Bernhard Reichenbach – Begegnung mit Lenin (1970)


Nach einem halben Jahrhundert sowjetischer Gewaltherrschaft werden sehr viele kaum verstehen, welches Ansehen die Führer der bolschewistischen Revolution – insbesondere Lenin – damals auch in weiten Kreisen der internationalen Sozialdemokratie genossen. Als einzige Partei der II. Internationale hatte die bolschewistische Partei von Anfang an die Unterstützung des Krieges nicht mitgemacht. Zudem, als sie im Oktober 1917 die Macht ergriff, da erklärte sie, nun ernst zu machen mit der Forderung des Kommunistischen Manifestes von 1848, die „klassenlose Gesellschaft“ zu errichten. In Deutschland hatte der Krieg bald zu Differenzen in der Sozialdemokratie geführt, die sich 1917 spaltete, so daß nach Kriegsende fünf Parteien sich auf Marx beriefen und jede den andern diesen Anspruch bestritt. Von der im Dezember 1918 gegründeten KPD hatte sich 1920 die KAPD – die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands – abgespalten, da sie die Leninsche Parteikonzeption einer autoritär auftretenden kleinen Gruppe von Berufsrevolutionären ablehnte, die als Führer diktatorisch über die Parteimitgliedschaft herrscht und die diese Führung sehr deutlich auch in der 1919 gegründeten III. Internationale beanspruchte.
Dem entsprach auch die „Infrastruktur“ dieser Organisation – ihr Domizil war Moskau, sie wurde von den Russen finanziert; Rußland wurde zum Hort für viele aus ihren Heimatländern geflohene Revolutionäre – das galt auch für manche Mitglieder des Exekutivkomitees der Komintern (EKKI), wie z. B. den Ungarn Bela Kun und den Finnen Kuusinen. Aber man muß doch sagen – damals wurden innerhalb dieser Organisation Meinungsverschiedenheiten und Kritik nicht unterdrückt; dennoch war es so, daß jeder, der auf einer von den Russen abweichenden Meinung beharrte, isoliert wurde. Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Russischen Sektion wurden hinter den Kulissen ausgetragen und so entschieden, wie Lenin es wollte, dessen überragende Persönlichkeit von seinen Genossen als etwas Selbstverständliches betrachtet wurde.
Die KAPD protestierte auch gegen die 21 Thesen, die auf dem II. Kominternkongreß beschlossen wurden – sie schrieben den angeschlossenen Parteien vor, sich an Parlamentswahlen zu beteiligen und auch innerhalb der Gewerkschaften zu arbeiten, um diese zu revolutionieren. Die KAPD lehnte beides ab, da sie die Organe der bürgerlichen Gesellschaft als unzureichende Organisationen zur Schaffung einer klassenlosen Gesellschaft betrachtete. Sie propagierte das politische Rätesystem statt der Parlamente und forderte an Stelle der Gewerkschaften Betriebsräte, basierend auf den Arbeitsstellen und im Reichsmaßstab zusamengeschlossen zu einer Arbeiter-Union. Mittels beider Institutionen sollten die Entscheidungen auf der unmittelbaren Mitwirkung der beteiligten Massen basieren, und es sollte etwas geschaffen werden, was man heute als industrielle Demokratie bezeichnet.
Trotzdem aber nahm die KAPD 1920 die Aufforderung an, der Komintern als sympathisierendes Mitglied beizutreten, mit Sitz in der Exekutive in beratender Eigenschaft -ohne Stimmrecht. Sie wollte – bei aller Skepsis über einen Erfolg – doch versuchen, durch Beteiligung Einfluß zu gewinnen und auch innerhalb dieses Forums durch die sich ergebenden Kontakte mit den Vertretern der anderen angeschlossenen Parteien für ihre Ideen zu werben.
Ich wurde Anfang 1921 als Vertreter der KAPD in das Exekutivkomitee der Komintern entsandt. Ich wurde im Hotel „Lux“ untergebracht, wo die meisten der ausländischen Genossen wohnten. Nachdem ich mich beim Vorsitzenden des EKKI, Sinowjew, gemeldet hatte, nahm ich regelmäßig an den etwa dreimal wöchentlich stattfindenden Sitzungen des EKKI teil, in dem, wie ich bald merkte, russische Mitglieder dominierten. Das galt insbesondere für das Spitzengremium, das sogenannte „Kleine Büro“ der Exekutive, das fünf Mitglieder hatte, von denen drei Russen waren: Sinowjew, Radek, Bucharin. Gelegentlich nahm auch Trotzkij an diesen Sitzungen teil, Lenin jedoch nie. Aber natürlich kam es mir darauf an, gerade ihm unseren Standpunkt zu begründen. Ich hatte wiederholt bei seinem Sekretariat um eine Aussprache nachgesucht, war aber immer wieder vertröstet worden. Ich vermutete bald, daß Lenins Sekretariat unter dem Einfluß der KPD-Delegierten meine Bemühungen, ihn zu sprechen, sabotierte. Ich schrieb ihm also einen Brief, in dem ich betonte, ich sei von meiner Partei nach Moskau geschickt worden, um ihm unsere Politik zu erklären. Wochenlang hätte ich jetzt gewartet; wenn ich ihn jetzt nicht sprechen könnte, würde ich nach Berlin zurückreisen. Mit diesem Brief ging ich zu Frau Lydia Fotjewa, die in Lenins Vorzimmer mit einem Stab von Mitarbeiterinnen sein Sekretariat leitete. Ich wußte, daß Lenin anwesend war und eine Konferenz stattfand. Ich erklärte Frau Fotjewa, sie solle meinen Brief Lenin bringen, ich würde hier in ihrem Zimmer so lange warten, bis Lenin mich empfangen würde. Auf ihre Einwände ließ ich mich nicht ein, und schließlich ging sie mit dem Brief in Lenins Zimmer. Ich wartete… Nach etwa einer halben Stunde kam Radek, der offenbar zu Lenin wollte. Erstaunt begrüßte er mich und fragte, was ich wollte. Er versprach, sofort mit Lenin darüber zu sprechen. Nun dauerte es nicht lange und eine Sekretärin brachte mir den hastig mit der Hand geschriebenen Brief Lenins (s. das verkleinerte Faksimile auf S. 242):

