Kurt Tucholsky – Horizontaler und vertikaler Journalismus (1925)

Eine Reisebeschreibung ist in erster Linie für den Beschreiber charakteristisch, nicht für die Reise. Worüber der Autor sich wundert, und noch mehr, worüber er sich nicht wundert – denn nichts ist für den Menschen so bezeichnend wie das, was ihm selbstverständlich erscheint –, worüber er lacht, und worüber er traurig ist, seine scherzhaften und seine pathetischen Bemerkungen, seine Landschaftsschilderungen: diese Dinge enthüllen zunächst einmal ihn selber.

Man erinnert sich vielleicht an die fatalen Anfänge exotischer Reisebeschreibungen: solange sich der Verfasser in kontrollierbaren Gegenden aufhält, im europäischen Abfahrthafen, in nördlichen Gewässern, schildert er meist so flach, so übel humoristisch, so dumm und so klein, dass man seine Berichte vom Tanganjika-See doch sehr skeptisch aufnehmen muß.

Nun ist das keine Frage der Begabung allein. Es ist vor allem eine Frage der Klasse, aus der der Berichterstatter stammt. Aus seiner Haut kann keiner – aus ihrer Klasse heraus können nur wenige.

Die Schalek kann um die ganze Welt reisen; sie wird immer die kleinbürgerliche, beschränkte und wenig geschmackvolle Wienerin bleiben, die sie ist. Ich habe ein Büchlein von Käte Schirmacher über Paris gefunden, aus dem ich einmal ein paar Proben zum besten geben will – Paris lernt man daraus kaum kennen, wohl aber bis ins Letzte die Sinnesart einer kleinen, spinösen Bourgeoise mit Hemmungen und Regenschirm. Dieser horizontale Journalismus taugt zu gar nichts.

Ob ein mittlerer deutscher Richter in Peking arbeitet oder in Berlin: er wird in den meisten Fällen doch wieder in seiner Klasse leben, wiederum von der Warte eines mehr oder minder gehobenen Bürgertums die soziale, die wirtschaftliche, die gesellschaftliche Struktur des fremden Landes sehen und dementsprechend berichten. Ob ein Industrieproletarier in Charlottenburg oder in Marokko schuftet, bleibt sich ziemlich gleich, und gar das Betätigungsfeld einer reichen, nichtstuenden Amerikanerin ändert sich von Madagaskar über Paris bis Tokio in keiner Weise. Die Landesfarben wechseln: die Hotel-Hall bleibt.

Das gilt umsomehr, als die moderne Zivilisation und die wirtschaftliche Konstruktion die Unterschiede zwischen den Ländern verwischt und eine gewisse Mechanisierung herbeigeführt haben. Selbstverständlich kann man Rassen- und Volksunterschiede nicht leugnen – aber diese lokalen Eigentümlichkeiten sind stellenweise schon Kulissen geworden; wirtschaftliches Leben, seine Aufwände und Erträgnisse sind sich im tiefsten Grunde sehr ähnlich. Die Lohngesetze sind zuletzt überall die gleichen, überall wird der Arbeiter ausgebeutet, überall stiehlt man ihm seine Arbeitskraft mehr, als dass man sie angemessen bezahlt, und in keinem Lande wird der mittlere Angestellte ein reichliches Äquivalent seiner Lebensarbeit finden. Was Europa betrifft, so müßte man schon in das Innere von Spanien gehen, um noch etwas zu finden, das vom Eiffelturm von Loeser & Wolff, von Wembley völlig verschieden ist. Der Rest ist nicht so sehr nach Grenzpfählen wie nach Klassen eingeteilt.

Was nicht hindert, dass die gleichen Klassen in den verschiedenen Ländern verschiedene Sitten, verschiedene Vorurteile haben. Sieht man aber sehr viel tiefer: durch ihre Vergnügungen, ihre Liebschaften, ihre Lektüre hindurch, so wird ihr Leben entscheidend von ökonomischen Bedingungen bestimmt.

