Thomas B. Schumann – Das Leben: Gewalt – Ein Besuch bei Georg K. Glaser in Paris – Wörter und Silberschmied (1985)

Ein Porträt zum 75. Geburtstag eines zu Unrecht vergessenen Autors

Paris, rue Beautreillis – eine kleine Seitenstraße in Marais nahe der Bastille. Im Haus Nr. 9 ein unscheinbarer Laden mit einer Werkstatt für Silberund Kupfer-Schmiedearbeiten. Besitzer: Georges Glaser. Diskret und doch nicht zu übersehen auf einem Tisch am Eingang zwei Bücher: „Geheimnis und Gewalt“ und „Aus der Chronik der Rosengasse“. Autor: Georg K. Glaser. Der Silberschmied und der Wörterschmied – sie sind ein und dieselbe Person: ein deutscher Emigrant, der 1910 im rheinhessischen Guntersblum geboren wurde und seit 1934 in Frankreich lebt.

Alles andere als ein Intellektueller, vielmehr ein rustikal-kantig wirkender, massiger Mann mit Bart, Schiffermütze und Pfeife begrüßt mich wortkarg. Spärliche Auskünfte. Alles Wesentliche habe er in „Geheimnis und Gewalt“ gesagt. In der Tat: Dies Buch, eine der interessantesten Autobiographien des 20. Jahrhunderts, gibt anhand einer individuellen Lebensgeschichte Einblicke in die allgemeine Geschichte der ersten Jahrhunderthälfte. Es ist eine „Geschichte von unten“, erlebt und erzählt von einem anarchischen Rebellen, einem lebenslangen Einzelkämpfer, der sich gegen jede Form von Autorität und Machtausübung gewehrt hat. Gla- Georg K. Glaser ser entlarvt die überall – von der Familie bis zum Staat – herrschenden Mechanismen von Unterdrückung und Gewalt. „Geheimnis und Gewalt“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für individuelle Freiheit, gegen kollektive Bevormundung, darüber hinaus ein Parforceritt durch die Schrecken der Zeit von 1910 bis 1945.

„Er hat acht Kinder in die Welt gesetzt und alles getan, um sie wieder abflatschen zu sehen“: So beginnt das Buch und erzählt dann die brutal-sadistischen Erziehungsmethoden des Vaters, eines kleinbürgerlichen Spießers: „Es ist erstaunlich, daß er mich nicht erschlagen hat. Das Leder des Riemens hinterließ nur breite, blaue Striemen auf mir, die Schnalle jedoch riß blutige Wunden in meinen Rücken, an denen tagelang meine Leibwäsche klebte, worauf sie eiterten…“

Nur zu verständlich, daß Glaser immer wieder von zu Hause ausreißt und eines Tages für immer verschwindet. Noch ein Halbwüchsiger, treibt er sich auf Landstraßen und in Nachtasylen herum, lernt die Welt der Tippelbrüder und Obdachlosen, der Dirnen und Penner und das ganze Ausmaß sozialen Elends in den zwanziger Jahren kennen. Mehrfach wird er aufgegriffen und in Fürsorgeanstalten oder Gefängnisse gesteckt. Erst durch den Kontakt zu linksradikalen Jugendverbänden und den Eintritt in die „Partei“ (KPD) findet er Anschluß und Anerkennung. Anfang der dreißiger Jahre zeichnet sich gar so etwas wie eine kleine literarische Karriere ab: Glaser veröffentlicht Gerichtsreportagen und Erzählungen, etwa in der Linkskurve oder der Frankfurter Zeitung und einen Roman im Agis-Verlag.

Am 30. Januar 1933 wird dieses neue Leben zerstört. Da Glaser sich an Straßenschlachten beteiligt und – in einer Notwehrsituation – einen Nazi getötet hat, muß er sofort in den Untergrund gehen. Er rettet sich ins Saarland und, nach dessen „Anschluß“, ins Exil nach Paris. Er arbeitet in einer Eisenbahnfabrik und sucht an der Seite einer Frau seßhaft zu werden. Noch vor den stalinistischen Schauprozessen und dem Hitler-Stalin- Päkt bricht er, enttäuscht, mit der „Partei“, da er erkennt, daß die Kommunisten – genau wie die Nationalsozialisten – „in ihrem instrumentellen Gebrauch der Macht“ (Uwe Schweikert) ebenfalls von Gewalt bestimmt werden.

Gewalt aber bestimmt weiterhin sein Leben: Als französischer Soldat kämpft er gegen den Einmarsch der Deutschen in Frankreich. Nach der französischen Niederlage gerät er – unter falschem Namen – in deutsche Kriegsgefangenschaft und wird zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Als man seiner wahren Identität auf die Spur kommt, gelingt ihm, im letzten Moment, die Flucht aus dem Lager. Bei ehemaligen kommunistischen Genossen rindet er bis Kriegsende Unterschlupf: 13 Monate unter erbärmlichsten Umständen in einem Kellerloch.