Werter Genosse Reichenbach!
Soeben, 16/V, 1V2 Uhr, habe ich Ihren Brief bekommen u. gelesen. Ich bedauere in höchstem Maße daß ich absolut keine Zeit gefunden, um mit Ihnen zu sprechen. Leider war ich während letzten Wochen so überarbeitet, daß ich fast Niemandem Zusammenkunft arrangieren konnte u. dringende Arbeit, selbst das Lesen der wichtigsten deutschen Dokumente, aufschieben mußte. Bitte mich zu entschuldigen: ich bin auch jetzt in solcher Lage, daß absolut nicht im Stande positiv zu versprechen Zusammenkunft in nächsten Tagen. Wenn absolut dringend, warum nicht kurze Vorschläge schriftlich machen? Nochmals bitte um Entschuldigung u. zeichne mit komm. Gruß
Lenin

Damit mußte ich zunächst einmal zufrieden sein. Ein paar Tage darauf erschien denn im Hotel „Lux“ ein Chauffeur – er habe den Auftrag, mich sofort in den Kreml zu fahren, Lenin erwarte mich. Bald saß ich ihm an seinem Schreibtisch gegenüber. Ein schlicht angezogener Mann, äußerlich keineswegs imponierend – auch in seiner ganz unpathetischen Sprechweise, keineswegs von oben herab, wohl aber in einem Tonfall, als ob alles, was er sagte, doch nur das Selbstverständlichste sei, jeder müßte das doch einsehen, – im übrigen aufgeschlossen, durchaus bereit, den andern anzuhören. Auch später, als ich ihn öfter in kleinerem Kreis sprechen hörte, merkte ich, wie diese Intonation geradezu faszinierend auch auf seine engsten Mitarbeiter wirkte – das galt auch für Trotzkij, Radek, Sinowjew, Bucharin –, und ich habe niemals gehört, daß einer ihm widersprochen hätte. Aber, ich muß zugeben: seine Überlegenheit war nicht von einem GPU-Apparat unterbaut, sondern der Ausfluß seiner Persönlichkeit. Unser Gespräch begann mit meiner Darstellung der innerdeutschen Verhältnisse, mit praktischen Beispielen über das Verhalten der Gewerkschaften, die zu Säulen der bestehenden Gesellschaft geworden sind, und über die politische Haltung der KPD, die ins reformistische Fahrwasser eingeschwenkt war. Lenin warf hier ein, eben deshalb sollte die KAPD sich wieder mit der KPD zusammenschließen, entsprechend den 21 Thesen, die auf dem II. Weltkongreß für die Kommunisten beschlossen wurden. Man müsse eben in den Gewerkschaften arbeiten und das Parlament für die Vertretung der kommunistischen Ziele verwenden. Als ich dies für aussichtslos erklärte und das mit Beispielen aus der Erfahrung belegte, zögerte Lenin einen Augenblick, wandte sich dann mit einer hinweisenden Geste der großen Landkarte der Sowjetunion zu, die hinter seinem Schreibtisch an der Wand hing, und sagte:
„Ich muß mich mit so vielen Problemen befassen, daß ich selbst über manche Einzelheiten, die uns hier beschäftigen, nicht in allen Details Bescheid weiß. Das letzte Dokument, das ich über die deutsche Situation gelesen habe, war vor ein paar Monaten Radeks ‚Offener Brief an die deutsche Arbeiterschaft’.“
Ich sagte: „Sie verlassen sich auf das, was Ihre Mitarbeiter sagen – Radek über Deutschland, Trotzkij über Europa. Aber die Entschließungen, die daraufhin der Arbeiterschaft in diesen Ländern verkündet werden, erfolgen in Ihrem Namen, sind von Ihrer Autorität getragen.“
