Guillaume Paoli – Willkommen in Bobocity (2007)

Wie „Bobos“ auf der Suche nach Ursprünglichkeit und Authenzität diese unweigerlich zerstören.

Manchmal ist die Sprache zu träge, um mit dem gesellschaftlichen Tempo mitzuhalten. So hat sich bisher keine geeignete Bezeichnung gefunden, um die urbane Plage zu charakterisieren, die sich in Berlins Ostzentrum seit anderthalb Jahrzehnten breitmacht. Mit dem oft verwendeten Anglizismus „Gentrifizierung“ wird Wohnungseigentümern rund um den Wasserturm und den Arkonaplatz allzu viel Ehre erteilt. Sie haben wohl mit Gentry, sprich Kleinadel, nichts gemein. Auch trifft „Yuppie“ nur bedingt zu. Nicht alle sind jung und freiberuflich tätig. Das populäre Schimpfwort „Schwaben“ ist schon ausdruckskräftiger, doch allzu geographisch begrenzt. Und weitere Modeschöpfungen helfen auch nicht weiter. Wie alle Blasen der Schröder-Ära ist die „neue Mitte“ schon lange geplatzt, während die mancherorts gepriesene „neue Bürgerlichkeit“ eine Wiederherstellung alter Zustände andeutet, die es nicht gibt und geben kann.

Leider hat sich hierzulande die von mir bevorzugte Bezeichnung „Bobo“ bzw. „Boboisierung“ noch nicht durchgesetzt. Zwar ist Bobo auch ein Fremdwort, doch immerhin die abgekürzte Zusammensetzung zweier im teutschen Sprachraum allgemein verständlicher Vokabeln, nämlich Bourgeois und Boheme. Allerdings paßt die französische Herkunft zu dem bezeichneten Gegenstand ganz gut. Wenngleich der Bobo vorzüglich in überteuerten Trattorias und Enotecas speist, haust er am liebsten in Wohnensembles mit „Pariser Flair“, was wiederum zeigt, daß er von den miesen Wohnverhältnissen in Paris keine Ahnung hat.

Eigentlich stammt der Bobobegriff aus der Marketingforschung. So wird eine Zielgruppe genannt, die stets zwischen teuren Modemarken und Subkultur, Zeichen der Exklusivität und der Szenenzugehörigkeit pendelt. Und genau darum geht es bei den hegemonialen Zentrumsbewohnern: um einen Lifestyle- und Konsumtypus. Ansonsten kennzeichnet der Begriff keine spezifische Beschäftigungsbranche und nicht einmal eine Einkommensklasse. Der Bobo ist gleichgültig Notar, Medienunternehmer, Immobilienmakler, Zuhälter oder Professor, gelegentlich auch ein einkommensloser Nichtstuer, der sich eine potente Partnerin ergattert hat oder umgekehrt. Meistens ist er Erbe. Und wohlwissend, daß die Wirtschaftskurve, die seine Mittelstandseltern nach oben trieb, nun abflaut, hat er das geerbte Vermögen wie einen Anker in dem ungewissen Fluß seines Werdegangs auf Wohneigentum gesetzt.

„Für ein Stadtviertel ist ein Boboschwarm so verheerend wie für exotische Länder ein Touristeneinfall“

Das mag sich nach Bürgerglück anhören, macht jedoch aus dem Bobo längst keinen Bourgeois im eigentlichen Sinne. Nicht das Geld arbeitet für ihn, sondern er für das Geld ­ und zwar nicht wenig. Zudem verlangt sein Job Glaubwürdigkeit und Trendkenntnisse. Darum versucht er die Lücke, die ihn vom effektiven Reichtum trennt, mit einem ästhetischen Alibi zu vertuschen. Der wahre Luxus ist ihm nicht zugänglich, dafür schwimmt er in der von der ganzen Republik beneideten Hauptstadtkultur. Freilich hat er selten die Gelegenheit, Clubnächte selber auszuleben. Aber für sein symbolisches Kapital reicht schon das Gefühl, irgendwie dazuzugehören. Seinen provinziellen Verwandten gegenüber schwärmt er von seinem „Kiez“. Das Kiezleben genießt er sehr, insbesondere seitdem der letzte Ureinwohner in ein fernes Altersheim relegiert wurde und eine Afterwork-Sushibar die letzte Eckkneipe ersetzt hat. Für ein Stadtviertel ist ein Boboschwarm so verheerend wie für exotische Länder ein Touristeneinfall. Beide begeben sich dorthin, wo sie Ursprünglichkeit und Authentizität spüren, jedoch zerstören sie diese unverzüglich mit ihrem bloßen Ankommen.

Die Straßenzüge der Boboviertel muten wie eine frisch gestrichene Filmkulisse an. Sie sind „repräsentativ“ und sorgen für das erforderliche „Image“, doch hinter den bunten Fassaden ist das Boboleben grau. Jeder ist dazu verdammt, in einem rekonstruierten Dekor die Versöhnung des Bourgeois und des Bohemiens zu schauspielern. So zum Beispiel auf dem Bobomarkt, wo man jeden Samstag Dorf spielt und vom Biohändler vertraute Tratschimitate gegen einen entsprechenden Preiszuschlag zuzüglich des Gemüses erhält. Bezeichnend für seinen Identitätsersatz ist der Trank, den der Bobo in Heiner-Müller-Outfit an Straßenterrassen vorzüglich schlürft: leicht braungefärbter, lauwarmer Schaum zu unverschämtem Preis.

