Rudolf Rocker – Die Hinrichtung Auguste Vaillants

Als ich am 4. Februar [1894] abends mit einigen Freunden zusammen in Vaters Meyers Werkstätte saß, kam plötzlich Alexander Beer und teilte uns mit, dass Vaillant am nächsten Morgen sterben müsse. Er hatte die Nachricht von einem französischen Freund, der im Kriegsministerium beschäftigt war und über gute Verbindungen verfügte. Obgleich die Hinrichtung jeden Tag erwartet werden musste, fühlte ich doch, wie sich mir das Herz zusammenkrampfte. Es wurde an jenem Abend nicht viel gesprochen in unsrem Kreise.
Nach französischen Gesetz mussten die Hinrichtungen öffentlich vollzogen werden; allerdings darf man dies nicht allzu wörtlich nehmen. Das Schafott wurde fast unmittelbar vor dem Eingang des Gefängnisses von la Roquette aufgeschlagen, so dass die Verurteilten nur wenige Schritte zu gehen hatten. Die Richtstätte wurde bei solchen Gelegenheiten im weiten Umkreise von der Munizipalgarde abgesperrt, so dass diejenigen, die über keine besonderen Karten verfügten, nicht viel zu sehen bekamen. Die Hinrichtungen wurden in den frühsten Morgenstunden ausgeführt, und da der Tag nie öffentlich bekannt gegeben wurde, war die Zahl der Zuschauer wohl nie sehr groß. Da es schon ziemlich spät war, hatte Beer vorgeschlagen, die Zeit, die uns noch blieb, in einer der unterirdischen Gaststuben in der Nähe der Hallen, im Bauch von Paris, zu verbringen, die nie geschlossen wurden. Es war ungefähr halb fünf Uhr morgens, als wir uns auf den Weg nach La Roquette machten. Die Nacht war nasskalt und unfreundlich. Als wir an unserem Ziel anlangten, war bereits alles abgesperrt bis auf den schmalen Hintergrund des Platzes. Dieser war schlecht beleuchtet und machte auf mich einen gespensterhaften Eindruck. Vom Eingang des Gefängnisses, dessen dunkle Umrisse nur undeutlich zu erkennen waren, hörte man Hammerschläge. Offenbar traf man dort die letzten Vorbereitungen. Unheimlich und drohend ragte die Guillotine in die Nacht. Wir hätten sie wahrscheinlich kaum sehen können, aber ein kleines Licht, von einer unsichtbaren Hand geführt, bewegte sich zwischen den beiden Pfosten auf und ab. Wahrscheinlich prüfte der Henker dort die Sicherheit seiner Maschine. Langsam füllte sich der Hintergrund des Platzes mit Menschen, die wie Schatten aus der Nacht auftauchten. Ein drückendes Schweigen, das nur hie und da von gedämpften Stimmen oder durch ein schrilles Geräusch in der Ferne unterbrochen wurde, lastete wie ein Alpdruck über der nächtlichen Szene. Wie eine Erlösung machte sich endlich in der Ferne eine unbestimmte Bewegung bemerkbar. Kurze Kommandorufe hallten durch die Finsternis. Dann hörten wir, wie das schwere Tor sich öffnete. Ein dumpfes Geräusch drang von der anderen Seite des Platzes zu uns. Es klang wie gemurmelte Worte, die wir nicht verstehen konnten. Plötzlich sahen wir eine weiße Gestalt in undeutlichen Umrissen auf der Balustrade auftauchen. Dann ein Schrei, der mir durch alle Glieder ging: „Mort à la société bourgeoise et vive l’anarchie!“ Zuletzt der dumpfe Fall des Beiles. Vaillant hatte ausgelitten. Dem Gesetz war Genüge geschehen.
Wie Blei lag es mir in allen Gliedern. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Wir alle gingen wortlos nach Hause im Dämmerlicht des grauenden Tages. Die furchtbaren Eindrücke jenes düsteren Morgens machten sich noch lange bei mir bemerkbar. Wenn ich mich heute frage, weshalb ich überhaupt dieser grausigen Szene beiwohnte, die meinem ganzen Wesen zuwider war, so habe ich nur eine Erklärung dafür: Wir jungen Leute fühlten uns damals alle von einer Art Märtyrerkult ergriffen, wie er in solchen Zeiten gewöhnlich austritt. Es ist vielleicht gut, auch solche Stimmungen kennenzulernen, doch glaube ich, dass die freudige Bejahung des Lebens der Entwicklung des menschlichen Geistes heilsamer ist als der Glorienschein, der über Gräbern schwebt. Soziale Bewegungen werden immer ihre Märtyrer haben; aber man soll das Märtyrertum nicht zu einem Kultus machen.

Auszug aus: R. Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1974, S. 124-126.