Bruno Wille – Philosophie der Befreiung durch das reine Mittel (1894)

Ein Übelstand, den das Representativ-System und besonders der zum Zentralismus führende Parlamentarismus mit sich bringt, ist die Entwicklung der Volksvertreter zur Herrschaftlichkeit. Schon von Hause aus neigt die Masse dazu, in einem berühmten Führer eine Art Heiland zu erblicken, ihm fast religiöse Verehrung und Ergebenheit sowie fanatischen Glauben entgegenzubringen. So wurde Lassalle als der „Messias“ und „unfehlbare“ Prophet des Proletariats betrachtet. Auch die gegenwärtigen Grössen der Partei, ein Bebel, Liebknecht, Singer, finden bei den Wählermassen eine abergläubische Verehrung, wie eine Ausstellung sozialdemokratischer „Fetische“ beweist, die im Sommer 1893 im Depeschensaal des Pariser „Figaro“ zu sehen war*).

*) Hier prangte unter anderm ein Hut aus der Fabrik von August Heine (Façon: „Auf zur Wahl“) mit dem Bildnis des „berühmten Volksmannes“ Bebel, gestickte Pantoffeln mit dem Bildnis von Liebknecht. „Volks-seife“ mit Bebel, Singer, sozialdemokratische Haussegen, Pfeifen, Cigarren-spitzen, Cigarrenschachtelhülsen, Glückwunschkarten mit den üblichen Bildern und Sprüchen, Schnapsflaschen mit Parteimännern und Parteisprüchen. „Damit die Propaganda niemals ihre Wirksamkeit verliere — bemerkt ein erläuternder Aufsatz im „Figaro“ — selbst nicht bei den Trunkenbolden, hat ein erfinderischer sozialistischer Glasgiesser Schnapsflaschen in Umsatz gebracht, die mit Inschriften aus dem Evangelium der Sozialdemokraten, den Schriften von Marx verseilen sind. Die unserige tragt die beiden folgenden Devisen: ‚Ihr habt die Macht in Händen, wenn ihr nur einig seid’ und ‚Proletarier aller Länder vereinigt euch’. . . Andere Flaschen tragen die Relief Bilder von Bebel und Liebknecht mit darüber befindlichen verschlungenen Händen . . .“

Bruno Wille – Philosophie der Befreiung durch das reine Mittel (1894), S. 356-358.


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