Pierre Clastres – Staatsfeinde. Studien zur politischen Anthropologie (1974)

In der primitiven Gesellschaft, einer dem Wesen nach egalitären Gesellschaft, sind die Menschen Herren über ihre Tätigkeit, Herren über die Zirkulation der Produkte dieser Tätigkeit: sie handeln nur für sich selbst. auch wenn das Gesetz des Gütertauschs das unmittelbare Verhältnis des Menschen zu seinem Produkt mediatisiert. Alles gerät folglich durcheinander, wenn die produktive Tätigkeit von ihrem ursprünglichen Ziel abgelenkt wird, wenn der primitive Mensch, statt ausschliesslich für sich selbst zu produzieren, auch für die anderen produziert, und zwar ohne Austausch und ohne Gegenseitigkeit. Dann erst kann man von Arbeit sprechen: wenn die egalitäre Tauschregel nicht mehr den »code civil« der Gesellschaft bildet, wenn die produktive Tätigkeit darauf zielt, die Bedürfnisse der anderen zu befriedigen, wenn an die Stelle der Tauschregel der Terror der Schuld tritt. Und genau hierin liegt der Unterschied zwischen dem amazonischen Wilden und dem Indianer des Inka-Reichs. Der erste produziert, um zu leben, während der zweite ausserdem noch arbeitet, um die anderen leben zu lassen, jene, die nicht arbeiten, die Herren, die ihm sagen: du musst zahlen, was du uns schuldest, du musst uns ewig deine Schulden zurückzahlen.
Wenn in der primitiven Gesellschaft das Ökonomische als autonomer und definierter Bereich erscheint, wenn die produktive Tätigkeit entfremdete Arbeit wird, die jene verbuchen und aufzwingen, welche die Früchte dieser Arbeit geniessen, dann ist die Gesellschaft keine primitive mehr, dann ist sie zu einer in Herrscher und Beherrschte, Herren und Knechte geteilten Gesellschaft geworden, dann bannt sie nicht mehr, was bestimmt ist, sie zu töten: die Macht und die Ehrfurcht vor der Macht. Die Hauptteilung der Gesellschaft, die alle anderen Teilungen begründet, einschliesslich der Arbeitsteilung, ist die neue vertikale Anordnung zwischen der Basis und der Spitze, es ist der grosse politische Schnitt zwischen Inhabern der Macht, sei sie nun kriegerisch oder religiös, und den dieser Macht Unterworfenen. Die politische Beziehung der Macht geht der ökonomischen Beziehung der Ausbeutung voraus und begründet sie. Bevor die Entfremdung ökonomisch ist, ist sie politisch, vor der Arbeit steht die Macht, das Ökonomische ist ein Ableger des Politischen, das Auftauchen des Staats bestimmt das Entstehen der Klassen. (P. Clastres, Staatsfeinde, o.O., Mantz, Grebel & Reublin, 2006, S. 74)

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(via Zürcher AnarchistInnen)


2 Antworten auf „Pierre Clastres – Staatsfeinde. Studien zur politischen Anthropologie (1974)“


  1. 1 Anarchismus. Eine kleine Geschichte, wie alles... 05. Februar 2010 um 12:11 Uhr

    Kapitalismus ohne Chefs. Ich so: yeah. Das ist definitiv Anarchismus.

    EDIT EspaceContreCiment
    Wenn du nur wüsstest, was Kapitalismus ist.

  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 08. Februar 2010 um 12:33 Uhr
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