Lenin warf ein: „Haben Sie mit Trotzkij über die Politik der KAPD gesprochen?“
Ich sagte: „Ja.“ Lenin: „Was sagte er?“
Ich: „Er hielt eine revolutionäre Entwicklung in den Gewerkschaften durchaus für möglich.“
Lenin: „Nun, Trotzkij wird schon recht haben.“
Hier muß man einschalten, daß Lenin sich niemals – auch in späteren Gesprächen nicht – auf Stalin berief. Ebensowenig einer der anderen führenden Bolschewisten. Dabei wurde doch immer in solchen Gesprächen sofort zitiert. Etwa, was Lenin dort und bei welchem Anlaß gesagt hatte, oder daß schon Plechanow, ehe er 1914 zum Verräter geworden sei, in der Frage der Parteiorganisation gesagt hatte… „Bucharin sei immer der Meinung gewesen, daß …“ „Trotzkij habe in der Frage der permanenten Revolution…“ etc. etc. Niemals wurde aber Stalin zitiert. Er wurde auch bei den Besprechungen im EKKI niemals erwähnt.
Was nun Trotzkijs „permanente Revolution“ betrifft, so hatte er diese Theorie damals längst aufgegeben; er war, wie Lenin, der rücksichtslose Verfechter der „abgeschlossenen Revolution“ – soweit sie Rußland betraf. Er wurde auch völlig von Lenin gedeckt beim Niederwerfen der Arbeiteropposition, die den Kronstadter Aufstand ausgelöst hatte. Daran schloß sich dann das scharfe Vorgehen gegen jede Aktivität der Arbeiteropposition, zu der Alexandra Kollontai, Schljapnikow und Lutowinow gehörten, die zwar die Revolte verurteilten, aber den Anlaß – die Unterdrückung jeglicher Oppositionsargumentation – verurteilten; die Opposition wurde mundtot gemacht. Auch dazu erlebte ich eine für Lenin sehr bezeichnende Szene: Im Sommer 1921 wurde die „Profintern“ gegründet, die längst wieder liquidierte „Rote Gewerkschaftsinternationale“. Sie sollte überall die der Sowjetunion wohlgesinnten Gewerkschaftler erfassen, um ihre Organisationen zu Instrumenten der sowjetischen Politik zu machen, ein Prinzip, das die KAPD bald als eine der entscheidenden Aufgaben der Komintern erkannte und verurteilte. Zu dieser Profinern-Gründung waren auch Vertreter syndikalistischer Organisationen eingeladen, auf die die Russen vor allem in den Ländern Wert legten, in denen die Kommunistische Partei keine Fortschritte machte, wie in Spanien und den USA. In Moskau angekommen, hatten sie bald erfahren, daß ihre russischen Gesinnungsgenossen in den Gefängnissen saßen. Sie baten mich, eine Aussprache mit Lenin zu vermitteln. Das geschah, und Lenin hörte sich ihre Vorwürfe mit freundlichem Lächeln an. Dann sagte er in seinem Ton des Selbstverständlichen, als müsse eine so einfache Sache doch jedem einleuchten:

Jede Partei, die an die Macht kommt, hat noch immer Kompromisse machen müssen und sich dabei kompromittiert; die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre haben sich [bei der kurzlebigen Februarrevolution 1917] kompromittiert; jetzt die deutschen Sozialdemokraten. Unvermeidlich gilt das auch für uns. Nur die nicht an die Macht gekommenen vermeiden das, so hier die Anarchisten und die Syndikalisten – das macht sie so gefährlich, deshalb müssen wir ihre Tätigkeiten unterbinden.

