Gustav Landauer – Polizisten und Mörder (1910)

Die allabendliche Straßenschlacht in Moabit ist abgebrochen worden. Man war unter Beihilfe der Geheimpolizei so täppisch, ausländische Reporter — kommandierende Generäle nach dem Worte des Prinzen Heinrich — zu attackieren, es drohten diplomatische Zwischenfälle — man sah bei dieser Gelegenheit wieder, wie beliebt wir im Ausland sind — und da war’s schnell vorbei.
Um diese Zeit herum las man an unauffälliger Stelle in den Lokalnachrichten Berliner Zeitungen das folgende:
»Schutzleute als Lebensretter. — Der vierundzwanzig Jahre alte Techniker Heinrich Samse aus der Turmstraße 65 hatte die Nacht zum Sonntag in fröhlicher Gesellschaft zugebracht. Gegen Morgen unternahm er in gehobener Stimmung einen Spaziergang nach dem Verbindungskanal. In der Schlaftrunkenheit geriet er auf den zum Rohlenplatz der Firma Ernst Rupfer & Co. am Kanal entlang führenden Privatweg und stürzte dort die fünf Meter hohe, steile Böschung hinab ins Wasser. Seine Hilferufe wurden von den in den Baracken untergebrachten Schutzleuten gehört, die sich sofort an das Rettungswerk machten und den im Sumpf bereits besinnungslosen jungen Mann retteten. Die Wiederbelebungsversuche waren von Erfolg gekrönt.«
Diese Schutzleute waren auf dem Kohlenplatz der Firma Ernst Kupf er & Co. zum Schutze der Arbeitswilligen stationiert, und in jener Nacht waren sie auf den Befehl ihrer Vorgesetzten sofort mit Säbeln und Pistolen auf die Straßen gerannt und hätten, wenn sie eine »Zusammenrottung« erblickt hätten, was ihnen in den Weg kam, Demonstranten, Passanten, Frauen und Greise massakriert. Aber statt dessen horten sie den jämmerlichen Hilfeschrei eines Betrunkenen, der ertrinken wollte. Und sprangen aus dem Schlafe und retteten den Ärmsten mit eigner Lebensgefahr. »Das ist der entscheidende Punkt der menschlichen Psychologie. Wenn die Menschen nicht auf dem Schlachtfeld zum Rasen gebracht werden, können sie es nicht aushalten, Hilferufe zu hören, ohne Hilfe zu leisten.« (Kropotkin, Gegenseitige Hilfe.)
Karl Koppius ist in Leipzig wegen Mordes in zwei Fällen, wegen vierfachen Mordversuches, schweren Raubes und schwerer Erpressung zum Tode oder, wie es in der entmenschten Juristensprache heißt, zweimal zum Tode und zu fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Was er mit seinem Bruder zusammen getan hat, ist aus den Zeitungsberichten bekannt. Er hat in der ganzen Verhandlung starke Energie, entschiedenen Geist und Witz und nur einmal Bedauern gezeigt : als er darauf zu sprechen kam, wie er an einem unglücklichen Tag, als er körperlich schlecht disponiert war, von seinen Verfolgern, die er verächtlich als Idioten bezeichnet, überwältigt und gefangen wurde. In seinen Briefen und Äußerungen spricht sich weitaus stärker, als man es sonst von Mordprozessen her kennt, die soziale Wut aus. Er hat auch heute noch nicht die Spur einer Mitleidsregung mit seinen Opfern: er hatte Hunger, sie hätten mehr Geld als sie brauchten; Todfeinde, basta. Diesem Mann hat es von Natur aus an nichts gefehlt, um ein wertvoller, vielleicht ein bedeutender Mensch zu werden: starkes Denken, Stolz, Empfindung, Phantasie, alles hatte er; und seine kindische, übrigens durchaus stereotype Verbrechereitelkeit kommt ganz vom Mangel an Bildung oder Heuchelei, wie man’s nennen will. All seine ungeheure Roheit und Erbarmungslosigkeit ist Schuld der Gesellschaft, die ihn nicht aufkommen, die ihn nicht zu seinem Berufe, die ihn nicht zur Übung des Denkens kommen ließ. Aber auch so sind mehrere seiner Aussprüche durchaus des Merkens und Aufbewahrens wert, und es wäre zu wünschen, daß ein ausführlicher Prozeßbericht mit der wörtlichen Wiedergabe seiner Briefe erschiene. Jetzt sind wir auf die ungenauen Angaben der Tagespresse angewiesen. Er schreibt, die großen Verbrecher, die nach dem Grundsatz handeln: Quidquid agis, prudenter agas et respice finem (Was du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende), seien seltener als die großen Diamanten. Er spricht von den selbstzufriedenen Philistern; ernennt auch die, die prassen und Tausende verhungern lassen, Mörder. »Die ganze Gesellschaft, die Jesum Christum anbetet, und von Ethik und Ästhetik überfließt, mordet.« »Alle Verbrechen sind nur das Spiegelbild der heutigen Gesellschaft. « Er spricht von den » Preßpiraten und Preßparasiten und andern Clowns, die vom Leben so viel verstehen wie der Ochse vom Sonntag«. Er erklärt, er selber habe keine Spur von Moral in sich und keinerlei Respekt vor der Gottähnlichkeit der Reichen. Vieles von alledem mag angelesen und nicht originell sein; aber er hat es durch den ingrimmigen Volkston seiner Sprache zu seinem Eigengut gemacht; und vor allem: in dem Munde eines Mannes, der so furchtbar getan hat, wie er dachte, wirken solche Worte wie das, was wir unmittelbare Eingebungen eines Genies nennen, obwohl es ja auch nur Weiterleben des immer Gewesenen ist.