Selbstverständlich ist der Bobo vorwiegend Grünen-Wähler und ein Befürworter jener offenen, multikulturellen Gesellschaft, von der er sich im realen Leben sorgfältig abschirmt. So schmückt er die kleinkarierte Ichbezogenheit, die er irrtümlich für Individualismus hält, mit einem Hauch sozialer Betroffenheit. Gelegentlich engagiert er sich gar persönlich für hochwürdige politische Ziele wie die Einführung von Zebrastreifen vor Kinderspielplätzen.

Überhaupt die Kinder: Statusträger und „Lebensprojekt“ zugleich, werden sie, zumindest nach Dienstschluß des Kindermädchens, wie gerettete Trophäen aus dem geschädigten Leben demonstrativ herumgeschleppt. „Ich las, daß irgendwelche Australneger, wenn sie den Elegant spielen, kokett zwischen zwei Fingern den Penis vor sich hertragen. Ähnlich kokettieren jetzt die Weiber mit ihren Schwangerschaften.“ Diese Bemerkung stammt nicht von einem Ethnologen, der sich auf den Kollwitzplatz verirrt hätte, sondern aus den Tagebüchern Viktor Klemperers anno 1942. Der Unterschied zu damals ist jetzt, daß der schwangere Bauch nicht „wie ein Parteiknopf“, sondern wie eine Golden Mastercard getragen wird. Bei der Kindererziehung treffen sich alternatives Gedankengut und elitäres Standesbewußtsein kongenial. Man will ja die Kleinen nicht mit Assis und konservativen Lehrern in gemeinen Schulen mischen. In leistungsstarken, antiautoritären Privatblasen werden ihnen die Tugenden der sozialen Homogenität und der Konfliktvermeidung gelehrt.

Grundsätzlich tut der Bobo alles, um sich vom Spießertum abzugrenzen. Dabei wirkt er so konventionell, lächerlich und platt wie der Spießer von einst. Im Unterschied zur verschollenen bourgeoisen Epoche stehen ihm aber keine Bohemiens gegenüber, die ihn lustvoll provozieren, sondern „Prekäre“, die ihn beneiden und hofieren. So darf er sich einbilden, daß im Grunde alle Bobos seien, bloß mit unterschiedlicher Kaufkraft.

„In Berlin leben Prekäre und Bobos in einem ähnlich symbiotischen Verhältnis wie in Frankfurt Koksdealer und Börsenmakler“

Auch das Wort „prekär“ entstammt französischer Provenienz, es bedeutet dort soviel wie „unsicher“, „ungewiß“ bzw. „ungeschützt“. In diesem Sinne konnte die französische Arbeitgeberpräsidentin Parisot scheinarglos fragen: „Prekär sind das Leben, die Gesundheit und die Liebe, wieso sollte die Arbeit davon ausgenommen werden?“ Leider besitzt das deutsche Adjektiv eigene Nebentöne, die das Signifikat ziemlich durcheinander bringen. Für „prekär“ weist mein Synonymwörterbuch auf Bedeutungen wie „anstößig“, „unglaublich“ oder „blöd“ ­ eine eher schlechte Voraussetzung für die Definition des neuen emanzipatorischen Subjekts.

Soziologisch gesehen sollten all diejenigen zum Prekariat gehören, die keine feste Stelle haben. Doch ähnlich wie beim alten Proletariat ist alles eine Frage des richtigen Bewußtseins. Unwahrscheinlich ist, daß der Gelegenheitsklempner aus Marzahn sich zum Teil des Prekariats erklärt. Und tatsächlich gehört er nicht dazu. Denn es reicht nicht, keinen unbefristeten Arbeitsvertrag zu haben, man muß auch noch die Umgebung mit seiner Kreativität belästigen. Prekäre (sie nennen sich auch gern „digitale Boheme“, „Generation Praktikum“, oder „urbane Penner“) sind mit Hochschulabschluß, innovativem Potential und marktkompatiblen Kompetenzen ausgestattet. Sie sind die tüchtigen Kopfwerker in Mode, Design, Unterhaltung, Kunst, postmaterieller Dienerschaft und Touristenattraktionen. Insofern prägen sie das Stadtbild und steigern das Bruttosozialprodukt. Sie scheinen gar stolz darauf zu sein. Nur hätten sie es gern einen Tick mehr Bourgeois und weniger Boheme. Laut bedauern sie, unterbewertet und unterbezahlt zu sein. Das Leben wäre ja so schön, wenn ihnen nur eine Subvention oder besser ein Existenzgeld gewährt würde.

In Berlin leben Prekäre und Bobos in einem ähnlich symbiotischen Verhältnis wie in Frankfurt Koksdealer und Börsenmakler. Alle lungern in den gleichen
Lounges herum. Doch wo sich da der Bobo betont entspannt gibt, klimpert der Prekäre wie der Berserker auf seinen Laptop- und Handytastaturen herum. Die ganze Welt muß ja erfahren, wie wichtig und dringend seine Projekte sind. Wer, wenn nicht der Bobo am Nebentisch, würde schon seine symbolischen Artefakte kaufen?

Als einmal Arbeitslose, die nichts dergleichen anzubieten haben, jeden Montag eigenfüßig auf die Straße gingen, rümpften Prekäre wie Bobos die Nase: Der Protest war derart unartikuliert und überaus unkreativ! Da lief die niveaulose Unterschicht, die sich gar unverschämt als „das Volk“ behauptete. Um die soziale Trennungslinie zu sichern, veranstalteten dann die Prekären eine eigene Bewegung, die nun ihre Interessen bunt und spaßig vertritt. Nur muß sie noch nach eigener Aussage „mit Inhalten gefüllt“ werden.

(Scheinschlag n°6 – 2007)


1 Antwort auf „Guillaume Paoli – Willkommen in Bobocity (2007)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 04. Dezember 2009 um 12:49 Uhr
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