Die Erfahrungen, die ich bei meinem halbjährigen Aufenthalt in Moskau als „sympathisierendes“ Mitglied des EKKI machte, bestätigten die Vermutung unserer Partei: Genau so zwangsläufig, wie Lenin die Unvermeidlichkeit des Kompromisses verteidigt hatte, wurde die der Weltrevolution dienende Komintern zum Instrument der russischen Staatsinteressen. Nachdem die Herren im Kreml erkannt hatten, daß die „permanente Revolution“ auch in den kapitalistischen Ländern ausgespielt hatte, arrangierte man sich mit den Regierungen dieser Staaten. Die kommunistischen Parlamentsfraktionen hatten die Aufgabe, als – wie man heute sagen würde – „Papier-Tiger“ zu wirken, als Propagandainstrumente für eine der Sowjetunion zugutekommende Politik. Wir lehnten auf dem III. Kominternkongreß 1921 die 21 Thesen ab, und die KAPD erklärte ihren Austritt aus der III. Internationale.

Heute auf diese nun ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Ereignisse zurückblickend, erweist sich unsere Entscheidung als durchaus berechtigt. Vor allem ist ja unsere Erkenntnis über den gesellschaftspolitischen Charakter der Leninschen Konzeption von der Staatsführung durch eine kommunistische Partei von der Geschichte bestätigt worden: die durch keine demokratische Kritik und Kontrolle gehinderte Konzentration der Macht auf das oberste Gremium des Staatsapparates bedingt dessen Abschirmung durch einen rücksichtslos vorgehenden militärpolizeilichen Unterdrückungsapparat, um an der Macht zu bleiben. Wir hatten schon zu Lenins Zeiten erkannt: wenn etwas in der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft „gesetzmäßig“ verläuft, so ist es diese Unterdrückung der Massen, der Gesinnungsäußerung, der Kritik durch ein diktatorisches Herrschaftssystem, in welcher Form es auch auftritt, mit welcher Phraseologie es sich schmückt – ob das Emblem Hammer und Sichel, ein Rutenbündel oder ein Hakenkreuz ist. Auch die andere Feststellung, die wir damals trafen und die unser Austreten aus der Komintern mitbestimmte, hat sich rückblickend bestätigt: Die Politik der Rußland-hörigen Kommunistischen Parteien wurde vom Kreml dirigiert, ausgerichtet auf die jeweiligen Staatsinteressen der Sowjetunion. Ein besonders deutliches, schon beinahe naives Beispiel dafür war das Verhalten des Volkskommissars für den russischen Außenhandel, Krassin, der 1921 in einem Interview in der Berliner „Roten Fahne“ die Arbeiter der deutschen Maschinenindustrie warnte – sie sollten nicht streiken, weil dann Maschinen, die die Sowjetunion dringend brauche, nicht geliefert werden könnten. Als wir das auf dem III. Kominternkongreß vorbrachten, haben die Bolschewistenführer nicht darauf reagiert, aber unter vier Augen bezeichnete Lenin dieses Interview als eine unvorsichtige Dummheit.
Diese Anpassung der Komintern an die Staatsinteressen der Sowjetunion ging ja auch bis zur letzten Konsequenz: Als die Sowjetunion im letzten Weltkrieg zum Verbündeten der Westmächte geworden war, wurde die Komintern aufgelöst. Ein weiteres Vierteljahrhundert später gab der Kreml ein besonders krasses Beispiel für seinen Anspruch darauf, daß sich kommunistische Staaten nach den jeweiligen Interessen der Sowjetregierung zu verhalten haben – sein Einbruch in die Tschechoslowakei.

(Osteuropa, 4/1970, S. 240-244).


1 Antwort auf „Bernhard Reichenbach – Begegnung mit Lenin (1970)“


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