Lothar Baier – Lohn der Angst – Stig Dagermans fulminantes Debüt aus dem Jahr 1945 (1986)

„Hier ruht ein schwedischer Schriftsteller, gestorben für nichts. Sein Verbrechen: Die Unschuld. Vergeßt ihn oft.“ Es wimmelt in den Texten Stig Dagermans von Sätzen, die sich von seinem Ende her wie Auszüge aus einem seit langem verhängten Urteil lesen.
Es sieht aus, als habe Dägerman schreibend die Knoten eines Netzes geknüpft, in dem schließlich auch sein Leben zappelte. „Du wirst glauben, die Angst sei so groß, daß du sie nicht ertragen kannst. Aber ertragen läßt sie sich immer. Doch ehe man weiterlebt, muß man sich selbst hinrichten“, heißt es im ersten Roman des gerade Zweiundzwanzigjährigen. Neun Jahre später verschloß Dägerman die Garagentür und ließ den Motor seines Wagens laufen. Selbstmord eines verzweifelten Schriftstellers, auf dessen düstere Ankündigungen niemand hatte hören wollen?
Im Gegenteil, der 1923 als Sohn eines Sprengmeisters und einer Telephonistin in der Provinz Uppsala geborene Stig Dägerman war von seinem ersten literarischen Auftreten im Jahr 1945 an mit Anerkennung überschüttet und als Wunderkind der schwedischen Literatur gefeiert worden, in schneller Folge wurden seine Romane, Erzählungen, Reportagen und Theaterstücke veröffentlicht, und zu dem frühen Ruhm war, wie im Märchen, die Liebe einer schönen Frau, der Filmschauspielerin Anita Björk (der Darstellerin des Fräulein Julie in Alf Sjöbergs Film) gekommen.
Der Erfolg vertrieb aber nicht Dagermans Obsession durch den Tod, sondern verstärkte sie noch durch die Angst, dem Druck der von außen und innen an ihn gerichteten Erwartungen nicht mehr gewachsen zu sein. In einer zwei Jahre vor seinem Tod (1954) veröffentlichten autobiographischen Bilanz mit dem Titel „Unser Bedürfnis nach Trost ist nicht zu stillen“ hat Dägerman die Selbstanalyse eines erfolgreichen Schriftstellers bis zur Erkenntnis der totalen Aporie vorangetrieben, in deren Angesicht es jeder naiven Bewunderung des Erfolgs die Sprache verschlagen muß: „Mein Talent versklavt mich soweit, daß ich aus Angst, es verloren zu haben, es nicht mehr zu gebrauchen wage. Dazu bin ich so sehr der Sklave meines Namens, daß ich aus Angst, ihm zu schaden, kaum eine Zeile mehr zu schreiben wage . . . Voll bitterer Freude wünsche ich mir, daß meine Häuser in Trümmer fallen, und ich selbst unter dem Schnee des Vergessens begraben werde.“
Diesen Gefallen hat man ihm dann nicht getan, in Schweden nicht und auch nicht in einem auf skandinavische Literaturen nicht allzu neugierigen Land wie Frankreich, wo inzwischen fast das gesamte Werk in Übersetzung vorliegt. In der Bundesrepublik hat man es für lange Zeit bei einer Kostprobe bewenden lassen: 1979 brachte der Frankfurter Historiker Günther Barudio Dagermans Reportage „Deutscher Herbst „46″ im Selbstverlag heraus, worauf der Limes Verlag Dagermans letzten abgeschlossenen Roman „Schwedische Hochzeitsnacht“ wiederauflegte, und schließlich Suhrkamp nachzog. In gewohnter leserverwirrender Verkehrung der Chronologie ist dort nach dem zweiten Roman „Das gebrannte Kind“ der Erstling des Zweiundzwanzigjährigen übersetzt worden: „Die Schlange“.
Auf den ersten Blick weist vieles auf den typischen Erstling hin: Da hat ein junger Mann den ersten Zusammenprall mit der gesellschaftlichen Gewalt, die er beim Militärdienst erlebte, festhalten wollen, hat metaphernstark die gespannte Langeweile in einer Kaserne beschrieben, über der die Hitze brütet, die jämmerlichen Zerstreuungen geschildert, in die sich die entmündigten Wehrpflichtigen flüchten. Die üblichen Witze, der übliche Streit um das Kantinenmädchen, angeheizt durch Alkohol. Doch der Ausdruck „beschreiben“ verfehlt die drängende Bewegung, mit der sich die Ereignisse Zugang zur Sprache verschaffen; denn der ordnende Überblick über die Dinge, den die Beschreibung voraussetzt, ist dem Schreibenden gerade abhanden gekommen, und es ist der Verlust der gliedernden Perspektive, der die Flut der Metaphern anzieht. Ganz rasch wird klar, daß in Dagermans Sprache eine Unruhe rumort, die nichts mit dem anfängerhaften Bemühen zu tun hat, die Banalität alltäglicher Erfahrungen durch Poetisierung zu überhöhen.
