Sylvain Maréchal – Manifest der Gleichen (1796)

Wirkliche Gleichheit, letztes Ziel der sozialen Kunst
(Condorcet, Bild vom menschlichen Verstand)

Volk von Frankreich!
15 Jahrhunderte lang hast du im Zustand der Sklaverei und demzufolge unglücklich gelebt. Seit 6 Jahren erst atmest du etwas auf, in Erwartung der Unabhängigkeit, des Glücks und der Gleichheit.
Gleichheit! Erstes Verlangen der Natur, erstes Bedürfnis des Menschen und wichtigstes Band jeder legitimen Gesellschaftsbildung! …
Wir sind alle gleich, nicht wahr? Dieses Prinzip bleibt unbestritten, denn wenn man nicht gerade vom Wahnsinn besessen ist, kann man nicht im Ernst sagen, daß es Nacht ist, wenn es Tag ist.
Also gut! Wir streben von nun an danach, gleich zu leben und zu sterben, wie wir gleich geboren sind: Wir wollen die wirkliche Gleichheit oder den Tod; das ist es, was wir brauchen.
Und wir werden diese wirkliche Gleichheit erlangen, zu welchem Preis es auch sei. …
Die Französische Revolution ist nur die Vorbotin einer anderen, noch viel größeren, viel feierlicheren Revolution, die die letzte sein wird. …
Was wir außer der Rechtsgleichheit brauchen?
Wir brauchen nicht nur die in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte niedergelegte Gleichheit, wir wollen sie auch mitten unter uns, unter dem Dach unserer Häuser haben. Wenn es um sie geht, stimmen wir allem zu, auch, reinen Tisch mit allem zu machen und uns an sie allein zu halten. Mögen, wenn es sein muß, alle Künste zugrunde gehen, wenn uns nur die wirkliche Gleichheit bleibt! …
Das Ackergesetz oder die Aufteilung der Felder war der momentane Wunsch einiger prinzipienloser Soldaten, einiger Volksgruppen, die sich mehr von ihrem Instinkt als von der Vernunft leiten ließen. Wir trachten nach etwas Erhabenerem und Gerechterem, dem Gemeinwohl oder der Gütergemeinschaft! Der Grund und Boden darf kein persönliches Eigentum mehr sein — die Erde gehört niemandem. Wir fordern, wir verlangen, daß die Früchte der Erde Gemeineigentum werden — die Früchte gehören allen.
Wir erklären, nicht länger dulden zu können, daß die übergroße Mehrheit der Menschen im Dienst und zum Vergnügen einer übersättigten kleinen Minderheit arbeitet und sich abrackert.
Lange genug, zu lange schon verfügten weniger als eine Million Menschen über das, was mehr als 20 Millionen ihresgleichen gehört.
Er möge endlich aufhören, dieser große Skandal, den unsere Nachkommen nicht für möglich halten werden. Verschwindet endlich, ihr empörenden Unterschiede zwischen arm und reich, groß und klein, Herr und Knecht, Regierenden und Regierten!
Es soll zwischen den Menschen keinen anderen Unterschied mehr geben als den des Alters und des Geschlechts. Da alle die gleichen Bedürfnisse und die gleichen Fähigkeiten haben, muß man sie also auch alle gleich erziehen und ernähren. Mit der gleichen Sonne und der gleichen Luft geben sich alle zufrieden: Warum sollte die gleiche Menge und die gleiche Qualität der Speisen nicht jedem von ihnen genügen? …
Der Augenblick ist gekommen, große Maßnahmen ins Auge zu fassen. Das Übel hat seinen Höhepunkt erreicht; es verdeckt das Antlitz der Erde. Das Politik genannte Chaos herrscht seit vielen Jahrhunderten. Die Ordnung soll wiederhergestellt und alles an Ort und Stelle gerückt werden. Dem Ruf nach Gleichheit folgend, ordnen sich die Elemente der Gerechtigkeit und des Glücks: Der Augenblick ist gekommen, die Republik der Gleichen zu gründen, diese große Herberge, die für alle Menschen offensteht. Die Tage der allgemeinen Wiedergutmachung sind angebrochen. …
Die aristokratischen Verfassungsurkunden von 1791 und 1795 machten deine Fesseln nur drückender, statt sie zu lösen. Die von 1793 war tatsächlich ein großer Schritt zur wahren Gleichheit hin; man war ihr noch nie so nahe gekommen. Auch sie jedoch traf noch nicht ins Schwarze und brachte noch keineswegs das allgemeine Glück, deren großes Prinzip sie jedoch feierlich bestätigt hat.

Volk Frankreichs,
öffne Augen und Herz der Fülle des höchsten Glücks: Stimme der Republik der Gleichen zu und proklamiere sie mit uns!

(Markov, W. u. a. Die Französische Revolution. Bilder und Berichte 1789-1799, Berlin, 1989, S.320f.)

Le Manifeste des Égaux


2 Antworten auf „Sylvain Maréchal – Manifest der Gleichen (1796)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 11. Januar 2010 um 15:32 Uhr
  2. 2 From the archive of struggle no.43 « Poumista Pingback am 12. Januar 2010 um 18:17 Uhr
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