Kurz vorher, als Karl Koppius noch beim Militär stand, machte er den Eindruck eines seltenen warmen Menschen von Gefùhl und rührend-liebenswürdiger Phantasie. Er machte den Eindruck, er war so. Der Offizier, bei dem er diente, hatte ein Kind, das Karl Koppius liebgewonnen hatte; in der Nacht vor dem Geburtstag des Kindes stand er auf, um in heimlicher Liebe das Bett des Knaben mit Blumen zu überschütten.
Diesen glühenden Jüngling hat die Gesellschaft zum wilden Menschenfeind, zum Räuber und Mörder gemacht. Und nun wird sie diesem ihrem eigenen Kind, damit die Schande aus der Welt kommt, den Kopf abhacken. Wollten wir diesem Menschen die gräßlichen Wochen, die zwischen der Verurteilung und der Vollstreckung liegen, ein wenig erleichtern, ihm irgendein Liebes tun, und wär’s auch nur, daß wir ihm von den Blumen in seinen Kerker schickten, die er einst über das Bett eines verzärtelten Knaben gestreut hat, — es würde von der zu Stein gewordenen Gerechtigkeit alles als äußerst unstatthaft zurückgewiesen werden. Wir können nichts für ihn tun. Er hat viel für uns getan, wenn wir uns sein Schicksal zu Herzen, zu Hirn, zu Hand gehen lassen.
Karl Koppius war ein Mensch wie wir. Die Polizisten, die in Moabit massakriert haben, sind Menschen wie wir. Die Streikbrecher sind genau dieselben Menschen wie die Streikenden, und oft genug die nämlichen Personen, nur in verschiedenen Jahren. An unsrer Natur, unserm Wesen, unsrer Menschenart liegt’s nicht, daß es so grauenhaft zwischen uns hergeht. Das ist schuld, was zwischen uns hergeht, daß wir nicht das halten, was wir versprechen; daß wir nicht das sind, was wir doch sind. Besser wird’s erst, wenn die Menschen keine Rolle mehr spielen; wenn sie sich so zu einander verhalten, das heißt so ihre Verhältnisse zu einander ordnen, wie jeder in Wahrheit ist. Heute ist’s so, daß die Kleider, die wir umhängen haben, einander auf Leben und Tod bekämpfen, daß aber die lebendigen Menschen an Leib und Seele die Wunden davontragen. Der Waffenrock und die Arbeitsbluse sind heute die Dirigenten des Lebens; das Fleisch und Blut, das darin steckt, ist der mechanische und folgsame Automat. Stellt die Ordnung der Natur wieder her; verstehet das Wort des weisen Sokrates: Erkenne dich selbst! Erkenne dich selbst, wie du wahrhaft bist, hinter all dem Plunder, den du umhängen hast, und handle nicht nach den Gesetzen des Plunders, sondern nach dem Wesen des Menschen. Erkenne dich selbst, deinen Nächsten und Gleichen, in dem, der vor dir steht; erkenne ihn hinter der Larve, die er angetan hat wie du. Alle mit einander sind wir nackte Menschenleiber und lassen uns tief ins Fleisch hinein peinigen und ins Blut hinein vergiften von den Nessusgewändern dieser verruchten Fratzengesellschaft, die keiner sein will und die jeder doch ist.

(in: G. Landauer, Zwang und Befreiung, Köln, Hegner, 1968, S. 222-226)