John Zerzan – Das Zeitalter des Nihilismus (2000)


Technische Vermittlung und Trennung schreiten in ihrem öden Aufstieg fort und geben dem Armut nach sich ziehenden Einbruch des Kapitals auf jeder Ebene des Lebens auf diesem Planeten konkrete Form. Es gibt nun aber Anzeichen, dass das schleichende Vordringen des Techno-Kapitals eine Ära unkontrollierten Zynismus‘ als sein Produkt hervorruft. Darüber hinaus gewinnen die neu auftretenden Gegner dieser Entwicklung schnell die Einsicht, dass eine Gegnerschaft unbedingt grundsätzlich sein muss, wenn sie Erfolg haben soll.
Dieses vor Augen könnten die folgenden Bemerkungen zum Nihilismus sehr wohl weniger beiläufig erscheinen als noch etwa vor ein, zwei Jahren. Im Zentrum dieses Essays soll nämlich vor allem der passive Nihilismus stehen, weniger die suchende, kritische Variante: der aktive Nihilismus, der eben als eine Kraft aufsteigt, mit der zu rechnen ist. Dennoch mag die Frage, wie und warum ein schwächender Ethos von Sinnlosigkeit und Indifferenz Überhand gewinnen konnte, von einigem Interesse sein.
In „Väter und Söhne“ beschreibt Turgenjew den Nihilisten als jemanden, der „auf alles kritisch schaut…. der kein Prinzip für gesichert hält, wie sehr es auch hochgehalten werden mag“. In derselben Epoche porträtierte Dostojewski modernen, passiven Nihilismus in „Notizen aus dem Untergrund“. Seine Protagonisten sind jedoch nur verstimmt und haben nicht die Leidenschaft und Überzeugung, die nötig ist, um Konventionen der Flamme der Kritik auszusetzen.
Während des folgenden Jahrhunderts verbreitet sich das Gefühl, dass nichts von Bedeutung ist, weitherum. Es bildet eine Strömung unter andern Strömungen, ganz klar, aber eine wachsende. Nichts zählt mehr als irgend etwas anderes. Nietzsche sagte, der Nihilismus stehe vor der Tür der modernen Zivilisation; und diese Türe öffnete sich weiter, da die starken Quellen von Sinn und Wert sich stets als inkonsequent und irrelevant und den strengen Anforderungen des modernen Lebens nichtentsprechend erwiesen.
Heidegger fand im Nihilismus „die Grundbewegung der abendländischen Geschichte“, und was der Bann des 19. Jahrhunderts war wurde in den 1990er Jahren eine Banalität. Nihilismus ist im heutigen postmodernen Klima nur noch ein faktischer Geisteszustand der heutigen Periode – so weitverbreitet ist heute die Haltung, dass wenig oder nichts notwendig oder gültig ist oder einen Unterschied ausmacht. Unterscheidung von Wert oder Sinn und der Wert oder Sinn von Unterscheidung überzeugen immer weniger. Es gibt da eine kulturelle Erschöpfung in der Bewegung, die von ihrem Niedergang zum Nihilismus führt. Gemäss John Gray stellt der Nihilismus „das einzige echte Erbe der Moderne an die Menschheit dar“.
Dieses (nihilistische) Erbe ist offensichtlich grösser geworden, nachdem die Bewegung der 1960er Jahre zusammengebrochen war, als der Glaube an den dauernden Fortschritt auf seinen Höhepunkt stand. Die utopischen Oasen trockneten aus und eine Wüste von Trägheit und Sinnlosigkeit breitete sich aus. In den 1980er Jahren wurde die Jugend von Lässigkeit befallen, die Generation X etc.: nichts zu suchen und nirgends, wohin zu gehen. Im Sommer 1990 nannte die New York Times die Jungen die Generation, „welche nicht sorgloser sein könnte“. Bei einer Jugend mit Aussicht auf ein Leben voll angespannten, leeren Konsumismus sollte es niemand überraschen, dass der Teenager-Suizid sich in den letzten dreissig Jahren verdreifacht hat. Oder dass das Netz-TV Sendungen anbietet, die Selbstmord-Programmen für die Angeekelten nd Gelangweilten nahekommen, erfahren die Menschen doch allgemein ihre Lebenswelt mehr und mehr als in jeder Hinsicht eine Leere. Ein melancholischer Eskapismus erblüht da in dieser Todeszone, in diesem Nirgendwo.
