die sein Leben war.

Ein Träumer also, der vom Guten schwärmte?
Der gern die helle Sonne scheinen sah?
Sich gern an ihren bunten Strahlen wärmte? …
O wartet noch, Musik und Poesie!
Noch ist der Geist des toten Freunds nicht nah –
und wer ihn so begreift, dem naht er nie.
Wohl mahnt er euch: Macht euch die Erde schön!
Wohl zeigt er euch die Tempel auf den Höhn!
Doch mächtig scholl sein Ruf im Vorwärtsschreiten:
Wer Glück und Freiheit will, muß sie erstreiten! – –

Ihr seid gekommen, einen Toten ehren,
der, als er lebte, Glück und Freiheit dachte;
der, als er starb, den Leib zum Opfer brachte
für seinen Glauben und für seine Lehren …
Macht weit die Herzen! Macht die Seelen weit!
Kunst ist ein Weg, die Lehren zu empfangen,
für die man ihn erschlug. – Macht euch bereit,
durch Andacht seinen Glauben zu erlangen:
Den Glauben an die Menschheit, an das Recht,
das jedem seinen Teil vom Ganzen gibt,
das nicht nach Namen fragt und nach Geschlecht,
das nie am Rand des flüchtigen Zufalls streift,
das jeden hütet, weil es jeden liebt –
das Recht, das sich im Namen Volk begreift!
Dem ganzen Volk sein ganzes Recht zu bringen,
rief er’s zum Kampfe auf, es zu erringen.

Zum Kampfe rief er! Denn nur Kampf macht frei.
Kampf war sein Werk, Kampf seines Zornes Schwert.
Kampf war sein Leben. – Kampf! Nicht Schwärmerei.
Nur wer den Kämpfer ehrt, weiß, wen er ehrt! …
So fiel er auch im Kampf. Doch mit ihm fiel
die Liebe nicht, die ihn zum Kampf befeuert.
Er gab sie uns – und in der Kunst erneuert,
grüßt euch die Liebe: seines Kampfes Ziel.
Die Liebe lebt, und in ihr lebt sein Geist,
den wir zur Feier heut zu Gaste rufen,
wo Kunst und Andacht ewige Welten preist …
Als Gebender, als Spender tret er ein!
Der Liebeskämpfer soll empfangen sein
von Genien an des Freiheitstempels Stufen,
und Genien leiten ihn durch Tempelsäulen
in unsre Mitte. Die sein Blut vergossen,
sie hatten keine Flinten, keine Keulen,
zu töten ihn im Herzen der Genossen.

So grüße ihn die Kunst. Durch ihre Pforte
laß ihn ein jeder in sein Herz gelangen
und lausche: was es spricht, sind seine Worte.
Der Mann des Volks – er kommt als Gebender.
Seid ihr bereit, die Gaben zu empfangen,
so wird er bei euch sein: – ein Lebender!

In: Gustav Landauer – Worte der Würdigung, Darmstadt, Verlag Die freie Gesellschaft, o.D. [1951], S. 35-37.