Emile Gravelle – Revolution (1898)

In Spanien, in Italien hat sich das Volk erhoben. Revolution! Sagt man. Nun, nein. Da ist keine Revolution. Da war keine Revolution 1871, die Kommune von Paris, oder 1848 und 1830. Die berühmte Revolte vom 1789-93 war ebenfalls nichts als eine sterile Umwälzung, in keiner Hinsicht wies sie den Charakter einer Revolution auf.
Zu allererst: Wie können zivilisierte Völker glauben, sie machten die Revolution, wo sie doch die wirklichen Ursachen der Übel nicht kennen? Sie halten sich an Menschen [als Sündenböcke; A. d. R.], während es doch das materielle System ist, das grausam ist. Sicher gab es und gibt es noch Revolten, denn der sogenannt zivilisierte Zustand bringt unweigerlich Mühsal und Elend für die große Masse der Produzenten all dieser Künstlichkeit, von der eine Kategorie von Nicht-Produzenten, die sich leitende Klasse nennt, Gebrauch haben will.
Man weiss noch nicht, welchen Ausgang die durch Hungersnot ausgelösten Aufstände in Italien und Spanien nehmen werden. Dahin haben also die Jahrhunderte Zivilisation in diesen Ländern geführt, die natürlicherweise ein Eden an Überfluß und Schönheit waren.
Der Aufstand von 1871 ist unterdrückt worden und man weiss wie. Er hat zu nichts geführt (…) Die Aufstände von 1848 und 1830 hingegen, wo das Volk Sieger war, haben ebenso in nichts die ökonomische Lage der Proletarier verbessert. Und derjenige von 1789, der «große», der doch eine vollständige Umwälzung des Gesellschaftszustandes zu sein scheint, hat er eine wesentliche Veränderung der Lage der Kleinen bedeutet? Keinesfalls, denn die Zivilisation richtet sofort wieder ihr Joch auf; da der Arbeiter wie in der Vergangenheit für den Patron arbeitet; da es immer Herren und Lakaien gab, Chefs und Kommis. Die einzige Änderung damals bestand darin, daß Patrons, Herren und Chefs statt Monseigneur und Mon Sieur Citoyen hießen! Dies war das ganze Resultat einer Revolte in einem zivilisierten Land.
Und man könnte in alle Unendlichkeit hinein Könige köpfen, Herrscher stürzen, Präsidenten der Republik den Bauch aufschlitzen, die Lage bliebe dieselbe, solange es Minen, Fabriken und Baustellen gibt. Solange das während der Jahrhunderte der Sklaverei errichtete Künstliche als Grundlage des Lebenssystems betrachtet wird, wird es Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und Vergeudung, ohne von der immer weiter gehenden Degradation der Natur zu sprechen, geben.
Und die autoritär-kollektivistischen und libertär-anarchistischen Systeme werden daran kein Jota ändern. Sie werden die Bergwerke nicht daran hindern, für den Boden der Erdoberfläche schädlich zu sein, sie werden die Erosion der Ackerböden sowenig aufheben wie die Störung des Wasserhaushaltes durch letztere oder durch die Entwaldung. Weder Kollektivismus noch Kommunismus machen den schädlichen Einfluß der Nachtarbeit zunichte und bestände diese nur noch in Knopfdrücken, der berühmte Knopf der «Wissenschafter», Nachfolger von Aladin und seiner Zauberlampe und der Feen mit ihrem magischen Stab.
Die große Barriere für eine wirkliche Revolution sind gerade die wütenden Revolutionäre, welche die Natur ignorieren. Sie sind die glühendsten Anhänger der profanen Version von Erde als Jammertal und von der Erbsünde. Sie hängen sich kopflos an alle Errungenschaften der Wissenschaften. Ach, diese Errungenschaften der Wissenschaften über die Natur, sprechen wir doch ein wenig davon. Da haben wir zuerst den Landbau, die erste Errungenschaft. Dann den Häuserbau und die Weberei. Dann den Bergbau, Straßenbau, das Verkehrswesen und die Hochseeschiffahrt. Letztere sind die Domäne der Wissenschaft von der schnellen Ortsbewegung mittels der Anwendung von Stahl und Dampf. Weiterhin: Optik, Akustik und höchste Errungenschaft: Chirurgie und Orthopädie.
Schauern wir näher.
Der Landbau, erste Errungenschaft, erfordert die Rodung der Bäume, welche den Boden schützen und hat die Erosion des Bodens zur Folge; der Hausbau beschenkt uns mit einer Wohnung, worin unweigerlich Zugluft herrscht, der in den Behausungen der Primitiven unbekannt ist (Luft Bewegung von den Fenstern zu den Cheminés). Die Weberei gibt uns Stoffe und Zeug, die weniger leicht, weniger warm als jede Tierhaut sind. Die Bergwerke bringen den Untergrund in Unordnung. Der Straßenbau bedeutet Staub und Schlamm, Pflaster und Teer hingegen hindert die Atmung des Bodens, woraus Miasmen entstehen. Verkehr zu Wasser und zu Land bewirken den Export der natürlichen Produkte eines Landes und den Import fremder. Ohne Konserven geht das nicht. Konserven bedeuten aber Einbusse an Frische und Geschmack; eingemachte Lebensmittel verlieren jede Vitalität.
Zitierten wir hier noch alle die Krankheiten, welche durch diese «Errungenschaften» bedingt sind, dafür kommt denn auch eine Chirurgie und Orthopädie den «Nutznießern» des Fortschritts zu Hilfe.
Es wäre u. E. einfacher die Katastrophen zu vermeiden, indem man eine Existenzweise annähme, die nicht Ursache solcher Störungen ist. Die Natur offeriert uns ein glückliches, generöses und leichtes Leben, wo Hunger und Krankheiten, diese beiden Ausgeburten der Zivilisation, nicht bekannt sind.
Denjenigen, die von Revolution sprechen und dabei das überflüssige Künstliche weiterbehalten wollen, rufen wir zu: Ihr bewahrt Elemente der Knechtschaft und bleibt deshalb für immer Knechte. Bemächtigt Ihr Euch der materiellen Produktion, so wißt, daß diese die Macht Eurer Bedrücker ausmacht und garantiert Euren Wünschen entgegengesetzt ist. Solange sie besteht, werden Eure Revolten unterdrückt werden und Euer Ansturm wird nur unnütze Opfer kosten.

In : Le Naturien, 4.06.1898 [(Dis)continuité, n°15, 2002]
Übersetzung : A. Loepfe


1 Antwort auf „Emile Gravelle – Revolution (1898)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 08. Februar 2010 um 13:22 Uhr
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