Kapitalistische Entwicklung ist eine feste Tatsache; dieser Krebs von einem System bräche jedoch ohne steten Angriff sofort zusammen. Nun setzt das System seinen Ansturm mit Ausblick auf eine hypermoderne Hgh-tech-Unrealität fort. Nietzsche sah den Nihilismus als Folge der Erosion der christlichen Weitsicht an. Das ist aber ein oberflächliches Urteil, das in vieler .Hinsicht-Ursache und Wirkung verwechselt.
Eine tiefere Ursache für den Nihilismus ist das Voranschreiten der Technologie in Richtung vollständiger Industrialisierung der Gesellschaft. Von der gegenwärtigen Höhe kultureller Homogenisierung und standardisierten Lebens aus gesehen ist es leichter als vor 100 Jahren für Nietzsche Überblick zu gewinnen. Die Aushöhlung der Substanz und Textur der Alltagsexistenz ist nun vollendet, ein Prozess, der engstens mit der Unmöglichkeit verbunden ist, die Welt ohne technische Vermittlung zu erfahren. Die Zerstörung von Erfahrung weitherum spricht dafür, dass sowohl der Technik als auch dem Nihilismus Verlust zu Grunde liegt.
Bei diesem Fehlen von unvermittelter persönlicher Erfahrung, welche den Kern des technischen Fortschritts ausmacht, kann ein wolkenkratzendes Niveau von Stress und Depression nicht überraschen. Technik vermittelt zwischen Individuum und Natur und beseitigt sie beide. Mit dem Triumph der Technik nimmt die Autonomie ab und beseitigt sich selbst. Die Versprechen erweisen sich als pure Lüge: beispielsweise das Versprechen von Anschluss, worüber sich unlängst (wenn auch ungewollt) eine TV-Werbung gnadenlos lustig machte: „Ich habe Gigabites und Megabites. Ich bin voice- und e-mailed. Ich surfe im Internet und bin am Web. Ich bin ein Cyber-Man. Doch wie kommt es, dass ich mich so ohne Kontakt fühle?“
Eine Einrichtung, deren Wesen Effizienz ist, ist schon grundsätzlich nihilistisch. Technische Regeln überlagern schnell ethische Normen, indem sie sie irrelevant machen. Ob etwas effizienter als etwas anderes ist, gibt den Ausschlag, nicht irgend eine moralische Betrachtung. Ebenso werden auch die System-Ziele des Techno-Kapitals von der Entwicklung seiner Technik geprägt. Produktion, die auf Meisterschaft und Kontrolle beruht, wird gut sichtbar der Prozess einer Menschheit, die sich selbst verzehrt.
Wenn Ohnmacht vorherrscht ist ein allgemeines Gefühl der Paranoia kein unlogisches Symptom mehr.
Eine geläufige und vielsagende Form von Zynismus besteht im technischen Fatalismus („Da können wir nichts machen“). Hierbei kommt gut zum Ausdruck, wie die zynische Tendenz Konformismus abdeckt. Wie Horkheimer und Adorno schon beobachteten „ist das technisch Vernünftige das hinsichtlich Herrschaft selbst Vernünftige“.
Verständnis und Verantwortung erliegen einer wachsenden Unterteilung, einer Arbeitsteilung, welche immer ungleich und entfremdend ist. Die einzige Ganzheit beruht im Grundsystem, das alles andere zu Teilen macht. Da die Moral selbst zurückweicht, wird es schwieriger, die Beziehung dieser Teile zueinander zu verstehen und zu sehen, wovon sie Teile sind. Herrschaft und nihilistische Krise des Sinns sind untrennbar verbunden.
Für Heidegger ist die Technik die letzte Phase des Nihilismus. Unter dem Zeichen der Technik wird alles Sprechen von Freiheit, Glück und Emanzipation ein Witz. In der Tat wird Technologie selbst die ideologische Basis der Gesellschaft, nachdem die Möglichkeit anderer, offener Formen von Rechtfertigung zerstört ist. Engagement oder Glaube sind für die effiziente Herrschaft der Technik kaum mehr nötig. So kann das nagende Problem abnehmender Beteiligung entschärft und hinausgeschoben werden.