Wir haben den horizontalen Journalismus, der den reisenden Berichterstatter in seiner Klassenebene lokal verändert. Herr Schulz wird nach Rom, Herr Young nach Berlin versetzt. Was geschieht –? Sie vergleichen die Fahrweise der elektrischen Bahnen, die Preise, die Bauart der Häuser, die Läden in der Fremde mit den Einrichtungen ihres Vaterlandes, immer auf Grund ihrer gewohnten Anschauungen; und berichten so in die staunende Heimat. »Was war ich bisher in der Welt, unter meinen Mitbürgern? Der kleine Raposo, der ein Pferd hielt. Und jetzt? Der große Raposo, der eine Wallfahrt ins Heilige Land gemacht, und der von wegen der fernen Gasthäuser, in denen er geschlafen hatte, mit Überlegenheit in der Geographischen Gesellschaft das große Wort führen konnte.« So ungefähr steht in der ›Reliquie‹, dem ausgezeichneten Roman von Queiroz. Wegen der fremden Hotels … Der horizontale Journalismus läßt viel sehen – aber nicht das Interessanteste.

Was sind alle Abenteuer in China gegen die Beschreibung der Klasse über und unter uns! Wir kennen sie ungenügend. Der lesende Proletarier weiß über Innerafrika besser Bescheid als über das Leben in einem reichen deutschen Kaufmannshause, der gebildete Bürger mehr von Indochina als vom Budget seiner Näherin. Man muß nur einmal lesen, wie sich der Arbeiterdichter die Lebensgewohnheiten reicher Leute vorstellt, um zu ermessen, wie eingeengt er lebt, und diese Unwissenheit wird nur noch durch die kindlichen Schilderungen vom Arbeiterdasein übertroffen, die man in den Büchern bürgerlicher Romanfabrikantinnen vorfindet. Daher geht ja auch fast alle Satire dieser Tage so daneben, weil der Angreifer seine Objekte nicht ordentlich kennt und in Himmelsrichtungen schießt, wo der andre gar nicht steht. Diesen Raffke gibt es nicht, diese Bilderbuchrichter aus den Witzblättern gibt es nicht, und der einzige George Grosz weiß, dass die Gegner viel zu gefährlich sind, als dass man Schießbudenfiguren aus ihnen machen darf. Sie sind in Wahrheit scheußlicher als ihre Karikaturen – aber ganz anders. Am wirksamsten bleiben Fotografien.

Es gibt ganz kleine Ansätze eines vertikalen Journalismus, einer Berichterstattung, die aufsteigt und untertaucht. Das Heruntersteigen besorgen hier und da sentimentale bürgerliche Journalisten – Heijermans machte das sehr nett –; aber sechs Stunden im Asyl für Obdachlose schlafen heißt noch nicht: das Leben einer Tippelschickse aus dem Grund kennen. Denn dieses Leben ist ernst, ist unerbittlich und einmalig – und der Stundenbeobachter, der jede Sekunde weiß, dass alles nur Spaß ist, dass zu Hause sein reinliches Bett auf ihn wartet, und dass er jede Minute den Verkleidungsscherz beenden kann, der wird niemals zu der Intensität des fremden Lebensgefühls kommen. Bei kurzer Dauer bleibt sein Tun ein sozialer Karneval. In Amerika gibt es ernsthaftere Versuche: da haben Schriftsteller und andre Leute solche Taucherfahrten unternommen, bei denen es ihnen wesentlich ernster damit war, Leute, die sich Zeit nahmen, deren wirtschaftliche Lage gar nicht einmal gut war – und die so annähernd der Wahrheit nahe kamen.

Für den Aufstieg halten sich die Blätter mäßig bezahlte Amüsier-Damen oder -Herren, die einem Ball der reichen Leute beiwohnen, von fern, unendlich geschmeichelt, das Rennen von Longchamps mitansehen dürfen; und staunend die Toilettenpracht von Rentenverzehrern nach Hause telegrafieren, ohne auch nur deren Trinkgelder als Monatsgage zu haben.