Wenn das Gewöhnliche den Trost enthält, daß man in seiner Gegenwart nicht allein ist, so entzieht Dägerman diesen Trost. Selbst ein Tellerstapel in der Soldatenkneipe lädt sich in seinen Sätzen mit einer Drohung auf, und die Schlange, die einer der Rekruten zum Scherz in seinem Tornister versteckt, verwandelt sich in das Symbol des lautlosen Schreckens, unter dessen Bann die auftretenden Personen geraten sind. Wie wenn sie alle aufgegeben hätten, halten sie still, wenn die Gewalt über sie hereinbricht, lassen sie, als Totschläger und Vergewaltiger, willenlos durch sich hindurchgehen und, als Opfer, über sich explodieren.
Warum ducken sich die Menschen so klein zusammen, daß selbst die sie umgebende, mäßig bewegte Landschaft der mittelschwedischen Provinz mönströse Dimensionen annimmt? Weil sie vor Angst gelähmt sind, heißt die.von der Psychologie dieses so wenig psychologischen Romans nahegelegte Antwort. Falsch, erwidert Dägerman in einem kommentierenden Abschnitt seines aus den Nähten einer einzigen Erzählform platzenden Romans: Das Schlimmste ist nicht die Angst, denn sie ist ohnehin da, sondern ihre Verleugnung, die zum Verzicht aufs Denken führt.
„Es ist die Tragik des Menschen von heute, daß er es nicht mehr wagt, Angst zu haben. Das ist unheilvoll, weil er infolgedessen allmählich auch aufhört zu denken. Was logisch ist, da jemand, der es, nicht wagt, Angst zu haben, auf Aktivitäten verzichten muß, die ihn beunruhigen, und der Rückzug kann ihn in einen Zustand der Angst führen. Ist nicht vielleicht das der Grund für die Beliebtheit des Antiintellektualismus, ist nicht das der Grund dafür, daß allerlei Blutund Schoßmystik dankbar angenommen wird von all jenen, die aus Feigheit alle Probleme auf die Welt der Gedärme und der Drüsen beschränken wollen.“ Geschrieben vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Land, das von den blutigen Katastrophen verschont blieb und sich mit dem Kasernenkoller seiher Rekruten begnügte – aus dem der hellsichtige Schriftsteller Dägerman aber eine Diagnose des Weltzustands herauslas, die andere erst Jahrzehnte später zu formulieren imstande waren.
Wenn man Dagefmans ein Jahr nach „Die Schlange“ geschriebene Reportage „Deutscher Herbst, ’46″ liest, fragt man sich verzweifelt, woher der damals dreiundzwanzigjährige Schwede den politischen Scharfsinn genommen hatte, der ihn das alliierte Unternehmen der Entnazifizierung als Schule der Duckmäuserei durchschauen ließ.
Die anarchistische Überzeugung, der Dägerman bis zu seinem Ende treu blieb, erklärt nicht alles. „Steht uns das Gedicht und das Leiden näher, das vom Widerschein des Feuers verursacht wird, oder aber das Gedicht und das Leiden, das aus dem Feuer selbst kommt?“ hat Dägerman in der Reportage von 1946 gefragt. Auf ihn selbst angewandt, müßte die Frage umgestellt werden: Wie kam es, daß viele heil und unbelehrt das Feuer selbst überstanden, während er als ferner Zuschauer sich an seinem Widerschein verbrannte? „Sein Verbrechen: Die Unschuld.“ Das Paradox hat sich, nach dem Feuer, scheint es, zur Weltformel hochentwickelt.
Dägerman lesen, kann also nicht heißen, wohlgefällig ein Stück vergessener Literatur wiederZuentdecken und dem allesfressenden Unternehmen Kultur zuzuschlagen. Denn das, was sich unter dem Namen Kultur auf andere gehobene Freizeitbeschäftigungen reimt, gehörte für Dägerman zu den komfortabelsten Techniken, sich die Helle der Angst vom Leib zu halten.
„Schau sie dir an, all die wohlgestutzten Hekken und schmucken Briefmarkensammlungen und denke daran, wieviel Angst dahintersteckt“, sagt einer von Dagermans anarchistischen Rekruten, nachdem er entdeckt hat, daß der Staat noch mehr zum Fürchten ist als die eigene Angst. Dägerman hat noch etwas anderes zu fürchten gelernt: die Kunst als tyrannische Verführung – damals, als Schreiben etwas mit Lebensgefahr zu tun hatte, und nicht allein das Drachenfliegen.

(Die Zeit, 03.10.1986 Nr. 41).


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