Technik ist die Verkörperung des totalisierenden Systems des Kapitals und Medien sind die immer akzentuierter in Erscheinung tretende, unerlässliche Brücke zwischen der Technik und dem Warensystem. Wenn die High-tech-Explosion der Information jeden Sinn in einem sinnlosen Rauschen untergehen lässt, so pumpt der industrielle Komplex der Massenunterhaltung immer mehr verzweifelte Zerstreuung in eine Gesellschaft anhaltenden Konsumismus.
„Infotainment“ und McJournalismus sind die letzten Popkultur-Produkte des Nihilismus. Warum sich um Wahrheit kümmern, wenn bezüglich Wahrheit sowieso nichts zu machen ist?
Und doch versprechen Medien und Technik Lösungen für Probleme, welche sie erzeugt oder verschlimmert haben. Ein Beispiel unter andern ist der merkliche Anstieg von rauchenden Teenagern während der 90er Jahre trotz einer enormen Medien-Kampagne gegen das Rauchen. Eigenartig genug, an den Medien herumzunörgeln bekämpft nicht entfremdetes Verhalten.
In den USA und, als nichts weniger als eine Funktion der Entwicklung bald auch anderswo, werden wir Zeugen des Übergangs zu einer Vergnügungsgesellschaft mit Waren-Spektakel und Simulationen. Der Niedergang nichtvermittelter Realität füttert immer grössere Verlangen, dem Alltagsleben zu entkommen. Massenkultur begünstigt Zerstreuung, Konformität und kulturell verstärkte Dummheit, Das konsequente Fehlen von Authentizität erzeugt massenhaften Überdruss, der nicht ohne Beziehung zum Niedergang der Litteralität ist.
Den Zusammenbruch der Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Simulation in der Welt der Vorstellung kann man als den ultimaten Bankrott des Symbolischen bezeichnen. Kunst, Musik und andere Formen der symbolischen Kultur verlieren ihre Macht, uns zu besänftigen und zu trösten. Die Simulationstechniken sind nur die letzten Schritte weg vom gelebten zu einem vorgestellten Leben. Ihr Versagen in der Befriedigung bedeutet, dass das System zunehmend dazu übergehen muss, direkt zügelnd und kontrollierend zu wirken.
Um die desolate Gesellschaft zu schützen, wird ihr sicherheitshalber eine Alternative entgegengesetzt – mit Mitteln der Bild-Technik. Da die gesellschaftlichen Dimensionen menschlichen Lebens zusammen mit Sinn und Wert verschwinden, wird eine Gesellschaft im Cyberspace die nächste Stufe menschlicher Existenz, Wir bewegen uns eindeutig auf das Ziel vollständiger Illusion zu – ein virtuelles Leben in einer virtuellen Realität.
Unter der Herrschaft des Moloch wird vom Subjekt nicht mehr angenommen, es habe Sinn für gesellschaftliche Ursache, Struktur, Kohärenz oder ein Motiv. Die reine Oberflächenerfahrung der Virtuellen Realität wird exakt von der postmodernen Faszination für Oberflächen wiederspiegelt. Wie die Kultur, die nur noch schlecht eine genannt werden kann, zelebriert Postmodernismus seine eigene Untiefe und ist daher der wesentliche Komplize des Nihilismus. Es gelingt ihm, die Gesellschaft zu durchdringen, wenn zu viele die Hoffnung aufgegeben haben, die Tiefe und die Wurzeln des Ganzen ergründen zu können. Postmoderne Perspektiven gründen im Unvermögen, zu erklären, warum Wandel wünschbar sein könnte oder wie er eintreten könnte.
Postmodernismus ist grundsätzlich der Zusammenbruch und die Verweigerung der Möglichkeit, das Ganze zu verstehen. Das ist in der Tat der postmoderne Stolz, die Verstückelung des Lebens zu wiederspiegeln statt ihr entgegenzutreten. Seine „Politik“ ist diejenige des Pragmatismus, der müde Liberalismus, der zur entwürdigten Norm passt.
Dekonstruktion beispielsweise behandelt jedes moralische Urteil als ein endlos manipulierbares Fragment, das weder Sinn noch inneren Wert hat. Rem Koolhaus formuliert die postmoderne Unterwerfung wie folgt: „Nach Derrida können wir das Ganze nicht verstehen, nach Baudrillard können wir nicht real sein, gemäss Virilio können wir nicht dort sein“.