Nun ist das gewiß sehr schwer: schickt man selbst mit unendlich hohen Spesen einen hinauf, so ist zu befürchten, dass er nicht wiederkommt und am Ende oben einheiratet. Und auch wenn er den guten Willen hätte, so findet er vielleicht nicht die Aufnahme, weil er outsider ist, oder er weiß sich nicht zu benehmen, oder er kriegt den Anschluß nicht. Schickt man ihn hinunter, so ist die Frage, ob er Jahre solcher Mühsal aushält, ob er dann auch noch geistig arbeiten kann, ob er auch da nicht immer nur ein Fremder ist. Bleiben also die Ausgestoßenen oder die Emporgekommenen, die uns mit ihren Erinnerungen erfreuen. Und die Dichter. Aber das ist ein sehr dunkles Kapitel. Denn es genügt ja nicht, sich in die imaginäre objektive ›Kunst‹ zu flüchten, um so zu tun, als habe es nie Klassen gegeben – und man muß schon sehr weit hinaufgehen, wenn man da etwas Gescheites finden will.

Die Klassen wissen nicht viel voneinander. Der Tag eines englischen Montandrehers, der Tag eines polnischen Rennstallbesitzers ist rasch geschildert. Aber das beiden eigentümliche, so und nicht anders konstruierte Lebensgefühl (eines Besitzlosen und eines ewig Gesicherten) wird entweder nur intuitiv erfaßt oder von einem – fast immer: ehemaligen – Arbeiter oder Grafen authentisch belegt werden. Und die können fast niemals schreiben.

Was der horizontale Reise-Journalismus heute treibt, ist meistens langweilig und wirkt höchstens um der Person des Schreibers willen. Gar so viel ist für ihn auch in Amerika nicht zu holen – genug, aber nicht viel. So hilft er sich in vielen Fällen mit einer mitgebrachten Romantik.

Die ist leicht zu desillusionieren. Man braucht nur klar auszusprechen, was ökonomisch hinter dem bunten Gemälde steckt, und der ganze Zauber ist verflogen. Die Lehre von Marx hat sicherlich viel Doktrinäres – als Gegengewicht gegen diese verblasene Ideologie ist sie sehr gesund. Und sie ist um so eher anzuwenden, als das Lebensgefühl immer mehr hinter der Organisation und hinter der Zivilisation zurückweicht. Wenn Franz Mehring in seiner Lessing-Legende Friedrich den Zweiten rein ökonomisch auffaßt, so will uns das ebenso ungereimt erscheinen wie seine Bezeichnung Schopenhauers als eines ›Rentenphilosophen‹. An dieser Terminologie ist allerdings etwas Wahres – aber der Gesichtswinkel ist zu klein, es langt nicht. Die sachliche Beschreibung, die etwa ein deutscher Amtsrichter von einem spanischen Bordell gibt, mag einwandfrei sein – es wird ihr immer etwas Lächerliches anhaften, weil er die Atmosphäre nicht erfaßt hat. Ganz anders aber liegt es bei den falschromantischen Beschreibungen des heutigen Lebens zivilisierter Staaten. Da tut es immer gut, die blumigen Adjektiva abzukratzen und nüchtern zu konstatieren: Wochenlohn eines hiesigen Arbeiters soundsoviel Mark, Verbrauch soundsoviel, Tuberkulosesterblichkeit, Arbeitszeit und so weiter, und so weiter. Das wiegt schwerer als dreißig Vesuvbesteigungen. Denn keine Reise schafft solche Veränderungen wie die Versetzung in eine andre Klasse. Verändere das Budget, und du veränderst das ganze Weltbild.

Sie leben alle, klassenmäßig unbarmherzig eingeordnet, neben einander her, machen sich voneinander falsche Bilder, wissen nichts und wollen nichts wissen.

Wüßte die herrschende Klasse wirklich, wie es in einem Arbeiterherzen aussieht, könnte der Städter die wahren Sorgen eines Bauern fühlen, der Bauer die untiefe Masse städtischer Vorstellungen – sie würden sich vielleicht gegenseitig helfen. Denn die Grausamkeit der meisten Menschen ist Phantasielosigkeit und ihre Brutalität Ignoranz.

Wüßte allerdings der Proletarier wirklich, wie es ›oben‹ zugeht, wüßte er, was der Börsianer, der Fabrikant, der Großgrundbesitzer mit ihm treiben, wüßte ers, und spürte ers nicht nur – er machte das, was er, in Deutschland, noch nie gemacht hat: Revolution.

Ignaz Wrobel (Die Weltbühne, 13.01.1925).