Gewalt ist das beherrschende Prinzip, unter dem sein Leben bis zum Jahre 1945 steht: eine ununterbrochene Folge von Unterdrückung und Demütigung, von verzweifelter Auflehnung und Rebellion. Aber der Kampf war nicht umsonst: Georg K. Glaser hat überlebt, die Idee der Freiheit gesiegt. „Geheimnis und Gewalt“ ist ein einziger Aufschrei. Hier schreibt sich einer alle Wut, alles Leiden vom Leibe – direkt und impulsiv, in kraftvoller und expressiver Sprache.

Das Buch, das Glaser schlicht „ein Bericht“ nennt, kam erst über eine französische Übersetzung 1953 nach Deutschland. Obwohl seitdem mehrfach neu aufgelegt, blieb es – was man so als Geheimtip zu bezeichnen pflegt.

„Nichts macht mich so wütend wie die Wirkungsgeschichte dieses Buchs, die – ernstgenommen – keine ist“, schreibt Peter Härtung in der Neuauflage seines Bandes „Vergessene Bücher“ (1983): „Eines der seltenen Bücher, das unserer jüngeren Geschichte literarisch und menschlich gewachsen ist, ein überrumpelndes Exempel von Widerstand, Empörung una Erschöpfung.“

Warum wird ein solches „document human“ nicht wenigstens heute – wenn es denn vielleicht in den fünfziger Jahren zu früh kam – zur Kenntnis genommen?

Glaser hat beim Schreiben seine Mühe und Skrupel. Allerdings zeigt er sich Weh den eigenen schriftstellerischen Produkten gegenüber sehr kritisch: Seit Jahren hält er sein Drama „Marinus van der Lubbe“ über die Alleintäterschaft des Reichstagsbrandstifters (außer den in Alfred Anderschs Zeitschrift Texte und Zeichen 1956 gedruckten Auszügen) bewußt zurück.

Primär versteht sich Glaser nicht als Schriftsteller, wie er mir sagt, sondern als Kunsthandwerker, als „Dinandier“, womit er sich den Lebensunterhalt verdient. Die „Dinanderie“ ist eine alte, von Glaser wiederbelebte Technik aus der belgischen Stadt Dinant – eine Mischung aus drei Handwerken: Silberschmied, Gürtler, Kupferschmied. In dieser Technik, die er um einige Erfindungen bereichert hat, stellt er – nur mittels Hammer und Feuer – beispielsweise Kamine und Truhen, Leuchter und Schalen, Firmenzeichen und Wappen sowie besonders eindrucksvolle Reliefs una formschöne Lampen her.

1979 erschien eine Nauauflage von Glasers frühem Roman „Schluckebier“ (1932). Er schildert die von Hunger, Entbehrung und Arbeitslosigkeit geprägte Jugend eines Fürsorgezöglings, der am Ende einer von ihm mitangezettelten „Revolte im Erziehungshaus“ (P. M. Lampel) von der Polizei erschossen wird. Das Buch, Musterbeispiel jener proletarisch-revolutionären Literatur in der Endphase der Weimarer Republik, wurde von Siegfried Kracauer – wenn auch mit Einschränkungen – gelobt. Es hat die Zeit unbeschadet überstanden. In eindringlichen Metaphern – das Erziehungsheim als „Dampfkessel“, der jeden Moment explodieren kann, oder als „Zug“, dessen Bremsen bald nicht mehr funktionieren – hat Glaser eine „Parabel über Herrschaftsverhältnisse und Aggressionen“ (Fähnders/Karrenbrock) geschaffen.

Erstaunlich, daß einzig dieses kleine Werk in einigen literaturwissenschaftlichen Büchern („Die deutsche Literatur in der Weimarer Republik“ 1974; „Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart“ 1981) behandelt wird – Glasers chef d‘ceuvre „Geheimnis und Gewalt“ dagegen nicht.

Vielleicht ändert sich dies in absehbarer Zeit? Es gibt einen, Fernsehfilm über Glaser; im März 1985 legte der Dietz-Verlag ein neues Buch von Glaser – „Aus der Chronik der Rosengasse“ – vor. Leider enthält es nur verstreute ältere Texte von Glaser; die frühen sind zudem vielfach identisch mit Passagen aus dem „Schluckebier“. Aufschlußreicher lediglich das anschauliche Porträt seiner Pariser Wohngegend an der Ecke rue des Rosiers/rue des Ecouffes,

Neues von Glaser wird man erst im Herbst 1985 lesen können, wenn bei Ciaassen endlich – unter dem Titel „Jenseits der Grenzen“ – die Fortsetzung von „Geheimnis und Gewalt“, woran er seit langem arbeitet, erscheint. Das Buch handelt von der Zeit nach 1945: Selbsterlebtes (Rückkehr nach Paris; Verlust des Arbeitsplatzes, weil Deutscher, bei Renault; Gründung der Silberschmiede in Saint-Germain) und Kommentare zum Zeitgeschehen (frühe Europabewegung, französischer Existentialismus, deutsch-französische Aussöhnung, „Mai 68″, Friedensbewegung) wechseln einander ab. Ergänzt werden diese beiden Stränge durch Gedanken zu einer Art Philosophie der Arbeit, wozu ihn ja seine „zweigleisige Arbeit“ – manuell wie intellektuell – immer wieder anregt.

Thomas B. Schumann.

[Die Zeit, 31.5.1985]

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