Postmodernismus, könnte man behaupten, drückt weniger Illusionen aus; die grundsätzlichen bleiben aber nichthinterfragt. Sein erschöpfter, ironischer Zynismus kriecht vor der nihilistischen Aszendenz zu Boden. Was könnte passiver sein als kritiklose postmoderne Doppelrede – eine Ideologie der zögernden Einwilligung.
Fälschlich auf den Schutz des Besondern gegenüber dem Universalen pochend stellt der Postmodernismus keine Verteidigung gegen die am meisten universalisierende Macht unter allen dar, die Technik. Unter dem Deckmantel der Verteidigung der Partikularität verkörpert er nichts weniger als die Verwirklichung der universalisierenden Midas-Berührung der Technik.
Postmodernismus betont Pluralität, Zugänglichkeit, Fehlen von Grenzen, grenzenlose Möglichkeit. Genau wie die Welt des Konsumismus. Und genau so trügerisch. Wo im Kulturellen sich eine Flut sinnloser Information und unzusammenhängender Stücke die Waage halten, stellt die Flut von Ersatzwaren eine vollkommene ökonomische Parallele dar. Die persönliche Freiheit, die uns bleibt, ist im Wesentlichen die Freiheit, und der KFC auf dem Tianmen Platz in Bejing drückt so sicher Herrschaft aus wie die Unterdrückung von Menschenrechts-Protestierenden dort im Jahre 1989.
„Systematische Konsumenten-Segmentierung und Mikro-Marketing“ – das ist das herrschende Modell des heutigen Individualismus im nihilisitschen Ethos von lustlosen aber rastlosen Käufern. In der Tat wird Konsum in einer überwältigenden, zur Ware gewordenen Existenz zur wichtigsten Form von Unterhaltung. Da nimmt es nicht Wunder, dass akademische Zeitschriften ernsthaft nicht nur die Mc Donaldisierung der Gesellschaft, sondern auch ihre Disneyisierung diskutieren, wobei das Leben weitgehend in Begriffen des Konsumstils definiert wird. Der kognitive und moralische Brennpunkt des Lebens wird derjenige des Konsumverhaltens – inklusive, das sei beigefügt, Wählen und Recycling.
Nihilismus hat erfolgreich die Substanz und Textur der Lebenswelt ausgebleicht im schmerzlichen Prozess, worin Kapital und Technik auf ihrem Weg alles reduziert und entwürdigt haben. Da gibt es keinen Ausweg mehr aus dem geschlossenen System ausser seine Beseitigung.
Zivilisation beginnt mit dem Mythos und endet in radikalem Zweifel, um E, M. Cioran zu paraphrasieren. Das mag uns daran erinnern, dass kultureller Radikalismus, der so konventionell geworden ist, eher das herrschende System mit Nahrung versorgt, als es unterminiert. Kultur, die aus der Entfremdung entstanden ist, braucht Entfremdung, um weiter zu bestehen. Wir müssen der Idee von symbolischer Kultur ebenso entgegentreten wie der Realität der High-tech-Barbarei.
Nihilismus ist keine Einbahnstrasse ohne Kehre, sondern eher eine Strasse, welche die Gesamtheit der Herrschaft als das enthüllt hat, was sie ist. Es gibt nun gut sichtbare Anzeichen für die Möglichkeit, ihren Griff zu brechen und ihre lange, dunkle Nacht zu erhellen.

(Exitus Nr. 2, Dez. 2000)

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1 Antwort auf „John Zerzan – Das Zeitalter des Nihilismus (2000)“


  1. 1 K. Trost 27. September 2011 um 10:02 Uhr

    Ihre Betrachtungen führen Turgenjew als auch Dostojewski und ihr Verhältnis zum Nihilismus an. Wenn es bei Turgenjew noch eine recht klare Positionierung gab, kann man sie bei Dostojewski nur als widersprüchlich beschreiben. Sollte Sie dies interessieren, können Sie sich auf meiner Homepage weitergehend informieren. Ebenso können Sie einige Literaturhinweise zum „Anrchisten überhaupt“ Bakunin finden, der kläglich gescheitert ist.

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